Ist die Mutter kitareif?

Ist die Mutter kitareif?

Vor kurzem habe ich in der Nähe von Nürnberg eine Hebammenfortbildung mit meiner Kollegin und Freundin Mone geben. Das Aufwendigste daran war wahrscheinlich die Logistik bezüglich der Kinder. So habe ich beide Töchter zuerst zu meinen Eltern nach Niedersachsen gebracht und bin von dort aus mit dem Babysohn, meinem Mann und meiner Hebammenfreundin im Zug nach Bayern gefahren. Die in der ersten Klasse gebuchten Plätze brachten nicht wirklich eine Erleichterung für die Kleinkindbetreuung, denn das gebuchte Zugabteil war einfach mal gar nicht vorhanden. Weil der Waggon vergessen wurde.

Plätze haben wir dann zwar gefunden, aber natürlich kamen wir mit Verspätung in Nürnberg an und mussten dort eine Stunde auf den Anschlusszug warten. Die Rückfahrt am nächsten Tag sollte aber einfacher werden, denn am Abend würde der Kleine zumindest einen Teil der Fahrt verschlafen. So dachten wir. Er schlief natürlich keine halbe Stunde und so wanderten wir gefühlte 300 mal mit dem Söhnchen zum Klettern zur Gepäckablage und wieder zum Sitzplatz zurück. Die Mitreisenden lächelten nur die ersten drei Male. Ein Kleinkindabteil gab es auch in diesem ICE nicht. Und das in der ersten Klasse verfügbare Abteil war ein abgetrenntes Etwas.

Im Zug von Hannover zurück zum Startpunkt zeigte dann Deutschlands bisweilen vorhandene Kinderfeindlichkeit seine böse Fratze. Der Kleine war trotz seiner Übermüdung an sich noch recht gut drauf und brabbelte etwas vor sich hin, während wir ihn auf dem Schoß bei Laune hielten. Die Brabbelei störte eine Mitreisende scheinbar so sehr, dass sie ihr Smartphone in voller Lautstärke aufriss und so irgendeinen Film anschaute. Der Kleine war so irritiert, dass er tatsächlich keinen Laut mehr sagte. Von entspannter Bahnfahrt konnte also keine Rede sein…

Da im Frühjahr noch mal dieselbe Fortbildung in der Nähe von München ansteht, überlegten Christian und auch ich kurzfristig ernsthaft, ob wir uns das noch mal antun und ich nicht lieber alleine fahre. Aber sofort hatte ich einen dicken Kloß im Hals, der mir sagte, dass ich es noch nicht schaffe, meinen Kleinen über Nacht ohne mich zu lassen. Ich habe bei allen Kindern gearbeitet und Weiterbildungen gemacht, die uns zusätzliche Reisekosten, Hotelkosten und auch den Verbrauch von Urlaubstagen gekostet haben. Aber rückblickend war es für uns gut und richtig. Deshalb werden wir es mit dem Babysohn auch nicht anders machen. Wenn das Bauchgefühl noch nicht passt, ist es für mich einfach zu früh, länger ohne Kind zu reisen.

Was ist mit dem Gefühlsstatus der Eltern?

Die gleiche Idee habe ich auch zu dem Kitathema. Hier in Berlin geht ein großer Teil der Kinder mit einem Jahr in die Kita. Sämtliche Krabbelgruppen lösen sich dann immer auf, weil plötzlich fast alle Kinder in der Eingewöhnung sind. Manche Mütter freuen sich sehr darauf und gehen dem Ganzen positiv entgegen. Viele erzählen aber, dass sie eigentlich noch gar nicht so weit sind. Bei der ganzen Diskussion darüber, wann kleine Kinder kitareif sind, geht es nur selten darum, wie es der Mutter damit geht. Denn unabhängig von allen Studien, die Vor- und Nachteile der Fremdbetreuung auswerten, wird dem Gefühlsstatus der Eltern da wenig Beachtung geschenkt.

Die neue Ausgabe von GEO Wissen zum Thema Mütter widmet sich auch dem Betreuungsdilemma. Auch hier ist das Fazit, dass es nicht diese eine, universelle Lösung gibt. Aber es tut mir immer wieder ein bisschen weh, Mütter zu treffen, die mit der Fremdbetreuung so gegen ihr eigentliches Gefühl handeln oder auch keinen anderen Weg haben, wenn sich plötzlich heraus stellt, es passt doch noch nicht für ihr Kind.
Keine Mutter und auch kein Vater sollte sein Baby oder Kleinkid jeden Morgen mit Bauchweh in der Kita abgeben müssen. Und damit meine ich wirklich Bauchweh und nicht ein bisschen Trennungschmerzsehnsucht, die wohl alle Eltern haben – egal, ob das Kind mit ein oder drei Jahren in die Kita geht.

Ein schlechtes Bauchgefühl ist ein schlechtes Bauchgefühl und das sollten Eltern doch eigentlich immer ernst nehmen dürfen. Schließlich kennen sie ihr Kind am allerbesten und wissen, was es braucht. Nur kann leider gerade bezüglich der Kitafrage oft nur schwer nach dem eigentlichen Bauchgefühl gehandelt werden.
Die wenigsten Arbeitgeber werden wohl entspannt reagieren, wenn eine Mutter oder ein Vater nach dem Wiedereinstieg doch noch mal vorerst „abspringt“. Auch ein finanzieller Druck verhindert oft eine wirklich freie Entscheidung. Und kann man den mühsam ergatterten Kitaplatz einfach so wieder fallen lassen? Auch Teilzeitplätze in der Kita gibt es nur hypothetisch, denn gerade kleinere Einrichtungen könnten sich gar nicht finanzieren, wenn die dort betreuten Kindern keinen Kitagutschein für 7-9 Stunden hätten. Und ein Vollzeitkitaplatz kostet nun mal mehr als 3-5 Stunden Betreuung. Geld, was wieder erwirtschaftet werden muss in einer Zeit, in der das Kind anderweitig betreut werden muss. Von Wahlfreiheit kann da keine Rede sein. Dass auch 100 Euro Betreuungsgeld diese Situation nicht entschärfen, dürfte jedem klar sein. Zumal Kinder, die zwar unter drei Jahren alt sind, aber vor dem 01.08.2012 geboren, ohnehin nicht einen einzigen Cent bekommen.

Kinder, Küche und Karriere unter einen Hut bekommen

Bei der Frage, ob die frühe Fremdbetreuung gut für die Kinder ist, wird meist nur selten gefragt, ob sie gut für die Eltern ist. Es geht mir hier nicht um die These, dass es eventuell für die Bindungssicherheit nicht zuträglich ist oder andere Nachteile für die Kinder hat. Dazu gibt es diverse Untersuchungen und Meinungen, die am Ende doch darauf hinaus laufen, dass neben der Dauer vor allem die Qualität der Betreuung entscheidend ist. Und damit ist kein ausgefeiltes Frühförderprogarmm gemeint, sondern empathische und zugewandte Erzieher oder Tageseltern, die ausreichend Zeit für jedes einzelne Kind haben, gerade wenn diese noch sehr klein sind. Die Realität sieht oft anders aus. Mir geht es hier einfach „nur“ um das mütterliche oder auch väterliche Gefühl, das vielleicht sagt: „Ich bin noch nicht so weit“ bzw. „Ich möchte einfach noch etwas länger primär Zeit mit meinem Kind verbringen“.

Sollte dieses Gefühl einfach so übergangen werden? Es ist mit Sicherheit nicht nur das Alter, die tägliche Fremdbetreuungsdosis und die Erzieheranzahl, die über das Gelingen der Betreuung außer Haus entscheiden. Wenn Eltern ihre Kinder jeden Morgen mit Bauchweh abgeben, wird das wahrscheinlich auch die Kinder verunsichern. Wann Eltern und Kinder dafür bereit sind, es ist individuell – nur die Entscheidungsoptionen dazu sind es nicht.

Es ist auch für uns bei jedem Kind wieder ein Balanceakt, Bedingungen zu schaffen, die es erlauben, eine individuelle Entscheidung zu treffen. Kinder, Küche und Karriere unter einen Hut zu bekommen, es ist eben wahrlich nicht einfach. Es heißt auch oft zu verzichten – auf berufliche Chancen, auf Geld, auf Freizeit (wenn gearbeitet wird, während die Kinder schlafen). Aber dafür müssen wir nicht auf die Zeit mit den Kindern verzichten, denn gerade mit schon älteren Kindern wird einem klar, wie schnell diese groß werden. Wenn die Große nach der Schule verabredet ist, sind es noch ganze zwei Stunden, die wir an diesem Tag miteinander verbringen. Wenn erst mal alle drei Kinder so groß sind, werden wir wahrscheinlich wieder mehr Zeit zum Arbeiten haben, als uns lieb ist. Deshalb lieber das Hier und Jetzt genießen. Natürlich darf der Babysohn auch irgendwann in die Kita gehen. Er protestiert ja auch schon fleißig, wenn wir ihn beim Bringen der Fünfjährigen dann wieder mitnehmen. Aber ein bisschen später und in kleiner Dosis und dann, wenn wir Eltern auch kitareif sind.