Politischer Schlag ins Hebammengesicht

Politischer Schlag ins Hebammengesicht

Der neueste politische Schlag ins Hebammengesicht ist seit gestern im Tagesspiegel nachzulesen.
Dort wird nämlich erklärt, weshalb das Gesundheitsministerium rund um Minister Gröhe nicht wirklich zeitnah handeln kann und wird, um die Probleme mit der Haftpflichtversicherung zu lösen. Argumentiert wird mit fehlenden Zahlen zu eigentlich sämtlichen aktuellen Belangen der Hebammen.

Weshalb wurden gleich noch mal mit der von der Bunderegierung 2011 in Auftrag gegebenen IGES-Studie die Einkommensverhältnisse der Hebamme ermittelt? Wahrscheinlich nicht um mit den daraus gewonnenen Ergebnissen endlich zu handeln, sondern um Zeit zu gewinnen.

Viele Beobacher der momentanen Situation haben das ganze Vorspiel ja vielleicht auch nicht mitbekommen. Bis 2007 war es nämlich so, dass die Vergütungssätze der Hebammen vom Gesundheitsministerium festgelegt wurden – mit genau drei kläglichen Gebührenerhöhungen in 20 Jahren. Seit 2007 verhandeln die Hebammen über ihre Berufsverbände nun selbst mit den Krankenkassen, wobei ihnen durch Dinge wie das Beitragsstabilitätsgesetz in der Forderungshöhe die Hände gebunden sind. Es wurde ebenso versäumt, vor Beginn dieser Selbstverwaltung die Hebammengebührensätze auf ein Niveau anzuheben, von dem aus adäquate Gebührenverhandlungen erst einmal möglich wären.

„Mit Sorge beobachten…“

Aber da das Ganze nun seit 2007 nicht mehr in den Händen der Politik liegt, kann sie sich zurücklehnen und das Trauerspiel beobachten, ohne wirklich eingreifen zu müssen. Natürlich macht es sich politisch und auch wahlkampfstrategisch ganz gut, den Hebammen ihr Bedauern für die Situation auszusprechen. Ein „Beobachten mit Sorge…“ ist eine beliebte von Volksvertretern benutze Metapher für „Abwarten und Tee trinken…“. Und auch jetzt, wo eine wütende Elternlobby hinter den Hebammen steht, wurde bisher nur die Bedauerungsfrequnez etwas erhöht, aber faktisch noch nichts getan, was ansatzweise Entlastung in die angespannte Situation bringt.

Die ersten Kolleginnen bekommen bereits Anrufe von Direktmarketingfirmen á la Tupperware, die das Dilemma nutzen wollen, um neue Plastikschüsselverkäufer zu gewinnen. Was für eine Perspektive, wenn man sich einst den Hebammenberuf ausgewählt hat. Auch politisch scheint es schon Überlegungen zur Anschlussverwertung der Hebammen zu geben. Ähnlich wie bei den „Schleckerfrauen“ kommt natürlich auch die Idee auf, dass man die fehlenden Erzieherstellen auch mit ehemaligen Hebammen auffüllen könnte. In Baden-Württemberg gibt es bereits einen Quereeinstiegsweg zum Erzieherberuf, in dem Hebammen und andere Berufsgruppen wie Logopäden nach einem 25-tägigen Lehrgang dann in der Kita arbeiten können.

Persönlich empfinde ich das als Schlag ins Gesicht für jeden Erzieher, der vier Jahre dafür aufgewendet hat, diesen Beruf zu erlernen. Was bitteschön außer der Schnittmenge Kinder haben Hebammen und Erzieher gemeinsam, dass so etwas rechtfertigt? Im Übrigen gehört auch der Erzieherberuf mit zu den extrem wichtigen, aber ebenso schlecht bezahlten Berufen in Deutschland. Die Hebammen wären damit immerhin schon das niedrige Vergütungsniveau gewöhnt…

Es gibt kein adäquates Versicherungsangebot

Mit jeder Nachricht zum Hebammenthema wird meine Mischung aus Angst und Wut größer. Als Hebamme, aber auch als Mutter und irgendwann als Großmutter. Ich versuche wirklich, meinen Optimismus zu bewahren, aber nach meiner Beobachtung und dem Versuch der Mitgestaltung in dieser ganzen großen Misere in den letzten Jahre sehe ich meinen Beruf gerade wirklich kurz vor dem Abgrund. Alle sagen zwar immer „Das kann doch nicht sein“ und „Soweit darf und wird es nicht kommen“, aber Fakt ist auch, dass die Lage vielen Menschen noch immer unklar ist.

Weiter kusieren reichlich Artikel, die prophezeien, dass zumindest die Hebammenbetreuung ohne Geburtshilfe sicher sei. Nochmals: Nein, das ist nicht so. Mir ist zumindest kein Versicherungsangebot bekannt, dass bei ausreichender Schadensdeckungssumme und inklusive Kündigungsschutz im Schadensfall die Hebammen entsprechend versichert. Der ganz wichtige Punkt Nachhafttungszeit ist bei vielen Angeboten nicht inkludiert. Ich muss aber auch noch viele Jahre später für etwaige Schäden abgesichert sein, auch wenn ich bereits in Rente und schon längst nicht mehr dort versichert bin.

Hebammen sind immer haftbar

Auch die Geburtshilfe im Notfall muss weiterhin mit abgesichert sein, so wie sie das über die momentane Gruppenhaftpflichtversicherung auch ist. Sonst können wir irgendwann nur noch schreiend weglaufen, wenn sich die Schwangere meldet, weil sie unsicher ist, ob es sich um einen fraglichen Geburtsbeginn handelt. Ich müsste dann immer in der Angst leben, dass das Kind unerwartet in meinem Beisein zu Hause kommt, was zwar selten, aber gelegentlich vorkommt. Schon jetzt dürfen nicht geburtshilflich versicherte Hebammen übrigens nicht mal mehr die beste Freundin einfach als Freundin zur Geburt (auch nicht zur Klinikgeburt) begleiten, denn eine Hebamme ist immer haftbar, wenn sie als Hebamme auch nur irgendwo in der Nähe von Geburten auftaucht. Es ist wirklich absurd…

Aber auch unabhängig von Notfällen und Freundinnengeburten ist es generell absurd, Hebammen in ihrer Berufsausübung so zu beschneiden, dass sie das Kerngeschäft ihres Berufes, die Geburtshilfe, nicht mehr ausüben können, weil es nicht mehr versicherbar ist. Auch Kolleginnen, die momentan nicht geburtshilflich arbeiten, müssen doch jederzeit die Option haben, entsprechend versichert dieses wieder tun zu können.

Papierberg vor den Wehen

Wenn werdende Eltern das alles nun immer wieder lesen, fragen sie sich vermutlich, ob eine Geburt wirklich so lebensgefährlich ist, dass diese nicht mehr versicherbar ist. Das ist nicht so. Es gibt keine steigende Anzahl der Schadensfälle, sondern die damit verbundenen, sehr stark angestiegenen Kosten sind verantwortlich, die sich aus Behandlungskosten, Schmerzensgeld sowie einem anzunehmenden Verdienstausfall des geschädigten Kindes und eines betreuenden Elternteiles zusammensetzen. Natürlich sind die Sozialversicherer daran interessiert, einen Schuldigen für die Verursachung dieser Kosten zu finden. Und schuldig kann manchmal auch einfach heißen, das unzureichend dokumentiert wurde, weil immer eine Beweislastumkehr gilt. Genau das ist auch der Grund, weshalb wir für die letzte außerklinische Geburt unseres Sohnes einen mittlerweile sechsseitigen Aufklärungsbogen unterschreiben mussten, in dem nun mal jede noch so kleine potentielle Gefahr aufgeführt wurde. Auch in Kliniken müssen die Mütter vor oder mit Geburtsbeginn erst mal diesen bisweilen Angst machenden Papierberg bewältigen, bevor sie in Ruhe ihre Wehen weiter veratmen dürfen. Nein, all das fördert sicher nicht das Vertrauen in die Geburt – weder von Seiten der Eltern noch von Seiten der Geburtshelfer.

Aber die Politik will nun also genaue Zahlen, bevor sie handelt. Ja, die wird es bestimmt auch geben, aber diese werden dann in einigen Jahren wahrscheinlich einen neuen Anstieg der Kaiserschnittrate, der Alleingeburten ohne jegliche Hilfe, der Müttersterblichkeit oder der Fälle von Kindesvernachlässigung skizzieren. Und erst dann wird sich vielleicht das politische Deutschland besinnen und erkennen, dass wir hierzulande einst eine eigentlich sehr gute Versorgung von Müttern und Kindern hatten, die leider systematisch zerstört wurde…

Um das zu verhindern, bitte unbedingt weiter informieren:

www.hebammenfuerdeutschland.de

www.hebammenunterstuetzung.de

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Kein Weg zu weit

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und unterzeichen:

Lieber Herr Gröhe, retten Sie unsere Hebammen

Petition 50667 – Gesundheitsfachberufe – Sicherstellung der flächendeckenden, wohnortnahen Versorgung mit Hebammenhilfe