Der Kraftakt Geburt

Der Kraftakt Geburt

Da ich wohl doch zu intensiv mit der Hebammenmisere beschäftigt war, habe ich die Aufregung um das Buchprojekt „Selbstgeboren“ erst am Rande mitbekommen, nachdem ich selbst hier die Artikel von Berlinmittemom und Susanne vom Blog „Geborgen wachsen“geteilt habe, die sich darauf beziehen. Ich hatte sie aber vor allem geteilt, weil ich viele Sätze darin so unterstreichen kann.

Allerdings unterstelle ich der Kollegin und Initiatorin des Buchprojektes keinerlei böse Absicht, als sie sich medial auf die Suche begab nach Müttern, die eine komplett interventionefreie Geburt erlebt haben. Dass das Ganze mit dem Begriff „selbstgeboren“ verknüpft war, ist sicherlich ein bisschen unglücklich gelaufen. Denn natürlich möchte sich keine Mutter ihr Privileg der Geburt absprechen lassen, egal wie und wo diese auch immer statt gefunden hat.

Aber ich kann mir auch ansatzweise vorstellen, was in Müttern vorgeht, die vielleicht sehr interventionsreich geboren haben und das, ohne es gewollt zu haben. Frauen, die sich wirklich gut informiert und aufgeklärt aber dennoch aus freien Stücken zu einem Kaiserschnitt (der sicherlich interventionsreichsten Geburtsart) ohne medizinische Notwendigkeit entscheiden, sind in der Regel zufrieden mit ihrer Entscheidung. Aber ich behaupte mal, dass doch keine Frau plant, eine Geburt mit vielen medizinisch mehr oder weniger erforderlichen Eingriffen zu erleben.

Der Wunsch nach einer eventuellen Schmerzlinderung wird sicher häufiger im Vorfeld geäußert, aber keine Frau wünscht sich einen Wehentropf, viele Blutentnahmen unter der Geburt, häufige Untersuchungen, einen Dammschnnitt oder gar eine operative Beendigung der Geburt. Das sind immer Dinge, die sich gänzlich ungewollt ergeben, aber mal mehr oder weniger notwendig sind, was aber leider in der Regel nicht in der Entscheidungshoheit der Frau liegt. Und darum bleibt nach Geburten mit vielen Interventionen, wodurch auch immer diese verursacht wurden, oft ein Gefühl der Unzulänglichkeit zurück. Das Gefühl, an irgendeinem Punkt etwas falsch oder nicht gut genug gemacht zu haben, weshalb das ganze Drama überhaupt seinen Lauf nahm. Denn wir Mütter sind scheinbar bereits vor der Geburt bestens mit der Gabe ausgestattet, Schuld in sämtlichen Bereichen bei uns selbst zu suchen.

„Schlimmer geht immer“

Ich habe das selbst erlebt bei der Geburt unseres ersten Kindes. Natürlich war diese als interventionsfreie Hausgeburt geplant, so wie das ja gefühlt fast alle Kolleginnen in meinem Umfeld gemacht haben.Man sieht halt oft nur das, was man sehen will in dieser Situation. Und dann folgte statt selbstbestimmter Hausgeburt nach vielen Stunden Wehen zu Hause die Verlegung in die Klinik, weil sich herausstellte, dass unsere Tochter sich wieder (zum zweiten Mal in den letzten Schwangerschaftswochen) in ihre Beckenendlage zurückgesetzt hatte. Nach über 28 Stunden Geburt stellte sich im Krankenhaus irgendwann die Frage: weitermachen oder Kaiserschnitt?

Erschöpfung, Müdigkeit und ein wahrscheinlich viel zur hoher Erwartungsdruck an mich selbst, sorgten dafür, dass ich mich nach der Geburt doch irgendwie als “Versagerin” fühlte. Auch wenn ich meine Tochter dennoch spontan und ambulant geboren habe, hatte ich durch unter der Geburt erfolgte Eingriffe wie Medikamentengabe, Wehentropf, einen verletzenden Dammschnitt und nicht zuletzt die verstärkte Nachblutung mit allen dazugehörigen Maßnahmen immer das Gefühl: „So habe ich das alles nicht gewollt.“

Und auch wenn ich beglückwünscht wurde, dass ich doch wenigstens dem noch weniger gewollten Kaiserschnitt entgangen sei, machte das die Sache nicht unbedingt besser. Denn das Prinzip „Schlimmer geht immer“ funktioniert nicht. Und so ist es egal, mit welchem Eingriff oder welcher Situation auch immer Frauen nach der Geburt hadern – in dem Moment wurde es so erlebt und gefühlt und es war schlimm für sie. Punkt. Da muss es keine Wertung geben, wie traurig jemand darüber sein darf oder wie viel Unterstützung für die Verarbeitung in Anspruch genommen werden darf. Und genauso gibt es keine Wertung auf der „offenen Geburtenskala“ nach oben. Auch die scheinbar nach außen hin perfekte, komplett interventionsfreie Hausgeburt bei Kerzenschein und 1:1-Betreuung kann eine Frau traumatisieren, weil es vielleicht zu schnell geht und keine Zeit bleibt, sich auf die Geburtsarbeit einzustellen.

Was wir von außen sehen und was wir fühlen, es sind immer zwei unterschiedliche Dinge. Aber dennoch ist die Wahrscheinlichkeit einer für die Mutter als selbstbestimmt oder freudig erlebten Geburt wesentlich höher, wenn sie möglichst wenig Eingriffe unter der Geburt erfahren muss.

„Was hätte ich besser machen können?“

Natürlich war ich persönlich nach dem insgesamt 36-stündigen Geburtsmarathon froh, meine Tochter spontan geboren zu haben und ambulant nach Hause gehen zu dürfen. Aber die Frage blieb: „Was hätte ich besser machen können?“ Und sie blieb sehr lange, so dass ich es erst in der zweiten Schwangerschaft geschafft habe, mich damit richtig auseinanderzusetzen. Die Psychologin Tanja Sahib, die viele Frauen nach für sie als traumatisch erlebten Geburten begleitet hat, hat mir dabei sehr geholfen. Mittlerweile hat sie auch ein tolles Buch zu diesem Thema verfasst.

Ich habe nach der ersten Geburt noch zwei Kinder geboren: die zweite Tochter unkompliziert in der Geburtshausbadewanne und den Sohn auf dem heimischen Wohnzimmerteppich. Ja, das waren interventionsfreie, kraftvolle Geburten, wie ich sie mir erhofft hatte. Der Kraftaufwand für die interventionsreichere erste Geburt war jedoch mental aber auch körperlich wesentlich höher. Und genau das ist wohl das Hauptanliegen der Mütter, die sich vom Begriff „Selbstgeboren“ getroffen fühlen, weil sie trotz aller Anstrengung scheinbar nicht dazu gehören. Aber auch diese Mütter haben an jedem Punkt ihrer Geburt immer „alles getan, was sie konnten“ und dürfen erhobenen Hauptes aus diesen Geburten hervor gehen. Zwar vielleicht traurig oder auch wütend, dass alles anders gekommen ist. Aber immer stolz auf das, was sie geleistet haben. Die Mütter haben alles gegeben mit dem Wissen, den Erfahrungen und den Möglichkeiten, die ihnen zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung standen.

Nur noch acht Prozent interventionsfreie Geburten…

Und gerade als Hebammen wissen wir, dass genau diese Bedingungen oft alles andere als ideal sind. Und deshalb bin sehr sicher, dass das Hauptanliegen der Initiatorin von „Selbstgeboren“ ein ganz anderes ist. Sie möchte, dass alle Mütter Bedingungen haben, mit denen sie eine wirklich selbstbestimmte, ja sogar „einfache“ Geburt erleben können. Denn die Umstände der Geburt sind sicher ein großer Einflussfaktor auf den Geburtsverlauf.

Die meisten Bloggerinnen, die sich dazu geäußert haben, haben selbst eine interventiosreiche Geburt erlebt, ob es nun die Einleitung, der nicht geplante Kaiserschnitt oder einfach auch das Alleinsein unter der Geburt war. All das haben diese Frauen nicht gewollt. Und all das wollen wohl auch die allermeisten Geburtshelfer nicht für die Frauen. Und trotzdem stieg alleine in den 15 Jahren, in denen ich die Geburtshilfe beruflich verfolge, die Interventionsrate beständig an. Mittlerweile laufen nur noch circa acht Prozent aller Geburten ohne jegliche Eingriffe ab. Damit ist klar, dass sich 92 Prozent der Mütter von dem Buchprojekt-Aufruf nicht angesprochen, aber durchaus betroffen fühlten.

Aber warum ist das so? Halten die Mütter heutzutage nichts mehr aus und brauchen alle mit der ersten Wehe die PDA, die weitere Interventionen nach sich zieht? Sind die Kinder auch nicht mehr ausreichend für eine Geburt gerüstet und schweben somit in ständiger Gefahr, die ein Eingreifen erfordert? Unsere Mütter haben uns doch auch alle größtenteils einfach so bekommen? Ohne Schmerzmittel, ohne Ultraschall und Dauer-CTG…

Vermeintliche Sicherheit durch mehr Technik funktioniert nicht

Aber da liegt sicherlich der erste Knackpunkt. Die zunehmende Pathologisierung der Schwangerschaft widerspricht dem Prinzip „Gute Hoffnung“. Natürlich zweifle ich nicht an dem Sinn einer guten Schwangerenvorsorge, aber die Auswirkungen der momentanen Übervorsorge sind deutlich spürbar. Viele Dinge wie die CTG-Kontrollen in der Schwangerschaft ohne jegliche Indikation haben keinerlei sinnvolle Grundlage, die dieses mittlerweile als Routinemaßnahmen etablierte Vorgehen rechtfertigt. Es führt nicht dazu, dass es Müttern und Kindern besser geht. Aber genau das wird uns Schwangeren gerne suggeriert.

Ist die Aufklärung vor der Anwendung der Pränataldiagnostik wirklich so umfassend, dass alle Eltern ganz genau wissen, worauf sie sich einlassen? Meine Erfahrung ist oft eine andere. Genau das gleiche Dilemma, was die Geburtshilfe in den letzten Jahren zunehmend interventionsreicher machte, findet bereits in der Schwangerenvorsorge statt. Es ist immer die Sorge da, irgendetwas zu übersehen und damit quasi mit einem Bein im Knast zu stehen, wenn dann geklagt wird. Viel hilft nicht viel – aber zumindest sorgt es für viel Dokumentationsstoff, dass an diesem und jenem Zeitpunkt zumindest alles in Ordnung war.

Diese Angst geht auch an den Schwangeren nicht spurlos vorbei. Viele Mütter hangeln sich von Ultraschalltermin zu Ultraschalltermin, weil sie nur da mal kurzfristig die vermeintliche Sicherheit haben, alles sei in Ordnung mit dem Kind, wenn es den Vermessungen nach nicht gerade wahlweise zu groß oder klein ist. Manche Mütter schaffen sich sogar Fetaldopplergeräte an, um selbst die Herztöne des Kindes täglich zu überprüfen. Aber die vermeintliche Sicherheit durch Technik funktioniert nicht, denn wir können die Schwangerschaft nicht rund um die Uhr überwachen. Wir müssen bisweilen auch „einfach“ hoffen und darauf vertrauen, dass alles gut ist.

Enge Leitlinien statt kontinuierlicher Betreuung

Ab dem Moment, wo ein Kind entsteht, wächst, geboren und dann größer wird, gibt es Risiken, die es bedrohen. In den meisten Fällen passiert aber nichts und wir dürfen unsere Kinder ohne allzu große Sorge beim Aufwachsen begleiten, bis wir eines Tages alt und grau sind. Und ja, es gibt Schicksalsschläge, die einfach nur schrecklich und ungerecht und nicht begreifbar sind. Aber in der Regel sind auch diese nicht mit einem übergroßen Maß an Überwachungsmethoden zu verhindern.

Wenn nun also die ohnehin zunehmend mehr verängstigten Schwangeren in die Geburt gehen, treffen sie dort häufig noch auf eine andere Angst. Nämlich die Angst der Hebammen und Ärzte, dass hier und jetzt irgendetwas schief gehen kann, was man hätte verhindern können und was später existenzbedrohend verklagt wird. Viele Geburtskomplikationen kann man verhindern oder bewältigen, wenn man aufmerksam und präsent eine Geburt begleitet. Aber es ist doch mittlerweile die Ausnahme, wenn ich als Hebamme im Schichtbetrieb die Option habe, eine Frau durchgehend bei ihrer Geburt zu betreuen. Es sind meist mehrere Gebärende auf einmal von einer Hebamme zu betreuen. Die Schwangeren auf der Station oder in der Ambulanz müssen mit versorgt werden, ganz zu schweigen von den stetig ansteigenden Dokumentationsauflagen und den diversen Nebenarbeiten im Kreißsaal, die parallel zur Geburtshilfe erledigt werden müssen.

Da ist wenig Zeit für individuelle Betreuung und so einigt man sich krankenhausintern auf Leitlinien, die ein Handeln vorgeben. Wenn sich also der Muttermund nach x Stunden nicht entsprechend weiter geöffnet hat oder das Kind eine bestimmte Stelle im Becken passiert hat, wird eben standardmäßig eine Intervention angeordnet, die nicht selten eine Kette weiterer Eingriffe nach sich zieht. Der Wehentropf verstärkt den Schmerz für die Gebärende. Die daraufhin gelegte PDA schränkt die Beweglichkeit unter der Geburt ein. Das Kind findet so nicht den optimalen Weg und dann dauert das Ganze laut Leitlinien noch viel zu lange und ganz schnell kommt es so zur operativen Beendigung der Geburt. Denn als Geburtshelfer steht man zunehmend mehr mit einem Bein im Gefängnis, wenn sich zum Beispiel später rausstellt, dass der Kaiserschnitt laut Leitlinie „zu spät“ angeordnet wurde. Es ist ein ständiger Drahtseilakt und nichts, was den Frauen Mut und Zuversicht in ein eigentlich gut funktionierendes Geschehen vermittelt. Auch die werdenden Väter geraten in diesen Strudel aus Angst und Ohnmacht – hin und her gerissen zwischen den Wünschen der eigenen Frau und der gleichzeitigen Sorge um sie und das Kind.

Der Prozess Geburt lässt sich nicht optimieren

Geburt lässt sich aber nicht exakt in Zahlen und Maßen festlegen, sondern ist so höchstindividuell, wie es jedes Mutter und jedes Kind sind. Aber auch das immer seltener werdende Erleben der interventionsfreien Geburt als Geburtshelfer hinterlässt Spuren. Nahezu ein Drittel aller Babys kommen mittlerweile per Kaiserschnitt zur Welt. Was früher die Normalität war, wird heute mit nur acht Prozent an interventionsfreien Geburten zur seltenen Ausnahme. Und wenn man ein Buch darüber schreiben will, muss man mittlerweile die Ausnahmen tatsächlich wirklich suchen.

Die Etablierung von Hebammenkreißsäalen oder das „Bündnis zur Förderung der natürlichen Geburt“ sind sicher Schritte in die richtige Richtung. Nur traurig, dass ausgerechnet jetzt das Weiterbestehen der Hebammen mehr als auf der Kippe steht.

Die gleiche Ohnmacht, die Mütter nach Geburtsverläufen mit zahlreichen nicht gewünschten Interventionen fühlen, spüren wir gerade auch als Hebammen. Denn jede Frau soll selbstbestimmt und durchgehend gut begleitet durch ihre Geburt gehen. Dann ist das Ganze auch viel einfacher machbar als der interventionsreiche Kraftakt, der auch noch lange nach der Geburt seine Spuren hinterlässt an Körper und Seele. Aber gerade weil sich die Betreuung unter der Geburt zunehmend verschlechtert und Frauen mittlerweile kaum noch Hebammen für die 1:1-Betreuung finden – ob nun in der Klinik oder zu Hause – wird sich momentan wenig an der beklagenswerten Situation ändern.

In Ländern wie Brasilien, die eine Kaiserschnittrate von mittlerweile 50 Prozent aufweisen, findet langsam wieder ein Umdenken statt. Aber müssen wir hier in Deutschland wirklich auch erst die normale Geburt und deren vernünftige Begleitung komplett zerstören, um dann irgendwann alles mühsam wieder von vorne aufzubauen? Die allermeisten Mütter sind bei guten Bedingungen von Natur aus optimal für den Prozess Geburt ausgestattet. Dieser lässt sich trotz zunehmender technischer und pharmazeutischer Errungenschaften nicht wirklich optimieren. All diese Dinge sollten für tatsächliche Notfälle immer zur Verfügung stehen, aber nicht aufgrund von Zeitmangel und Personalknappheit zum Einsatz kommen. Geburt braucht Ruhe, Zeit und Wissen. Oder, wie der Geburtshelfer Prof. Willibald Pschyrembel schon einst so schlau sagte: „Man muss in der Geburtshilfe viel wissen, um wenig zu tun.“