Wer schreit, hat Unrecht!

Wer schreit, hat Unrecht!

Wer schreit, hat Unrecht. Das sollte man sich, vielleicht gerade als Vater, echt mal merken. Und doch ist es so unglaublich schwierig, diese einfache Weisheit im Alltag umzusetzen. Denn laut werden ist ja durchaus effektiv. Mit lauter Stimme übertönt man in großer Hektik in der Regel selbst laut kreischende Kinder, wenn sie mal wieder wild streitend über die Stränge schlagen. Aber: Will man das eigentlich? Will man Kinder, die aus Angst vor dem nächsten Anranzer funktionieren lernen? Was sagt ihnen das für die Zukunft? Man braucht nicht lange nachdenken, um den Fehler zu erkennen, den man als Vater, aber genauso als schreiende Mutter in diesen Situationen macht.

Es ist in der Selbstreflexion womöglich mein größter Fehler aus den vergangenen Jahren, dass ich in Situationen der Überforderung (die es immer wieder mal gab), auch dazu geneigt habe, die Konflikte lösen zu wollen, indem ich einfach lauter gemeckert habe als die meckernden Töchter. Dann war Anja natürlich zu Recht sauer und wir haben uns gestritten darüber, dass sich einer mit den Kindern streiten musste. Ich habe mich im Umkehrschluss darüber geärgert, dass sie sich anschreien, statt die Konflikte einigermaßen sinnvoll zu lösen. Aber was habe ich ihnen denn vorgelebt in diesen Momenten? Meine beziehungsweise unsere Strategie als Eltern war sicherlich nicht besser.

Der dänische Pädagoge Jesper Juul meint, dass man Kinder ohnehin nicht wirklich erziehen kann. Sie gucken sich einfach alles ab, was ihre Eltern so den lieben und langen Tag treiben. Und das machen sie ziemlich präzise. Man hört es deutlich an den Worten, die sie benutzen. Sieht es an den Sachen, die sie machen.

Fail with consequence

Kleine Beweise dafür liefert der Alltag immer wieder. Der Babysohn, der mit der Fernbedienung der Stereoanlage am Ohr rumläuft und telefonieren spielt, weil er das iPhone nicht haben darf. Die Tochter, die sich mit dem Lippenfettstift schick macht. Die andere Tochter, die plötzlich auch woanders kein Fleisch mehr isst, weil die Eltern sich vegetarisch ernähren. Die Kinder imitieren uns. Nicht immer, aber doch recht häufig. Es ist vielleicht die größte Chance aller Eltern. Aber es birgt eben auch ein großes Risiko.

Solange man es schafft, als Eltern das eigene Handeln zu reflektieren und zudem in der Lage ist, sich bei seinen Kindern zu entschuldigen, wenn man sich offensichtlich dumm benommen hat, ist trotz Meckerns aber alles in Ordnung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es einem die eigenen Kinder nicht übel nehmen, wenn man sich mal im Ton vergreift. Man muss sich aber erklären und auch gegenüber den Kindern ein eigenes Fehlverhalten als solches einräumen und erkennbar machen.

Was aber macht man nur, wenn der Schrei-Impuls einsetzt? Eine Patentlösung gibt es nicht, aber es hat mir persönlich geholfen, schnell einmal kurz durchzuatmen und mir die Situation so noch einmal kurz anzuschauen. Natürlich gibt es bedrohliche Situationen, in denen ein kurzer Schrei ein Kind etwa zum Anhalten an der Straße bringen soll. Aber das ist etwas anderes, als das nutzlose Gängeln eines Kindes durch ebenso nutzloses Anmeckern. Und auch sich anmeckernde Eltern helfen nicht dabei, dass die Kinder lernen, ihre ohne Frage permanent stattfindenden großen und kleinen Konflikte lösen zu lernen. Und diese Konflikte sind da, im Zusammenleben mit Geschwistern, aber auch ganz individuell. Es ist in jedem Fall sinnvoll, als Vater beruhigend zu wirken, auch wenn dass wahrlich nicht immer einfach ist.

Lose with eloquence and smile

Meine persönliche Erfahrungen haben mir gezeigt, dass unsere Kinder immer dann häufiger laut wurden, wenn in der Familie Stress herrschte durch zu viel Arbeit, zu viele Aufgaben, selbst zu viele Verabredungen. Einfach mal den Druck rausnehmen, es wirkt Wunder. Eine Fahrt in den Wald, ein Nachmittag im Schwimmbad oder ein Camping-Wochenende im Kinderzimmer der Kinder auf einem riesigen Matratzenlager stärken den Zusammenhalt und die Zuneigung, wenn alle mal wieder an der Hektik des Alltags scheitern.

Und das wird unausweichlich passieren. Immer wieder. Gerade dann, wenn mehr als ein Kind in der Familie lebt. Aber es gehört dazu. The Notwist singen die perfekte Textzeile dazu: „Fail with consequence. Lose with eloquence and smile.“ Wenn man sich dann auch wieder in auf Augenhöhe begegnen kann, steht dem Weg hin zur möglichst meckerfreien Kommunikation ein Hindernis weniger im Weg. Anja sagt in Situationen, in denen mir die Mittel fehlen, häufig einen guten Satz. Ich solle mir vorstellen, wie sich unsere Töchter später gegenüber Männern oder generell allen Menschen verhalten, die sie anschreien statt konstruktive Kritik wertschätzend zu äußern. Sie sollen auf jeden Fall nicht lernen, das als toleriebares Verhalten zu akzeptieren. Sondern verstehen, dass man sich das weder bieten lassen muss noch dass es irgendwie sinnvoll ist. Das gilt für Söhne natürlich auch.