Vätervorbilder

Vätervorbilder

Wenn ein Mann Vater wird, macht er sich wahrscheinlich nicht allzu viele tiefere Gedanken dazu. Das wird schon irgendwie laufen. Dann wird das Baby geboren und alles ändert sich. Alles – ob man nun will oder nicht. Erstaunlich plötzlich ist man in dieser Rolle, dass da dieser kleine Mensch ist, für den man nun der Vater ist, das erste große männliche Vorbild.

Ich habe meinen Vater als Wochenend- und Urlaubsvater in Erinnerung, in guter wohlgemerkt. Wir waren zusammen angeln und Motorboot fahren, damit konnten wir uns immer vergnügen. Dann starb meine Mutter, als ich zehn war. Und alles kippte. Mein Vater heiratete neu, das ging schief. Dann noch einmal, was für ihn funktionierte, aber leider nicht für mich. Unsere Wege trennten sich, weil er es geschehen ließ. Ich mochte mich nicht mehr den miesen Launen seiner Frau aussetzen. Er wollte uns beide und nicht akzeptieren, dass ich nur ihn mochte. Vieles blieb auf der Strecke dadurch – und auch diese Vorbildnummer gehörte dazu.

Vätervorbild auf Augenhöhe

Als ich Vater wurde, wurde ich, so rein familiär betrachtet, alleine Vater. Natürlich gibt es Anjas Vater, der ein toller Großvater ist. Aber das ist was anderes. Zum Glück hatte ich damals einen Freund, der heute noch einer ist und schon Kinder hatte, als ich Vater wurde. Im Rückblick hat er eine Menge guter Dinger getan, die ich mir einfach abgucken durfte. Im Alltag, im Urlaub, eigentlich immer. Er hat vieles gemacht, was ich anfangs belächelt habe. Seine Kinder immer viel getragen zum Beispiel, in komischen Tüchern und eigenartigen Tragen. Später hat er für seine Kids viel Zeug durch die Gegend getragen: Fahrräder, Laufräder, gefühlt säckeweise Sandspielzeug und Bibliotheken voller Fußball- und Star-Wars-Sammelbilder. Er hat sich einfach immer mit seinen Kindern und ihren Bedürfnissen beschäftigt. Hat sie durch die Luft geworfen und mit ihnen Schaukeln gebaut. Sie in den Schlaf gekuschelt oder ihr wütendes Schreien ertragen. Er hat sie immer ernst genommen, manchmal vielleicht etwas zu viel mit ihnen debattiert. Ich sehe mich als Vater heute manches mal in diesem Mann.

Und es ist aus heutiger Sicht so: Hätte es ihn nicht gegeben, dieses Vätervorbild auf Augenhöhe für mich, vielleicht wäre ich ein Vater wie mein eigener geworden. Einer, der die Arbeit vor seine Familie gestellt hätte, anstatt zu schauen, wie man glücklich nicht zu viel arbeitet und möglichst jeden Tag seine Kinder sieht und ins Bett bringt (jobbedingte Reisen und solche Dinge mal ausgenommen natürlich). Natürlich ist man immer ein Mensch seiner Zeit, aber ich kann nicht sagen, dass mein eigener Vater heute wie ein gutes Vorbild wirkt. Eine Sache allerdings hat er wirklich gut gemacht: Mir Freiheiten gelassen, viele davon und manchmal situativ gesehen sicher auch notgedrungen. Aber er hat Vertrauen gehabt, was ich hoffentlich nicht zu viel missbraucht habe.

Aber mein wesentliches Vätervorbild war dieser eine Freund – und ich habe da wohl einfach Glück gehabt. Nun zieht er nach Australien. Mit seiner Frau und vier Kindern, hinein in ein großes Start-Up-Abenteuer. Er wird das wuppen, da bin ich sicher. Und weiter ein guter Vater sein. Einer, der für seine Kinder da ist und dafür lieber nachts von 21 bis 03 Uhr den Code für seine Webseiten schreibt. Für mich so ganz persönlich ist es natürlich schade- sehr sogar. Er sitzt bald auf der andere Seite des Erdballs, verdammt viele Flugstunden entfernt. Aber es wird schon gehen: Mittlerweile bin ich nämlich selbst ein ganz guter Vater geworden. Finde ich.