Das verwöhnte Kind - eine Bilanz

Das verwöhnte Kind – eine Bilanz

Beim ersten Kind sind Eltern sehr schnell und dann maximal verunsichert. Die vielen Tipps der tatsächlichen und auch der selbst ernannten Experten erschüttern das eigentlich richtige Bauchgefühl von Eltern schnell und tief. Alles, was sich eigentlich so gut und einfach anfühlt, wird da schnell in Frage gestellt. Der absolut logische Impuls, sein unruhiges oder gar schreiendes Baby nah an sich zu nehmen, es zu stillen, zu trösten, einfach mit allen Sinnen für es da zu sein, könnte vielleicht doch falsch sein?! Und was sind die möglichen Folgen? Ein völlig unselbständiger, verzogener und verwöhnter Tyrann könnte ja daraus werden.

Auch wenn die aktuelle Bindungsforschung ganz klar belegt, dass es wichtig ist, auf die kindlichen Bedürfnisse und vor allem das Grundbedürfnis nach Nähe einzugehen, lässt sich die heutige Elterngeneration schnell verunsichern. Die meisten von uns sind ja auch leider unter anderen Bedingungen groß geworden. So sind es nicht selten die heutigen Großeltern, die dieses „ganze Theater ums Kind“ in Frage stellen. Als Hebamme bin ich ständig als Vermittlerin in diesem Konflikt involviert. Aber auch das empfinde ich als wichtigen (wenn auch nicht bezahlten) Teil meiner Arbeit.

Großeltern können eine so wunderbare Unterstützung sein, aber auch für maximalen Stress bei den jungen Eltern sorgen. Das Selbstvertrauen in die eigenen mütterlichen (und väterlichen) Kompetenzen muss schließlich erst wachsen. Gerade in der Anfangszeit brauchen Eltern Bestärkung in ihrem Tun und kein ständiges Infragestellen ihres Handelns.

Wir haben unser Kind „verwöhnt“

Obwohl ich als Hebamme meine Kompetenz in Sachen Elternbestärken als recht hoch einschätze, war meine eigene Unsicherheit bei unserem ersten Kind genauso vorhanden wie bei allen anderen. Denn theoretisch zu wissen, was Babys brauchen, dass ist doch noch mal ein großer Unterschied zu der Tatsache, nun selbst vor der vollen Verantwortung zu stehen. Als theoretischer Babyprofi hatte ich wenigstens das Glück, dass die Verunsicherer immer nur hinter meinem Rücken lästerten. Und so haben wir trotzdem gebondet, getragen, gestillt und familiengebettet, wie es uns unser Bauchgefühl vorgab. Wir haben unser Kind also „verwöhnt“, wie uns die Kritiker vorhielten.

Darum ist es nach sieben Jahren nun Zeit mal Bilanz zu ziehen, was aus diesem verwöhnten, ersten Kind geworden ist.

Unsere Tochter schläft nicht mehr bei uns im Bett. Irgendwann zwischen zwei und drei Jahren wollte sie ihr eigenes Bett. Hat sie auch bekommen. Sie ist nie mehr in unser Bett zurück gekehrt. Höchstens im Urlaub durften wir gelegentlich noch mit ihr nächtigen. Auch das Laufen sowie das Roller, Fahrrad- und Skateboardfahren klappt trotz der „ewigen Tragerei“. Abgestillt hat sie sich auch von alleine. Am Wochenende bereitet sie jetzt gerne für uns das Frühstück vor und geht alleine die Brötchen holen oder backt eigenständig Pfannkuchen für alle. Es ist übrigens wirklich schön zu sehen, wie mein großes „verwöhntes“ Kind jetzt ihren kleinen Babybruder verwöhnt und ihn so selbstverständlich umsorgt und trägt, wann immer sie Gelegenheit dazu hat.

Das ist mein ganz persönliches Fazit, explizit für mich und mein Kind. Nicht evidenzbasiert und deshalb auch nicht der Masterplan (wer hat den schon). Denn auch wenn die grundlegenden Bedürfnisse eines Babys mittlerweile gut erforscht sind, gibt es wesentlich mehr Einflussfaktoren als Bonding, Tragen und Co-Sleeping auf die Entwicklung unserer Kinder. Aber bei allen auch anstrengenden Eigenheiten jedes Kindes, die die einstigen Kritiker auf „elterliches Versagen“ zurückführen könnten, ist mein erstes Kind eines definitiv nicht: und zwar verwöhnt.

Denn verwöhnen im negativen Sinne heißt, dass ich meinem Kind Dinge abnehme, die es eigentlich selbst kann. Ein Neugeborenes kann noch recht wenig und benötigt seine Eltern umso mehr. Aber auch etwas größere Babys und kleine Kinder brauchen ihre Eltern, um zum Beispiel die richtigen Bedingungen zu schaffen, damit sie entspannt einschlafen können. Sie brauchen jemanden, der ihre Hungerzeichen wahrnimmt und darauf eingeht. Sie brauchen die spürbare Nähe, weil sie sich sonst nicht sicher und geborgen fühlen können.

Jedes Kind will selbständig werden

Am Anfang brauchen sie ganz viel davon, aber diese Zeit ist vergleichsweise kurz. Jedes Kind will selbständig werden – da können Eltern gar nichts gegen tun. Und schon gar nicht, indem sie auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen. Das heißt natürlich auch später, dem Bedürfnis des Kindes nachzukommen, Dinge alleine ausprobieren zu wollen, um etwas selbständig zu schaffen. Aber altersgerecht muss das Ganze sein. Von einem Einjährigen erwartet auch niemand, dass es Seil springt. Genauso wenig muss es in dem Alter alleine in den Schlaf finden können. Aber keine Sorge, wenn das Einjährige nun doch schon Seil springt – von sich aus…

Mein Fazit aus der frühen Kindheit mit unserem Erstkind, dass nun mal immer der „Testballon“ für alle (manchmal hilflosen) Versuche ist, „gute Eltern“ zu sein: Elternschaft, die aus dem Herzen und aus dem Bauch heraus kommt, kann nicht so falsch sein. Man muss nicht jeden Ratgeber gelesen und jeden Experten befragt haben. Eltern sind in der Regel die Experten für ihr eigenes Kind. Die Intuition, die vielleicht sagt, dass man das Baby jetzt hochnehmen und jetzt noch mal stillen soll, ist meist völlig richtig. Eltern dürfen und sollen sich von dem Gefühl leiten lassen, dass ein Bedürfnis des Babys erstmal wichtiger als alles andere ist. „Geglucke“ tut kleinen Menschen gut und aus dieser sicheren Basis heraus entwickeln sie sich von ganz alleine in Richtung Selbständigkeit. Auch die intensivste „Klebekindphase“ (=wenn das Baby gerade ausschließlich auf dem mütterlichen oder väterlichen Arm lebt) ist nur vorübergehend.

Meist folgen auf diese sehr anhänglichen Episoden neue Entwicklungsschritte wie das Krabbeln oder Laufen, die wieder mehr dafür sorgen, dass das eben noch so klitzekleine hilflose Bündel sich ein Stück weit mehr von Mamas und Papas Rundumversorgung entfernt. Und plötzlich sind sie sieben Jahre alt…