Let me entertain you...

Let me entertain you…

Lieber Robbie, 

wir haben uns erst einmal „persönlich“ getroffen. Du warst vorne auf der Waldbühne, ich im Publikum. Meine damalige Freundin und heutige Frau war Fan, ich habe die Tickets besorgt. So läuft das häufig. Doch es gibt wirklich wichtige Situationen im Leben, in dem die Frau wohl immer alle Entscheidungen treffen sollte. Eine davon erlebst du gerade – und wir mit euch.

Mittlerweile habe ich drei Kinder, du bekommst gerade dein Zweites. Deshalb ist es mir wohl ein Bedürfnis, dir an dieser Stelle mal etwas zu schreiben – so von Vater zu Vater.

Ihr bekommt ein Baby. Das ist großartig, ein seltenes und das vielleicht intimste, großartigste Ereignis, das ein Paar haben kann. Es ist toll, dass du deiner Frau unter der Geburt ein Lied singst, nachdem sie dir lustig ihren Hintern in einer Wehenpause ins Gesicht geschüttelt hat. Ja, das berühmte „Äpfelschütteln“ unter der Geburt hilft Gebärenden, das Becken zu lockern. Das weiß ich von meiner Hebammenfrau, aber auch von den drei Geburten unserer Kinder. Bewegung ist gut unter der Geburt. Singen auch. Und Humor hilft immer.

Doch auch wenn du als Entertainer diese drei Dinge toll beherrscht, muss das im Kontext Geburt doch nicht unbedingt mit der halben Welt geteilt werden. Ein klassischer Fall von Overshare, ein Musterbeispiel davon wie es ist, zu viel zu vielen von sich preiszugeben.

Darüber kann man lachen oder sich mit dir freuen, was die vielen Hundertausend Likes und Shares beweisen. Mich macht das traurig, weil es dir und deiner Familie so viel Würde nimmt. Es hat begonnen mit diesem Bild, das deine Frau in Glitzerpumps zeigt, wie sie auf einem Gynäkologenstuhl sitzt und du ihre Fessel fest umgreifst. In einem einschlägigen Erwachsenenmagazin wäre das vielleicht noch okay, aber nicht offiziell sichtbar für alle. Dann dieses Lied für deine Frau unter der Geburt, wo du nicht eine Sekunde merkst, dass sie ihre Ruhe will, ihre Ruhe braucht. Eine Frau in dieser Situation würde sich intuitiv meist für die Geburt zurückziehen an einen schönen, ruhigen Ort – dafür gibt es viele gute Gründe. 

Wahrscheinlich wird deine Frau sogar irgendwie mal eingewilligt haben in deine Geburtsfilmereien, dir ein kurzes „Do what ever you want“ in der Wehenpause an den Kopf geworfen haben, um sich weiter auf die Geburtsarbeit zu konzentrieren. Doch bist Du sicher, dass sie ein paar Tage nach der Geburt, wenn sich das Hormonlevel wieder normalisiert hat, wirklich möchte, dass für immer ein Video von ihrer Fruchtblasensprenung im Internet zu sehen sein soll?

Ja, vielleicht findet sie das okay und hat kein Problem damit. Doch das wird sie wahrscheinlich nicht unter Wehen und dem Stress einer Geburt entscheiden können. Denn im besten Fall sind Gebärende so auf die Geburt konzentriert, dass alles andere in den Hintergrund tritt. Rationale Entscheidungen sind bei so intensiver körperlicher Arbeit eigentlich nur schwer möglich. Und selbst wenn es vorher noch eine mütterlich Zusage für das Filmen und Posten gab. Geburt ist ein so wenig vorhersehbarer Prozess, dass diese Entscheidung doch nicht vorausschauend getroffen werden kann.

Versteh mich nicht falsch, auch ich finde die Möglichkeiten, eine Geburt heutzutage auf Foto und Film festzuhalten nicht verkehrt – allerdings immer in Absprache mit der Partnerin und nur diese sollte auch entscheiden, an welcher Stelle das Ganze dann gezeigt wird.

Dieser Ort ist sehr wahrscheinlich nicht das Internet. 

Vieles ist hier toll aufgehoben, Katzenvideos zum Beispiel. Aber nicht solche Videos aus deinem Leben, die mal wieder ein völlig falsches Bild davon vermitteln, wie schön und wichtig es ist, in Ruhe ein Baby auf die Welt zu bringen. Klar, du bist auch übermüdet und versuchst wahrscheinlich einfach nur, die ewig langen und bangen Wartezeiten mit irgendwas zu überbrücken. Saufen ginge, passt aber nicht zur Geburt und zur Vita. Aber warum nicht einfach eine Serie gucken, die du schon immer mal schauen wolltest. Oder einfach bei deiner Frau sein, so ganz ernsthaft und sinnvoll. Und nicht als Trällerfrosch die von der schlecht gelegten PDA abgeschossene Gattin nerven, wo diese sich nicht mehr wehren kann und eigentlich dich und deinen Schutz bräuchte. 

Schade, dass du es offenbar nicht schaffst, ihr diesen Schutz zu geben. Ich hoffe für euch, dass die Geburt trotzdem gut klappt und ein paar gänzlich ungeteilte persönliche und glückliche Momente für Euch bleiben. 
 
Dein Christian