Überdosis Babymesse

Überdosis Babymesse

Schon die Hinfahrt zur Babymesse bot einen ersten Einstieg auf die folgenden Stunden. Eine Familie bestehend aus Mutter, Vater, den Großeltern und einem circa drei Monate altem Baby im Kinderwagen benutzte die gleiche Straßenbahn wie ich. Eine Station vor der Endhaltestelle wurde das Baby wach und weinte. Die Versuche, es mit dem Schnuller zu beruhigen, scheiterten. Da ja genug Helfer anwesend waren, um auch beim Aussteigen den Kinderwagen zu übernehmen, dachte ich also, dass nun die Mutter oder der Vater das immer doller schreiende Kind auf den Arm nehmen würden.

Statt dessen begann die Mutter hektisch nach etwas in ihrer Tasche zu suchen. Erleichtert zog sie dann das gelbe Röhrchen mit den Globuli gegen Zahnungsbeschwerden raus und steckte eilig die Milchzuckerkügelchen ihrem Kind in den Mund. Ohne das Kind, seinen Zahnungsstatus noch seine Bedürfnisse genauer zu kennen, blieb bei mir trotzdem das Gefühl zurück, dass das Kind einfach nur auf den Arm wollte…

Orientierungslos im Babyproduktedschungel

Was hat das nun mit der Babymesse zu tun? Ich war dort nicht als kauflustige Mutter, sondern in Sachen „Hebammenunterstützung“ unterwegs, die dort einen Informationsstand vor Ort organisiert hatte. Babymessen sind schon eine Herausforderung, wenn man wie ich nicht unbedingt Fan solcher Veranstaltungen ist. Zuletzt war ich 2008 für den Berliner Hebammenverband da – und ich weiß jetzt wieder genau, warum seither sechs Jahre vergangen sind.

In der vollen, lauten und viel zu warmen Halle trugen oder schoben junge Eltern ihre noch schwangeren Bäuche, winzig kleine oder schon ältere Babys und Kleinkinder an den zahlreichen Ständen vorbei. Dort wurden ihnen sämtliche Produkte offeriert, die laut Hersteller natürlich „unabdingbar“ für eine frohe Babyzeit seien. Ich will an dieser Stelle kein Konsumbashing betreiben, doch in dieser Fülle ist es schlicht unerträglich. Selbst mir, mit einer von Berufs wegen ganz guten Orientierung im Babyprodukt-Dschungel, schwirrte der Kopf bei diesen Massen von Zeugs, das da angepriesen wurde.

Wie geht es da wohl erst einer „unerfahrenen“ Schwangeren, die auch noch in der Nestbautriebphase dort unterwegs ist? Natürlich sind wir Eltern eine großartige Zielgruppe, denn nie sind wir kauflustiger und bereiter viel Geld auszugeben, als in der Zeit, wenn es um unseren Nachwuchs geht. Und ja, es gibt einige sinnvolle Dinge, die uns den Babyalltag vereinfachen können. Sei es eine Jackenerweiterung, um das Tragekind im Winter unter meiner eigenen Jacke schön warm halten zu können oder das mittlerweile recht etablierte Beistellbett, mit dem sich viele Ersteltern auf mehr Nähe beim Schlafen einlassen.

Käufliche Lösungen für jedes Problem

Auch eine gute Milchpumpe hat in bestimmten Situationen ihre Berechtigung. Aber heute auf der Babymesse konnte man meinen, dass es selbst zum Stillen generell so viel Equipment braucht, dass der oft erwähnte finanzielle Vorteil zur künstlichen Säuglingsnahrung auch nicht wirklich existiert. Wenn alles Geld in Stillkissen, spezielle Coldpacks für die Brust und spezielle Stillbekleidung investiert werden muss…

Zudem wird Eltern auf solchen Messen gerne suggeriert, dass es für jedes Babyproblem eine (käufliche) Lösung gibt. Doch genau wie die eingangs erwähnten Globuli den gewünschten Effekt nicht brachten, wird der elektrische Kinderwagenschaukler das Baby ebenso nicht immer verlässlich in den Schlaf schaukeln. Auch das speziell geformte und wahrscheinlich total durchdachte Beikostgeschirr wird nicht dazu führen, dass die Kleinen dasjenige in der Menge essen, die wir vielleicht als Eltern für sinnvoll erachten.

Recht verlässlich im Babyleben funktioniert aber das zeitnahe Reagieren auf Babys Signale und Bedürfnisse, viel Nähe und viel Kommunikation mit dem Baby in jeglicher Form. Doch für all diese Dinge braucht es nur liebende Eltern mit offenen Armen und Herzen, die sehen und zuhören und somit wissen, was ihr Baby wirklich braucht. Da dies in der Regel aber zur elterlichen Grundausstattung gehört, lässt sich damit kein Geld verdienen. Deshalb war wohl heute der Andrang an den Ständen, die Geschenkboxen und Proben verteilten, wesentlich größer als bei den parallel angebotenen Workshops zu Themen wie Stillen, Tragen oder auch Windelfrei

Ich kann alle Eltern verstehen, die in dem Überangebot nebst schlechtem Hallenklima den Überblick verlieren und sich allerlei Zeugs aufschwatzen lassen. Aber zum Glück lassen unsere Kinder uns wieder zurück auf das Wesentliche besinnen und das ist nun mal nicht käuflich. Als ich am Nachmittag die Messe verlasse, steht eine Schwangere vor der Halle und streichelt versonnen ihren großen Babybauch. Ihre vollen Babymessetaschen hat sie neben sich abgestellt. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint auf das bunte Herbstlaub und die Vögel zwitschern. Und ich denke, dass trotz der heutigen Überdosis von Kinderwagen, Windeleimern, Milchpumpen, Spieluhren, Rasseln und Badeeimern die Baby- und Elternwelt doch noch ganz in Ordnung ist…