Ein Fernsehturm für meine Kinder

Ein Fernsehturm für meine Kinder

Heute waren wir zu einer Veranstaltung eingeladen, die in einem Apartement mit einer großartigen Dachterasse stattfand. Dachterassen im Berliner Zentrum haben meist einen tollen Ausblick auf den Fernsehturm. Und wie Christian da mit dem Söhnchen so stand und auf den Fernsehturm blickte, musste ich mal wieder daran denken, weshalb der für uns eine so besondere Bedeutung hat.

Als ich vor über zwölf Jahren nach Berlin zog, war Christian schon eine Weile da. Aus der überschaubaren Kleinstadt kommend kann man in Berlin schon mal die Orientierung verlieren. Navis und Smartphones waren damals noch eher unüblich und so fuhr ich mit einem Stadtplan im Handschuhfach durch die Gegend. Sehr zum Leidwesen meines Großvaters, der für seine wissenschaftliche Arbeit im Bereich der Kartografie sogar mehrfach ausgezeichnet wurde, bin ich alles andere als eine gute Kartenleserin. Als freiberufliche Hebamme fuhr ich aber dennoch kreuz und quer durch die große Stadt, um Schwangere und Wöchnerinnen zu besuchen.

Während ich mir den Weg in die Geburtsklinik irgendwann endlich merken konnte, waren die Hausbesuche immer wieder eine große Herausforderung. Mehr als einmal rief ich Christian verzweifelt an, damit er mich aus den entlegendsten Ecken Berlins wieder nach Hause navigierte. Eine seiner ersten Fragen war dabei immer: „Kannst du von da, wo du bist, den Fernsehturm schon deutlich sehen?“. Denn da der Fernsehturm von vielen Ecken Berlins aus sichtbar ist, konnten wir so meinen unbekannten Aufenthaltsort doch immer wieder etwas eingrenzen.

Und wie schön war es immer wieder nach einer Irrfahrt dann plötzlich den Fernsehturm wieder ganz groß zu sehen und zu wissen: gleich bin ich zu Hause. Deshalb passte es für uns auch gut, dort oben zu heiraten. Und auch heute, wenn wir uns manchmal sinnlos streiten oder einfach Zeiten haben, in denen wir unachtsam miteinander umgehen, ist der Fernsehturm immer wieder eine Erinnerung an das, was wir uns da oben vor fast zehn Jahren versprochen haben.

Für unsere Kinder möchten wir auch ein bisschen ihr Fernsehturm sein. Sie werden größer und gehen immer mehr ihre eigenen Wege. Wenn sie sich dabei mal verrennen oder überfordert fühlen, hoffe ich, dass wir ihnen das gute Fernsehturmgefühl geben können, was ich immer hatte, als ich ihn nach einer Irrfahrt durch Berlin wieder erblickt habe.