Zwischen Trauma und Traumgeburt

Zwischen Trauma und Traumgeburt

Eigentlich wollte ich diesen Text nie schreiben, denn nichts liegt mir ferner, als Frauen Angst vor der Geburt zu machen. Doch mittlerweile glaube ich, dass ich es bereuen würde, das hier nicht irgendwann aufgeschrieben zu haben. Ich schreibe diesen Text tatsächlich in tiefer Angst um die zukünftigen Geburten von Frauen, auch die meiner Töchter. Denn sehr wahrscheinlich wird es für sie keine Alternative geben, all dem zu entgehen…

Denn letzte Woche sind erneut die Gebührenverhandlungen zwischen Hebammenverbänden und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen gescheitert. Hauptgrund ist, dass die gesetzlichen Krankenkassen Hausgeburten nicht mehr finanzieren wollen, wenn bestimmte Kriterien vorliegen, die allerdings jeglicher Evidenz entbehren. Zum Beispiel soll das Überschreiten des errechneten Geburtstermins oder eine Schmierblutung im letzten Trimenon ein Ausschlusskriterium sein – beides keine per se pathologischen Zustände, die ein Geburtsrisiko bedeuten.

Es scheint jedenfalls klar, wohin die Reise geht. Es geht hier nicht darum, Gefahren abzuwenden, sondern das Selbstbestimmungsrecht der Frauen massiv einzuschränken. Genauso wie dies durch die eklatant fortschreitende Schließung vieler kleinerer geburtshilflicher Abteilungen passiert. In manchen Regionen Deutschlands haben Frauen aufgrund weiter Anfahrtswege schon längst keine Wahl mehr bezüglich ihres Geburtsortes. Alle Weichen sind gestellt, dass die Wahl zwischen klinischer und außerklinischer Geburt zukünftig gar nicht mehr gestellt ist – wenn man sich nicht dazu entschließt, auf sämtliche Geburtshilfe zu verzichten und eine Alleingeburt anstrebt…

Angst und Zeitdruck dominieren

Während meiner Schwangerschaften mit unseren drei Kindern wurde ich oft gefragt, ob ich Angst hätte, ein Kind zu Hause oder im Geburtshaus zu bekommen. Nur wenige haben auf diese Frage eine ganz ehrliche Antwort von mir bekommen. Denn diese Antwort lautet: Ich hatte Angst, in die Klinik zu gehen. Zum Zeitpunkt der Geburt unseres ersten Kindes hatte ich bereits sechs Jahre beruflichen Einblick in den Kreißsaal und manches von dem, was ich da erlebt habe, hat mich bis heute nicht losgelassen.

Experten würden das wohl unter Trauma verbuchen. Natürlich gab es auch in der Klinik sehr schöne Geburten. Geburten, bei denen Frauen Zeit und Ruhe zum Gebären hatten. Begleitet von Hebammen und Ärzten, die Vertrauen in sie und in den physiologischen Rhythmus einer Geburt hatten. Meist dominierten aber Angst und Zeitdruck das Geschehen. Und Angst vor wirklichen Katastrophen, vor Klagen oder auch „nur“ von der Rechtfertigung in der morgendlichen Teambesprechung.

Auch ich habe Frauen mitten im guten Geburtsverlauf aus der Wanne “gezerrt”, weil der Oberarzt im Dienst war, der keine Wassergeburten mochte. Ich habe Frauen zum Kaiserschnitt vorbereitet, obwohl ich sehr sicher war, dass mit etwas mehr Zeit und Ruhe dieses Kind sicher spontan geboren werden kann. Ich habe Wehentröpfe angehängt, die der Beginn von Interventionskaskaden waren, die viel zu oft in einer operativen Geburt endeten.

Ich habe Geburtseinleitungen mit begleitet, für die es keinen wirklich medizinischen Grund gab, das Kind schon so früh auf die Welt zu schubsen. Ich habe das getan, was so viele Kolleginnen tagtäglich tun: Entscheidungen mitzutragen, die sie innerlich nicht vertreten können. Aber es gibt Leitlinien, Anordnungen von Ärzten, finanziellen Druck von der Krankenhausleitung. Viele Dinge, die die Geburt beeinflussen und vor denen wir die uns anvertrauten Frauen als Hebammen immer schwieriger beschützen können.

Würde und Selbstbestimmung

Hebammen und Ärzte brennen aus, kündigen oder passen sich dem System immer mehr an. Man muss seine Empathiefähigkeit zum Teil extrem weit runterdrosseln, um überhaupt zu ertragen, was man an Gewalt in der Geburtshilfe erlebt. Sonst kann man es nicht aushalten, wenn da an Kindern gezerrt, Frauen entmündigt werden oder auf Bäuchen so gedrückt wird, dass die Abdrücke der Hände noch im Wochenbett zu sehen sind. Das passiert alles nicht ständig und immer, aber es passiert so oft, dass man nicht sicher sein kann, dem zu entkommen. Deshalb war für mich klar, dass ich eine außerklinische Geburt wollte, um all dem möglichst zu entgehen.

Und auch Christian hatte Angst, denn schließlich habe ich all die furchtbaren erlebten Dinge nach dem Dienst bei ihm abgeladen. Manchmal waren es nur scheinbare Kleinigkeiten wie wieder viel zu wenig Zeit für die Geburtsbegleitung. Doch den ängstlichen Blick der wehenden Frau bei meinem Verlassen des Kreißsaals hatte ich auch noch lange nach Dienstende vor Augen.

Und dann kamen da all diese Geschichten von Frauen im Wochenbett, die versuchen, das Erlebte zu verarbeiten. Und ja, so ungern ich das schreibe, die Frauen, die eine gute Geburt erlebt haben, sind unter den von mir in den vergangenen Jahren betreuten deutlich in der Unterzahl. Gute Geburt heißt nicht, mit oder ohne PDA zu gebären, sondern eine Geburt zu erleben, bei der die Würde und die Selbstbestimmung der Frau gewahrt bleiben. Deshalb kann ich den Wunsch nach einem geplanten Kaiserschnitt sogar verstehen, denn viele Frauen haben bereits das Gegenteil erlebt.

Es ist leider davon auszugehen ist, dass circa jede vierte Frau schon einmal Opfer von körperlicher und/oder sexueller Gewalt war. Es ist also zusätzlich davon auszugehen, dass übergriffiges und unsensibles Verhalten unter der Geburt viele Frauen retraumatisieren könnte. Gerade die intime und an Grenzen bringende Erfahrung der Geburt braucht immer eine traumasensible Haltung der betreuenden Menschen. Denn ein Geburtstrauma birgt, neben alle dem Leid für die Mutter, außerdem ein hohes Risiko für negative Auswirkungen auf das Bonding und das Stillen. Der Kreißsaalalltag bietet aber oft nicht die Rahmenbedingungen dafür. Für jeden Eingriff und jede Untersuchung um Erlaubnis zu bitten, es kostet Zeit. Ebenso wie das Miteinbeziehen der Eltern in Entscheidungsprozesse. Der viel zu häufige vermeintliche Ausweg Kaiserschnitt wird zudem finanziell belohnt, was vielleicht dazu führt, dass diese Geburtsabteilung überhaupt weiter erhalten werden kann.

Es geht alle an

Ja, das ist ein düsteres Bild und ich wünschte, viele Hebammen und Mütter würden jetzt sagen, dass das traurige Einzelerfahrungen sind. Doch leider ist das nicht der Fall. Die Berichte von Kolleginnen und vor allem von den von uns begleiteten Frauen bestätigen das hier Geschriebene viel zu häufig. Natürlich gibt es auch einige Kliniken, die versuchen andere Wege zu gehen. Doch auch da scheitern immer wieder die besten Vorsätze an Personalmangel oder den Vorgaben der Führungsebene. Leitlinien, die Schwangerschaft und Geburt in ein enges Korsett zwängen, werden der Individualität, die jede Gebärende und jede Geburt mit sich bringt, oft nicht gerecht.

Wenn jetzt also noch in Deutschland die Wahloption Hausgeburt wegfällt, wird den Frauen wieder ein Stück mehr ihrer Selbstbestimmung genommen. Und das geht ALLE an, nicht nur den kleine Anteil von außerklinisch Gebärenden. Hausgeburtsfrauen sind keine Schwangeren, die die Sicherheit unter der Geburt gegen Kerzenschein eintauschen. Aber sie wollen sich häufig absichern gegen unnötige Interventionen und das Absprechen ihres Mitbestimmungsrechtes unter der Geburt. Sie wollen eine Hebamme, die sie verlässlich unter der Geburt begleitet und die zeitnah registriert, wenn das Normale ins Pathologische kippt und Maßnahmen notwendig werden. Es geht also in der Regel nicht darum, die Traumgeburt auf dem heimischen Sofa zu inszenieren, sondern darum, die Geburt nicht (erneut) zum Albtraum werden zu lassen.

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