Nur ein kleiner Schnitt?

Nur ein kleiner Schnitt?

Vielleicht hat es tatsächlich persönliche Gründe, dass ich an dieser Stelle noch keinen Artikel zum Thema Dammschnitt geschrieben habe. Vielleicht wünsche ich mir insgeheim auch, dass dieser Eingriff mittlerweile so selten durchgeführt wird, dass er für viele Mütter hoffentlich gar kein Thema mehr ist. Aber das ist leider ein Wunschdenken, denn noch viel zu viele Frauen erleben einen routinemäßigen Dammschnitt ohne wirkliche Indikation. Und noch viel zu oft ohne ihre wirkliche Einwilligung.

Meinem Dammschnitt vor fast zehn Jahren habe ich zugestimmt. Ich glaube, ich habe damals sogar dafür unterschrieben. Aber auch nur, weil die Episiotomie eine Art Eintrittskarte für die spontane Beckenendlagengeburt war. Als wir nach vielen Wehenstunden die Hausgeburt wegen einer vermeintlichen Gesichtslage abgebrochen hatten und ich mich gedanklich bereits wegen dieser meist geburtsunmöglichen Lage auf dem OP-Tisch liegen sah, hätte ich wohl alles unterschrieben. Als sich die Gesichtslage im Ultraschall als Beckenendlage entpuppte und die damit erfahrene Klinik mir trotzdem die Spontangeburt als Option anbot, hätte ich mir wahrscheinlich auch den kleinen Finger dafür abschneiden lassen. Denn ich hatte einfach Angst. Angst vor einem Kaiserschnitt. Angst um mein Kind. Angst um mich. Angst vor was auch immer…

Die Geburtshelfer hatten scheinbar auch Angst. Angst vor rechtlichen Konsequenzen, wenn sie diesen damals noch in ihren Leitlinien stehenden Schnitt in den Damm nicht vollziehen bei einer Geburt, bei der das Baby mit dem Po zuerst geboren wird. Als Hebamme verstand ich dieses Dilemma und war einfach froh, dass ich überhaupt die Chance zum spontanen Gebären bekam. Wahrscheinlich hätte sich keine andere Klinik in Berlin überhaupt darauf eingelassen. Denn mit einer abgebrochenen Hausgeburt hat man schnell den Stempel „verantwortungslos und esoterisch“ auf der Stirn. Und sowas bekämpft man am besten mit Maximalmedizin. Wie oft habe auch im Kreißsaal das „Geläster“ über Frauen mitbekommen, die nach einer abgebrochenen Geburtshaus- oder Hausgeburt in die Klinik kamen. All das habe ich zum Glück in dieser Klinik nicht erfahren. Vielleicht habe ich auch deshalb diesem „Dammschnitt gegen die Angst” zugestimmt. Ich hatte sonst nicht das Gefühl, dort gegen alles kämpfen zu müssen, wie es nicht wenige Frauen in dieser Situation erleben.

Den Damm und die Frau schützen

Aber doch ist genau dieser Schnitt etwas, das ich absolut und niemals wollte. Als Hebamme ist es doch unsere ureigene Tätigkeit, den Damm vor Verletzungen bei der Geburt zu schützen. Und damit sind nicht nur warme Kaffeekompressen oder die Anleitung zu einer möglichst schonenden Geburtsposition gemeint. Mutige Kolleginnen lassen schon mal die sterile Dammschnittschere einfach „aus Versehen“ auf den unsterilen Boden fallen, wenn Ärzte zu sehr zu einer nicht unbedingt notwendigen Episiotomie in der letzten Geburtsphase drängen. Das schützt nicht nur den Damm, sondern das gesamte Geburtserleben der Frau.

Als Hebamme weiß ich aber auch, wie so ein Schnitt aussieht und wie er sich anhört. Den ganzen Geburtsverlauf über kam immer wieder kurz die Panik davor auf. Und Angst und Panik sind die schlechtesten Geburtsbegleiter. Klar, ich bekam immerhin eine Betäubungsoption vor dem Dammschnitt angeboten. Aber genauso viel Angst machte mir die Idee, eine lange Nadel in diesem Bereich zu spüren. Die Hebammen und Ärzte waren respektvoll und freundlich, aber trotzdem wurde da etwas getan, das ich absolut nicht wollte. Und vor allem etwas, das überhaupt nicht sein musste.

Unser erstes Kind war lang und schlank und mit seinen 3500 Gramm fast ein Kilo leichter als der kleine Bruder. Alles hat und hätte so gepasst – ganz ohne diesen Schnitt. Ohne das lange schmerzhafte Nähen danach, was unsere ersten Bondingmomente beeinträchtigte. Ohne diese starken Schmerzen im Wochenbett, mit denen ich anfangs kaum sitzen konnte. Und auch ohne die Wut auf Christian, der das nicht verhindert hat. Als Hebammenmann hatte ich ihn doch so gut aufgeklärt, was ich wollte und was nicht. Wir hatten auch über Episiotomien gesprochen. Und dann saß er einfach stumm daneben, während genau das Gegenteil passierte? Doch schließlich hatte er auch meine Zustimmung vorher mitbekommen, war komplett übermüdet und wusste natürlich nicht, was wirklich in meinem Kopf vorging. Gab es wirklich eine Wahl? Vermutlich schon, wenn ich konsequent Nein gesagt hätte. Aber ich konnte diese Option in der Situation nicht sehen und durchsetzen.

Körperliche und seelische Narben

Ein Dammschnitt ist meist ein kleiner Schnitt, keine große Bauchoperation oder ähnliches. Aber er ist eine zugefügte Verletzung an einer extrem sensiblen und intimen Stelle. Deshalb sollte er niemals ohne wirklich Indikation vorgenommen werden, genauso wie andere geburtshilfliche operative Maßnahmen. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die Episiotomie den Frauen stärkere Schmerzen in der Heilungsphase macht als beispielsweise ein spontan entstandener Dammriss. Oft ist auch die Heilung generell komplizierter und Beschwerden im Wundbereich sehr lange anhaltend. Nicht wenige Frauen haben noch nach Jahren Empfindungsstörungen in diesem Bereich. Aber auch psychisch macht es einen großen Unterschied, ob sich das Kind selbst mit seinem Köpfchen durch das Einreißen des Dammes etwas Platz geschaffen hat oder ob bewusst jemand eine Schere nimmt und damit mehr oder weniger weit in den Damm hineinschneidet. Viele Frauen reden gar nicht oder vielleicht nur mit der Hebamme darüber, weil sie befürchten, dass dafür ohnehin wenig Verständnis vorhanden ist. Schließlich haben unsere Mütter meist routinemäßig einen Dammschnitt bekommen – und es ist ja nur ein kleiner Schnitt…

Nein! Das ist es nicht für die Frau, der dies widerfährt. Und je sinnloser die Episiotomie durchgeführt wird, umso schwerer ist sie hinterher zu verarbeiten. Auch ein Dammschnitt hinterlässt Spuren, oft an Körper und Seele.

In der Hebammenkunde steht übrigens folgendes zum Thema: „Der Dammschnitt ist der häufigste chirurgische Eingriff bei Frauen weltweit. Ihm wurden diverse Vorteile für die mütterliche oder kindliche Gesundheit zugeschrieben, die bisher nicht belegt oder sogar widerlegt wurden. Er solte daher nur nach strenger Indikation und sachgemäß durchgeführt werden, um größeren Schaden zu vermeiden.” (Carroli 2009, Hartmann 2005, David 2005, Gerdin 2007, Aukee 2006, WHO 1996)