Abschaffung der 1:1-Wochenbettbetreuung

Abschaffung der 1:1-Wochenbettbetreuung

„Aber die armen Frauen…“ – das ist wohl der Einwand, der von einigen Hebammenkolleginnen kommen wird, wenn ich an dieser Stelle schreibe, dass ich die Einführung von offenen Hebammensprechstunden für kompletten Unsinn halte. Diese Sprechstunden werden in immer mehr Hebammenpraxen etabliert. In München rufen sogar das Gesundheitsreferat und der Bayerische Hebammenverband dazu auf, Wochenbettsprechstunden anzubieten. Der Hintergrund: Dieses Angebot soll für die Frauen sein, die keine Hebamme mehr finden, die sie vor und nach der Geburt betreut.

Eigentlich eine gut gemeinte Idee, könnte man denken. Doch genau das ist es nicht! Wenn wir als Hebammen so etwas anbieten, unterstützen wir Politik und Krankenkassen höchstpersönlich bei der Abschaffung unseres Berufsstandes. Die Wochenbettbetreuung ist als aufsuchende Tätigkeit gedacht – und das nicht ohne Grund. Denn in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt brauchen Mutter und Kind ihren persönlichen Schutzraum, um sich zu erholen und aufeinander einzuspielen. Schon das Gewusel in der Klinik ist vielen Wöchnerinnen schnell viel zu aufregend.

Deshalb ist die Idee, dass eine Frau mit ihrem Neugeborenen durch die Stadt fährt, um für die Wochenbettbetreuung eine Praxis aufzusuchen, in der Tat völlig absurd. Geburtsverletzungen oder Probleme mit der Brust werden zudem die Motivation nicht erhöhen, selbst wenn die Frau eigentlich dringend Hilfe benötigt. Dieses Angebot wird also nicht diejenigen erreichen, die Hebammenunterstützung im Wochenbett dringend bräuchten. Auch die junge Teenagerschwangere wird nicht in eine Sprechstunde gehen, von der sie nicht weiß, mit wem sie dort sprechen wird. Und alle Hebammen wissen, dass sich Stillprobleme und untröstliche weinende Babys nicht an Werktage und Sprechzeiten halten. Und was ist erst mit den Frauen, die nach Ende der Sprechstunde noch im Wartezimmer sitzen? Schickt man die weg oder arbeitet man weiter, bis man selbst in den Burnout rutscht?

Wir schaufeln uns hier unser eigenes Hebammengrab

Und was ist mit der gerne von der Krankenkasse angeführten Qualitätssicherung? Im Schnellverfahren Mütter ohne vernünftige Anamnese und ohne Verlaufsbeobachtung abzufertigen, wird sicherlich nicht für eine höhere Betreuungsqualität sorgen. Auch im Wochenbett ist es zuerst die kontinuierliche 1:1-Betreuung, die dafür sorgt, dass Probleme bei Mutter oder Kind frühzeitig erkannt und behandelt werden. Das in der Schwangerschaft aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen Hebamme und Familie ist die Grundlage dafür, dass sich die Mütter auch mit zum Teil sehr intimen Problemen und Fragen an uns wenden.

Eine Sprechstunde in der Hebammenpraxis hat maximal den Charakter der früher üblichen Wiegesprechstunde mit ein bisschen allgemeiner Beratung. Mit einer kontinuierlichen und qualitativ hochwertigen Wochenbettbetreuung hat das nichts zu tun. Doch die Krankenkassen können ihren Versicherten, die keine Hebamme mehr gefunden haben, damit zumindest irgendetwas anbieten. Und damit ist dann für sie das Problem vom Tisch.

In der Tat werden die Kassen diese Variante vermutlich sogar gerne befürworten, weil es sie über fünf Euro weniger kostet im Vergleich zur aufsuchenden häuslichen Wochenbettbetreuung. Auch die sonst zu übernehmenden Fahrtkosten der Hebamme entfallen. Pro versicherter Mutter kann man so also prima Geld sparen, da ja auch die täglichen Besuche im Frühwochenbett wegfallen. Die Bezahlung des Ganzen als “Wochenbettbetreuung in einer von Hebammen geleiteten Einrichtung nach der Geburt” gilt aber nur für QM-qualifizierte Geburtshäuser und Praxen. Doch das sind meist nur die, die auch geburtshilflich arbeiten- also die Minderheit. In einer regulären Hebammenpraxis kann eigentlich nur eine Beratung für knappe sechs Euro abgerechnet werden. Ein weiterer Grund, warum Hebammen so nicht arbeiten sollten.
Eine Sprechstunde, die durchschnittlich zweimal pro Woche stattfindet ist also das reinste Wochenbettschnäppchen für die Krankenkassen. Passen wir als Hebammen nicht auf, wird diese Variante der Betreuung ganz, ganz schnell zur Normalität werden. In der Geburtshilfe geht es ja auch schon lange irgendwie ohne 1:1-Betreuung, also kann man diese doch auch noch in den anderen Hebammenbereichen abschaffen!

Jede Kollegin, die aus vermeintlichem Mitleid mit den Müttern diese offenen Sprechstunden anbietet, arbeitet an ihrer Abschaffung mit. Wir schaufeln uns hier unser eigenes Hebammengrab.
Auch mir tut jede Absage persönlich leid, die ich verzweifelt suchenden Frauen geben muss. Aber ich habe für mich beschlossen, lieber wenige Frauen gut zu begleiten als in Massenabfertigung möglichst viele. Dennoch ist es extrem wichtig: Die Frauen, die keine Hebamme mehr bekommen, dürfen sich nicht mit irgendwelchen Sprechstunden abspeisen lassen, sondern müssen ihren Krankenkassen aufs Dach steigen, damit diese die Hebammen endlich so vernünftig finanzieren, dass sie von ihren Beruf leben und genügend Hebammen ihre Dienste anbieten können.

Also bitte, liebe Kolleginnen: Denkt über den nachvollziehbaren Wunsch, den Frauen jetzt schnell zu helfen, etwas längerfristiger hinaus. Wenn wir die qualitativ minderwertigeren und billigeren „Ersatzangebote für Hebammenbetreuung“ nun auch noch selbst anbieten, schaffen wir uns langfristig einfach selbst ab. Und dann können wir wirklich sagen: „Die armen Frauen…“