Frau Marini, Deutschland braucht auch freiberufliche Hebammen!

Frau Marini, Deutschland braucht auch freiberufliche Hebammen!

Sehr geehrte Ann Marini, ich weiß nicht, ob Sie sich Ihre Worte vorher überlegt haben, aber da Sie als Pressesprecherin des GKV-Spitzenverbandes arbeiten, muss ich unterstellen, dass Sie wissen, was Sie tun. Umso mehr schockiert mich Ihre Aussage als offizielle Vertreterin der Gesetzlichen Krankenkassen, dass Sie glauben, freiberufliche Hebammen bräuchte man in Deutschland nicht. Ich fürchte, das sehen so einige Menschen da draußen etwas anders als Sie.

Ich bin einer dieser Menschen. Meine Frau ist Hebamme. Freiberufliche Hebamme, mittlerweile seit so einigen Jahren. Ich kenne meine Frau schon sehr lange. Habe erlebt, wie sie als Krankenschwester gearbeitet hat und dann ihre Hebammenausbildung machte. Zuerst arbeitete sie angestellt, später teils angestellt und teils freiberuflich, dann komplett freiberuflich. Ich habe sie stets bewundert dafür, dass sie bis spät in die Nacht und an manchen Tagen auch die Nacht hindurch arbeitete, um Familien in dieser besonderen und wichtigen Lebensphase zur Seite zu stehen.

Und nun kommen Sie in Ausübung ihrer Funktion daher und besitzen tatsächlich die Dreistigkeit, den freiberuflichen Hebammen diese Sätze entgegen zu schmettern.

„Hebammen ja, das kann man nur unterstützen“, sagen sie. „Hebammen sind ein ganz wichtiger Beruf“, sagen sie. Und fragen dann nach, „ob es wirklich immer die freie Hebamme sein muss?“ Ihre Antwort: „Da muss man einfach sagen, vielleicht nicht. Weil, wenn ich freiberuflich tätig bin, muss ich mir vorher überlegen: Lohnt sich das auch rein finanziell betrachtet? Und da muss man dann eben wirklich abschätzen: Ist das zum jetzigen Zeitpunkt in der Region, in der ich dann tätig bin, wirklich eine Tätigkeit, die ich so ausüben kann, dass ich mich finanzieren kann? […] Lohnt sich das finanziell?“

Ganz ehrlich, ich habe mich mehr als einmal gefragt, warum meine Frau das tut. Warum sie sich und an manchen Tagen auch mir und unserer Familie das antut. Und mich in der Tat auch gefragt, warum sie es für vergleichsweise so wenig Geld tut. Ich habe in meinem Leben fast immer mehr Geld für meine Arbeit bekommen als meine Frau, aber weder als Lokalredakteur in Bad Pyrmont noch als Videospieljournalist in Berlin je diese Verantwortung tragen müssen, die sie jeden Tag trägt. Eine Verantwortung, die jede Hebamme trägt, egal ob sie freiberuflich oder angestellt arbeitet. In beiden Fällen wird sie mies dafür bezahlt in diesem Staat. Und sie kann als Freiberuflerin nicht einmal ihre Sätze selbst bestimmen.

Dieses Gefühl kann man nicht in Exceltabellen packen

Aber sie lieben ihre Arbeit, die Hebammen. Sie sehen ganz klar deren Wert für unsere Gesellschaft und denken vermutlich (und völlig zu recht) zu wenig betriebswirtschaftlich, wenn sie nicht den Hausbesuch nach rechnerisch sinnvollen 30 Minuten abbrechen. Stattdessen bleiben sie und helfen der weinenden Wöchnerin, das schläfrige Baby endlich zum Stillen zu animieren. Oder geben Raum, eine traumatische Geburt zu verarbeiten. Oder begleiten Frauen über viele Stunden ohne beschleunigende Interventionen unter der Geburt. Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett kann man eben nicht wie von Ihnen vermutet streng kaufmännisch erfassen. Und gerade als Hebamme sollte man es auch nicht müssen, aber es ist auch die Schuld der Krankenkassen, dass genau damit nun immer mehr Hebammen konfrontiert sind.

Ich vermute, Frau Marini, Sie haben keine Kinder. Sonst würden Sie eine solche Frage und solche Herleitungen gar nicht treffen können. Dann hätten Sie nämlich vielleicht selbst erlebt, was es heißt, von einer Hebamme betreut zu werden. Mir ging es auch so. Ich habe erst verstanden, was meine Frau leistet, als unsere Hebamme mit uns durch die Geburt ging oder am Bett meiner Frau saß und ihr dabei half, die ersten Tage mit Kind zu begreifen. Und mir als Vater dabei half, das alles zu erfassen. Und uns beiden mit Wissen, Zeit und der nötigen Ruhe dabei half, das Elternsein anzugehen. Das daraus resultierende gute Gefühl kann man nicht in Exceltabellen packen und ihm einen festen Wert zuordnen. Aber ich wette, dieses Gefühl ist bei fast allen Familien vorhanden, die eine gute Hebammenbetreuung erlebt haben.

Sollten Sie doch Kinder haben und vielleicht gar eine schlechte Hebammenbetreuung erlebt haben, dann tut mir das leid. Doch aufgrund eigener Erfahrungen einem ganzen Berufsstand die Daseinsberechtigung abzusprechen ist unprofessionell und zeugt von Herzlosigkeit. Das tut mir auch leid. Für Sie und Ihre Familie.

Es ist ein großes Problem, wenn jemand in ihrer Position einen derartigen Stuss in der Öffentlichkeit verbreitet, wie sie es getan haben. Als Pressesprecherin der GKV wissen Sie ganz genau, dass niemand die freiberuflichen Hebammen für die häusliche Wochenbettbetreuung anstellen und bezahlen würde. Ihr Versuch, das Ganze auf den Sicherstellungsauftrag der Krankenhäuser abzuwälzen, ist völlig absurd, da die Kliniken ja nicht einmal die Geburtshilfe personaltechnisch so ausstatten können, dass Geburten immer sicher und menschenwürdig betreut werden können. Das habe ich als Hebammenmann längst begriffen. Aber auch hier vermute ich, dass Sie es einfach noch nie erlebt haben, als Gebärende unter Wehen immer wieder allein gelassen zu werden, weil eine Hebamme drei Geburten gleichzeitig betreuen muss.

Anders gesagt: Haben Sie eigentlich überhaupt irgendeine Idee, wie der Alltag einer Hebamme aussieht, egal ob angestellt oder freiberuflich? Ich glaube nicht und hoffe, dass der über Sie und den GKV-Spitzenverband nun hinwegrollende Sturm der Entrüstung dazu führt, dass Sie sich öffentlich für den von Ihnen verbalisierten Unsinn entschuldigen müssen.