Hinschauen, handeln und Flüchtlingen helfen!

Hinschauen, handeln und Flüchtlingen helfen!

Hebamme Simone Logar ist seit über zwei Wochen jeden Tag im Einsatz auf dem Gelände des Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin. Wie viele andere Helfer versucht sie dort die Not der ankommenden Flüchtlinge zu mindern. Die Initiative „Moabit hilft!“ hat in den letzten Wochen gemeinsam mit anderen Helfern wie etwa vom Berliner Hebammenverband Großartiges geleistet und sowohl die medizinische Versorgung als auch die mit Essen gesichert. Die ehrenamtlichen Helfer suchen Unterkünfte, spielen mit den Kindern der geflüchteten Familien, leisten die so wichtige Arbeit als Dolmetscher, sammeln und verwalten Sach- und Geldspenden und noch vieles mehr.

Es sind Menschen, die ihre Kraft, ihre Freizeit oder auch ihre Arbeitszeit investieren, um anderen Menschen in Not zu helfen. Die einfach tun, was getan werden muss. Auch wenn man denkt, dass es doch in Deutschland gar nicht erst zu solchen Umständen kommen sollte. Und dass die Politik jetzt schnell und unbürokratisch handeln müsste. Tut sie aber nicht – und deshalb helfen die Menschen eben einfach.

So wurde in den letzten Wochen nicht nur dafür gesorgt, dass die Flüchtlinge dreimal täglich ein Essen erhielten, sondern auch die Versorgung durch Ärzte und Hebammen sowie mit Medikamenten war gesichert. Parallel wurde immer wieder eindringlich darauf hingewiesen, dass der Berliner Senat endlich Verantwortung übernehmen muss.

„Es ist komplettes Chaos“

Nun hieß es am Montag endlich, dass diese Verantwortung auch übernommen wird und Caritas und Johanniter nun hauptamtlich vor Ort unterstützen werden. Leider führte das in den letzten Tagen vor allem zu großen Chaos. Bereits am Montagabend schrieb Simone in der Facebook-Gruppe, über die wir Hebammen uns organisieren, folgendes:
„Es ist komplettes Chaos! Alle Hilfen von ‘Moabit hilft!’ die bisher gelaufen sind, sind nun beendet worden. Sie wurden durch ‘Offizielle Hilfen’ abgelöst. Auch das freiwillige Helferteam der Ärzte und Hebammen soll ab morgen auf Order einer Mitarbeiterin des LaGeSo ersetzt werden. Wir mussten heute alles abbauen. Die unendlich vielen Spenden – wir hatten ein richtiges Medikamentenlager – sind nun in irgendeinem Keller eingelagert. Auch das Essen und alle Sachspenden sind nun fort und wir haben keine Vorstellung, was auf diesem Gebiet nun weiter geschieht. Der Caterer, der jetzt eingesetzt wurde, kocht jedenfalls nur noch einmal am Tag. Vorher gab es drei Mahlzeiten und viele Snacks zwischendurch. Heute Abend waren viele hundert hungrige Menschen und Kinder vor Ort! Furchtbar das zu sehen.“

Gestern war ich selbst das erste Mal dort vor Ort, da wir bis zum Wochenende noch im Urlaub waren. Zum Glück waren die ja „eigentlich nicht mehr erforderlichen“ ehrenamtlichen Helfer trotzdem da, denn es war nichts wirklich organisiert und einen hauptamtlich geschickten Arzt gab es auch nicht auf dem Gelände. Sämtliche Hilfsmittel waren allerdings weggeräumt und irgendwo eingelagert. Mit der Begründung, dass die gesammelten Medikamente ja nicht ordnungsgemäß überprüft wären. Statt die zahlreichen Medikamentenspenden zu nutzen, sollen jetzt wohl erforderliche Medikament und medizinisches Material in Apotheken neu bestellt werden. Als ich ankam, war gerade ein Helfer auf dem Weg in eine Apotheke, um Nahtmaterial zu besorgen. Ein kollabierter Flüchtling hatte eine Kopfplatzwunde, die genäht werden musste. Vielleicht und hoffentlich schnell wird sich die Medikamentensituation wieder verbessern, aber das ist akut noch Zukunftsmusik, die dem Baby mit dem Soorbefall bis zum Bauchnabel genauso wenig hilft wie dem vierjährigen Sohn einer geflüchteten Mutter, der jetzt starke Halsschmerzen hat.

Die nun für die Organisation des Geländes verantwortliche Caritas möchte keine Spendenlager mehr vor Ort erhalten, da die Menschen ja möglichst zukünftig gar nicht so lange auf dem Gelände sein sollen. Ob es tatsächlich die nun neu geschickten hauptamtlichen Helfer nicht wollen oder es eine Auflage „von oben“ ist, weiß ich nicht. Aber Fakt ist, dass die geflüchteten Menschen nun mal gerade da sind und das auch über längere Zeit, weil sie keine Unterkunft bekommen. Und dass dort Erwachsene ohne Schuhe, aber auch Kinder ohne Hosen herum laufen. Und das bei längst nicht mehr sommerlichen Temperaturen, vor allem am Abend und in der Nacht.

Wer hinschaut, weiß, dass er handeln muss

Wer gemütlich im Warmen sitzt und darüber nachdenkt, wie man das wohl alles am besten bürokratisch überkorrekt organisieren könnte, sollte sich die Lage vielleicht einfach auch mal vor Ort anschauen. Es verändert vieles, wenn man Kinder unter der Ladefläche eines dort geparkten Lkw auf dem Boden schlafen sieht. Oder erschöpfte und hungrige Menschen, die sich um die vielen, aber doch zu wenigen Pizzen streiten, die ein freundlicher Essensspender auf das das Gelände gebracht hat. Denn offiziell wird ja jetzt nur noch einmal am Tag für die Flüchtlinge Essen angeboten. Darunter sind auch viele Schwangere und Kinder oder eine Frau, die ihr Kind erst vor acht Tagen auf der Flucht geboren hat. Der zunehmende Hunger lässt natürlich auch die Stimmung vor Ort angespannter werden. Und die wenigsten von uns können sich wohl nur ansatzweise vorstellen, wie es sich mitten in Deutschland anfühlen muss, wenn man als Mutter verzweifelt auf der Suche nach Essen für seine Kinder herum läuft.
Es ist natürlich zu hoffen, dass sich das Chaos bessern wird, wenn die hauptamtlichen Helfer – es sind wohl drei oder vier Stellen, die dafür finanziert werden – sich „eingearbeitet“ haben. Doch nachdem, was ich die letzten Tage dazu gehört und gelesen habe, bleiben große Zweifel. Und ohne die Ehrenamtlichen wird es auch weiterhin überhaupt nicht gehen. Jene Menschen, die hinschauen und sehen, was zu tun ist und einfach handeln. Jetzt.

Und dann gab es auch noch, kurz nachdem ich mit Jana vom Hebammenblog das LaGeSo-Gelände verlassen habe, dort eine Bombendrohung und die Gebäude wurden evakuiert. Und wieder kommen mir einfach nur die Tränen, wenn ich mir auch nur ansatzweise vorzustellen versuche, wie sich das für Menschen, die gerade aus ihrem Land vor Waffen und Bomben geflohen sind, anfühlen muss. Aber auch für die vielen Helfer vor Ort.

Während man die Zeitung zuschlagen kann oder die Berichte und Bilder im Netz wegklicken kann, wenn es einem zuviel wird, verschwinden die realen Bilder nicht einfach so. Sie bleiben im Kopf. Und wer hinschaut, weiß, dass er handeln muss. Und etwas Gutes tun kann jeder.

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