„Die beste Methode zum Beifüttern ist nicht bekannt“

„Die beste Methode zum Beifüttern ist nicht bekannt“

„Die beste Methode zum Beifüttern ist nicht bekannt“ – diesen Satz der American Academy of Pediatrics zitiert der Kinderarzt Herbert Renz-Polster in seinem Vorwort für das Buch Einmal breifrei, bitte, welches am 24.06.2013 im Kösel-Verlag erscheinen wird. Recht hat er und deshalb ist Baby led weaning (vom Baby aus gesteuertes Entwöhnen von der ausschließlichen Muttermilchernährung) eine genauso anerkannte Methode zur Beikosteinführung wie das klassische „Breischema“. Statt Brei gefüttert zu bekommen, bedient sich das Baby hier selbst an geeignetem Fingerfood.

Ich behaupte sogar mal, dass dieser Weg den Bedürfnissen vieler Kinder sogar noch mehr entgegen kommt, weil eben das Baby bestimmt was und wie viel von den angebotenen Lebensmitteln in seinem Bäuchlein verschwindet. Geleitet von der kindlichen Neugierde und nicht vom Hunger, wird das Baby zunächst noch weiterhin die Muttermilch oder Formulanahrung als Hauptnahrungsmittel trinken. Nach und nach wird das Essen von fester Kost die Milchmahlzeiten reduzieren – zeitlich ganz individuell und fern ab von allen Beikostplänen…

Ignorierte Breiangebote

Als unsere erste Babytochter knappe sieben Monate alt war, haben wir ihr die liebevoll selbst gedünstete und pürierte Karotte auf dem Löffel angeboten. Sie fand das ganz lustig, hat uns ein paar Fotos schießen lassen, auf denen sie den Löffel im Mund und den Möhrenbrei im Gesicht hatte. Und das war es dann auch schon mit der großen Breifütterei. Alles, was ich damals noch so schön als Hebamme empfohlen hatte, klappte nicht. Das Baby wollte weder Brei noch wollte es gefüttert werden. Zum Glück wusste ich, dass man Kinder zum Essen weder zwingen noch irgendwie austricksen soll, damit sie sich stumpf und teilnahmslos belöffeln lassen. Also hat sie weiter gestillt, unsere Breinagebote ignoriert und irgendwann angefangen, sich von unseren Lebensmitteln zu bedienen.

Da damals noch das Allergiegespenst durch die Beikostszene schwebte, war ich reichlich unentspannt, wenn das Kind mein glutenhaltiges Brot schnappte oder an der allergieverdächtigen Tomate lutschte. Die 2009 erschienenen aktualisierten Allergieleitlinien, die das Wissen aus 323 wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Allergieprävention beinhalten, gaben dann Entwarnung bzw. es zeigte sich, dass ein Kontakt mit einer reichlichen Auswahl gesunder Lebensmittel sogar das Allergierisiko mindert. Aber 2006 sah die Beiskostwelt halt noch ganz anders aus…

So futterte sich das Baby mit einer Mischung aus circa 75 % Muttermilch und 25 % Fingerfood, teils aus der Allergie-NOGo-Liste, trotzdem rund und gesund. Da es dem Kind offenbar sehr gut ging, war ich nicht allzu besorgt, ließ mich aber auch wie wohl alle Eltern immer wieder gerne mal verunsichern.

Erneut verwirrte Eltern

Beim zweiten Kind war dann bereits Baby led weaning von Gil Rapley und Tracy Murkett erschienen, die englische Baby led weaning-Bibel. Wenn auch das Konzept in Deutschland immer noch nicht allzu verbreitet war, konnte ich mit viel mehr Gelassenheit der Breiverweigerung unserer zweiten Babytochter begegnen. Die neuen Leitlinien zur Allergieprävention machten es dann noch viel einfacher. Auf einmal brauchte man als Hebamme bei der Beikostberatung nicht mehr allein eine Stunde, um den Eltern ellenlange Listen verbotener Lebensmittel zu erläutern.

Eigentlich wäre also alles ganz einfach jetzt und trotzdem hält sich die Verunsicherung junger Eltern hartnäckig. Denn viele Fachleute halten an ihren alten und starren Empfehlungen fest, die Babynahrungshersteller sowieso. Dann gab es mit den neuen Leitlinien auf einmal auch noch grünes Licht für die Beikostfütterung schon nach dem vierten Lebensmonat. Die Babynahrungsindustrie verdrehte die Studien dann so, dass auf einmal alle Eltern meinten, sie MÜSSEN nun ab dem fünften Lebensmonat zufüttern. Dabei besagt jene Studie nur, dass ein Beikostbeginn später als nach dem 5. Lebensmonat keine Vorteile in Bezug auf die Allergieprävention hat. Einfach gesagt: WENN ein Kind mit fünf Monaten alle Beikostreifezeichen zeigt, spricht aus allergiepräventiver Sicht nichts dagegen, ihm Beikost anzubieten.

Nach den WHO-Empfehlungen darf aber auch weiterhin bis zum siebten Lebensmonat mit dem Beikostbeginn gewartet werden, denn volle sechs Monate ausschließliches Stillen senkt zum Beispiel nachweislich das Risiko für kindliche Atemwegserkrankungen, Mittelohrentzündungen oder Magen-Darm-Infekte. Mal wieder gilt es als Hebamme, die verwirrten Eltern zu beruhigen. Also am besten auf das Baby schauen und darauf, wofür es schon bereit ist. Denn das ist und bleibt das entscheidende Kriterium: das Baby bestimmt das Tempo des Essenlernens. Aber darüber und über andere Fakten zum Beikostbeginn habe ich ja hier schon ausführlich geschrieben.

Lesetipp: „Einmal breifrei ,bitte“

Wer nun auch so einen kleinen Breiverweigerer zu Hause hat oder einfach Lust hat, einen anderen entspannten Beikostweg zu gehen, der aber auch Brei und Füttern nicht ausschließen muss, für den ist Einmal breifrei, bitte ein wirklicher Lesetipp. Es ist das erste Buch in deutscher Sprache zum Thema Baby led weaning. Die Autorinnen Eva Nagy (Hebamme und Stillberaterin) und Loretta Stern (Schauspielerin) haben alle relevanten Fakten zur breifreien Beikosteinführung aufgeführt. Die aufgeschriebenen eigenen Erfahrungen von Loretta Stern mit ihrer Tochter Karline spiegeln die vielen und häufigen Fragen von Eltern zum Thema wider. Die Antworten darauf werden durch das Expertenwissen der Hebamme untermauert, die aktuelle Erkenntnisse und Studien zum Thema aufzeigt.

Es werden auch weit verbreitete „Beikostmärchen“ entkräftet, so zum Beispiel das vom generellen Eisenmangel bei Stillkindern. Das Buch ist sehr praxisnah geschrieben und man bleibt nicht mit dem Gefühl zurück, erst mal ein Studium der Ernährungswissenschaften absolvieren zu müssen, bevor man dem Baby etwas anders als Milch anbieten kann. Generell vermittelt es den Eltern, ihrem Kind zu vertrauen und gelassen und stressfrei an die Sache zu gehen. Eltern von „Spätessern“ können hier sicher viele Sorgen genommen werden. Ein Beikostbeginn mit Fingerfood erlaubt dem Baby viele tolle Geschmackserfahrungen und fördert zudem seine Motorik und seine Essfertigkeiten. Das Buch ist aber keinesfalls dogmatisch, sondern überlässt Eltern und Kind die Wahl des für sie passenden Beikostweges. So wird zum Bespiel auch das „babyfreundliche“ Füttern mit dem Löffel beschrieben. Ich freue mich jedenfalls, dass es neben den gefühlt 1000 Breikochbüchern nun endlich auch dieses aktuelle Buch zur babygesteuerten Beikosteinführung gibt.

Melone, Nudeln und Muttermilch

Und was macht eigentlich der Babysohn in punkto Essen außerhalb von Muttermilch? Der hat nach einem sehr zögerlichen Beikostbeginn mit ausschließlicher Gurken- und Avocadophase plötzlich beschlossen, sehr vieles an Fingerfood auszuprobieren und das mittlerweile auch in sättigenden Mengen. Er liebt es ebenso, Melonenstückchen wie Nudeln nebst Sauce zu futtern, trinkt aber gerne fast immer noch ein Schlückchen Muttermilch zum Nachtisch. Genauso lecker findet er aber auch seinen Hirse-Apfel-Brei, den er mittlerweile schon recht geschickt selbst mit dem Löffel in den Mund befördert. Denn Gefüttertwerden mögen scheinbar alle drei Kinder nicht. Ich kann es verstehen. Im Rahmen meiner Krankenschwesternausbildung vor über 17 Jahren mussten wir uns mal gegenseitig füttern. Ich fand es irgendwie auch nicht schön.

Aber auch meine großen Töchter haben ihre übersprungene Breiphase inzwischen noch nachgeholt. Eine Zeitlang wollten sie nämlich am liebsten täglich Milchreis mit Apfelmark essen – mehr Breikonsistenz geht eigentlich nicht…