Die erweiterte Familie

Die erweiterte Familie

Als unsere erste Tochter fünf Monate alt war, saßen wir auf dem Informationsnachmittag eines mittlerweile geschlossenen Waldorfkindergartens hier im Kiez. Die Warteliste damals war lang und so musste man sich dort bereits Jahre vorher für einen Platz bewerben. Daran musste ich gestern denken, als ich den Artikel von Caspar Clemens Mierau zum Thema Waldorfkita- und schule las.

Die von uns besuchte Waldorfkita stellte das Konzept ausführlich dar und schon da war uns relativ klar, dass es zu sehr von unserer Lebenswirklichkeit abwich. Ich will damit nicht sagen, dass recht eng gefasste Rhythmen und Abläufe nicht auch gut und haltgebend sein können – aber so leben wir zu Hause einfach nicht. Und meine Idee von Kita war damals, dass diese keinen Bruch bedeutet zu dem, was mein Kind zu Hause und in unserem Alltag erlebt. Natürlich ist in jeder Kita vieles neu und anders, aber irgendwie sollte sich dieser zweite Ort doch unbedingt wie ein zweites Zuhause anfühlen. Der Waldorfkindergarten war es in dem Fall nicht, aber auch andere Kitas passten damals nicht. Der kleine Kinderladen, in dem wir mittlerweile seit über acht Jahren sind, kam zufällig in unser Leben über die Freundin einer Freundin.

Dieser Zufall war ein Riesenglück. Denn “unser” Kinderladen ist das erweiterte Zuhause aller drei Kinder geworden – und die Menschen, die dort arbeiten, fühlen sich wie Familie an. Das Kernteam ist seit der Gründung unverändert und ist nicht nur für die Kinder der Fels in der Brandung. Auch für uns als Eltern waren und sind sie da. Es sind einfach gute Menschen, die dort arbeiten. Punkt.

Kinder begleiten statt schreiben

Es gibt auch ein niedergeschriebenes Konzept, der Fokus liegt auf Bewegungsorientierung und täglichem draußen unterwegs sein. Die pädagogische Arbeit ist gut und nachvollziehbar. Aber für uns am wichtigsten ist und bleibt, dass sich unser Kind dort wohl und geborgen fühlt. Und das Gefühl gab und gibt es bei allen drei Kindern, dass hier die kleinen Menschen unabhängig von Konzepten und Plänen an erster Stelle stehen. Immer. Das hat Anja oft genug im Rahmen der Vorstandsarbeit über die Jahre mitbekommen, da es durchaus immer wieder für manche Familien und vor allem die Kinder schwierige Situationen gab. Die Zusammenarbeit mit einigen wenigen Eltern ist oder war wirklich nicht einfach. Ich denke, das kennen wohl alle Lehrer und Erzieher. Unsere Erzieher haben dabei aber immer den Blick auf das Kind behalten und sich selbst in ihrer Freizeit um interne und externe Hilfe für so manche Familie gekümmert, die das zu diesem Zeitpunkt manchmal kaum zu schätzen wusste.

Bei der Evaluation, die der Kinderladen neulich mal durchlaufen hat, kam als einziger großer Kritikpunkt heraus, dass die Dokumentation verbesserungswürdig ist. Ich sehe das persönlich durchaus als Pluspunkt, denn statt seitenlange Entwicklungsberichte zu schreiben, wird die Zeit mit den Kindern verbracht. Vieles wird hier spontan und aus dem Herzen heraus gemacht. Sei es das verspätete Mittagessen, weil das Spielen draußen an einem sonnigen Tag gerade so schön ist oder der Bau eines Gedenkplatzes für David Bowie. Und das ist gut so.

Nächstes Jahr werden wir unser persönliches Zehnjähriges in “unserem” Kinderladen haben. Zehn Jahre, in denen wir an jedem Tag dachten, was für ein Glück wir letztlich hatten, dass sich alles so ergeben hat. Auch unsere großen Töchter kommen immer wieder gerne dorthin zurück, um den kleinen Bruder abzuholen oder auch in den Ferien mal einen Tag dort zu verbringen. Die Große möchte unbedingt ihr Schulpraktikum dort machen. Dort in diesem zweiten kleinen Zuhause.

P.S.: Falls Ihr es lest: 1000 Dank K,J,T,W und E, dass es euch gibt. Und “Kaichen” auf Weltreise – Dich vermissen wir auch.