Wir lesen: Wie Kinder heute wachsen...

Wir lesen: Wie Kinder heute wachsen…

Nach allerlei Recherche und unendlich vielen Telefonaten mit diversen Verwaltungsstellen der Stadt Berlin haben wir ihn eines Tages bekommen: unseren Kita-Garten. Dieser war bis dato eine Brache mitten in der Stadt, auf der irgendwann mal eine Turnhalle gebaut werden sollte. Es ist aber eine ganz wunderbare Brache mit vielen Bäumen, hohem Gebüsch, allerlei undefinierbaren Pflanzen, Erde, Wiese, mit Steinen und Stöckern… und hier spielen die 24 Kinder unseres kleinen Kinderladens seit ein paar Jahren.

Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster und der Hirnforscher Gerald Hüther haben ein Buch geschrieben über die Natur als Entwicklungsraum und wie sie das kindliche Lernen, Fühlen und Denken beeinflusst. Und nein, Wie Kinder heute wachsen ist wahrlich kein „Früher war alles besser“-Buch, sondern beleuchtet die Entwicklung unserer Welt und wie wir darauf reagieren, was den Umgang mit unseren Kindern angeht. Doch nicht nur Renz-Polster und Hüther ist klar, dass wir uns irgendwie auf dem Holzweg befinden, wenn wir denken, dass die Montessori-App oder sonstige Kita-Lernsoftware unseren Kindern die fundamentalen Grundkompetenzen beibringt. Ausführlich beschreiben sie, dass Kinder soziale Kompetenz erfahren müssen und man sie ihnen nicht durch noch so pädagogisch wertvolle Bücher oder Lernprogramme vermitteln kann. Schon kleine Babys wollen selbst wirksam sein und sind es auch, wenn zum Bespiel ihr Schreien dazu führt, dass sie auf den Arm genommen werden und sich ihnen liebevoll zugewandt wird. Kinder lernen und erfahren sich vor allem im Miteinander mit anderen Menschen. Anfangs hauptsächlich im Kontakt mit den direkten Bindungspersonen, später spielt vor allem die altersgemischte Kindergruppe eine große Rolle.

Im Kitagarten helfen die Großen den Kleinen irgendwo hochzuklettern und genauso erklären sie ihnen, dass das selbst angelegte Hochbeet nicht zertrampelt werden darf. Die gleiche Ermahnung durch Erzieher oder Eltern wäre nicht annähernd so effektiv. Große und kleine Kinder spielen zusammen, meistens in einer Ecke auf dem Gelände, dass durch dichte Büsche nicht einsichtig ist. Und es passiert … nichts- nichts, was die Kinder tatsächlich gefährdet. Auf den Spielplätzen hier, auf denen häufig mehr Erwachsene als Kinder sind, ist die Unfallquote wesentlich höher.

Die Freiheit der Kinder beim Spielen in der Natur ist ein wichtiger Bestandteil für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Gestaltungskraft und Zugehörigkeit. Das Buch geht auf die Ängste der Eltern ein, die heute diese Freiheiten beschneiden und belegt, dass es heute nicht gefährlicher als früher ist, wenn Kinder „allein“ in der Natur spielen würden- sei es die Unfallgefahr oder einfach die Angst vor der bösen “Killerzecke” im Wald. Aber da gibt es natürlich noch die große Angst der Eltern, das eigene Kind würde irgendwann den Bildungsanschluss verpassen, wenn es seine Zeit mit Baumhäuser bauen und Bächen aufstauen verbringt anstatt in Förderkursen für den großen späteren Wettbewerb fit gemacht zu werden. Doch welche Fähigkeiten werden unsere Kinder später wirklich brauchen, um die Auswirkungen unseres destruktiven Umgangs mit unserem Planeten noch verhindern zu können? Mitgefühl, also die Fähigkeit zu spüren, wie es anderen Menschen, Tieren und selbst Pflanzen geht, wird da sicherlich hilfreicher sein, als die Kompetenzen, die einst der Babycomputerkurs vermittelt hat.

Seit es den Kitagarten gibt, kommt unsere Jüngste mit immer neuen Haustierideen nach Hause, mal ist es die Kellerassel, der Regenwurm oder die sooo niedliche Raupe, die bei uns einziehen soll. Jedoch kommen wir mit ihr immer wieder zu der Erkenntnis, dass der Lebensraum dort im Garten der beste Ort für dieses Tier ist. Weil die Kinder selbst die nasse Erde, in der der Regenwurm wohnt, sehen, riechen und fühlen (und machmal auch schmecken), leuchtet das schnell ein…

Ein großes Kapitel des Buches widmet sich dem „großen Drinnen-von Computern und Kinderspielen“. Dabei haben die Autoren einen undogmatischen, aber ausreichend kritischen Blick auf den Umgang mit Medien. Auch ich schließe mich der Meinung an, dass die so genannte frühe Medienkompetenz nicht dadurch erreicht wird, indem Kleinkinder auf einer App Klötzchen stapeln. Aber weshalb es in Schulen meist nur einen museumsreifen Computerbestand gibt und die Kinder immer noch teils ebenso veraltete Bücher mitschleppen müssen, anstatt eine immer aktualisierte Auflage auf einem Reader zu nutzen, frage ich mich ebenso wie die beiden Autoren. Und in der Frage um den zu exzessiven Medienkonsum von Kindern wird auch hier klar, dass am Ende wieder die Beziehungen die Leitplanken des Verhaltens sind oder um Herbert Renz-Polster ganz zu zitieren: „Nein, das mit den Beziehungen ist kein leeres Gerede. Ein Kind wird nicht deshalb zum sozialen Krüppel, weil es das Internet benutzt. Es bekommt dann Probleme, wenn es in seinem Beziehungssystem knirscht und wackelt. Fragt man Eltern, die sich über den exzessiven Medienkonsum ihrer Kinder beklagen, wie es ihrem Kind so eigentlich geht, was es so in seinem Leben macht und beschäftigt, so zucken viele die Achseln – sie wissen es einfach nicht. Genau das ist das Problem.“

Im Kitagarten gibt es keine aufgestellten Spielgeräte und bis auf etwas Sandspielzeug auch nicht viel anderes Spielzeug. Doch kein Kind fragt danach oder würde dem Spielen dort irgendein Fernsehprogramm oder Computerspiel vorziehen. Der Garten ist voller Schätze und Möglichkeiten, die es jeden Tag neu zu entdecken gilt. Man findet dort alles für Mutter-Vater-Kindspiele, Piratenabenteuer, Schatzsuchen oder zum Kochen von Blümchensuppe mit Schlammknödeln…

Der letzte Teil des Buches ruft noch einmal eindringlich dazu auf, zu überdenken, wie wir mit unseren Kindern und ihrem Zugang zur Natur umgehen. Aber vor allem sollten wir überdenken, wie es mit unserer eigenen Beziehung zur Natur aussieht. Dieses Buch ist wesentlich mehr als eine Anleitung, die Kinder zum Spielen ein bisschen nach draußen zu schicken, weil es gut für ihre Entwicklung ist. Das Buch ist ein wichtiger Anstoss, mit den „in der Tat beängstigenden Veränderungen in der Welt umzugehen und neue Wege und neue Leitmotive zu finden – gerechtere, nachhaltigere, leisere, teilhabendere, beziehungsvollere.“

Vor einem Monat haben wir übrigens die Kündigung für unseren Kita-Garten bekommen. Es soll nun die Turnhalle auf dieser Fläche gebaut werden, nachdem wahrscheinlich viele Monate lang einfach nur Baumaschinen durch das ehemalige Abenteuerland kriechen, weil die angrenzende Schule saniert wird. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass ein paar Bäume und Büsche dort stehen bleiben und ein paar Kellerasseln, Regenwürmer und Raupen ihr zu Hause behalten dürfen … sowie unsere Kinder auch.

Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum von Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther ist im September 2013 im Beltz-Verlag erschienen und kostet 17,95 Euro.