Wer braucht den Brei denn nun wirklich?

Wer braucht den Brei denn nun wirklich?

Ach ja, das ewige Thema Beikost … und da in Deutschland nun auch das Baby-led weaning zunehmend bekannter wird – eine entspannt vom Baby gesteuerte Beikostvariante, die vermehrt auf Fingerfood setzt, an dem sich das Baby bedient statt von den Eltern gefütterten Brei zu essen – war es nur eine Frage der Zeit, bis die Breifraktion zum Gegenangriff übergeht. So wunderte ich mich nicht allzu sehr, gestern in einer Elternzeitschrift einen Artikel mit folgender Überschrift zu lesen: „Babys brauchen Brei. Warum Fingerfood allein nicht gut ist“.

Wer wirklich Brei braucht, wird schnell klar, wenn man die Anzeigen großer Babynahrungshersteller in den Seiten rund um diesen Artikel erblickt.

Interessant ist auch die Begründung für die Fingerfood-Ablehnung. Es gäbe keine größeren Studien, die belegen, dass Baby-led weaning-Babys zuverlässig mit der Energie und den Nährstoffen versorgt werden, die sie brauchen. Stimmt, es gibt allerdings auch keine Studien, die das Gegenteil belegen. Das Fazit der Expertin vom Forschungsinstitut für Kinderernährung ist nun, dass die Eltern nur mit der Löffelfütterung auf der sicheren Seite seien. Zumindest scheinbar dann, wenn sich das Musterbaby an die vom FKE empfohlenen Musterbreimengen hält. Aber was für einen Stress bedeutet diese Aussage für die Eltern eines Babys, das nicht die angestrebte Breimenge verzehrt oder den Gemüse-Fleischmatsch ganz verweigert? Nährstoffmangel, schlechtes Gedeihen? Im Artikel behauptet die Expertin, dass die Muttermilch im zweiten Lebenshalbjahr nicht mehr genügend Nährstoffe liefere… Soll der kleine Breiverweigerer dann mit der Sonde breiernährt werden, das Kind gezwungen werden oder was ist die Idee?

Von Autohändlern und Fahrrädern…

Und der böse Eisenmangel schlägt ja sowieso zu, sobald ein Kind die magische Sechsmonats-Grenze überschritten hat. Interessant ist dazu, dass zum Beispiel eine Studie des FKE von der ehemaligen CMA (Centrale Marketing Gesellschaft der Deutschen Agrarwirtschaft) gefördert wurde, die ja für die Bewerbung von „Fleischprodukten“ bekannt war.

Die für einige FKE-Studien verwendeten Produkte stammen von Hipp oder Nestle, wie man auf deren Homepage nachlesen kann. Beides Hersteller, die sicherlich nicht sonderlich daran interessiert sind, dass mehr Babys Fingerfood in Form von selbstgekochtem Essen statt Breigläsern bekommen. Der Autohändler ist nun mal auch nicht daran interessiert, dass die Leute mehr Fahrrad fahren. Die Frage bleibt: Brauchen wir wirklich für alles eine wissenschaftliche Studie oder reicht nicht gelegentlich auch der gesunde Menschenverstand aus, der einem sagt, dass die Natur sicher nicht so defizitär in Sachen Nachwuchs ist, dass ein gesundes Baby am gedeckten Tisch oder an der stillenden Brust verhungert, wenn nicht ab Monat vier (oder spätestens sechs) eine bestimmte Breimenge in den Babymagen wandert?

Um Missverständnisse auszuschließen: Babys dürfen natürlich Brei essen, wenn sie es möchten. Sie dürfen auch Brei und Fingerfood oder eben auch ausschließlich unpüriertes Essen bekommen. Das Baby entscheidet und zeigt in der Regel deutlich, was es möchte. Wenn es das noch nicht kann, ist es meist auch noch nicht beikostreif. Denn ebenso wie Kaubewegungen machen und bestimmte motorische Fähigkeiten (den Kopf halten, mit wenig Unterstützung sitzen, Essen greifen können) haben, ist das Zeigen von Ablehnung (Kopf zur Seite drehen, Mund zupressen) ein Beikostreifezeichen.

Was ein Baby nicht möchte, ist unter Druck gesetzt zu werden, eine bestimmte Menge und Anzahl von Breimahlzeiten zu verdrücken. Es möchte keine gestressten Eltern, die aus Angst vor dem zitierten Nährstoffmangel mit Tricks und Ablenkung versuchen, eine vorgegebene Breimenge in das Kind zu befördern, unabhängig von der individuellen Konstitution und dem Befinden des Babys. Also: Weg mit den Breiplänen, die Anzahl, Menge und Zusammensetzung vorschreiben. Stattdessen sollten Eltern selbst für eine gesunde ausgewogene Ernährung sorgen, die das Baby nach und nach kennenlernt – ob in breiiger oder stückiger Form. Das Ziel der ganzen „Beikostwissenschaft“ sollten schließlich gemeinsame, entspannte, genussvolle und gesunde Mahlzeiten am Familientisch sein – ganz nach dem Motto:

„Wir sitzen beisammen,
der Tisch ist gedeckt,
wir wünschen einander,
dass es uns schmeckt.“