Kein Kind muss schlafen lernen...

Kein Kind muss schlafen lernen…

Seit einigen Tagen kreist eine Petition durchs WWW, welche den GU-Verlag auffordert, das Buch Jedes Kind kann schlafen lernen endlich vom Markt zu nehmen.

Entsprechend gibt es viele verschiedene Meinungen dazu. So auch diese meiner geschätzten Hebammenkollegin Jana. Auf ihrem Blog erklärt sie, warum sie nicht unterschrieben hat, obwohl sie grundsätzlich dagegen ist, Schlaflernprogramme anzuwenden, die auf Basis des „kontrollierten Schreiens“ basieren.

Ich hingegen habe die Petition unterschrieben, kam aber durch Janas Beitrag ins Nachdenken – warum? Grundsätzlich teile ich viele der Ansichten, die sie beschreibt. So auch die Empfehlung, bevor ein Elternteil so überfordert ist, sein schreiendes Kind zu schütteln, es besser sicher abzulegen, um diesem Impuls nicht nachzukommen. Natürlich ist es für ein Kind schrecklich, alleine schreien zu müssen, aber geschüttelt zu werden mit allen möglichen körperlichen Folgen ist weitgehend schlimmer als einmalig schreiend abgelegt zu werden. Aber das ist ein bisschen nach dem Motto gedacht: “Schlimmer geht immer”…

Denn wenn es zu dieser Situation kommt, ist sicher im Vorhinein schon längst ein Punkt überschritten worden, an dem Eltern bereits dringend Hilfe gebraucht hätten. Nahezu alle Eltern kommen mal in eine Situation, die sie restlos an ihre Grenzen bringt. Es ist gut, das zu wissen, zu erkennen und eine Strategie zu haben, damit umzugehen. Auch ich bespreche solche möglichen Situationen mit Eltern. Schon allein das Wissen, dass es vielen Eltern manchmal so geht, kann sehr entlastend sein. Und ja, es ist okay, zum Beispiel das schreiende kleine Bündel ins Tragetuch zu stecken, sich Kopfhörer aufzusetzen oder sich vielleicht mit Staubsaugen abzulenken. Wenn damit auch das Stresslevel der Eltern sinkt, reguliert sich auch das Kind schneller, das trotzdem Nähe und Körperkontakt erfährt. Patentrezepte gibt es da nicht, dafür muss man jedes Baby, seine Eltern und ihre gemeinsame Geschichte individuell betrachten. Was ich aber allen Eltern für solche Krisensituationen empfehle ist, sich vorher zu überlegen, wen man anrufen und um Hilfe bitten kann – und das jederzeit. Denn das ist in der Regel das Hauptproblem, dass Eltern mit einem Kind mit hohen Bedürfnissen meist ziemlich einsam und verlassen dastehen. Es ist oft schon nicht leicht, den Alltag mit einem Baby zu bestreiten, das gut auf Beruhigungsstrategien wie Stillen, Tragen oder ähnliches reagiert – aber wie viel schwerer ist es, wenn all das scheinbar erst mal nicht funktioniert.

Da braucht es andere Strategien, als an und über seine persönliche Schmerzgrenze zu gehen oder über die des Kindes. Es braucht Verständnis, Hilfe und Entlastung, damit Eltern einfühlsam ihr Kind mit solch hohen Bedürfnissen begleiten können, ohne dabei komplett selbst auf der Strecke zu bleiben.

Insbesondere diese hochgradig belasteten Eltern bekommen gerne als Tipp, das Konzept Jedes Kind kann schlafen lernen auszuprobieren. Und natürlich klammert man sich an jeden (noch so schlechten) Strohhalm, wenn man gerade kräftemäßig auf dem Zahnfleisch geht. Selbst wenn dieses Buch jetzt vom Markt genommen werden würde, wird es sicher noch lange dauern, bis es nicht mehr in den Bücherregalen junger Eltern oder auf Empfehlungslisten für Elternratgeberliteratur zu finden ist. Aber vielleicht muss ich in zehn Jahren ja dann wirklich nicht mehr frisch gebackenen Eltern erklären, warum dieses Schlaflernprogramm nicht den kindlichen bzw. generell menschlichen Bedürfnissen gerecht wird. Babys und kleine Kinder schlafen anders, aber sie sind deshalb keine defekten Automaten, denen man nur mal mit dem “richtigen” Programm das Schlafen beibringen muss. Dieser von nicht wenigen Ratgebern propagierte Baby-Optimierungswahn nervt, weil er Eltern (und vor allem den Babys) meist das Leben schwerer macht, als das er hilft. Es kostet viel Zeit bei den Wochenbettbesuchen, Eltern entsprechend aufzuklären, wenn das Umfeld mal wieder dieses und jenes gesagt hat, was mit dem Kind alles veranstaltet werden müsse, damit es “funktioniert”. Ich bin es manchmal ein bisschen leid, deshalb habe ich wohl diese Petition unterschrieben…