Das Leben der Anderen

von Anja

Als Hebamme habe ich in den letzten Jahren reichlich intime Einblicke in viele verschiedene Familien bekommen. Sie waren so unterschiedlich und so individuell, wie es jedes Baby ist, das in diese Welt hinein geboren wird. Oft hat sich das Bild einer Familie sehr verändert im Lauf des Betreuungsbogens vom Schwangerschaftsbeginn bis zum Ende der Stillzeit.

Der erste Eindruck beim Vorgespräch hatte später oft nicht mehr viel damit zu tun, wie ich diese Menschen letztlich miteinander erlebt habe. Mein berufliches Leitbild als Hebamme sagt folgendes: „Hebammen gewähren allen Frauen und ihren Familien ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Weltanschauung, ihren Lebensformen oder ihres sozialen Status die für sie notwendige Hilfe.“

Auch ich bin ich natürlich nicht frei von Schubladendenken. Aber die gedankliche Schublade beeinflusst hoffentlich nicht meine Arbeitsweise. Ich versuche, mich einfach auf das einzulassen, was ich im Verlauf erlebe. Vieles ist ähnlich, wenn ein Kind in eine Familie hinein geboren wird. Die Herausforderungen gleichen sich, nur die Bewältigungsstrategien sehen unterschiedlich aus. Dies hängt aber eher von den persönlichen Ressourcen und einem unterstützenderen Umfeld ab. Oft auch einfach von der Lebensphase, in der man sich gerade befindet.

Geld löst keine Lebenskrisen

So kann die erfolgreiche Managerin mit lang erwünschter Schwangerschaft in der schönen Altbauwohnung viel überforderter sein als die 16-jährige Schülerin, die ganz ungeplant schwanger wurde. Auch die finanziellen Verhältnisse sagen nicht wirklich etwas über das Wohlbefinden der einzelnen Menschen aus. Natürlich kann eine gewisse finanzielle Sicherheit vieles vereinfachen, aber glücklich machen allein kann sie nicht. Wirkliche Probleme wie sie durch Krankheit oder andere schwere Lebenskrisen entstehen, lassen sich nie mit Geld lösen.

Als Familienhebamme begleitet man Eltern und ihre Kinder in besonders belasteten Lebenssituationen über einen langen Zeitraum. Das ist nicht immer leicht. Doch in der Ausbildung lernt man, den Blick auf das Positive und die jeweiligen Ressourcen zu richten. Dies hilft nicht nur gegen das bisweilen persönlich auftauchende Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Es hilft vor allem der jeweiligen Familie weiter. Das Sehen und Wertschätzen der Dinge, die gut laufen, bringt wesentlich mehr, als eine ständige Fehlersuche. Und mit kleinen Schritten kann man langfristig sehr viel erreichen oder auch verändern.

Ich habe in meinen bisherigen Hebammenjahren so viele verschiedene Menschen und auch Lebenskonzepte kennengelernt. Manchmal war es einfach interessant, oft auch inspirierend.

„Schubladen“, die einen gerade nerven, einfach wegklicken

Warum ich das schreibe? Weil das Ganze ein bisschen mit den Eltern-Blogs vergleichbar ist. Die sind ja auch manchmal interessant oder eben inspirierend. Mittlerweile gibt es allein in Deutschland viele 1000 davon. Man kann sie weder alle lesen, noch alle Bilder anschauen. Doch so manches mal sind die Menschen schnell dabei, ein Urteil zu fällen. Aufgrund eines einzelnen Artikels oder gar nur eines einzelnen Bildes. Alles, was man Eltern im realen Leben vorwirft falsch zu machen, es wird bisweilen natürlich auch den bloggenden Eltern vorgeworfen. Zu viel Nähe fürs Kind. Oder wahlweise zu wenig. Das Essen zu ungesund oder zu öko. Oder alles zu inszeniert.

Manche schreibenden Eltern jammern vermeintlich zu sehr. Andere werden als überfordert eingestuft. Oder sie machen sich nur was vor, weil sie sich alles zu schön reden. Am Ende ist es wirklich egal: Man kann versuchen, einen Text noch so objektiv zu schreiben – es wird jemanden geben, der sich daran stört. Vielleicht, weil derjenige etwas komplett anders macht. Oder vielleicht, weil die Lebenssituation dieser Person momentan schwieriger erscheint. Und da kann das vermeintliche Glück der Anderen ganz schön nerven.

Wenn das Leben gerade etwas im Chaos versinkt, sehe ich vielleicht nur die schön gedeckten Frühstückstische. Dabei übersehe ich natürlich die Bilder von vollen Wäschekörben oder unordentlichen Kinderzimmern. Wenn ich gerade sehnsüchtig auf ein zweites Kind warte, möchte ich nicht lesen, dass da schon wieder jemand das mittlerweile fünfte Kind bekommt. Aber das Gute im Netz ist ja, dass man „Schubladen“, die einen gerade nerven, einfach wegklicken kann.

Glück steckt oft in den ganz kleinen Dingen

Und ich habe so ganz generell immer im Hinterkopf, dass in keiner Familie immer alles schön ist. Aber vor allem auch, dass in keiner Familie immer alles blöd ist. Und dass es immer etwas Gutes zu entdecken gibt. Glück steckt nämlich oft in den ganz kleinen Dingen. Vielleicht stelle ich mir einfach ein paar Tulpen aus dem Supermarkt auf den vollgekrümelten, chaotischen Frühstückstisch, an dem ich viel zu früh am Samstagmorgen nach schlafloser Nacht mit kränkelndem Kind sitze. Oder ich überlege mir, wer mich in einer Lebenskrise gerade ein bisschen unterstützen könnte. Womöglich eröffne ich auch ein Blog und schreibe mir meinen Ärger von der Seele.

Ein Blog gibt immer nur – ganz so wie das eingangs erwähnte Vorgespräch – einen kleinen Einblick. Er bietet nie ein vollständiges Bild. Jede Familie ist anders – nicht schlechter, nicht besser, sondern individuell. Und das Leben selbst ändert sich ohnehin stets und ständig.

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6 Kommentare

wheelymum 5. April 2016 - 14:56

Hallo Anja, danke für diesen wundervollen Einblick. Ich hatte eine ganz tolle Hebamme und wir haben uns wunderbar verstqanden. Ohne sie wäre das bei mir alles so nicht möglich gewesen. Ich habe mir erlaubt, deinen Artikel etwas aus dem Zusammenhang zu reißen und ihn als Lesewmpfelung an meinen Beitrag zur Blogparade von Staublos.ch. Ich bin nicht duhttps://wheelymum.wordpress.com/2016/04/05/du-bist-nicht-ich/ gehängt. Denn eigentlich ist es doch genau das: Leben und Leben lassen, ohne zu werten oder zu urteilen. Lg Wheelymum

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Model und Mama 1. April 2016 - 20:40

Hallo Anja,

welch schöner Artikel!!! Darf ich dich für meinen Blog interviewen? Das fände ich richtig toll. Natürlich verlinke ich auch auf deine Seite.

Mit den Schubladen das Thema das hatten wir noch die Tage. Auf dem Spielplatz haben mir Mütter gesagt, dass sie meine Reisevideos nicht immer so mögen, weil sie den Eindruck vermitteln, dass Reisen mit Kindern IMMER nur schön ist.

Aber es gibt auch welche, die sich nicht trauen Kinder in die Welt zu setzen, weil sie Angst haben, dass sie dann nicht mehr reisen können und diese schreiben mir dann, dass meine Artikel ihnen Mut machen, dass das Leben mit Kindern weitergeht, dass man trotzdem reisen kann und die Welt sehen 😉

Alles Gute weiterhin.

Ihr Hebammen leistet wertvolle Arbeit!!!!

LG Elischeba vom Blog „Model und Mama“

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Bianca 30. März 2016 - 17:05

Danke für den Artikel, ich bin auch seit 10 Jahren Fanilienhebamme und Du sprichst mir aus dem Herzen. Oft sagen Kolleginnen zu mir: wie kannst Du das nur aushalten, aber es geht mir ähnlich wie Dir: ich lerne immer besser das zu sehen was schön ist und da fange ich dann an.
Ich bin auch mit dieser kleine Schritte Politik ziemlich erfolgreich .
Alles Liebe für Dich❤️Bianca

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Heide Keller 30. März 2016 - 15:23

Als „stille Leserin“, auch eher zufällig auf den Blog gestoßen, als 2 fache Oma, wieder näher am Thema dran, als Sozialarbeiterin und Familientherapeutin häufig konfrontiert mit dem beschriebenen ein Kompliment zum Eintrag: alles auf den Punkt , mit Herz und Verstand, Kompetent und Wertschätzend. So etwas wünscht man sich häufiger in der Eltern-Mütter- Blog Landschaft

Herzliche Grüße Heide

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Anja 30. März 2016 - 10:50

Die (für mich) beste Hebamme, die ich hatte, hat genau das getan, nicht in Schubladen gedacht, sondern den Menschen in seiner konkreten Verfassung gesehen und ungeachtet aller “müsstest“ genau die Hilfe geleistet bzw. vermittelt. Professionell, herzlich, unaufdringlich. Diese Erfahrung hat mein Leben verändert.

LG Anja

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Susanne 30. März 2016 - 10:21

Das ist sehr schön <3
Und die Kaffeetassen kommen mir bekannt vor 🙂

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