Das macht man aber nicht

von Anja

Sonntagmorgens in einem Berliner Café. Wir sind mit Freunden zum Frühstücken verabredet. Vier hungrige Schulkinder und ein etwas genervter Dreijähriger hocken am Tisch und überlegen, was sie essen wollen. Der Dreijährige findet jedoch momentan häufig alles doof und äußert das nun gerade, indem er sein mitgenommenes Buch auf den Boden pfeffert. Ich hocke mich zu ihm auf den Boden und versuche, ihn davon zu überzeugen, dass das Leben doch nicht so schlimm ist, wie es sich gerade anfühlt. Doch das ganze wird ausgebremst von einer Mittfünfzigerin, die die Erziehung übernehmen will. Anklagend zeigt sie auf das Buch und sagt folgenden Satz: „Das macht man aber nicht.“ Damit meint sie wohl den Dreijährigen und den Umgang mit seinem Buch.

Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht unhöflich zu werden. Christian bekommt ein halbdiplomatisches „Bitte mischen Sie sich nicht ein, wenn Sie das gar nicht betrifft“ heraus. Die Frau guckt empört und wendet sich ab. Danach verbringt sie ihr Frühstück damit, ein bisschen zu laut am Nachbartisch mit ihrem Partner über die unerzogenen Tyrannenkinder von heute zu lästern.

Längst hat der Dreijährige seinen Ärger vergessen, aber mich wurmt es noch immer. Dieses anklagende „Das macht man nicht“ schwirrt weiter in meinem Kopf herum. Denn das macht man wirklich nicht. Man erzählt anderen Menschen nicht, was sie zu tun und zu lassen haben, wenn man gar nichts mit einer Situation zu tun hat oder nicht unmittelbar davon betroffen ist. Man stresst andere Menschen nicht zusätzlich, wenn die Situation gerade offensichtlich ohnehin nicht die entspannteste ist. Das macht man wirklich nicht.

Einfach mal was nettes sagen

Es gibt täglich locker 1001 „Das macht man nicht“-Situationen, die man bei Erwachsenen beobachten kann. Der Mann an der Ampel neben mir, der in der Nase bohrt. Der Hundebesitzer, der die Hinterlassenschaften seines Hundes liegen lässt. Der Autofahrer, der dem Radfahrer einfach die Vorfahrt nimmt. Die ältere Dame, die sich an der Kasse vordrängelt. Der klingelnde Fahrradfahrer auf dem Gehweg. Und und und. Aber wo genau steht bitte geschrieben, dass man mit drei Jahren sein Buch nicht auf den Boden werfen darf, weil man sauer ist? Aber der Appell ging wahrscheinlich eh weniger an den Sohn als an uns Eltern, die nicht dafür sorgen, dass das Kind „funktioniert“.

Zum Glück gibt es auch immer wieder nette Menschen, auf die man trifft und deren Worte viel mehr Gewicht haben sollten als die der ewigen Meckerer. Neulich beim Einkaufen ließ sich der Dreijährige nur schwer dazu motivieren, aus dem Auto auszusteigen. Wir „diskutierten“ mit ihm rum und sammelten Argumente, ihn irgendwie doch noch von unseren Einkaufsplänen zu überzeugen, während er nur im Auto hin und her kletterte und einfach nicht aussteigen wollte.

Da spricht uns ein Mann an, der gerade aus seinem neben uns geparkten Wagen ausgestiegen ist. Fast automatisch habe ich sowas erwartet wie „Jetzt machen sie dem Kleinen doch mal ’ne Ansage, dass er endlich mitkommen soll“. Stattdessen sagte der Mann nur: „So ein lustiges Kind. Und so nette Eltern, die würde ich allen Kindern wünschen.“ Wie gut das tat in dem Moment, kann ich gar nicht so recht in Worte fassen. Aber mein Fazit aus beiden Begegnungen bleibt: Jemandem, von mir aus auch in einer stressigen Situation, einfach mal etwas Nettes sagen… das kann man immer machen.

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23 Kommentare

Anke 2. November 2017 - 22:15

Die korrekte Antwort auf solch Verhalten ist „Aha“. Mehr nicht.
Oder „Meinung zur Kenntnis genommen. Ignoriervorgang wird eingeleitet!“ XD

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Timo 13. Juni 2017 - 16:40

Ich versuche den Gegenüber in solchen Situationen auszufragen, was ihn genau stört. Meist sind diese dann völlig sprachlos, weil sie dann erst merken, wie belanglos der Grund ihres Einmischens war.
Grundsätzlich finde ich es nicht schlimm, wenn sich andere einmischen, der Ton macht die Musik. „Könnten Sie bitte Ihre Kinder bitten etwas leiser zu sein?“ oder direkt an die Kinder „Ich weiß, ihr wollt spielen, aber könntet ihr bitte versuchen etwas leiser zu sein“ finde ich völlig in Ordnung, sofern freundlich im Ton.

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die Müllvermeider 12. Juni 2017 - 12:20

Mich ertappte mal ein älterer Herr (vermutlich ein Opa ;)) dabei, wie ich auf dem Trödelmarkt zu meiner goßen, ningelnden Tochter sagte: „Man kann doch nicht alle Fillys dieser Welt mit nach Hause nehmen“. Er dreht sich zu mir (!) um, lächelte und sagte betont „Klar kann man!“ Da hab ich erstmal geschluckt und einen Moment inne gehalten. Genau das, was ich brauchte! Dann konnte ich sagen:
„ICH will nicht alle Fillys dieser Welt mit nach Hause nehmen“ – und prompt kam zurück „Schon besser“.
Leider kam ich im Wuling nicht mehr dazu, mich bei dem Mann zu bedanken. 🙁 Solche Begegnungen brauchen junge Eltern!

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StefMich JuLe 11. Juni 2017 - 19:44

Man erlebt so Einiges mit den Kindern. Ich bin selbst Mama eines 6jährigen und einer 2jährigen. Letztere bekam neulich im Schwimmbad einen Wutanfall als ich sagte, dass ich ihr nichts aus dem dortigen Automaten kaufen würde (Naschereien aller Art), sie schrie und schrie und nach meinem Zureden, gab ich auf und ließ sie schreien. Da kam eine Frau auf sie zu und sagte: „Du, ich muss dringend telefonieren (zeigte auf ihr Handy), kannst du bitte leise sein?“ Sie war geplättet und hörte sofort auf. Da war ich mal sehr dankbar für ein „Einmischen“.
Viele meinen es tatsächlich gar nicht böse. Die meisten Mitmenschen, denen wir begegnen, reagieren eher mitfühlend, weil sie dieselben Situationen schon einmal erlebt haben. So versuche ich auch immer zu lächeln, wenn ich mal einer schwitzenden Mama, die versucht ihre Kinder zu beruhigen, begegne…

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Channah 15. August 2016 - 22:31

Man zeigt doch nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute

Boah, ich bin fast 12 Wochen Mama und könnte manchmal kotzen, was für ein intolerantes und klugscheisserisches Arschloch ich war… Jetzt bin ich Mama und nichts ist einfach, nichts geht nebenbei. Wenigstens war ich immer noch so schlau damals, die Leute nicht vollzubrabbeln oder mich so laut zu unterhalten, dass die Betroffenen es hören. Ich hab mir wenigstens meinen Taille gedacht oder das später mit andern diskutiert.

Man, wie naiv ich war!

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Kri-ma-em 20. April 2016 - 19:21

Wir an der Straße, Kind (1 1/2) will drüber, eir halten an, das Lind an der Hand und erklären ihm, warum das nicht geht. Geht ne Frau vorbei: „Als ob es die verstehen würde.“ Mein Mann etwas überrumpelt: „Und was sollen wir sonst machen? Wortlos wegzerren und verprügeln? “ Frau: „Wäre mal ein Anfang.“
Da wünscht man plötzlich, Menschen hätten Nummernschilder.

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Marlen 4. April 2017 - 21:00

Arg!!

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Susanne 19. April 2016 - 10:09

Verrückt. Vor 2 Jahren hätte ich wahrscheinlich auch gedacht (und vielleicht auch zu meinem Kind gesagt): das macht man nicht. Das war bevor ich einen autonomen 3jährigen zu Hause hatte und mich auf einmal gezwungen sah, meine gelernten Erziehunfsgrundsätze gründlich zu überdenken. Diese Auseinandersetzung hat gut getan, den Familienalltag total entspannt und heute diskutiere ich auch viel mit meinem Kind, lasse ihn viele Entscheidungen selbst treffen. Ich (selbst total angepasstes, liebes Mädchen) bin an meinem Sohn (alles andere als angepasst, aber pfiffig und total liebenswert und durchaus kooperativ, wenn man weiß mit ihm umzugehen) sehr gewachsen. Ich merke nun auch, wie „gut erzogen“ er doch ist, indem er einfach am guten Beispiel lernt. Viele Menschen haben sich nie mit ihrer eigenen Erziehung und ihren Erzuiehungsidealen auseinandergesetzt. So ein Spruch ist dann das Ergebnis.

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Martina von Jolinas Welt 19. April 2016 - 08:17

Ich finde es auf der einen Seite eine Grenzüberschreitung, auf der anderen Seite aber auch ein wichtiges Erziehungsmittel. Ich denke dein Problem ist, dass du dich angegriffen gefühlt hast, musst du aber nicht. Sie rügt ja nicht dich, dass du jetzt nicht einschreitest, manchmal ist man zu müde, sondern sie sagt dem Kind etwas, das es evtl. mehr beeindruckt, als wenn es von den Eltern käme.
Es gibt den Spruch, dass es ein ganzes Dorf braucht um ein Kind zu erziehen. Nur haben wir heute diese Dörfer leider nicht mehr und lassen es auch nicht mehr zu.
Wie oft hören Kinder, dass das was der Lehrer sagt sie nicht zu jucken braucht. Doch auch der ist Teil des Dorfes.
Gute und schlechte Dinge kommen von außen, das müssen auch kinder erfahren und vielleicht hatte dein Kind ja einen kurzen Aha-Effekt.
Uuups, es gibt auch noch andere Leute denen ich vielleicht mit meinem Verhalten auf den Keks gehe, nicht nur meinen Eltern, vielleicht muss ich dann im Lokal anders auftreten als zu Hause.
Doch für meine Meinung bekomme ich jetzt wieder schimpfe, ich weiß.
Das spätere genörgele kommt davon, dass ihr sie habt abblitzen lassen, denke ich.

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Amara 19. April 2016 - 10:19

Ich stimme dir zu 🙂

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Anja 19. April 2016 - 10:54

Liebe Martina,

keine Schimpfe, sondern ein Danke:) Deine Kommentar war ein guter Gedankenanstoss, den ich gleich noch verbloggt habe:
http://www.vonguteneltern.de/?p=7985
Der Sohn lag zu dem Zeitpunkt einfach nur unter unserem Tisch (neben dem Buch und mir). Er war auch nicht laut oder so. Zeitgleich weinte im Cafe ein Baby. Wahrscheinlich war die Frau genervt vom Gesamtsetting und von Kindern überhaupt. Und wir haben es dann abgekriegt…

Liebe Grüße, Anja

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Martina von Jolinas Welt 19. April 2016 - 13:39

Hab ich gerade gelesen, gefällt mir gut 🙂
Es gibt aber Menschen (soll ich hier Mütter schreiben? 😉 ) die können es nicht leiden wenn irgendjemand etwas sagt, sie können nicht loslassen, identifizieren sich zu sehr mit dem Kind, die habe ich auch kennengelernt, da half auch das Dorf nicht.
Meine Große wurde bis zum Kindergarten in einem kleinen „Rudel“ Kinder groß, die sie heute noch liebt, weil sie wie Geschwister groß wurden und wir Mütter immer abwechselnd lobten und schimpften, egal wessen Kind es gerade war. So kommt es auch, dass die Freundin meiner großen sich von mir trösten lässt als wäre ich ein enger Verwander, auch wenn wir heute nach vielen Jahren nicht mehr gemeinsam auf dem Spielplatz abhängen.
Ich habe übrigens das umgekehrte Problem, meine Kleine mit Down Syndrom wart keine Distanz zu Fremden und motzt die auch mal an, an der Supermarktkasse, wenn sie zu dicht mit dem Wagen ranfahren, oder sonst etwas tun, das ihr nicht passt

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Anke 2. November 2017 - 22:13

Das ist ja auch richtig!
Also das Meckern mit den Leuten die an der Kasse kuscheln kommen.
Ich find das gut!

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Marlen 4. April 2017 - 21:04

Ich stimme auch zu. (Den Dorf-Spruch mag ich irgendwie.)
Ich hab auch mal einem fremden Kind gesagt, dass „man nicht haut“. Das sollte erlaubt sein.

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E. 18. April 2016 - 21:29

In Amerika hab ich folgenden Spruch gelernt: „If you don’t have anything nice to say, don’t say anything at all.“ Den wuerd ich in Deutschland oft gern vielen um die Ohren fliegen lassen, soviel wie sich hierzulande eingemischt wird.

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Daniela 18. April 2016 - 20:01

Höflich kann ich dann nicht mehr, es läuft dann auf ein „muss Ihr Leben langweilig sein, wenn Sie sich in unseres mischen“ hinaus…bin halt kein Diplomat, wenn ich gestresst bin schon gar nicht ^^;;;;

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weib yvonne 18. April 2016 - 19:07

mein gern genutzter satz auf „das macht MANN(sic!)nicht!“ 😛

super, ich bin weib, das hier ist kind – MANN ist hier grad nicht. 😀

die ruhe nach dieser mitteilung ist grandios, auf mehr nette saetze fuer eltern!

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zwerg 18. April 2016 - 13:37

Boah, in solchen Momenten möchte ich auch immer schlagfertig sein! Das ist jedenfalls gar nicht knigge, das Kind so öffentlich anzuklagen, und schon gar nicht mit dem Finger draufzuzeigen. Und dazu kommen noch all die anderen Aspekte, bei denen die Frau sich daneben benommen hat. Das nächste Mal einfach laut auf so was Grundsätzliches hinweisen, also z.B. „Man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Leute!“ Naja. Ist wohl kindisch so zu reagieren.

In anstrengeden Situation (z.B. in einer proppevlen Ubahn) jedenfalls rede ich mir immer gut zu, dass Deutschland gefälligst kinderfreundlicher werden sollte, und das können alle Anwesenden jetzt mal fein lernen. Irgendein Mantra brauch ich einfach.

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Anja 18. April 2016 - 13:34

“Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.“

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A Bullerbü Life 18. April 2016 - 13:23

Schön (also eigentlich gar nicht schön) ist auch, wenn man als Teil der Elterngruppe, die etwas jünger ist als der deutsche Durchschnitt, von den weisen Mittfünfzigern, Mittsechzigern u.ä. gleich miterzogen wird. Frei nach dem Motto: Du bist so jung, du kannst das gar nicht richtig machen!

Vertrauen und Empathie sind manchen Menschen leider irgendwie fremd…

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Lu 18. April 2016 - 13:05

„Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht unhöflich zu werden“- Das ist mein Leben. Was gäbe ich dafür, für jede dieser Situation ein perfekt vorgeformtes, höfliches aber doch sehr bestimmtes und schlagfertiges , Sätchen parat zu haben! Aber das würde ja bedeuten, dass man noch mehr Gedanken auf solche ungefragten Kommentare verwenden muss. Ich bin jedesmal froh wenn der Papa dabei ist, der reagiert irgendwie entspannter! 😉

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Hannah 18. April 2016 - 10:25

Oh ja, das kennen wohl (leider) viele Eltern…
Wir haben es auch schon oft erlebt, dass sich jemand Fremdes in Situationen eingemischt hat, die für uns herausfordernd waren. Dass jemand mal etwas nettes sagte, kam erst einmal vor, aber es hat mich ungemein gefreut. Es war eine lange Zugfahrt, der Kleine (1 1/2) müde und aufgeregt, manchnal auch laut und leider gab es kein Kleinkindabteil. Also saßen wir auf einem Viererplatz neben einem Herrn so um die 50, der wie ein Geschäftsmann wirkte, der auf seiner Fahrt dringend etwas Ruhe brauchen könnte. Als er nach zwei Stunden neben uns ausstieg, verabschiedete er sich mit den Worten „Sie machen das genau richtig!“ Es tat so gut, das zu hören! Und obwohl ich mir in meinem „Erziehungsstil“ eigentlich immer sicher war und mir nichts hab einreden lassen, hat es mich bestärkt und mir Mut gemacht.
Aber es stimmt, etwas nettes sagen könnte man im Grunde wirklich immer.

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Steffi 18. April 2016 - 09:49

Super Typ! Erinnert mich an eine Situation, die ich mal an der Supermarktkasse erlebt habe. Ich super-sauer und genervt, weil das Kind einen Schokokäfer (von dem ich ihr vorher gesagt hatte, dass ich ihn nicht kaufen würde) ausgepackt und reingebissen hatte (Den Käfer hab ich bezahlt, wollte ihn selbst essen und hab ihn dann in der Tasche vergessen). Hinter mir in der Kassenschlange ein junger (türkischstämmiger?) Mann, der die Geschichte am Rande mitbekommen hatte: So süß, die Kleine. Ich so: Ja, aber… bla-bla-blubb. Er so: Aber ich find sie super!

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