Der Jahreszeitentisch oder worauf es Kindern wirklich ankommt…

von Anja

Als ich meine liebste Freundin damals in der Hebammenausbildung kennenlernte, hatte sie bereits zwei Kinder. Durch sie habe ich damals die Idee des Jahreszeitentisches kennengelernt. Passend zur jeweiligen Jahreszeit hatte sie mit ihren Kindern einen Holzständer mit Seidentüchern, Filzpüppchen und Dingen aus der Natur passend gestaltet. Mir gefiel die Idee und so haben wir auch mit Kind eins einen Jahreszeitentisch angeschafft, der regelmäßig umdekoriert wurde. Auch als das zweite Kind kam, haben wir diesen Tisch noch thematisch zur Jahreszeit gestaltet. Manchmal war der Herbst dann zwar schon fast vorbei, als wir unseren Tisch herbstlich schmückten – aber die Kinder und auch wir nahmen das nicht so ganz genau.

Beim dritten Kind gab es dann oft nur noch den Wechsel zwischen zwei Jahreszeiten, dem Frühlingsommer und dem Herbstwinter. Für mehr fehlte einfach oft die Zeit. Ab und zu hatte ich deshalb ein schlechtes Gewissen, so wie das Mütter gerne mal haben, wenn sie den Kuchen kaufen, statt ihn selbst zu backen. Warum schaffe ich es nicht, vier mal im Jahr diesen Tisch zusammen mit den Kindern zu gestalten? Es ist doch so eine schöne Idee, auf die ich mich schon gefreut hatte, bevor ich Mutter wurde… Nun, jetzt vergesse ich es ganz oder die Kinder erinnern mich daran. Und manchmal finden wir trotzdem gerade keine Zeit dafür.

„Was ist eigentlich ein Jahreszeitentisch?“

Vor einiger Zeit erzählte ich meiner Freundin, die mittlerweile auch vier Kinder hatte, von meinem Dilemma. Ihre aus dem Haus ausgezogene große Tochter saß mit uns in der Küche und fragte plötzlich: „Was ist eigentlich ein Jahreszeitentisch?“ Kurz wussten wir nicht, ob wir weinen oder lachen sollten. Da konnte sich die große Tochter nicht mehr erinnern, wie liebevoll und kreativ ihre Mutter in ihrer Kindheit mit ihr zusammen den Jahreszeitentisch gestaltet hatte!

Als meine Freundin es ihr erklärte, kamen zwar ein paar vage Erinnerungen hoch, aber von so wirklich hoher Relevanz in Bezug auf eine schöne Kindheit schien es nicht für sie zu sein. Und mir fielen innerlich Filzpüppchen, Kastanien und Seidentücher vom Herzen, weil mir mal wieder klar wurde, worauf es wirklich ankommt.

Es sind am Ende nicht die schön gestalteten Jahreszeitentische oder Regenbogentorten, sondern es kommt „einfach nur“ darauf an, wie wohl und geborgen sich die Kinder in ihrer Kindheit gefühlt haben. Darauf, dass es immer offene Arme für sie gab und weiterhin gibt. Denn auch, wenn die große Tochter meiner Freundin längst von zu Hause ausgezogen ist, kommt sie immer wieder gerne zurück. Weil ihre Eltern für sie wichtig sind und nicht, weil die Deko im Elternhaus stimmt.

Natürlich darf und soll man mit seinen Kindern basteln, backen oder tun, was auch immer Freude macht. Es sollte nur nie zum Stressthema ausarten. Glücklich werden kann man mit selbst gebackenem oder gekauftem Kuchen, mit einer Mischung von beidem oder auch ganz ohne Kuchen.

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7 Kommentare

Julia 28. Juni 2017 - 10:56

Das finde ich so super 😉
Ich bin überhaupt keine bastelfreudige Mama, und Webrahmen und sonstiges fliegt meist durch die Gegend bei uns…
Meine Kinder malen und kneten zwar gern, aber darüber hinaus gibt es wenig Basteln. Aber dafür hören wir viel Musik, singen und machen vieles andere….:-))
LG, Julia

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Sabrina 26. Juni 2017 - 15:16

Oh je. Ich hab bis jetzt nur zwei Kinder und mich entspannt der Text schon . Danke dafür! #wohnortwechsel

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Frische Brise 1. November 2016 - 20:09

„… mir fielen innerlich Filzpüppchen, Kastanien und Seidentücher vom Herzen…“ Herrlich!

Genau so!

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An 1. November 2016 - 18:03

Ahhhh… Danke! Und: zum Glück gibt es für solche Dinge ja den Kindergarten, oder?

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Angela 1. November 2016 - 11:24

Ja, gerade bei kleinen und ersten Kindern tun sich Mütter da glaube ich oft einen ziemlichen Stress an, ohne den sie von ihren Kindern bestimmt nicht weniger geliebt werden würden. Ich frage mich auch manchmal, ob ich unserem Sohn zu wenig biete, weil ich einfach absolut nicht der Typ für Jahreszeitentische u.ä. bin. Ganz abgesehen davon schaffe ich so was einfach nicht unterzubringen in meinem Alltag (wohl auch, weil’s mir eben nicht so wichtig erscheint), schon gar nicht, seit die Schwester Ende August zur Welt kam. Er lebt viel mehr einfach in unserem Alltag mit, dafür darf er seit je her so gut wie überall mithelfen, und so habe ich mit 2,5 Jahren keinerlei Bedenken mehr, ihn in der Küche mit den normalen (kleinen) Messern hantieren zu lassen, außerdem wäscht er ab, hilft im Garten, schlägt Nägel ein und zieht sie wieder aus, und hat einen Riesenspaß auf den Riesensandhügeln auf der Baustelle. Ich denke, man sollte als Eltern gut drauf achten, was einem selbst auch Spaß macht, und nicht, was man „für das Kind“ tun „sollte“.
Schönen Spätherbst! 😉

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Julia 1. November 2016 - 09:31

Ja – lasst uns den Druck rausnehmen. Ich hab nach dem ersten Kind mit dem ich 8 Jahre lang gebacken, gebastelt, Kindertheater besucht und es „bespielt“ habe, bei meinen 2 Töchtern dann nur noch minimalst Angebote gemacht. Ich zwinge mich nicht mehr zu etwas von dem ich denke dass es meinen Kindern guttut, ich es aber nur halbherzig mache. Dann schicke ich sie vielleicht mal zum Papa, zur Oma oder zu Freunden.. die das alles dann mit Herzblut machen.
Nein, sich Verdrehen geht nicht gut – so kommt der Frust, die Unruhe, die Erschöpfung – tut das was ihr liebt mit den Kindern – das reicht vollkommen!

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Judith 1. November 2016 - 09:23

Ach Danke, ich habe herzlich gelacht als ich die Äußerung der großen Tochter las, und auch mir fallen Filzeicheln vom Herzen 😉 Ich habe immer noch ab und zu den (zu hohen?) Anspruch, nur ja rechtzeitig die Schiffchen und Muscheln gegen Herbstfrüchte auszutauschen… Im Kindergarten wird der Jahreszeitentisch mit sehr viel Hingabe gepflegt, und so bekomme ich immer sehr zeitnah mit, was gerade „dran“ ist. Die Umsetzung zu Hause ist etwas freier, da mir die waldorftypische Gestaltung manchmal etwas too much ist. Bei uns gibt es z. B. Origamivögel, die in trockenen Zweigen hängen und über der Landschaft kreisen – oft vom Frühling bis in den Herbst. Passt irgendwie immer, und so müssen wir nicht alles austauschen, sondern hängen oder legen dann oft nur aktuelle Fundstücke aus der Natur dazu.
Jetzt, wo der größere Sohn fünf ist, kommt es sogar vor, dass er von selber anfängt, den Jahreszeitentisch umzugestalten, kleine Verstecke für Zwerge und Edelsteine baut. Das sieht dann manchmal etwas Eigenwillig aus, und es stand nicht erst einmal ein Matchboxauto dazwischen, aber ich versuche, mich locker zu machen und es einfach auch mal laufen zu lassen. Den „perfekten“ Jahreszeitentisch überlasse ich dem Kindergarten 🙂

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