Eltern zwischen Honeymoon und Hochstrittigkeit

von Anja

In einer aktuellen Hebammenzeitschrift stieß ich auf die Anzeige für einen Fachkongress zum Thema Kinderschutz. Im Programm auch ein Vortrag mit dem Titel „Vom Liebespaar zur hochstrittigen Elternschaft…“. Das Wort hochstrittig war mir tatsächlich neu, beschreibt aber ganz gut das, was häufig nach der Geburt des ersten, aber auch weiterer Kinder passiert. Nix mehr mit glücklich schwanger und verliebt, sondern Streitereien und gegenseitige Vorwürfe bestimmen den Alltag. Auslöser sind meist nicht wirklich gravierende Dinge wie Lug und Trug, sondern schlichte Erschöpfung und Übermüdung, die dann kleinste Alltagssorgen zum Riesenproblem werden lassen. Es wird genau geschaut, wer mehr leistet im Konstrukt Familie und das Ergebnis wird immer negativ ausfallen, weil grundsätzlich jeder mehr leistet als der andere.

Zumindest wenn man vergisst, offen miteinander zu sprechen. Oder wenn man nicht klar sagt, was man sich wünscht oder was einen stört. Und wenn man vergisst, dem Partner zuzuhören. Unsere Kinder machen ja meist ganz offensiv deutlich, was sie brauchen – manchmal fast etwas zu direkt, aber so, dass wir wirklich wissen, was sie wollen. Wir Erwachsenen haben aber gerne die Erwartung, dass der andere doch sehen muss, was wir gerade brauchen. Manchmal klappt das ja auch, aber gerade, wenn beide Elternteile kräftemäßig am Limit sind, wird diese weise Voraussicht gegenüber den Bedürfnissen des Partners wohl fehlen. Dann kann man sich innerlich ärgern, auf den nächsten „Fehler“ warten (er wird kommen, natürlich), irgendwann explodiert das Ganze und er ist da – der große Streit … und eigentlich hat man als Eltern nicht mal dafür richtig Zeit.

„Es ist die Qualität des Zusammenspiels zwischen den Erwachsenen, die einen bestimmten Ton setzt und über die Atmosphäre in der Familie entscheidet.“

In diesem Satz des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul steckt sehr viel Wahrheit. Unsere Kinder sind immer dann besonders anstrengend, wenn wir besonders anstrengend miteienander umgehen. Denn wenn die Basis der Familie nicht stabil ist, wackelt alles. Das wird und darf es auch in jeder Familie mal. Die Herausforderung ist, dafür zu sorgen, dass das zeitweilig wackelige Gefüge Familie nicht auseinander bricht und man langfristig das Fundament wieder festigt. Manchmal wäre weglaufen oder gleich trennen viel einfacher – geht aber nicht so ohne weiteres, wenn Kinder im Spiel sind. Wie sagte Bloggerin Caro von Stadt, Land, Mama neulich so treffend: „Ich glaube, wir haben bei all dem Streit vergessen, uns zu trennen.“

Kinder sorgen für eine maximale Belastung der Beziehung. Sie sind es aber auch meist, die dafür sorgen, dass man nicht so schnell einfach alles hinwirft. Manchmal bereiten sie uns so viel Stress, dass man seine schlechtesten Seiten dem Partner gegenüber kennenlernt, aber gleichzeitig sind sie auch der größte Antrieb, es zukünftig besser hinzukriegen.

„Es bedarf zweier Dinge, um eine gute Atmosphäre in der Familie zu schaffen: Liebe und Bereitschaft.“

Denn wenn Kinder da sind, gibt es da auch im größten zwischenmenschlichen Chaos plötzlich diese kleinen Momente, in denen sich alles innerlich zusammenzieht und man denkt „Was machen wir eigentlich hier für einen Scheiß?“. Sei das beim ersten Lächeln des Neugeborenen, der ersten blutigen Verletzung des Kleinkindes oder der ersten großen Theateraufführung des Schulkindes. Dann weiß man mit Tränen in den Augen, dass nur der Mann neben einem gerade genau das Gleiche fühlt und man erinnert sich vielleicht auch wieder daran, weshalb man sich eben diesen Partner ausgesucht hat, um eine Familie mit ihm zu gründen.

Vielleicht ignoriert er stoisch das Piepsen des Wäschetrockners und fühlt sich nie dafür zuständig, die Geburtstagsgeschenke und den Schulkram zu besorgen. Er vergisst ständig die Jacke in der Kita und den Wochenplan der Schule zu unterschreiben. Aber dieser ganze Alltagsmist wäre niemals ein Grund gewesen, keine Kinder mit ihm zu bekommen. Denn wenn ich ehrlich bin, stört mich dieser Kleinkram nur, wenn ich selbst am Limit bin und dann kann es sogar sein, dass mein Mann „falsch atmet“. Die Verantwortung liegt also an jedem Elternteil selbst, gut für sich zu sorgen und wenn ich etwas brauche, es auch klar und deutlich zusagen. In dem Punkt lernen wir täglich von unseren Kindern dazu…

Aber auch sonst ertappe ich mich gerne dabei, dass das was ich mir in Sachen Streitkultur von meinen Kindern wünsche, mir selbst manchmal gar nicht gelingt. In der Theorie wissen Christian und ich, wie man Konflikte intelligent löst. Wir kennen das Grundprinzip der gewaltfreien Kommunikation und trotzdem läuft es manchmal einfach nur schief. Aber genau wie unsere Mädels sich gelegentlich nur noch beschimpfen und an den Haaren ziehen, stehen auch wir „Großen“ manchmal genauso unreflektiert aufeinander einredend wütend da. Doch drei Kinder später sage ich mir heute, dass das auch mal so sein darf und man auch aus solchen Konflikten gestärkt rausgehen kann, wenn man es schafft, die Probleme zu lösen und eine ehrliche Entschuldigung hinzubekommen.

„Solange wir nicht in der Lage sind, die Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, solange bürden wir dies unserer Umgebung auf.“

Wir haben uns beim ersten Kind gestritten – da wohl am meisten, weil jeder erst mal in seine neue Rolle reinwachsen musste und wir einfach erst mal herausfinden mussten, wie Kind, Job, Partnerschaft und Alltag zusammen für uns funktionieren können. Aber auch bei Kind zwei und drei haben wir uns gestritten und werden es auch immer mal wieder tun. Aber das Ganze ist kürzer und vor allem konstruktiver geworden – irgendwie hat man ja doch weniger Zeit. Außerdem weiß man bei jedem weiteren Kind, dass da wieder Zeiten kommen mit mehr Schlaf und mehr Energie und mehr Zeit als Paar. Die Familienzeit rückt nun mal mit kleinen Kindern wesentlich mehr in den Mittelpunkt – das wissen wir und genießen dafür diese Zeit mit den Kindern umso mehr.

Beim ersten Kind spürte ich doch immer mal den inneren und vielleicht auch äußeren Druck, unser Baby/Kleinkind abgeben zu müssen, um uns als Paar gerecht zu werden. Gemacht haben wir es letztendlich kaum und die zwei Stunden, die meine Freundin Anna mal auf unsere Babytochter aufpasste, haben wir auch nur damit verbracht, zwar mal in Ruhe zu frühstücken, aber auch unser Kind zu vermissen. Die Streitereien wären für uns auch mit häufigeren Auszeiten vom Elterndasein nicht weniger gewesen. Denn selbst, wenn die Kinder mal kurz anders betreut sind, bleibt man doch gerade bei sehr kleinen Kindern in der elterlichen Halb-Acht-Stellung, die diese Zeit so besonders, aber auch so anstrengend macht.

Es gibt keine wirkliche Pause vom Elternsein und das so unbeschwerte Paar von „früher“ wird man auch nie wieder sein. Aber neben allem Stress ist es auch das, was die Beziehung tiefer und ehrlicher werden lässt: die geteilten Sorgen, aber auch das große geteilte Glück. Und je älter die Kinder werden, umso mehr Zeit als Paar kommt auch wieder zurück – zumindest bis zum nächsten Baby… Aber man muss wirklich gut aufpassen, dass man vor lauter Elternsein das Liebespaar nicht zwischen Windeln und Wäschebergen ganz aus den Augen verliert, aber das hatte ich ja hier auch schon mal geschrieben.

„Es ist gar nicht so einfach, einen anderen Menschen so zu lieben, dass dieser sich auch geliebt fühlt. Die meisten von uns benötigen ein ganzes Leben, um diese Fähigkeit einigermaßen zu erwerben.“

Zitate aus dem Buch Die kompetente Familie von Jesper Juul.

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6 Kommentare

Madeleine 23. November 2013 - 11:45

Gerade schlafen mein Mann und unsere 8 Monate alte Tochter friedlich und ich habe dieses Blog-Schätzchen entdeckt. Ich klicke mich also durch die einzelnen Beiträge und weiß gar nicht, welchen ich zuerst lesen soll. So sehr sprechen mich die Themen und Überschriften allein schon an. Und gerade dieser Beitrag hier, hat mich gerade am meisten berührt. Denn genau das ist es, was auch meinen Mann und mich uns in der letzten Zeit immer wieder beschäftigt. Oder womit wir uns, sinnloserweise, das Leben schwerer machen. Genau dieses klare Ansprechen der Bedürfnisse und Wünsche ist es, was uns momentan so schwer fällt. Als ob wir auf einmal eine andere (Paar-)Sprache miteinander hätten, jeder eine andere und somit reden wir oft aneinander vorbei. Und wenn dann bei der Tochter mal wieder Quengeltage aufgrund der Zähne anstehen… Man sieht, worauf das hinaus läuft. Und trotz dieses massiven Stresses und der wahsninns Herausforderung unsere Rolle als Eltern zu finden sondern auch noch die als Paar neu finden, ist da diese tiefe Verbundenheit, dieses Glück, das ich nur mit ihm teile. Schon verrückt, was Kinder mit und aus einem machen.
Vielen Dank für dieses tolle Blog!

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Ulrike 15. September 2013 - 14:55

Es tröstet mich zu lesen dass auch das möglichst frühe „Abgeben“ des Nachwuchses nicht DIE Lösung aller Probleme ist. Wir haben keine Großeltern vor Ort und irgendwie ist von den großartigen Versprechungen der Freunde wenig übrig geblieben… Und einen Säugling kann ich nicht der 14-jährigen Babysitterin aus dem Internet anvertrauen, das geht gar nicht. Und überall liest man nur „Nehmen Sie sich eine Auszeit nur zu zweit damit die Liebe nicht auf der Strecke bleibt!“ Ha ha, können vor Lachen 🙂

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Saskia 13. September 2013 - 17:51

Liebe Anja, ich mag Deinen Blog, weil er wirklich wichtige Themen tiefgründig, wissend und mühevoll behandelt.

Viele der unzähligen „Mutti in Berlin“-Blogs mögen ja recht amüsant sein, diktieren aber lediglich Konsum und Perfektionismus und propagieren ein Derivat des Barbie-Role-Models, das zwar nicht blond und dumme Hausfrau, wohl aber in einem Korsett unzähliger beengender Ansprüche gefangen ist.

Das Kind als modisches Must-Have!, als Life-Style-Accessoire der modernen Frau, die eine neue Firma mal flugs im Wochenbett gründet. Dabei ist sind Fragen, in welchem limited Edition-Boogaboo der Nachwuchs ausgefahren werden soll, wer am chicsten seine Babykugel kleidet, doch alles Nebensächlichkeiten gegenüber Themen wie Kindesentwicklung, Herausforderungen für die Paarbeziehung, Kraftlosigkeit, die Wahl einer passenden Geburtsform.

Dankenswerterweise befasst und analysierst Du die die wirklich wichtigen Aspekte rund um Kind&Familie, recherchierst und informierst Dich, bietest fundierte Informationen und Erfahrungen an. Und bemarktschreist nicht lediglich den ach so süßen Strampler aus dem a…teuren Online-Shop, betreibst Marketing für einen „neuen Muttertyp“, der mit der Realität normalverdiendender Frauen ohne galaktische Kräfte nur äußerst bedingt konform läuft.

Also: Vielen Dank. Qualität statt oberflächlichem Gerede. Arte statt RTL2.

Saskia

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gesa 5. September 2013 - 09:47

Danke für diese wahren und klärenden Gedanken. Jetzt, wo bei uns der ertste Monat als vierköpfige Familie – und damit auch die Elternzeit meines Mannes – rum ist, komme ich sicher schnell ans Limit und damit auch in die Situation, in der die kleinsten Kleinigkeiten stören. Da hilft so ein Beitrag, alles wieder ins rechte Licht zu rücken!

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Kathleen 3. September 2013 - 15:07

Schön fomuliert! Ich ärgere mich auch oft über meinen Mann. Gestern hatte er nun seinen ersten Papa-Sohn-Tag (nach 15 Monaten, immerhin). Dass mein Sohn 11 Uhr noch im Schlafanzug war weil Umziehen vor dem Mittagsschlaf als unsinnig erachtet wurde, fand ich fast schon wieder lustig….
Aber es stimmt: von der glückseligen Beziehung in der Schwangerschaft zum strittigen Paar, hätte das nie gedacht. Bei uns geht es auch hauptsächlich um die Rollenverteilung. Wir, beide Akademiker in leitender Position, gingen nach der Geburt diametral auseinander. Mein Mann zurück ins Büro und ich plötzlich als stillende, windelwechselnde Hausmutti die total überfordert und im Laufe der Zeit zu Hause unterfordert und schlecht gelaunt war während mein Mann der Ansicht ist/war dass ich glückselig das Leben mit Baby zu Hause geniessen und mindestens bis Schuleintritt zu Hause bleiben sollte, puh…! Seit 1 Monat arbeite ich wieder 50%, langsam gehts mir besser was sich auch auf die häusliche Stimmung auswirkt. Hoffen wir mal, dass die Streitigkeiten nachlassen oder besser werden!

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Andrea 3. September 2013 - 12:10

Es ist einfach super, liebe Anja, wie du auch bei diesem mitunter sehr belastenden Thema einen wunderbar leichten und humorvollen Ton triffst!
Eben war ich noch aus verschiedenen Gründen sauer auf meinen Partner…wie schön, dass die Wut so schnell verflogen ist, als ich beim Lesen darüber lächeln konnte!!!
DANKE!

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