Elternbewegung

von Anja

Eine Blog-Leserin fragte mich neulich, wie ich das Klamottenchaos mit drei Kindern organisiere und zudem so ganz persönlich die leeren Elternakkus wieder auffülle. Die Klamotten und Schuhe haben bei uns theoretisch alle ihren festen Platz – leider vergessen das die (kleinen) Besitzer nur allzu oft, aber das ist ein anderes Thema. Kommen wir also zu der Leere-Akkus-Frage. Was hilft mir denn da tatsächlich? Früher schlafen gehen ist immer eine gute Idee, aber manchmal schwer umsetzbar. Obwohl man übermüdet ohnehin nichts mehr richtig gebacken bekommt…

Sicherlich helfen auch die Badewanne, der Extrakaffee, Lavendelöl, Entspannungs-CDs oder von mir aus auch Johanniskrauttee kurzfristig in akuten Stressphasen. Richtig nachhaltig ist das alles aber nicht.

Drei Baby- und Kleinkindzeiten später ziehe ich für mich das persönliche Fazit, dass langfristig einfach Bewegung am effektivsten ist. Genug Untersuchungen belegen ja, dass uns Sport nicht nur fitter und gesünder macht, sondern auch ausgeglichener und entspannter. Ja, sogar bei Depressionen und Angststörungen hat Sport ähnlich positive Effekte wie eine medikamentöse Behandlung. Und nein, es geht hier nicht um ein knallhartes Workout, damit Supermom sechs Wochen nach der Geburt wieder laufstegtauglich ist. Es geht einfach um Spaß an der Bewegung und letztlich auch um etwas Zeit mal ganz für sich.

Kurze Pause vom Elterndasein

Deshalb kann ich die Begeisterung für die diversen „Mit Baby“-Sportarten nicht so ganz teilen. Ich fand und finde Konzepte wie Kangatraining eine nette Sache, bei der mein Babysohn auch viel Spaß hatte. Aber diese Art von Sport hat doch nicht den gleichen Regenerationseffekt wie eine Sporteinheit ohne Baby oder Kind im Schlepptau.

Aber der Zeitpunkt, ab dem Mütter bereit sind, kinderfreie Zeiten mit Sport oder was auch immer verbringen wollen, ist ohnehin ganz individuell. Das eigene Bauchgefühl ist da der beste Ratgeber. Deshalb haben auch Fitnesskonzepte, die das Baby mehr oder weniger mit ins Workout einbeziehen, durchaus ihre Berechtigung. Man sollte sich vielleicht nur nicht allzu viel davon versprechen. Das gilt ja auch oft für den Rückbildungsgymnastikkurs mit Kind.

Beim ersten Kind hatten wir uns auch noch einen tollen gebrauchten Babyjogger angeschafft, aber ganz ehrlich hat das Ding nur genervt, auch wenn der Fahrkomfort insgesamt recht gut war. Aber man muss ihn halt beim Laufen mit mindestens einer Hand schieben. Entspanntes und sinnvolles Laufen sieht anders aus und fühlt sich auch anders an. Außerdem schaut man doch ständig mehr darauf, ob das Kind nicht zu viel Sonne abbekommt oder es ihm gut geht, anstatt darauf achten zu können, dass es einem selbst gut geht. Außerdem sind die meisten Joggerbuggys entgegen der Elternblickrichtung ausgelegt und damit ohnehin für recht kleine Kinder ungeeignet. Denn gerade beim Laufen prasseln alle Eindrücke ja noch schneller auf den kleinen Mitfahrer ein, und das ohne Blickkontakt und Kommunikation mit dem Schiebenden. Mit viel Glück schläft das Kind in der Zeit, aber wenn nicht…

Das Elterndasein lässt sich also auch mit einem Hightech-Jogger nicht wirklich abschütteln. Aber darum geht es ja meist: Einfach mal eine kurze Pause davon haben und sich mal wieder selbst spüren, ohne kleine und große Lieblingsmenschen, die an einem dran hängen und den ganzen Tag allerlei mitzuteilen haben.

Deshalb ist es für mich die größte Entspannung, einfach eine Runde ganz alleine laufen zu gehen. Mit niemanden sprechen müssen, für niemanden zuständig sein (Handy zu Hause lassen!) und sich nur ganz monoton Schritt für Schritt auf diese simple Tätigkeit zu konzentrieren und die Gedanken einfach schweifen zu lassen. Und mit jedem Schritt bekommt man etwas mehr Abstand zu den großen und kleinen Sorgen. Selbst wenn man schnauft und schwitzt hinterher, fühlt man sich immer besser als vorher. Die damit sich auch etwas verbessernde Grundkondition kommt dem Alltag mit von Natur aus bewegungsbedürftigen Kindern auch sehr zugute. Aber auch den Hebammenkoffer kann ich so etwas beschwingter und schneller in den fünften Stock zum Hausbesuch hoch schleppen.

Kein Kinderturnen

Bei vielen Sportarten muss man genau wie im Familienalltag seine Kräfte gut einteilen und auch mal ans Limit oder darüber gehen, um ein bestimmtes Ziel zu schaffen – sei es, um die anstrengende Yogaübung durchzuhalten oder eine bestimmte Laufstrecke zu absolvieren. Es gibt natürlich 1001 Gründe, warum man als Eltern nicht mehr dazu kommt, Sport zu machen. Ich kann versichern, dass ich sie alle kenne und mir regelmäßig Neue ausdenke. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass ich es jemals hinterher bereut habe, den Schweinehund doch überwunden zu haben. Nein, nicht mal nach üblem Muskelkater, der sich nach längeren inaktiven Phasen doch gerne mal einstellt.

Seitdem das Söhnchen ja seit kurzem ein paar Stunden am Vormittag durch unsere vertrauten Lieblingserzieher im Kinderladen „fremdbetreut“ wird, bleibt morgens sogar Zeit, dass Christian und ich gleichzeitig Sport machen können. Doch Christian findet Laufen total doof und eintönig, außerdem laufe ich ja sowieso am liebsten ganz alleine. Während ich also meine Runden im Park drehe, fährt er in der Zeit Skateboard, es gibt nämlich eine Miniramp im Park. Das Fazit: gleich zwei entspannte Elternteile, die bereit sind für die innerfamiliären und beruflichen täglichen Herausforderungen. Es ist also letztendlich völlig egal, womit man sich körperlich ein bisschen auspowert. Hauptsache, man tut es, macht mal den Kopf frei und es hat nix mit Kinderturnen und Co. zu tun.

Passend zum Thema

5 Kommentare

Ulrike 18. Juni 2014 - 12:09

Liebe Christine,
ich fuer meinen Teil habe begeistert deine Rueckbildungs-DVD auch ohne Baby geturnt die es mir ermöglicht hat zumindest die halbe Stunde die mein Baby tatsaechlich mal ohne mich geschlafen hat zu Nutzen statt das grundsaetzlich weinende und schreiende Kind durch den konventionellen „RueBi-Kurs mit Baby“ zu quälen (ja, wir haben es versucht und es war grauenvoll…).
Später habe ich Konzepte wie die oben erwähnten gerne genutzt wobei ich bei ca 4 Monaten schon eine Gewissen Stabilitaet im Babykoerper wahrgenommen habe und das Gewicht erst ab ca 6 Monaten zT problematisch war.
Bis heute turne ich gern zu Hause nach meinem eigenen Zeitplan Fitness-DVDs wobei mittlerweile ein laufendes Kleinkind um (und auf mich) rumspringt.

Antworten
gesa 17. Juni 2014 - 12:20

Sicher hat eine Sporteinheit ohne Kind einen wesentlich höheren Effekt als mit, aber trotzdem empfinde ich Kangatraining jetzt beim zweiten Kind als Erlösung, um wenigstens überhaupt etwas für mich zu tun.
Wie frustrierend war es bei der Rückbildung mit dem Großen, gefühlte dreiviertel der Zeit mit Kind auf dem Arm oder an der Brust zuzuhören, wie die Hebamme Übungen anleitet…
Und mit Kind auf dem Rücken fällt es bei einem beinahe Vollzeit-Tragebaby beim Sport schon fast nicht mehr auf, wenn man ans Gewicht sowieso schon gewöhnt ist. Und durch die Ablenkung im Raum ist auch nur selten mit Beschwerde bzw. Rumgehampel zu rechnen.
Das ist dann schon fast wie kinderfreie Zeit.
Ich bin sehr froh, dass es das Angebot von Sport mit Baby in der Tragehilfe gibt, denn Kind „wegorganisieren“ ist gar nicht so leicht…
Das nur als Kommentar, um zu unterstreichen, dass Workout mit Baby tatsächlich seine Berechtigung hat.

Antworten
Ulrike 17. Juni 2014 - 12:10

Hallo Anja,

schöner Text, dem ich nur ganz zustimmen kann! Ich habe zwei Sportkurse mit Kind besucht (einmal Sport mit Kind und Rückbildungsyoga) und ich muss leider sagen, dass es einfach nicht gut funktioniert. Die Hälfte des Kurses ist man immer mit dem Baby beschäftigt, dass leider nie schläft und immer beschäftigt werden will (gibt natürlich auch Ausnahmen). Dann schreit es während des Kurses und man wird nur noch nervöser. Also gebracht hat es mir eigentlich nie viel, da ich mich nicht auf den Sport konzentrieren konnte.
Ich handhabe es wie du und gehe laufen, das ist wirklich das beste. Anfangs auch mit KiWa, aber wie du schon sagtest – joggen wird dabei eher ineffektiv.
LG, Ulrike

Mein Blog: One Year of Sunday

Antworten
Rosalie 17. Juni 2014 - 11:10

Oh, das kenn ich gut. Ich mach 1x die Woche anständiges Training, aber irgendwie hat mir das nicht ausgereicht. Nun haben wir so einen Fahrradanhänger gekauft und ich bin seither fast nur noch mit Fahrrad unterwegs. Das ist super. Kinder damit in die Kita bringen, Anhänger da lassen, im Café kurz frühstücken, zurückfahren, zu Hause arbeiten, wieder losfahren und Kinder abholen. So hab ich 2x am Tag Bewegung und hier sind die Fahrradwege so, dass man sich nicht allzu sehr konzentrieren muss. Und die Kinder lassen mich eigentlich dank Spielzeug im Wagen in Ruhe. Ich trinke seither weniger Kaffee und bin tatsächlich fitter und schlafe auch selbst besser. Auch wenn ich manchmal fluche (es gibt dann schon so ein paar Hügel) sind diese Auszeiten (immerhin 4x 20 min) über den Tag verteilt richtig gut! Danach kann man sich viel besser konzentrieren…

Antworten
Christine Niersmann 17. Juni 2014 - 10:12

Hallo Anja,

du schreibst mir aus der Seele.
Mütter brauchen kinderfreie Zeit.
Väter auch.

Es ist wie beim Haarewaschen: die „two in one“ Lösung ist nicht immer die beste.

Ich habe jetzt ein Jahr ernsthaft überlegt, eine DVD Rückbildungsgymnastik „mit Baby“ zu machen und habe Kurse gemacht, Konzepte entworfen und verworfen und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich das inhaltlich/fachlich nicht verantworten kann.
Auch wenn der Markt das fordert.

Erst sind die kleinen Körperchen viel zu instabil und weich, um sie sinnvoll ins Training einzubinden. Wenige Monate später sind die Kinder stabiler, aber auch deutlich schwerer und für viele Übungen schon wieder ZU schwer. Außerdem entwickeln die Zwerge ja auch ganz schnell eigene Interessen und wollen nicht Mamas Sportpartner sein, sondern die Fernbedienung vom TV haben 😉

Für die Mütter heißen solche Übungen mit Kind auch immer:
Weniger Aufmerksamkeit für den eigenen Körper. Weniger spüren, worum es eigentlich geht.

Also wird es KEINE DVD Rückbildungsgymnastik mit Baby von mir geben, sondern die Ermutigung, dass frau sich Zeit für SICH nimmt.

Ich freue mich immer wieder über deine tollen Texte!

LG
Christine Niersmann

Antworten

Kommentieren