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Elterngespräche: Tina über Schwangerschaft und Geburt in den USA

von Anja

Da es immer wieder spannend ist, von anderen Menschen etwas zum Thema Elternschaft zu hören, haben wir die Interview-Rubrik „Elterngespräche“ auf dem Blog eingerichtet. Hier sprechen wir mit anderen Eltern über alle möglichen Themen zwischen Kinderwunsch und Elternsein. Wir haben schon viele Ideen und Pläne für diese Rubrik, freuen uns aber auch über Inspirationen von unseren Lesern.

Den Anfang macht Tina, mit der wir uns schon eine ganze Weile hin und her schreiben. Sie berichtet im Interview von ihren Erfahrungen in den USA, wo sie ihr erstes Kind in einem ganz anderen Betreuungssystem bekommen hat. Wer noch ausführlicher dazu lesen möchte, verfolgt einfach den jeweiligen Links unter jeder Antwort, die zu Tinas Seite führen.

Stell Dich doch bitte kurz vor: Wer bist Du und was hast Du bisher gemacht?
Ich bin gebürtige Berlinerin und lebe im schönen Prenzlauer Berg auf der Kastanienallee. Eigentlich komme ich aus Steglitz. Meine Familie wohnt dort auch heute noch. Als ich vor fünfzehn Jahren in den damals noch wilden Osten

zog, kam die gesammelte Verwandtschaft zu Besuch und machte auf der Straße Fotos, als wären sie auf einem Wochenendurlaub. Seit meiner Heirat hat es mich noch ein bisschen weiter in die Ferne gezogen, denn mittlerweile pendle ich zwischen Berlin und Los Angeles hin und her. Beruflich schreibe ich seit meinem Film- und Fernsehstudium vor allem Drehbücher. Als 2013 mit Schicksalsspieler mein erster Roman erschien, hätte ich guten Gewissens geschworen: „Aufregender geht’s nicht!“ Pustekuchen. Es geht immer aufregender. Das Leben in Amerika ist so vollkommen anders, ich weiß gar nicht, wo ich mit dem Erzählen anfangen soll?

Für uns geht ja primär um Schwangerschaft und Geburt. War Deine Schwangerschaft geplant? Was waren Deine ersten Gedanken, als Du es erfahren hast.
Wir wollten uns Zeit lassen und waren zudem der Annahme, dass das Unternehmen Schwangerschaft auch so seine Zeit braucht, denn wir hatten im Freundeskreis gehört, dass es etwas dauern könne, bis es endlich klappt. Da waren wir offenbar falsch gewickelt. Wir haben uns „trotz“ der überraschend schnellen Schwangerschaft wahnsinnig gefreut und waren gleichermaßen aufgeregt! Die erste Schwangerschaft ist mit so vielen Unbekannten verbunden, weshalb sich die Vorfreude in unseren Köpfen mit lauter Fragezeichen vermengte und so eine ziemliche Aufregung verursachte. (Wer mehr lesen will: Hier berichtet Tina von ihrem nicht besonders aufbauenden ersten Frauenarzttermin, noch in Deutschland).

In der wievielten Schwangerschaftswoche seid ihr in die USA geflogen? Wie ging es Dir zu diesem Zeitpunkt? Was hat Dir am meisten Sorgen gemacht in Bezug auf Schwangerschaft und Geburt in den USA?
Ich war in der siebten Woche schwanger. Körperlich war ich in keiner nennenswert veränderten Situation. Mir war ständig zu heiß, aber dass ist ja kaum der Erwähnung wert. Ich selbst war in meinem Vorstellungsvermögen gar nicht so weit, mir irgendwelche Sorgen machen zu können. Wahrscheinlich verstellte meinem Hirn die Vorfreude den Weg zur kritischen Betrachtung. In dieser Hinsicht habe ich von einer Frauenärztin, die ich unseligerweise vor meinem Abflug aufgesucht habe, Nachhilfe bekommen. Danach war ich in ziemlicher Sorge, weil sie allerhand Szenarien skizzierte, die mit einem bodenlosen Gesundheitssystem in Amerika begannen und wahlweise einer Fehlgeburt oder uferlosen Schulden endeten. Damit waren die Schreckgespenster geschaffen. (Wer mehr lesen will: Hier erzählt Tina, wie sie sich ihre Schwangerschschaftsbetreuung in den USA organisieren musste und was der Unterschied zwischen Frauenärzten und Geburtsärzten ist.

Furchtbar schwer, in den USA eine Hebamme zu finden

Wann hattest Du Deinen ersten Vorsorgetermin in den USA? Welche Erwartungen hattest Du?
Meinen ersten Termin hatte ich vier Wochen nach der ersten Untersuchung in Berlin. Das war demnach die 11. Woche. Ich habe überhaupt nichts erwartet. Nach allen Schreckensgeschichten, die ich gehört hatte, war ich der Auffassung, dass es so etwas wie eine Vorsorge wahrscheinlich gar nicht gibt, da es sich so oder so niemand leisten kann. Vielleicht ist der Grund für meine Begeisterung auch darin zu suchen, dass meine Erwartungen so niedrig waren? (Wer mehr lesen will: Hier erzählt Tina, wie der erste Termin bei ihrer Geburtsärztin tatsächlich verlaufen ist?

Wann hast Du mit Kursen zur Geburtsvorbereitung begonnen? Warum war es Dir wichtig, diese zu besuchen?
Es war mir wichtig in Bewegung zu bleiben, weshalb ich in der 10. Woche mit Geburtsvorbereitungskursen begonnen habe. Aqua Yoga hat mir sofort gefallen obgleich ich sonst nicht so der Yoga Fan bin. Die Schwerelosigkeit ist echt ein großes Plus. Das Schwimmbad, das ich besuchte, ist in eine Art Familienzentrum eingebettet. Dort werden nicht nur Geburtsvorbereitungskurse angeboten, sondern auch Rückbildung, Babyschwimmen, Krabbelgruppen, Kita, Sportprogramm für Jugendliche, Feriencamps sowie Seniorenschwimmen. Diese Art ganzheitliche Familienbetreuung ist mir vollkommen neu gewesen. Ich besuche das Schwimmband immer noch. Heute gehen mein Sohn und ich zum Babyschwimmen. (Wer mehr lesen will: Hier erzählt Tina, was man in Amerika unter Geburtsvorbereitung versteht.

In den USA ist die Unterstützung durch Hebammen eine privat zu finanzierende Leistung, in Deutschland gehört die Hebammenhilfe zum regulären Leistungsspektrum der Krankenkassen. Welche Hebammenleistungen hättest Du in Deutschland gern in Anspruch genommen, wenn Du Dein erstes Kind hier bekommen hättest?
Ich hätte nach meiner unschönen Erfahrung sicherlich gerne auf die klassische Vorsorge durch die niedergelassenen Frauenärzte verzichtet. Soweit ich gehört habe, ist dies wohl eine Möglichkeit. Das klingt in meinen Ohren nach einer guten Sache. Allerdings hörte ich gleichermaßen, dass es wohl furchtbar schwer ist, eine Hebamme zu finden. Ich muss zugeben, dass mir das System in Deutschland undurchsichtig vorkommt. In der Theorie mag ich die Vorstellung, jemanden an meiner Seite zu haben, praktisch scheint dies aber gar nicht so leicht zu sein. (Wer mehr lesen will: Hier berichtet Tina, warum sie in manchen Momenten doch das deutsche Hebammensystem ein wenig vermisst hat.

Wie sehen die ersten Tage nach einer Klinikgeburt in den USA aus? Gibt es eine Wochenbettstation?

Das ist eine gute Frage, die mir zu denken gibt. Eigentlich müsste ich sagen, dass es keine Wochenbettstation gibt, denn in Amerika verbringt man nur 48 Stunden nach der Geburt im Krankenhaus und damit ist eine Woche im Bett nicht gegeben. Die Station, auf die ich nach der Geburt verlegt worden bin, nannte sich ‚postpartum’, also Nachgeburtsstation. In die besagten zwei Tagen wurde das gesamte Programm, das anderswo auf eine Woche aufgeteilt wird, untergebracht. Ärzte und Krankenschwestern kamen teils im zwei Stunden Takt um alle Untersuchungen absolvieren zu können. Ich hatte beispielsweise mitten in der ersten Nacht, so um 2:00 Uhr morgens, eine Untersuchung meines Unterleibs. Ich weiß noch, dass ich in der zweiten Nacht mit der Krankenschwester verhandelt habe, damit ich wenigstens etwas schlafen konnte. Das Baby hatte ebenfalls einen engen Terminplan und war ständig in seinem kleinen Rollwägelchen unterwegs. (Wer mehr lesen will: Hier erzählt Tina, wie die Kinderarztsuche in den USA bereits vor der Geburt verlaufen kann und welche Untersuchungen und Vorsorgen in den ersten Monaten empfohlen sind.

Wie hast Du die Geburt rückblickend empfunden? Was hat Dir geholfen? Was würdest Du Dir vielleicht für eine weitere Geburt wünschen?
Es gibt etwas, dass mir bis heute Rätsel aufgibt. Wir hatten zum Ende meiner Schwangerschaft drei errechnete Geburtstermine. Ein Datum, das die Frauenärztin in Berlin errechnet hat und die amerikanische Geburtsärztin übernommen hat. Dann waren wir bei der Feindiagnostik und dort wurde ein weiteres Datum errechnet. Und von einem Vertretungsfrauenarzt, bei dem wir eine Vorsorge im letzten Drittel hatten, ist dann ein drittes Geburtsdatum errechnet worden. Alle Rechnungen stellten sich später als Humbug heraus. Ich hätte mir gewünscht, dass kurz vor meinen drei Geburtsterminen etwas weniger Trubel veranstaltet worden wäre. Die diversen Drohszenarien haben mich ziemlich nervös gemacht. Ich wollte gerne eine natürliche Geburt und habe Mühe gehabt, meine Ohren zu verschließen und meinem Baby zu vertrauen. Heute weiß ich, dass Babys in unserer Familie eben etwas Trödeln. Offenbar kann Übertragung in der Familie liegen. Das hätte ich gerne vorher gewusst und es hätte mir geholfen, wenn sich die Ärzte etwas mehr entspannt und nicht ständig mit Einleitung oder Kaiserschnitt gedroht hätten. Ich bin froh, dass wir stark genug waren und weggehört haben. Wir hatten eine lange und intensive Geburtserfahrung, die sehr aufregend und teilweise aufreibend war, aber auch rückblickend genau richtig war. (Wer mehr lesen will: Hier berichtet Tina davon, wie sie ihr Kind auf die Welt gebracht hat- begleitet von drei Krankenschwestern, der diensthabenden Schichtärztin, ihrem Geburtsarzt und ihrem Kinderarzt.

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