Kein Kind muss schlafen lernen…

von Anja

Seit einiger Zeit kreist eine Petition durchs Netz, die den GU-Verlag auffordert, das Buch Jedes Kind kann schlafen lernen endlich vom Markt zu nehmen.

Entsprechend gibt es viele verschiedene Meinungen dazu. So auch diese meiner geschätzten Hebammenkollegin Jana. Auf ihrem Blog erklärt sie, warum sie nicht unterschrieben hat. Und das, obwohl sie grundsätzlich dagegen ist, Schlaflernprogramme anzuwenden, die auf Basis des „kontrollierten Schreiens“ basieren.

Ich hingegen habe die Petition unterschrieben, kam aber durch Janas Beitrag ins Nachdenken – warum? Grundsätzlich teile ich viele der Ansichten, die sie beschreibt. Bevor ein Elternteil so überfordert ist, sein schreiendes Kind zu schütteln, sollte er es besser sicher abzulegen. Das dient dazu, diesem Impuls nicht nachzukommen. Natürlich ist es für ein Kind schrecklich, alleine schreien zu müssen. Aber geschüttelt zu werden mit allen möglichen körperlichen Folgen ist weitgehend schlimmer. Es ist gefährlicher, als einmalig schreiend abgelegt zu werden. Aber das ist ein bisschen nach dem Motto gedacht: „Schlimmer geht immer“…

Nähe und Körperkontakt

Denn wenn es zu dieser Situation kommt, ist sicher im Vorhinein schon längst ein Punkt überschritten worden, an dem Eltern bereits dringend Hilfe gebraucht hätten. Nahezu alle Eltern kommen mal in eine Situation, die sie restlos an ihre Grenzen bringt. Es ist gut, das zu wissen. Und es zu erkennen und eine Strategie zu haben, um damit umzugehen. Auch ich bespreche solche möglichen Situationen mit Eltern. Schon allein das Wissen, dass es vielen Eltern manchmal so geht, kann sehr entlastend sein. Und ja, es ist okay, zum Beispiel das schreiende kleine Bündel ins Tragetuch zu stecken, sich Kopfhörer aufzusetzen oder sich vielleicht mit Staubsaugen abzulenken. Wenn damit auch das Stresslevel der Eltern sinkt, reguliert sich auch das Kind schneller, das trotzdem Nähe und Körperkontakt erfährt.

Patentrezepte gibt es da nicht, dafür muss man jedes Baby, seine Eltern und ihre gemeinsame Geschichte individuell betrachten. Was ich aber allen Eltern für solche Krisensituationen empfehle, ist sich vorher zu überlegen, wen man anrufen und um Hilfe bitten kann – und das jederzeit. Denn es ist in der Regel das Hauptproblem, dass Eltern mit einem Kind mit hohen Bedürfnissen meist ziemlich einsam und verlassen dastehen. Es ist oft schon nicht leicht, den Alltag mit einem Baby zu bestreiten, das gut auf Beruhigungsstrategien wie Stillen, Tragen oder ähnliches reagiert. Aber wie viel schwerer ist es, wenn all das scheinbar erst mal nicht funktioniert.

Da braucht es andere Strategien, als an und über seine persönliche Schmerzgrenze zu gehen oder über die des Kindes. Es benötigt Verständnis, Hilfe und Entlastung, damit Eltern einfühlsam ihr Kind mit solch hohen Bedürfnissen begleiten, ohne komplett selbst auf der Strecke zu bleiben.

Ich bin es manchmal ein bisschen leid

Insbesondere diese hochgradig belasteten Eltern bekommen gerne als Tipp, das Konzept Jedes Kind kann schlafen lernen auszuprobieren. Und natürlich klammert man sich an jeden (noch so schlechten) Strohhalm, wenn man gerade kräftemäßig auf dem Zahnfleisch geht. Selbst wenn dieses Buch jetzt vom Markt genommen werden würde, wird es sicher noch lange dauern, bis es nicht mehr in den Bücherregalen junger Eltern oder auf Empfehlungslisten für Elternratgeberliteratur zu finden ist.

Aber vielleicht muss ich dann in zehn Jahren nicht mehr frisch gebackenen Eltern erklären, warum dieses Schlaflernprogramm nicht den kindlichen bzw. generell menschlichen Bedürfnissen gerecht wird. Babys und kleine Kinder schlafen anders, aber sie sind deshalb keine defekten Automaten, denen man nur mal mit dem „richtigen“ Programm das Schlafen beibringen muss.

Dieser von nicht wenigen Ratgebern propagierte Baby-Optimierungswahn nervt. Er macht Eltern (und vor allem den Babys) das Leben schwerer als das er hilft. Es kostet viel Zeit bei den Wochenbettbesuchen, Eltern entsprechend aufzuklären, wenn das Umfeld mal wieder dieses und jenes gesagt hat. Immer geht es dann darum, was mit dem Kind alles veranstaltet werden müsse, damit es „funktioniert“. Ich bin es manchmal ein bisschen leid – und deshalb habe ich wohl diese Petition unterschrieben…

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26 Kommentare

Natascha 13. September 2017 - 20:01

Ihr Lieben,

Ich weiß, hier geht es mehr um Kommentare zum Artikel denn um persönlichen Rat, dennoch bin ich sehr verzweifelt und weiß schlicht nicht, wo ich mich hinwenden kann ohne den Rat zu bekommen das arme Kind zu Ferbern…
Unsere Tochter A. ist fünf Monate alt und schläft schon immer nach einem Muster, dass ich n keiner Literatur finden kann. Sie wird viel im Tragetuch getragen, nach Bedarf gestillt, schläft mit uns im Familienbett und schreit vor nahezu jedem!!!! Einschlafen, außer nachts. Kein Ritual, keine, Massage, kein Singen, kein Tragen, kein kuscheln, kein stillen hält mein armes Mädchendavon ab, sich zwanzig Minuten in den Schlaf zu brüllen. Ich wäre wirklich zu vielem Bereit, wenn ich nur einen Weg finden könnte, der sie entspannt in den Schlaf finden lässt…
Nachts wacht sie auf, dockt an und schläft wieder ein. Abends und Tags ist das aber undenkbar…

Kennt das jemand?!?! Ich bin wirklich verzweifelt und sehr im unreinen mit mir…was mache ich nur falsch.. ???

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Anja 15. September 2017 - 23:36

Liebe Natascha,

es gibt tatsächlich auch Babys, die sich trotz liebevollster Begleitung und dem Angebot von Beruhigungsoptionen wie Stillen, Tragen, Wiegen trotzdem in den Schlaf weinen. So verdauen sie auf ihre Art den Tag und bauen wahrscheinlich ihre Spannung ab. Natürlich ist keine „Ferndiagnose“ möglich, aber wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen sind, könnte es auch bei Deinem Kind so sein. Die Aufgabe als Eltern ist dann das Halten und Aushalten. Vielleicht kann Dir eine Schreibabyberaterin noch ein paar Ideen an die Hand geben, die Dir helfen in dieser Situation bei Dir zu bleiben, denn natürlich ist so ein untröstlich weinendes Baby eine große Herausforderung. Vielleicht kann Dir Deine Hebamme vor Ort jemand vermitteln? Alles Gute für Euch und liebe Grüße, Anja

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Frauke 9. Februar 2016 - 14:07

Ich habe mir die Kommentare zu diesem Beitrag lieber nicht durchgelesen. Mich bewegt dieses Thema zu sehr und wird doch oft kommentiert von Menschen, die keine Ahnung haben, wie das ist, wenn man ein Kind zur Welt bringt und es schreit. In dem Fall ist es nämlich ganz einfach, sein Kind nie schreien zu lassen. Ich habe das bei meiner zweiten Tochter selbst feststellen können! Sie war ein ganz entspanntes Baby.

Unsere erste Tochter hat seid der Geburt geschrien.Vom ersten Moment an. 3 Monate lang.
Ansatt mein Kind kennen zu lernen, es betrachten zu können, es zu begreifen bin ich gelaufen. Im Zimmer, draußen, durch Regen, durch Schnee, bei Tag, bei Nacht… Sie schlief nur, wenn wir uns fortbewegten.Das hatte leider auch zur Folge, dass ich nicht dazu kam, mich auszuruhen oder genug zu schlafen.
Mein Mann war ja irgendwann wieder arbeiten und ich mit der Situation meistens alleine.
Ich hatte nur noch ein dröhnen im Kopf. Denn Schreien heißt auch permanenter Lärm im Ohr.

Eine Freundin von mir sagt damals: so hat man doch noch niemanden geliebt, wie sein Kind… ich konnte nur emotionslos gucken. Liebe? Keine Ahnung, ich hatte schlichtweg keine Zeit, für solche Emotionen.
Und dann die ganzen Ratschläge: vielleicht merkt sie, dass Du nicht gerne stillst? (wie denn, wenn das Baby dann noch schlimmer schreit?), Du überträgst Stress auf Dein Kind, mach doch mal ein Stillprotokoll, es verträgt bestimmt etwas nicht (irgendwann ist mein Speiseplan auf ein Minimum geschrumpft)…und vieles mehr. Nach Hilfe fühlten sich diese Ratschläge lange nicht mehr an.

Das schwierigste war, sich selbst sagen zu können: Du schaffst es nicht . Es fühlt sich nicht so an, als ob man eine gute Mutter ist. So hat man sich das auch alles nicht vorgestellt.

Der Tag kam. Da lag mein Baby neben mir auf dem Boden und schrie und ich konnte nicht mehr. Ich war so müde. Dann hab ich meinen Vater angerufen, der Rentner ist und nur noch gesagt: ich stell das Schreien jetzt ab.
Er sagte nur: ich komme. Mein Mann rief dann an, er kam auch. Sie haben mich ins Schlafzimmer geschickt und mir befohlen, erst raus zu kommen, wenn ich wirklich ausgeruht war.

Ab dann ging es besser. Ich bekam Hilfe. Mit der kleinen Maus wurde regelmäßig spazieren gegangen und ich hatte Zeit durch zu amten.
Schreien lassen… ja, dass war besser als schütteln und es gab Momente, da hab ich es gemacht, sie schreien gelassen und mich hundeelend dabei gefühlt und geheult.
Hilfe holen ist deutlich besser. Aber leicht ist der Weg nicht gewesen. Ein alternatives Buch, welches mir Hilft hab ich nicht gefunden.
Hilfe im Umkreis konnte mir vielleicht auch keiner geben. Die Hebamme, die ich hatte war mir da leider auch kein guter Begleiter, was aber wohl an der Person lag und andere Eltern hatten dieses Problem nicht in der Stärke.
Es ist gut, dass Du zu diesem Thema mit den Eltern redest! Was hätte ich mir das gewünscht!

Dieses Buch ist trotzdem keine Lösung des Problems! Es fühlt sich falsch an, sein Kind schreien zu lassen. Auch wenn es besser ist als schütteln. Aber noch besser ist, Hilfe zu bekommen!

Zum Glück haben wir alles nachgeholt! Vor allem die Tatsache, meine beiden Kinder unendlich zu Lieben!

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Natascha 29. Juni 2017 - 21:52

Liebe Frauke, was du beschrieben hast, ist mir so bekannt. Auch meine erste Tochter hat so sehr geschrien und nur auf mir geschlafen, und das immer irgendwie wenig. Ich bin vom Grund auf und tief in mir ein seelenruhiger Mensch. Habe die Ruhe weg und bin fast immer tiefenentspannt. Meine Tochter hat mich innerlich so sehr zerrüttet, meine Nerven gezerrt, ich wurde tief in mir ängstlich, unsicher und Zweifel machten sich in mir breit. So viele Menschen und so viele Tipps und bescheidene Ratschläge. Es fühlte sich nie wohlwollend an. Eher so, als wenn ich es einfach nicht kann, unfähig bin eine gute Mutter zu sein. Wenn ich es nur kapieren würde wie es geht, dann würde meine Tochter auch nicht so weinen müssen. Diese unterschwelligen Vorwürfe waren genau so schlimm wie die Not meiner Tochter. Auch mir blieb wenig Zeit zum lieben. Es hat ein halbes Jahr gedauert, dann änderte sich in relativ kurzer Zeit alles. Aber es war mit die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich bin heute dreifache Mami. Mein letztes Kind ist jetzt beinahe ein Jahr alt. Er ist immer entspannt, immer fröhlich, freundlich, immer pflegeleicht. Und noch heute, nach 11 Jahren bekomme ich zu hören: na du bist eben auch entspannter jetzt. Auch von meiner Hebamme. Aber das stimmt nicht. Ich habe mich verändert, ja… Ich bin älter, reifer… Aber entspannt war ich schon immer. Es ist einfach ein anderes Kind. Ein anderes Baby. Und jeder Mensch ist anders. Heute bin ich fest davon überzeugt, es gibt Babys die mehr Schwierigkeiten haben, in der Welt anzukommen. Basta! Da hilft kein Programm, da hilft nur da sein. Wenn man selbst eine Auszeit benötigt, dann jemand anders. Manchmal kann man nicht mehr machen als da zu sein. Natürlich sollte man im Vorfeld versuchen alle möglichen Ursachen zu ergründen aber wenn alles ausgeschlossen werden kann, dann heißt es nicht zwangsläufig die Mutter macht es falsch. Ich bin aus eigener Erfahrung eine absolute Gegnerin dieses Generalverdachtes.
Ich drück dich Frauke. Weil es das ist, was man zu wenig erhalten hat. Anerkennung und Lob für eine schwierige Zeit mit einem Baby mit besonderen Bedürfnissen.
Natascha

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Ulrike 27. September 2013 - 20:45

@Heike: du hast recht damit unsere „Intuition“ zu hinterfragen aber aus einem anderen Grund als du denkst. Zwei Generationen lang war es üblich Kinder sich alleine in den Schlaf schreien zu lassen, sie nach Zeitplan (möglichst mit der Flasche) zu füttern und bloß nicht herumzutragen damit sie nicht verwöhnt würden. Noch ein Großteil der heutigen Eltern wurden so aufgezogen- wen wundert es da dass wir uns unserer Intuition nicht mehr recht trauen? Uns hat es doch auch nicht geschadet, oder vielleicht doch…?
Was ich nicht gut finde ist, dass du unterstellst dass nur Leute die „keine Bücher lesen“ ihre Kinder misshandeln. Die Statistik besagt da etwas ganz anderes.

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Heike 30. September 2013 - 14:26

Ulrike, ich meinte das so: Das Schlimmste, was einem Baby passieren kann, sind uninteressierte und nicht empathische Eltern. Solche, die ihre Babys aus egoistischen Gründen schreien lassen. Diese Eltern sind vielleicht selbst nicht liebevoll aufgezogen worden, wer weiß. Deren Intuition führt nicht zum richtigen Ergebnis, oder? Auf jeden Fall lesen diese Eltern lesen keinen Blog und kaufen sich auch kein Buch und auch nicht JKKSL. Ich finde, wer sich informiert, weil er mit seinem Latein am Ende ist und die gute alte Intuition auch nicht weiterhilft, macht schon mal einen guten Anfang.
Den Umkehrschluss habe ich nie unterstellt. Wer keine Bücher liest, misshandelt seine Kinder nicht, so ein Quatsch.

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Heike 27. September 2013 - 14:34

Endlich mal ein paar differenziertere Kommentare, Danke! Ich glaube, dass die meisten von Euch Petitionsunterschreibern das Buch überhaupt nicht genau gelesen haben. Auf welcher Seite steht denn, dass man die Bedürfnisse von Kindern ignorieren soll?
Was mich richtig nervt, ist Eure gebetsmühlenartig wiederholte Ansage, doch bitte auf die eigene Intuition zu hören. Die selbstverständlich darin besteht, Kinder möglichst 24 Stunden pro Tag um sich zu haben, sie zu tragen und im Familienbett schlafen zu lassen. Woher kennt Ihr alle meine Intuition? Ich bin mir doch oft selbst nicht sicher! Wer von Euch hat in jeder Situation immer den richtigen und eindeutigen Instinkt? Hinterfragt Ihr Euch nie?
Bitte versteht mich nicht falsch. Unsere Kinder werden nie alleine gelassen, schon gar nicht, wenn sie schreien. Ich bin froh, dass sie nachts ganz gut schlafen. Wie würde ich mich verhalten, wenn sie uns nachts auf Trab halten würden? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es uns als Familie langfristig belasten würde. Wahrscheinlich würden wir uns fragen, ob wir durch unser Verhalten das Verhalten der Kleinen so verändern können, dass uns ALLEN geholfen wird. Vielleicht würden wir die Ferber-Methode ausprobieren. Ich glaube nicht, dass wir uns damit seelische Krüppel heranziehen würden.
Bestimmt 99% der Eltern wollen ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen und tun dafür sehr viel. Es gelingt bestimmt mal besser und mal schlechter. Die Kinder der übrigen 1% sind bemitleidenswert, aber deren Eltern lesen bestimmt keine Bücher.

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Maike 24. September 2013 - 09:48

Ich kenne mehrere liebevolle Elternpaare mit glücklichen Kinder, die nach diesem Buch vorgegangen sind. Ich finde, man muss immer genau hinschauen. Was ich grundsätzlich häufig bei Eltern feststelle ist die totale Bereitschaft, meilenweit die eigenen Grenzen zu überschreiten (für das Kind) und am Ende alles nur noch aus der Not heraus zu machen.
Wenn die Eltern aber schon so zerrüttet und ausgelaugt sind, wie um alles in der Welt sollen die Babys sich sicher fühlen und gut schlafen?
Ich habe eine Mutter, die dieses Prinzip der Selbstaufgabe bishin zu einer schweren depressiven Erkrankung verfolgt hat und habe mir immer geschworen, daran zu denken, dass man nur gut für sein Kind sein kann, wenn man gut zu sich selber ist. Auch das gibt Babys große Sicherheit. Und nur so können sie spüren, dass da jemand gut auf sie aufpasst und nicht umgekehrt, sie sich um die Eltern kümmern müssen. Wenn es sich für Eltern okay anfühlt, die Kinder ein paar Minuten schreien zu lassen, finde ich das nicht schlimm. Wenn sie es machen, nur weil es in einem Buch steht, und die Umwelt es von ihnen erwartet, funktioniert es meistens gar nicht. Für mich wäre das nichts gewesen, aber ich habe großen Respekt vor allen Familien, die es schaffen, die Zeit mit kleinen Kindern auch mal zu genießen und nicht nur als Elternzombies dahinzuschleichen. Lieber mal schreien lassen als nie schlafen.

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Silvia 23. September 2013 - 21:27

haben die meisten von euch eigentlich das buch mal gelesen? es geht dort wirklich nicht nur um die schlaflernmethode (oder programm oder wie auch immer man das nennen mag), die beschreibung des „schlafen lernens“ macht nur einen kleinen teil des buchs aus.
und dann noch eins: warum muss beim kinder aufziehen immer gleich alles so dogmatisch gesehen werden?
bei mir (ich habe zwei Kinder im Alter von drei jahren und 17 monaten) war es beim 2. so:
er wurde gestillt, bis er 14 Monate alt war, getragen und hat bis er 13 monate alt war im beistellbett, bzw. die zweite Hälfte der Nacht eher im elternbett geschlafen. es war mühsam. nach zwischenzeitlich guten nächten (so mit 4/5 monaten) ist es immer anstrengender geworden: mehrmals (ca. alle 2 stunden) nachts stillen, einschlafen nur nach stillen, schnuller geben, kind schaukeln und rumtragen, dann ein lied singen, summen und dann endlich ablegen, aber nur ganz sanft und hoffen, dass er nicht gleich wieder aufwacht. so, dann mach ich das mal über ein jahr lang. tagsüber war schlaf nachholen auch nicht wirklich drin, wenn noch ein größeres kind da ist. (und nein, 2 jährige schlafen tagsüber nicht mehr so viel wie säuglinge…).
als er nciht mehr gestillt wurde, keinen schnuller mehr zum schlafen bekam, kein flascherl, (wohlgemerkt aber noch immer bei uns im zimmer bzw. bett geschlafen hat) und immer noch nicht besser geschlafen hat, und ich am ende meiner kräfte war (und wieder nein: schütteln wollte ich mein kind nciht, ich wollte nur mal wieder mehr als 2 stunden am stück schlafen) und ich einfach nicht mehr konnte, hab ich mir das buch ausgeliehen. und wir haben das programm versucht. er war dann ca. 15 monate alt. ja er hat geschrien, aber wir haben ihn nie länger als 5 minuten allein gelassen, wir waren für ihn da. seitdem ist es wirklich besser.

ich hätte das nie mit einem – sagen wir – 5 monate altem baby gemacht. ich hab meine kinder sehr gerne (so lange) gestillt. kinder, die schon bald sehr schwer waren, tagsüber viel getragen. hab ich alles gern gemacht. nur: irgendwann geht’s halt nicht mehr.
ich will mich hier nicht selbst rechtfertigen, nur darauf hinweisen, dass es nicht nur schwarz-weiß denken geben sollte.

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H. E. 23. September 2013 - 09:41

Das fragliche Buch richtet sich m.W. nicht (nur) an Eltern in Extremsituationen. Wir sind uns wohl alle einig, das Schreienlassen „besser“ als Schütteln ist, und Eltern, die mit den Nerven am Ende sind, ihr Kind auch ruhig mal ein paar Minuten weinen lassen dürfen, um durchzuatmen, ohne dass das Kindesmisshandlung darstellt. Aber als bewusstes Erziehungs-Prinzip sollte eine Gesellschaft das Weinenlassen hilfloser Wesen nach meiner Überzeugung ablehnen und dementsprechend auch nicht propagieren, frei nach dem nach Toleranz klingenden Motto “bitte nicht einmischen, jeder soll es machen wie er/sie es für richtig hält”. Es ist m.E. durchaus grausam. Klar resigniert man, wenn man heftig weint und niemand kommt, um zu trösten. Dass diese Methode bei manchen Kindern „Erfolg“ hat, wundert mich gar nicht. Aber unsere Kleinsten sind keine Computer, die man programmieren kann und sollte. Leute, Elternsein ist eine manchmal anstrengende Sache, so wie menschliche Beziehungen überhaupt oft anstrengend sein können. Selbstverständlich soll man auch nach Lösungen für Ein- und Durchschlafprobleme von Kleinkindern suchen, aber da gibt es ja auch noch schonendere Vorschläge, als dass sich ein Baby allein die Seele aus dem Leib brüllen muss.

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giannina 23. September 2013 - 06:55

Das ist das Duemmste, was ich seit langem gelesen habe. Ich bezweifle, dass auch nur einer der unterzeichnenden Kampfmuttis die aktuelle Ausgabe wirklich gelesen hat. Das Buch ist voller Tipps. Die kritisierte Methode (3 Min. schreien lassen mit oder ohne Mutter im Raum) macht nur einen Bruchteil des Buches aus. Das Zeitalter der BücherVerbrennungen ist vorbei. Jeder hat das Recht auf Informationen.

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Benny 22. September 2013 - 12:49

Ich finde es fragwürdig, eine Petition gegen ein Buch zu unterstützen, selbiges Buch aber in diesem Artikel zweimal mit einem Amazon Affiliate Link zu verknüpfen…

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Anja 22. September 2013 - 14:14

Na der Verkauf über den Link hier wird sich nach meinem Post dazu wohl in Grenzen halten;) Ich finde aber die vielen Rezensionen bei amazon sowohl zur älteren als auch aktuellen Auflage doch ganz interessant für die eigene Meinungsbildung jedes Einzelnen… Der Link zur entsprechenden Seite beim GU-Verlag enthält gerade mal drei Kommentare dazu und sonst nur die blumige Anpreisung des Buches selbst…

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Christina 21. September 2013 - 20:49

Ich kann hier manche dogmatische Kommentare nicht verstehen. Zu behaupten dass in unserer Gesellschaft Kinder nur funktionieren müssten und auf ihre Bedürfnisse nicht eingegangen wird, halte ich persönlich in Anbetracht der Geschichte für eine lächerliche Aussage. Ich glaube dass noch nie versucht wurde so auf Kinder eingehen wie heute. Vor allen in Zeiten von Kriegen war das früher gar nicht zu leisten. Natürlich gibt es aber auch heute neue Herausforderungen die früher so nicht da waren.
Was ich auch etwas dogmatisch finde: das Thema Tragen. Ich habe so viele sich sträubende Kinder gesehen die ins Tragetuch gezwungen wurden. Wieso wird hier nicht von ‚Resignation‘ gesprochen, wenn die Kinder dann aufgeben und erschöpft einschlafen?
Damit kein falscher Eindruck entsteht: ich halte von dem Buch nicht viel und ich finde mein Tragetuch toll (weil mein Kind sich nicht sträubt) aber ich plädiere für weniger Dogma und mehr Toleranz.

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Maria 20. September 2013 - 21:23

Ich verstehe nicht, weshalb hier einmal wieder unterschieden wird und das Credo „bitte nicht einmischen, jeder soll es machen wie er/sie es für richtig hält“ nicht eingehalten wird. Schade, dass beim Thema Schlafen keiner den Mut hat, auch mal die andere Seite anzusprechen. Was mute ich meinem Kind (und mir) eigentlich zu, wenn es monatelang oder jahrelang nicht schlafen kann, auch wenn es im Arm gehalten und getragen wird, kein Einschlafstillen hilft? Auch das „das Kind machen lassen“ kann eine große Überforderung für das Kind darstellen, wenn es nicht mit Sicherheit weiß, worauf es sich verlassen kann. Kein Kind muss schlafen lernen – aber lasst doch bitte die in Ruhe, die glauben es ist gut in ihrer Situation.

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Eule 20. September 2013 - 20:04

Ich habe ein Kind was nie wirklich schläft, es ist jetzt fast drei Jahre alt! Uns wurde das Buch schon oft empfohlen, ich habe es immer abgelehnt. Jedoch betrachte ich es eher kritisch es vom Markt zu nehmen. Ich habe mich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt und meines wissens nach, wurde es für Menschen entwickelt die ansonsten zu Gewalt greifen würden. Deswegen bin ich der Meinung, es müsste eigentlich diferezierter Empfohlen werden und im Vorwort sollte auf die Risiken des Programs aufmerksam gemacht werden. Unser Kind hat in den Zeit, in der es auf dieser Erde ist vielleicht 10 Nächte durchgeschlafen und ich kann deswegen verzweifelte Eltern sehr gut verstehen und würde mir deswegen auch kein Urteil über sie bilden wollen wenn sie dieses Programm anwenden. Aufklärung ist für mich der besser Weg.

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Thorsten Barth 20. September 2013 - 16:55

Wer aus wirtschaftlichen Gründen ein Buch auf dem Markt lässt und verkauft, im vollen Wissen darüber, welchen Schaden er damit anrichtet, handelt gewissenlos.

Eltern, die die Methode „erfolgreich“ angewandt haben, sehen den Erfolg aus einer Perspektive, die schon grundfalsch ist.

Erfolg = Kind ist ruhig ?!
Eegal mit welchen Mitteln und was man damit so alles angerichtet hat?

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Martin 20. September 2013 - 11:26

Das Buch hat uns sehr geholfen kann es nur empfehlen!

Diese Verbotsdebatten sind unglaublich, in was für einem Land leben wir eigentlich wo permanet Verbote für alles Mögliche gefordert werden …

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Ammelie 20. September 2013 - 10:59

Und Jane muss ich Recht geben, jeder Tumult um mich herum ist vergessen, wenn ich meiner Kleinen beim Schlafen zusehe. Ihr Lächeln im Schlaf, ihre gleuchmäßigen Atemzüge, ihr Geruch. Mehr kann ich mir nicht wünschen

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Ammelie 20. September 2013 - 10:55

Meine Schwägerin hat das Prinzip versucht und als Erfolg verbucht. Allen Anderen ,auch mir, tat es in der Seele weh,das arme Kind schreien zu lassen. Wie sagt man doch… Bis zum 1. Jahr soll man bei jedem Schrei reagieren. Kinder sind nicht böse und berechnend.
Mein Neffe holt jetzt mit fast 3 sich das, was er brucht. WÄRME! Auch beim Schlafen.gekonnt haben sie da also nix.
Meine Tochter ist 2 und schläft bei uns im großen Bett. Auch da gibt es 1000 Meinungen,aber ich bin ehrlich,ich war und bin zu faul,nachts 10 mal aufzustehen,um zu kuscheln,wenn wir doch auch so zusammen schmusen können.
Meine Tochter hat immer schon Einschlafschwierigkeiten gehabt und auch als Baby hat sie wenig bis fast nie geschlafen,dafür ruht sie sich beim kuscheln aus.
Das ist doch dann für Alle schön und macht deutlich weniger Stress.
Letztendlich muss Jeder für sich entscheiden. Ich würde es wieder so machen und vielleicht wird es beim nächsten Kind ganz anders, was das Schlafverhalten angeht,wer weiß das schon .

Danke an die,die bis hierher gelesen haben.
Lg

Antworten
Micha 20. September 2013 - 10:44

Ich kann mich noch gut erinnern, als das Buch „Jedes Kind kann…“ auf den Markt kam und damals ein echter Renner war. Toll, dass heute auch dank WWW so viel differenzierter über das Thema nachgedacht wird und ganz viel Aufklärung hinsichtlich „Attachment“ betrieben wird. Das finde ich viel wichtiger als ein Buchverbot.
LG, Micha

Antworten
Jane 20. September 2013 - 10:25

Also mein Mann und ich, wir lassen unsere Tochter auch nicht schreien bis sie einschläft. Zum einen hat mein Mann zu viel Angst das sie mal wegbleibt und ich könnte es auch nicht ertragen sie schreien zu hören.

Und warum soll man sein Kind wenn es Probleme bei einschlafen hat alleine lassen? Somit würde sich das Kind doch „merken“: Ok wnn ich Probleme habe hilft mir doch eh niemand.

Bei uns kommt es sogar vor das mein Tochter und ich zusammen im Elternbett einschlafen.

Und sind wir mal ganz ehrlich. Auch wenn uns unsere Kinder den Schlaf rauben, dieses süße Lächeln am frühen Morgen entschädigt uns doch alle male dafür.

Antworten
Linde 19. September 2013 - 22:59

manche Mütter suchen halt den einfachen weg um nachts wieder schlafen zu können, also lieber ne Woche nen schreiendes Baby und danach gibt es auf, als 9 Monate sich tag und nacht zu kümmern. zumin kommt es einem so vor oder?

Ich habe mein Kind nie schreien gelassen, ich hab es nie allein gelassen wenn es leid hatte. der Papa ebenso nicht.

es gibt soviele Möglichkeiten. erst heute (er zahnt gerade seine Backenzähne raus) hat er so geweint, wenn man allein seine Wange berührte. soll ich hin da allein lassen? Papa hat sich zum Hampelamann gemacht um ihn ein Lächeln abzuluchsen und ich hab ihn irgendwann in die Trage gepackt und bin raus mit ihm an seine Lieblingsplätze … Alleen/Bäume. Und wunder er war ruhig, schaute und war abgelenkt.

Manchmal muss man auf die seine Kinder hören bzw ihnen zuhören um die Bedürfnisse zu kapieren. Ich hab das Gefühl viele haben keine Lust dazu und es ist ihnen zu Zeitaufwendig. Das Baby muss in unserer Gesellschaft einfach funktionieren.

Antworten
Anne 19. September 2013 - 20:19

wunderbar geschrieben liebe anja!

ich hadere noch, ob ich den aufruf unterzeichne, irgendwie erscheint es mir aus o.g. gründen sinnlos..
aber immerhin ein zeichen setzen kann frau damit sicher!

Antworten
Katharina 19. September 2013 - 12:14

Natürlich würde man sich dieses unsägliche Buch am liebsten wegwünschen.
Es ist aber naiv anzunehmen, ein wirtschaftsunternehmen nähme eines ihrer Spitzenpferdchen aus dem Rennen, nur weil ein paar Leutchen, die eh nicht zur Zielgruppe des Buches gehören, dagegen sind. Das Buch verkauft sich seit Jahren ungebremst gut und wirtschaftlich gesehen wäre es dumm, es aus dem Sortiment zu nehmen.

Und dort, denke ich, muss man ansetzen: Immer mehr ElternberaterInnen, KinderärztInnen, Hebammen et cetera sehen heute die Vorzüge der bedürfnisorientierten Elternschaft und geben die auch an „ihre“ Eltern weiter. Heute gibt es gute Alternativen zu JKKSL, beispielsweise die „no cry“-Reihe von E. Pantley, oder das wunderbare neue Buch von Nora Imlau.

Je mehr echte, praktische Unterstützung Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs erhalten, desto weniger suchen sie nach einfachen Rezepten.

Antworten
Team Rabeneltern.org 19. September 2013 - 09:51

Vielen Dank für diesen Beitrag!

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