„Mamaaaa, wer ist das?“

von Anja

Nach vielen Jahren Hebammerei in Berlin habe ich so einige Eltern und Kinder auf dem Weg ins Familienleben begleiten dürfen. Auch nach Schwangerschaft und Stillzeit trifft man sich immer mal wieder – überall: auf Spielplätzen, im Café, bei Wohnungsbesichtigungen, auf Kinderflohmärkten. Und dann stehe ich da immer und versuche mich zu erinnern. Wie die Eltern heißen, wie das Kind heißt…

Ich habe ein wirklich schlechtes Namensgedächtnis. In Schwangerschaft und Stillzeit ist das nicht besser. In den letzten Jahren habe ich mich häufig genau in diesem Zustand befunden. Die anderen Eltern dagegen müssen sich ja meist nur an eine oder einige wenige Hebammen erinnern. Aber ich habe gerade in Zeiten meiner eigenen Hebammenpraxis durch die Kurse teilweise fünfzig neue Leute in der Woche kennengelernt. Und die Schnittmenge – alle erwarten oder haben ein Baby – ist hoch. Hinzu kommt, dass unsere doch unkreative Elterngeneration einen Großteil der Väter einfach Stefan, Andreas oder Christian genannt hat. Auch bei den Frauen gibt es wiederkehrende Klassiker…

Ich weiß also oft nicht, mit wem genau ich mich da jetzt unterhalte, wenn ich mich unterhalte. Zumindest nicht namentlich. An dazugehörige Orte, Situationen oder zum Beispiel Dinge, die wir im Wochenbett besprochen haben, erinnere ich mich dagegen wesentlich besser. Natürlich ist das auch davon abhängig, wie lange die jeweilige Betreuung oder manchmal auch nur einzelne Stillberatung her ist. Als meine Kinder eingeschult wurden, sprachen mich auch immer wieder gleich mehrere „ehemalige“ Mütter an.

Unbekannte Namen höflich umschiffen

Teilweise konnte ich mich noch gut an die Gesichter erinnern – aber an keinen einzigen Namen. Und die Babys von damals waren nun auch schon sechs Jahre alt oder noch älter. Meist versuche ich also, Namen höflich zu umschiffen. Aber mittlerweile werde ich regelmäßig von meinen eigenen Kindern eiskalt enttarnt. Sind die dabei, fragen sie garantiert nach den ersten drei Gesprächsminuten: „Mamaaaa, wer ist das?“. Tja, liebe Kinder, das fragt sich die Mama auch gerade…

Also liebe Eltern, ich oute mich jetzt offiziell: Ich kann mir eure Namen meistens nicht lange über die Betreuungszeit hinaus merken. Was aber nicht heißen soll, dass ich die gemeinsame besondere Zeit in Vergessenheit geraten lasse. Auch all eure Kinder sind immer etwas Besonderes für mich. Spätestens bei jedem eigenen meiner Kinder habe ich die mittlerweile sehr lange Namensliste in meinem Hebammenabrechnungsprogramm studiert und mich inspirieren lassen.

Dabei erinnere ich mich an viele wunderbare Begegnungen in meinem Hebammenleben und bei den Hausbesuchen. Übrigens heißen die Erziehungsberechtigten der Freunde unserer Töchter in meiner Telefonkontaktliste auch immer nur „Mutter von…“ und „Vater von…“. Wenn ich dann mal irgendwann nicht mehr stille, werde ich als Gedächtnistraining anstelle von Sudoku versuchen, mir Namen zu merken. Bis dahin helft mir bitte auf die Sprünge, wenn wir uns begegnen. Danke dafür.

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2 Kommentare

Friederike 15. März 2015 - 15:29

Liebe Anja,
das kenne ich so gut. Und bei mir sind es noch keine 11 Jahre.
Durch eigene Kinder bin ich dann oft auch unsicher, ob wir uns aus dem beruflichen oder privaten Umfeld kennen.
Oft weiß ich schon, dass wir uns irgendwo her kennen. Aber wo denn? Aus einem Kurs, vielleicht auch der von mir als Schwangere besuchte Geburtsvorbereitungskurs. oder zusammen demonstriert, irgendeine Krabbelgruppe… Nicht so leicht.
Wenn ich Menschen woanders wieder treffe, ist die Zuordnung für mich gar nicht so einfach.
Bei länger betreuten Frauen erinnere ich mich schon schneller daran. Aber je mehr Zeit dazwischen liegt, umso schwieriger wird es.
Wir haben ja auch mit so vielen Menschen immer zu tun.
Wenn ich einordnen konnte, woher wir uns kennen, erinnere ich mich aber dann oft sogar an den Namen von Mama oder Kind 🙂

Ich hoffe, die betreffenden Familien nehmen es nicht persönlich und mir und dir und allen anderen Kolleginnen krumm. So ist es keineswegs gemeint.

Freut mich sehr, dass es dir da ähnlich geht, liebe Anja.

Gruß,
Friederike

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McMaren 15. März 2015 - 13:45

Ich versteh dich so gut. Ich bin als Elternteil ja schon überfordert, ich wäre an deiner Stelle hoffnungslos aufgeschmissen!

Ich ab neulich mal selbst darüber gebloggt: http://mcmaren.wordpress.com/2015/02/11/das-mama-von-problem/

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