Schlimmer geht immer

von Anja

Im letzten Winter war unsere Heizung gute fünf Tage lang kaputt. Heute musste ich mal wieder dran denken. Neben ständigen Besuchen von zum Teil sehr schlecht gelaunten Handwerkern, die das Problem nicht lösen können, bedeutete das eine kalte Wohnung mit kaltem Wasser. Da der Winter eher mild war, nervte das Kaltwasserproblem mehr als die ungeheizte Wohnung. Und obwohl ich weiß, dass all diese Sorgen für manche Menschen reine Luxusprobleme sind, mussten wir immer mal ein bisschen über die blöde Situation jammen. Auch wenn ich dankbar war, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, die Dusche unserer Nachbarn nutzen durften und genug warme Kleidung haben, nervte es mich. Mal mehr, mal weniger. Dann jammert man. Genauso wie darüber, dass wir neulich nachts wegen komplett kaputtem Scheibenwischer und Regen unfreiwillig mit den drei Kindern auf der Autobahn liegen geblieben sind. Rückblickend alles überhaupt keine Katastrophe und für die Kinder eher ein großes Abenteuer. Gejammert haben Christian und ich beide in beiden Situationen.

Und jammern hilft. Einfach mal sagen, was einen gerade nervt und dann noch jemand, der dazu nickt und einem über den Kopf streichelt – und vieles ist wieder gut. So wie bei den Kindern, wenn sie sich bei uns ausweinen, weil das Lieblingsauto verschwunden ist, das Kuscheltier abgehauen ist oder die Tasse morgens einfach die falsche Farbe hat.

Aber oft neigen wir dazu, ein persönliches kleines „Unglück“ damit zu relativieren, dass es anderen Menschen viel schlechter geht. Natürlich sollte man schon schauen, wen man mit welchem Problem anspricht. Menschen, die vielleicht durch ein Feuer ihr Haus verloren haben, wollen und sollen bestimmt nichts von unseren Heizungsproblemen hören. Und Eltern, deren Kinderwunsch gerade unerfüllt bleibt, wollen sicherlich nicht das Gestöhne anderer hören, die sich darüber beklagen, wie anstrengend das Leben mit vielen Kindern ist. Manchmal geht aber auch sowas schief, weil man gar nicht um die genauen Lebensumstände und schon gar nicht um die Gedanken der anderen weiß. Die meisten Jammernden jammern sicher nicht in der Absicht, andere damit zu verletzen. Und wenn das doch passiert, ist es natürlich am besten, wenn das auch angesprochen wird.

Bedauern und Dankbarkeit gleichzeitig

Aber wer darf nun eigentlich jammern? Es gibt keine Skala dafür, denn „schlimmer geht immer“. Das sage ich gerade auch häufig zu einer besorgten Mutter, die ihr Kind viele Wochen zu früh geboren hat. Das Kind entwickelt sich trotz des viel zu frühen Start ins Leben sehr gut und macht täglich große Fortschritte. Konfrontiert mit den vielen Schicksalen auf einer Kinderintensivstation traut sich die Mutter manchmal kaum zu sagen, wie schwer und traumatisch das alles für sie ist. Es liegt sicherlich auch daran, dass der Fokus des Umfeldes immer auf der so gut verlaufenden Entwicklung des Kindes liegt. Trotzdem ist dieses Kind völlig ungeplant viel zu früh geboren – mit allen damit verbundenen Sorgen und Ängsten der Eltern. Und auch wenn sie ihre Gesamtsituation bedauern, sind sie trotzdem dankbar für den guten Verlauf.

Und wie eingangs beschrieben macht Jammern und übers Köpfchen streicheln den Kopf und das schwere Herz wieder etwas frei. Und die Kraft, die in Belastungssituationen gebraucht wird, kommt wieder etwas mehr zum Vorschein. Ich bin deshalb gegen Jammerbewertungsskalen. Dammschnitt versus Kaiserschnitt, der Verlust eines Kindes zu einem sehr frühen oder späten Schwangerschaftszeitpunkt, das Schreiverhalten des eigenen Kindes im Vergleich zu anderen Babys… es gibt da kein leichter oder schwerer. Jeder trägt sein Päckchen und jeder hat anderes Rüstzeug, damit umzugehen. Natürlich gibt es auch wahre Luxusprobleme. Und man darf es trotzdem auch mal kurz doof finden, wenn der frische Koriander für das geplante Abendessen ausverkauft ist. Die Bedürftigkeit, in solchen Situationen getröstet zu werden, ist dann auch sicherlich sehr gering. Oder ein schlauer Mensch macht uns darauf aufmerksam, dass sowas nun mal ehrlich Luxusprobleme sind – und man streut anschließend in großer Dankbarkeit einfach Petersilie übers Essen.

Und Eltern dürfen sich auch manchmal einfach über den Nachwuchs und die damit verbundene Anstrengung beschweren, ohne dass dabei irgendwie in Frage gestellt wird, wie froh und dankbar sie jeden Tag über die Existenz ihrer Kinder sind.

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2 Kommentare

Lina 12. März 2016 - 10:43

Danke. Das tat gut.

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Miriam 11. März 2016 - 09:59

Natuerlich geht immer schlimmer, aber d.h. ja nicht, dass es in diesem Moment fuer einen selbst nicht schlimm/anstrengend/nervig ist.

Ein Freund von uns hatte Krebs, und er meinte, er fand es ganz schlimm, dass waehrend seiner Behandlung alle immer gesagt haben, bei ihnen ist alles super, nur weil er ’schlimmer‘ dran gewesen ist, und man ihn schonen wollte. Er wollte einfach etwas Normalitaet und wollte weiterhin am Leben seiner Freunde und Familie mit grossen und kleinen Sorgen, Noeten und Freuden teilnehmen.

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