So von Vater zu Vater – auch Supermütter brauchen Schlaf

von Christian

Auf den Artikel über die müden Mütter gab es viel Feedback. Unter anderem kam immer wieder die Anmerkung, dass doch nicht die Mütter um Hilfe bitten sollten, sondern die Väter am besten von selbst darauf kommen. Das sehe ich als Mann und Vater prinzipiell ganz genauso. Mein letzter Beitrag richtete sich aber eher an jene Eltern, wo genau das scheinbar schon länger nicht der Fall ist. Und daher die Mütter dementsprechend auf dem Zahnfleisch gehen. Dann sollte oder muss man wohl sein Anliegen sehr klar und deutlich formulieren, damit sich etwas ändert. Hoffentlich jedenfalls.

Generell wäre es natürlich am besten, wenn sich beide Partner ihrer Verantwortung für das Kind und füreinander bewusst sind – und ihren Alltag entsprechend gestalten. Aber sowohl aus Anjas Erzählungen aus ihrem Arbeitsleben als auch aus meinem nahen oder entfernteren Umfeld weiß ich, dass das oft halt nicht so ist. Und bisweilen frage ich mich auch, welche Sorte von Vater ich geworden wäre, wenn mir vorrangig durch Anjas Job nicht schon vor meiner Zeit als Vater bewusst gewesen wäre, wie wichtig es ist, als Eltern im Team unterwegs zu sein. In Vätervorbilder hatte ich mal geschrieben, dass es wohl auch einfach glückliche Umstände waren, weil ich mir bei Freunden so einiges abschauen konnte, was mir als Vater später sehr half, meine Rolle zu finden.

Wahrscheinlich war genau das letztlich viel entscheidender, als irgendwelche Bücher oder Blogtexte zu dem Thema zu lesen. Nicht nur Kinder lernen von ihren Eltern. Man lernt auch als Erwachsener von Freunden und seinem Umfeld – nicht immer natürlich gibt es für jeden dort gute Vorbilder. Im unmittelbaren Umfeld jemanden als vorbildliches Beispiel zu haben, den man schätzt und dem man vertraut, das hat sicherlich sehr starken Einfluss. Doch nicht immer ist das gegeben. Vielleicht auch einfach nur, weil man als Erster im Freundeskreis zum Vater wird…

Man könnte schon denken, dass sie Superheldinnen sind

Dann muss man sich das alles zu großen Teilen selbst erarbeiten. Nicht selten auch deshalb, weil die eigenen Väter aufgrund der Rollenverteilung vor 40 Jahren nicht so recht als gutes Vorbild herhalten können. Artikel, Bücher und Blogs zu dem Thema sind eine wichtige Informationsquelle. Eine Zeit lang habe ich sogar in Anjas Geburtsvorbereitungskursen ein paar Stunden mit werdenden Vätern gearbeitet. Wir haben meist im Café um die Ecke von Mann zu Mann darüber gesprochen, wie die Vorstellungen aber auch Ängste zum Vaterwerden sind.

Es gab große Unsicherheiten gestandener Männer, nicht nur in Bezug auf die Geburt, sondern auch über die Babyzeit. Das soll keine Rechtfertigung dafür sein, wenn sich ein Vater nach der Geburt nicht aktiv einbringt. Aber vielleicht kann es ein bisschen erklären, warum manchmal ganz konkrete Anweisungen oder Bitten der Mütter eine gute Idee sind. Und vielleicht checkt mancher Mann wirklich einfach nicht, dass auch die Kraft der Partnerin nicht unendlich strapazierfähig ist.

Wenn dem so ist, woher kommt dann die mögliche Annahme, dass eine Mutter unendlich belastbar ist? Wenn man die Tatsache betrachtet, dass Frauen in der Lage sind, einen kleinen Menschen in sich heranwachsen zu lassen, könnte man schon denken, dass sie Superheldinnen sind. Auch ich hatte nach der über 30 Stunden dauernden Geburt unseres ersten Kindes das Gefühl, dass Anja von nun an wohl gar keinen Schlaf mehr brauchen würde. Sie nickte irgendwann zwar immer kurz zwischen den Wehen weg, aber hat einfach immer weiter und weiter gemacht.

So von Vater zu Vater

Derweil war ich, der doch so gar nichts weiter leisten musste, echt am Ende. Ich bin mehrfach eingeschlafen, was ich heute noch immer wieder so halb vorwurfsvoll zu hören kriege. Heldenhaft überstehen Frauen durchgekotzte Schwangerschaften und scheinbar endlose Wehen. Man kann schon sagen, dass viele Frauen in dieser Lebensphase über sich hinauswachsen und tatsächlich zu Superwoman werden.

Doch trotzdem heißt das nicht im Umkehrschluss, dass sie von nun an nicht mehr schlafen, essen, in Ruhe auf die Toilette gehen oder ihren Kopf mal mit etwas anderem als Babythemen füllen müssen. Nur weil sie geboren haben, müssen sie nicht alles aushalten müssen. Ganz im Gegenteil nimmt sich jeder Läufer nach einem Marathon genug Zeit zur Regeneration. Doch vielen Müttern ist es nicht möglich, ein richtiges Wochenbett einzuhalten, einfach weil die Unterstützung fehlt.

Anja erzählt mir oft davon und redet auch drüber, welche körperlichen und seelischen Auswirkungen das dann haben kann. Für das Wochenbett war ich also immer gut „eingenordet“. Und mir war klar, dass ich als Vater dafür sorgen muss, dass Anja diesen Schutzraum zur Regeneration bekommt. Und natürlich endet nicht alle Babyanstrengung mit dem Wochenbett. In der Zeit danach haben wir wohl beide manchmal unsere Energie überschätzt. Wir mussten auch erst lernen, unsere Kräfte gut einzuteilen. Das hat manches Mal Streit bedeutet und viele Tränen gekostet.

Es so gut wie möglich machen – jeden Tag

Ja, die Frauen werden gerade vor und nach der Geburt mit allerlei Hormonen ausgestattet, die sie auch unter Wehen und bei großem Schlafmangel „bei Laune halten sollen“. Aber diese Hormone machen sie eben auch gleichzeitig sensibler und angreifbarer. Deshalb ist Stress in der Babyzeit auch gerne mal noch ein bisschen stressiger als sonst. Deshalb sind die Hauptprobleme in der Schwangerschaft vielleicht auch nicht unbedingt das Sodbrennen oder die nächtlichen Wadenkrämpfe, sondern eine hohe Emotionalität, mit der man als Mann schnell mal überfordert ist. Und diese Emotionen, von denen man als Vater wie als Mutter nach der Geburt überflutet ist, verkomplizieren das Leben und auch die Kommunikation miteinander nicht selten erheblich.

Elternsein heißt immer auch, sich wieder und wieder auf neue Situationen einzustellen und möglichst gut damit umzugehen. Es geht für uns Männer nicht darum, als Vater immer alles perfekt und supereinfühlsam hinzubekommen. Aber zu versuchen, es so gut wie möglich zu machen – jeden Tag. Und wenn man nicht so genau weiß, was gerade gut wäre, das sollte man einfach die Frauen danach fragen!

Es geht beim Elternsein nicht darum, wer gerade am meisten macht, sondern darum, mit den Menschen, die man liebt, zu einer Familie zusammenzuwachsen, in der sich alle wohl und gesehen fühlen. Und weil wahrscheinlich auch diesen Text wieder wesentlich mehr Mütter als Väter lesen werden – bitte weitersagen an die Väter, liebe Mütter. So dass er auch in Heimwerker-, Bundesliga- und Motorsportforen geteilt wird, wo eine ganze Menge toller Väter rumhängen, die vielleicht nur mal den richtigen Anstoß brauchen. So von Vater zu Vater.

Passend zum Thema

9 Kommentare

Maria 9. Januar 2017 - 12:27

Danke für den Text! Werde ich verteilen. Wunderbarer Blog, ihr ändert viel in den Köpfen und das ist Gold wert:-)

Antworten
Die Krieger des Lichts 9. Januar 2017 - 02:12

Ich kann Jochen nicht verstehen, es ist geschrieben worden, weil es einfach Thema ist und auch ich manchmal erst die Sichtweisen, sehen / lesen muss und als ich den Text gelesen habe, ein paar dinge klar wurden !! Ich nehme mir die Freiheit raus, dinge zu tun, aber sie kann sich nicht einfach mal aus der Situation stehlen und aufatmen… in vielen Bereichen !

Die Kommunikation ist das A und O, sie kann nichts erwarten, wir können alle nicht in eine Glaskugel gucken!! Ich brauche oft Info auf den Punkt gebracht und habe sonst einfach viel anderen quatsch im Kopf, oft nicht wichtig, aber trotzdem da!!

Danke für den Text, sie war aber auch schon vor dem Beitrag mein Superheld 🙂

Antworten
KriMaEm 8. Januar 2017 - 19:59

Bei uns gab es ewig Zoff, und das, obwohl ich gesprochen hatte… er braucht auch mal Zeit für sich, ich soll mehr im Haushalt tun etc…
Nach einem Jahr ging ich wieder arbeiten. Da wir uns einig waren, dass wir dann auf jedenfall noch ein Jahr selbst betreuen wollen, war mein Mann drei Tage die Woche bis drei für unseren Sohn verantwortlich. Und voilà… er entschuldigte sich. Er konnte sich bis dahin einfach nicht vorstellen, wie es ist.
Mein Tipp an alle: den Mann mal alleine machen lassen. Ein bis zwei Tage reichen da völlig. Muss auch nicht den ganzen Tag sein. Meist reichen ein paar Stunden…

Antworten
Melanie 8. Januar 2017 - 18:13

Ich erlebe leider regelmäßig wie Frauen zu furchtbaren Furien werden wenn das Baby da ist. Leider ist das nicht die Seltenheit. Sie nörgeln nur am Vater rum was sie alles falsch am Baby und im Haushalt machen und nichts richtig ist. Dann ist es doch auch kein Wunder das die Männer sich irgendwann abwenden und nicht mal mehr die Spülmaschiene einräumen. Auch wir Frauen müssen mal die Kirche im Dorf lassen. Ich musste auch am Anfang oft auf die Zähne beissen und mir immer wieder sagen „er macht das schon“ wenn die Situation nicht lebensgefährlich ist, ist doch alles in Ordnung. Und wenn die Wäsche unsortiert in der Maschine landen ist es auch egal Hauptsache sie wird sauber.
Ich bin dankbar das mein Mann mich unterstützt wo es nur geht und wir uns die Aufgaben teilen. Auch wenn es nicht immer einfach ist.

Antworten
Hannah 8. Januar 2017 - 14:40

Danke für diesen schönen und einfühlsamen Text. Wie ich meinen Mann kenne kommt dabei mehr an,als bei einem „Du sollst…Du musst…“
Schade,dass Berlin so weit ist, Ihr seid meiner Meinung nach eine tolle Vorbild-Familie 🙂

Antworten
Jochen König 8. Januar 2017 - 11:38

Der neue Text macht es leider nicht besser. An Mütter gibt es eine klare Handlungsanweisung. Sie „sollen und müssen“ selbst aktiv werden, „damit sich etwas ändert.“ Bei Vätern ist Christian viel nachsichtiger. Sie brauchen „glückliche Umstände“, um zu erkennen, was zu tun ist. Und wer diese glücklichen Umstände nicht hatte, tja, hm, dann hilft er eben nicht. Ist ja auch alles echt schwer zu erkennen. Und die Väter, die sich nicht kümmern, bezeichnen wir einfach auch schonmal präventiv als „tolle Väter“, die eben nur noch keinen Anstoß bekommen haben. Dass sie auf einen Anstoß warten, um aktiv zu werden, kann ihnen ja niemand vorwerfen. Ernsthaft?

Sorry, mich ärgert es wirklich, wie hier einfach völlig unterschiedliche Maßstäbe angesetzt werden.
Wie können Väter dazu gebracht werden, sich mehr zu beteiligen? Wie wäre es, wenn man ihnen nicht die Ausreden hier zurecht legt, sondern ihnen klar sagt: Väter „sollen und müssen“ selbst aktiv werden, sich kümmern, und eigenständig sehen, was zu tun ist. Sonst sind sie eben keine „tollen Väter“. Und Mütter sind nicht in der Verantwortung, ihren Partner ständig darauf hinzuweisen, dass er sich beteiligen soll, um dann vorgeworfen zu bekommen, dass sie ja sowieso immer nörgeln würde. Die Sätze „Es geht! Man muss es „nur“ machen“ im letzten Text – gerade aus dem Mund eines Typen – finde ich anmaßend und implizieren, dass genau das nicht geschehen würde. „Es geht!“ eben nicht, sondern braucht aus Sicht der Mutter „glückliche Umstände“, dass ein Väter sich bequemt, sich zu beteiligen.

Antworten
Christian 8. Januar 2017 - 12:02

Lieber Jochen,

Danke für deine Hinweise. Beide Texte sind natürlich an unterschiedliche „Zielgruppen“ gerichtet und sollen keine Handlungsanweisungen sein, sondern zum Nachdenken darüber anregen, was womöglich falsch läuft. Tun sie ja scheinbar auch, was doch schon mal gut ist. Denn es geht ja im Kern darum, Situationen, die in dieser Form vielfach vorkommen, zu entschärfen und zu verbessern. Aus zwei Texten einzelne Passagen per Zitat zu nehmen und dann aus dem Kontext zu reißen, das ist natürlich ein bisschen schwierig. Dennoch:

Ich bin nicht nachsichtig mit Vätern, die es (aus welchen Gründen auch immer) nicht so gut hinkriegen, wie ich es mir wünschen würde. Ich glaube persönlich nicht, dass alle nicht involvierten Väter präventiv tolle Väter sind und nur einen Anstoß brauchen, um aktiv zu werden. Und ich lege ihnen ganz sicher keine Ausreden zurecht, sondern skizziere, dass es in ihrer eigenen Verantwortung liegt, etwas zu ändern, sonst fährt die Karre an die Wand. „Glückliche Umstände“ beschreibt meine ganz persönliche Situation und zielt nicht auf alle Männer ab. Diese Umstände haben geholfen, es hätte auch anders laufen können. Es kann immer anders laufen – und vielleicht hilft ein solcher Text (und auch der andere über die müden Mütter) ein paar Männern dabei zu erkennen, dass sie ihren Frauen mehr helfen müssen, weil sonst die Probleme schnell riesig werden. Und ja, wenn Männer nicht selbst aktiv werden, dann sollten und müssen es die Frauen ihnen sagen. Wer denn bitte sonst?!

Sicherlich bleibt zu hoffen, dass Söhne, die ihre Väter als aktiv teilnehmend am Alltag erleben das in Zukunft automatisch besser handhaben. Aber aktuell wird eine Generation Männern zu Eltern, von denen noch sehr viele selbst ein tradiertes Rollenwelt in der Kindheit und Jugend erlebt haben. Das wird hoffentlich besser, je mehr sich beide Elternteile als Eltern engagieren.

Antworten
jule 9. Januar 2017 - 21:54

Jochen, wie immer sind deine Beobachtungen pointiert und absolut einleuchtend. Gäbe es deine Beiträge im Netz nicht, ich würde denken, ich bilde mir dieses Ungleichgewicht zwischen Müttern und Vätern ein und allein die zahlreichen bloggenden und kommentierenden Mütter hielten diese devote, bettelnde Haltung, der um Hilfe ersuchenden Frauen für falsch.

Antworten
Jo 13. November 2018 - 21:27

+1
Eine Frau benötigt keine Hilfe. Es reicht vollkommen, wenn der/die Partner‘in seine/ihre Hälfte macht.

Antworten

Kommentieren