Strand, Liebe, Aushalten, Glueck

Vom Halten und Aushalten

von Anja

Manchmal liest man die richtigen Worte zur richtigen Zeit, so wie diesen Satz von Jesper Juul: „Kinder müssen lernen, mit kleinen Enttäuschungen umzugehen. Und Eltern müssen akzeptieren, dass ein Kind nicht immer glücklich sein kann.“

Der selbst gemachte Druck, nur dauerglückliche Kinder hier zu haben, ereilt mich besseren Wissens dann doch auch immer wieder. Und gerade dann, wenn es einem Kind nicht so gut geht, suche ich zuerst den Fehler bei mir. Generell ist es ja auch nicht verkehrt, als Eltern erst einmal zu schauen, wie die familiäre Grundstimmung ist. Denn natürlich belasten Krisen jeglicher Art immer auch das Kind. Doch Fakt ist ebenso, dass es in der Kindheit auch Krisen gibt, für die wir als Eltern nicht immer hauptverantwortlich sind. Diese Krisen können wir zudem manchmal und leider nicht wirklich lösen.

Sicherlich ist es auch gar nicht sinnvoll, den Kindern diese Krisenarbeit komplett abzunehmen. Bei einem Zweijährigen ist der Kummer noch überschaubar und meist auch sehr schnell überwindbar. Schulkinder und gerade Kinder kurz vor oder in der Pubertät haben ganz andere Sorgen, die sich nicht mehr so einfach „wegpusten“ lassen. Sei es Stress in der Schule, Streit mit den Freunden oder eine nicht ergatterte Hauptrolle im Schultheaterstück, die das Selbstwertgefühl erschüttert.

Probleme und Krisen sind nicht nur destruktiv

Und ja, es bricht einem bisweilen das Herz, sein kleines großes Kind so „leiden“ zu sehen, während es einem das Herz ausschüttet. Doch oft möchten Kinder ab einem gewissen Alter auch nicht mehr Hilfe, als einfach jemanden, der wirklich und ehrlich zuhört. Und oft lösen sie ihre Problem dadurch auch ganz plötzlich von selbst. Während man nachts noch grübelnd als Mutter im Bett liegt, versteht das Kind zwei Tage später gar nicht mehr, warum man so besorgt nachfragt.

Je älter die Kinder werden, desto mehr Respekt und vielleicht auch etwas Angst habe ich vor dem, was da auf uns zukommt. Dabei bin ich sicher, dass mein Kind auch seinen ersten Liebeskummer überwinden wird. Aber ich bin mir nicht sicher, wie gut ich es aushalten kann, mein Kind so leiden zu sehen. Doch Probleme und Krisen sind ja durchaus nicht nur destruktiv, sondern lassen einen Menschen reifen. Im besten Fall wird er gestärkt aus der Krise hervor gehen. Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückschaue, waren es letztlich auch meist Zeiten, in denen es mir nicht gut ging, die bewirkt haben, Situationen zu verändern. So wurde es auf lange Sicht gut. Und auch als Paar haben uns die „schlechten Zeiten“ an mancher Stelle weiter gebracht, als die dreiwöchige immer sonnige Kalifornienreise…

Mythos der dauerhaft glücklichen Kindheit

Ich glaube, wir haben unseren Kindern ein gutes Fundament mitgegeben, auch mit schwierigen Situationen fertig zu werden. Als gutes Zeichen dafür werte ich zum Beispiel, dass sie sich mit all ihren großen und kleinen Sorgen an uns wenden. Und wahrscheinlich ist es ebenso ein gutes Zeichen, wenn sie ihre Probleme alleine lösen wollen und nicht möchten, dass Mama und Papa ihnen alles abnehmen. Das fällt mir allerdings noch persönlich manchmal etwas schwer. Denn der Mythos der dauerhaft glücklichen Kindheit schwebt immer wieder mal durch meinen Kopf. Dieser Wunsch, dem Kind alle Steine aus dem Weg zu räumen… dabei ist es sicherlich viel sinnvoller, lieber mal auf einem Stein Platz zu nehmen, zuzuhören und einfach da zu sein. Dann wird das Kind aus sich heraus die Kraft finden, Steine wegzuräumen und seinen Weg weiter zu gehen.

Auch als Eltern von kleinen und größeren Kindern muss ich mich wohl ab und an an meine eigenen Worte erinnern. An das, was ich Eltern sagen, die ein Baby haben, dass gerade von Gebärmutterheimweh oder arger Verdauungsarbeit geplagt wird oder aus anderen Gründen untröstlich weint. „Manchmal ist es statt in allzu großen Aktionismus zu verfallen, einfach nur unser Job, das Baby in seinem Kummer zu begleiten, es zu halten und mit ihm auszuhalten, dass das Leben sich gerade nicht gut anfühlt.“ Das gilt dann wohl ein ganzes Elternleben lang.

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12 Kommentare

Kiki 13. April 2015 - 16:00

Danke für diesen schönen Artikel, vielen Dank. Es ist ein Zeichen unserer Zeit ALLES, auch negative Stimmungen etc. sofort zu erklären und zu bekämpfen. Das schafft Frust wenn es „halt einfach mal so ist, wie es ist“ und kein wirklicher Grund für die Übellaunigkeit zu erkennen ist und erzieht die Kinder in Richtung Schuldfrage und Kontrollfreak. Aber manchmal ist es halt einfach auch so wie es ist, da kann man tun was man will… Die Frage ist nur wie man damit umgeht und da finde ich auch dass der Begleitung eine immens tragende Rolle zukommt. Und eine verlässliche Begleitung im Aushalten schafft Vertrauen und das wiederum schafft eine bessere Möglichkeit mit dem Umgang von solchen *ist halt so*-Situationen. Denn auch wenn wir Eltern es so gerne möchten, manche Dinge kriegen auch wir nicht in den Griff… 🙂

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seitdudabist 11. April 2015 - 13:29

Sehr kluge Worte (mal wieder…)!

Und es stimmt: Obwohl ich weiß, dass mein kleiner Sohn nicht rund um die Uhr glücklich sein kann und auch ein „Recht“ auf auf schlechte Laune u.ä. hat, muss ich mich selbst trotzdem immer wieder daran erinnern, dass ich nicht jeden Schmerz oder jede Traurigkeit „beseitigen“, sondern oft einfach „da sein“ brauch und soll!
Irgendwo hatte ich einmal den Begriff „Weltschmerz“ gelesen – das Wort finde ich sehr treffend und schön dafür.

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Nestingmom 11. April 2015 - 10:24

Ist es nicht so, dass der Wunsch aus uns selbst herauskommt? Ich wäre auch am liebsten immer glücklich und zufrieden und hätte keinen Stress mit meiner Familie. Vielleicht habe ich genau deshalb ein sehr komplexes Kind bekommen, bei dem vieles nicht einfach zu sein scheint. Damit haben wir wohl meine und seine Aufgabe für dieses Leben. Ich habe auch festgestellt, um so gelassener ich von seinem Unglück bleibe und ihn einfach nur halte und zeige dass ich da bin, um so schneller geht es vorbei.
Zu den Spielplatz Kommentaren würde ich gerne anmerken, dass mein Kind auch schnell weint und sich von mir helfen lässt aus genau den Gründen die Julia genannt hat. Ich misch mich nicht gerne ein, muss es aber oftmals um meinem Kind den nötigen Mut zu geben weiter zu spielen und zu verstehen wie die Regeln sind. Ich denke mir dabei oft, dass es gut ist, dass er nicht zurückschubst da er größer und stärker ist als viele Kinder in seinem Alter.

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Tobi 9. April 2015 - 00:33

Ich finde deine Einstellung da genau richtig. Natürlich können viele Sorgen auch durch die Situation in der Familie entstehen, aber es gibt so viele Dinge, die einem Kind seelisch zusetzen können, deren Ursachen außerhalb der Familie zu finden sind. Das kennt ja im Grunde jeder von sich selbst, dass man auch mal Ärger mit Mitschülern hatte oder Liebeskummer. Aber ein stabiles familiäres Umfeld mit ausreichend Unterstützung hilft halt ungemein, diese Dinge zu verarbeiten und deine Strategie mit dem Zuhören und Nachfragen ist da glaube ich ein sehr gutes Rezept.

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Julia 8. April 2015 - 10:50

Vielen Dank für diesen schönen Text!!
Liebe Grüße, Julia

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Frau B. 8. April 2015 - 10:48

Ich frage mich, woher dieser falsche Weg des dauerglücklichen Kindes kommt, wo wir als Eltern aus unserem Leben sehr genau die Graustufen kennen?

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Kathrin 8. April 2015 - 09:19

Schnief………..Genau! Es tut manchmal so weh einfach nur dabei zuschauen zu müssen….

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Satura 8. April 2015 - 08:55

Blöd nur wenn man die Mutter des Kleinkindes ist die sich auf dem Spielplatz nicht ständig in die „Konflikte“ der Lütten einmischt. Ich sehe häufig nur zu wie mein Sohn (bald 2J) von anderen Kindern das Spielzeug nimmt um damit zu spielen. Nur dass diese Kinder häufig keinen Widerstand leisten sondern jammernd in Mamas Arme flüchten und diese dann nicht selten das Spielzeug von meinem Sohn zurück holen oder Tauschgeschäfte anbieten.
Ich hab dann das Gefühl die anderen würden mich für meine Sorglosigkeit verurteilen. Ich denke aber, so lange keine Aggression im Spiel ist brauch ich auch nicht eingreifen. Nur wenn dann ein Kind zu sehr weint erkläre ich ihm, dass das Kind jetzt traurig ist weil er ihm/ihr das Spielzeug weg genommen hat. Es kam dann sogar schon vor dass mein Lütter dann die „Beute“ wieder zurückgegeben hat. Darüber war ich dann wirklich stolz 🙂

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Julia 8. April 2015 - 10:56

Hallo Satura, da muss ich kurz was antworten: es gibt Kinder, die wehren sich nicht, nicht, weil sie so überbehütende Mütter haben, sondern, weil sie einen schüchternen und zurückhaltenden Charakter haben. Mein Sohn ist so einer – der ist schnell mal völlig überfordert davon, wenn andere ihm was wegnehmen, oder ihn schubsen (ob absichtlich oder unabsichtlich) und weint dann leicht. Da bringt es nicht viel, ihn zu ermutigen, sich etwas zurückzuholen.
Meine Tochter dagegen ist eher eine Forsche und anders gestrickt…
Ich finde, man kann Kindern beibringen (ab einem gewissen Alter) zu fragen und rücksichtsvoll zu sein.
Und ob man eingreift oder nicht, das muss man meiner Meinung nach immer individuell entscheiden. Ich greife auch mal nicht ein, aber wenn ich das Gefühl habe, mein Sohn kann/will sich nicht wehren (weil er grade auch nicht so gut drauf ist, oder so), sage ich auch mal was zum anderen Kind. Natürlich trotzdem freundlich!
Aber die Devise „was uns nicht umbringt, macht uns härter“ funktioniert meiner Meinung nach nicht bei 2-3jährigen…

Liebe Grüße, Julia

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Satura 8. April 2015 - 14:08

Hallo Julia,
siehst du und das ist der super schmale Grat auf dem ich mich nun bewegen muss. Ich kenne die anderen Kinder nicht immer, kann also auch kaum einschätzen wie sensibel die sind. Selbst möchte ich meinen Jungen aber auch nicht andauernd reglementieren. Mit erklären komme ich wie beschrieben ab und an mal zu ihm durch, dass er es auch Begreift… davon kann ich in dem Alter nicht immer ausgehen.
Von dem Punkt, dass er um etwas bittet sind wir Sprachtechnisch noch weit entfernt. Und dann müsste er ja auch noch lernen zu akzeptieren was ein Nein bedeutet.
Erziehung is eben nicht einfach :/

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Anna 8. April 2015 - 21:12

Oh, in diesen Situationen weiß ich auch immer nicht.. Bin da eher wie Satura, weil mein Kind (aktuell die Jüngste in der Krippe) meist die ist, die wegnimmt, und dann auch noch Bestätigung findet, weil sie „doch so klein“ ist und das „noch nich versteht“. So im Selbstbewusstsein gestärkt, hat sie auch unter Gleichaltrigen keine Berührungsängste und ich immer ein leicht schlechtes Gewissen, schwankend mit „müssen die andren halt durch“ und davon ausgehend, dass Kinder das schon unter sich regeln. Aber den schönen letzten Satz des Artikels werd ich mir merken! Gruß

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Bettie 8. April 2015 - 08:38

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. 🙂

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