Von Freunden das Elternsein lernen

von Christian

Wenn mich jemand fragen würde, was mir wirklich hilft, die alltäglichen kleinen und großen Krisen im Leben mit Kindern zu durchstehen, würde ich wohl nicht auf einen Jesper Juul-Ratgeber verweisen. Auch ein Blog mit vielleicht wertvollen Denkansätzen kann zwar inspirieren. Aber die Lektüre wird letztlich nicht wirklich konkret helfen, wenn ich mir gerade um dieses und jenes große Sorgen mache.

Was mich aber immer wieder erdet und die Dinge im richtigen Licht sehen lässt, das sind gute Freunde mit Kindern. Und zwar die, die uns schon ein paar Schritte voraus sind. Weil sie schon länger Eltern sind als wir. Und vielleicht sogar auch das eine oder andere Kind mehr durchs Leben begleiten als wir. Zum Glück gibt es diese Freunde in unserem Leben. Einige davon schon so lange, dass man sagen kann, dass sie wohl letztlich mit dafür gesorgt haben, dass wir uns nicht allzu viele Sorgen gemacht haben, als bei uns das erste Kind unterwegs war. Und das zweite. Und das dritte…

Auch wenn dann hinterher phasenweise alles im Chaos versank, konnten wir anrufen oder vorbeikommen und reden. Zu hören, dass es persönlich sehr geschätzten Menschen genauso ging oder geht, ist schon die halbe Miete, um die immer wieder im Elternleben hochkochenden Schuldgefühle loszuwerden.

Die mit wichtigsten Freunde in unserem Leben haben ihre ersten Kinder vergleichsweise jung gekriegt. Ihre erste Tochter ist bereits ausgezogen. Sie ist also quasi erwachsen. Und nicht eine Minute habe ich das Gefühl, dass die Eltern bei ihr „allzu viel falsch gemacht“ haben. Dabei gab es auch in ihrer Kindheit die üblichen Sorgen und Probleme. Angefangen bei Stillproblemen bis hin zur Frage, was sie nun nach dem erfolgreich bestandenen Abitur mit ihrem Leben anfangen will. Dazwischen gab es auch Angst und Sorge um das körperliche und seelische Wohlbefinden dieses Kindes – und wahrscheinlich wird das mit der Angst auch nie so ganz aufhören. Aber all die „vielen kleinen Probleme“ spielen im Großen und Ganzen dann doch nur eine sehr kleine Rolle.

So richtig gute Freunde eben

Genau das zu sehen macht es oftmals einfacher, wenn man sich gerade mal wieder fragt, ob man an dieser oder jener Stelle als Eltern versagt hat und tatsächlich der „Dummvater“ ist, als der man in der Hitze des Abendessens gerade bezeichnet wurde. Natürlich könnte man auch die eigenen Eltern um Rat fragen, denn schließlich haben die ja auch mehr oder weniger erfolgreich mindestens ein Kind groß gezogen. Aber das will man irgendwie auch nicht. Und außerdem möchte man es ja „immer besser machen“ als die eigenen Eltern.

Deshalb sind diese erfahrenen Freunde so wichtig. Aber nur die ehrlichen, die uns auch an ihren Sorgen und Zweifeln teilhaben lassen – abends beim Rotwein, wenn die „Sorgenkinder“ in ihren Betten liegen. Freunde, bei denen wir uns auch trauen zu sagen, dass gerade alles blöd ist. Oder die Elternakkus einfach unendlich leer sind. Freunde, bei denen man eigentlich gar nicht so viel sagen muss, weil sie selbst merken, wenn es uns nicht gut geht. Und umgekehrt. Es ist ein bisschen wie dieses „Dorf, dass es braucht, um ein Kind großzuziehen“. In diesem Dorf befinden sich auch nicht alle Menschen in derselben Lebensphase, sondern es gibt die Erfahrenen, die manche Dinge schon erlebt haben und besser kennen als wir.

So schön es auch ist, Freunde mit gleichaltrigen Kindern zu haben, so wertvoll und wichtig sind für uns auch diese „Eltern-Urgesteine“. Freunde, deren bereits große Kinder nun unsere kleinen Kinder auf dem Arm schaukeln. Denen wir nichts beweisen müssen. Freunde, für die wir nicht aufräumen müssen. Deren Wohnung wir auch schon in chaotischen Zuständen erlebt haben. Freunde, die nicht enttäuscht sind, dass im Babyalter unserer Kinder mal wieder einer mit eingeschlafen ist beim Zubettbringen, statt noch gemeinsam zu essen oder einen Wein zu trinken. Die uns lachend und weinend kennen. Freunde, die einem auch mal wortlos das Baby abnehmen, weil sie wissen, dass das jetzt gut tut. So richtig gute Freunde eben, die Eltern einfach brauchen.

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7 Kommentare

Meine Freunde sind meine Felsen. Mit, oder ohne Kinder. – bilder.grossekoepfe.com 11. Mai 2017 - 12:51

[…] wieder über die Veränderungen von Freundschaft nach. Ausschlaggebend war der Text vom Blog von guten Eltern und die Nachricht, dass eine frühere Freundin ein Baby erwartet. Vor etwa 12 Monaten ging […]

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J 23. Mai 2015 - 15:04

Tja, auch uns fehlen leider die Eltern. Die Neueltern suchen wir uns gerade zusammen, in Babygruppen und so. Urgesteine kennen wir erst recht nicht, denn in unserem Umfeld sind wir die Elternpioniere. Vielleicht können wir irgendwann die festen Urgesteine für unsere Freunde sein. Einer muss ja den Anfang machen!

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Anja 25. Mai 2015 - 20:29

Liebe J,

das werdet Ihr! Eure Freunde können jetzt schon froh darüber sein:)

Liebe Grüße, Anja

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Petra 20. Mai 2015 - 09:54

Das stimmt, solche Freunde sind die Zweitfamilie, die man braucht, wenn die eigene zu weit weg ist. Geografisch, emotional.. Wie auch immer. Und wer nicht viele davon hat, so wie wir, dem hilft trotzdem ein Blog wie eurer. Denn obwohl wir uns nicht kennen, ist da eine Art Verbundenheit. Weil wir es anders machen wollen, weil wir es gut machen wollen. Und doch hin und wieder feststellen, dass wir nicht perfekt sind, Grenzen haben und der Zuspruch von anderen einfach verdammt gut tut. Mir gibt es Energie weiterzumachen, so wie ich es will. Und nicht wie andere meinen. Danke!

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Anja 25. Mai 2015 - 20:32

Danke für dieses schönen Worte, liebe Petra.
Die werde ich wohl jetzt bei jedem weiteren Artikel im Hinterkopf haben:)

Liebe Grüße, Anja

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kiddo.the.kid 19. Mai 2015 - 10:17

Ich würde sagen, solche Freunde sind ein riesiger toller Glücksfall. Wenn Du das so beschreibst, hätte ich liebend gern auch welche. Aber so richtige „Urgesteine“ gibts in unserem Umfeld nicht. Mein quasi liebster Freund hat ein Kind, welches 4 Jahre älter ist als unseres. Das hilft schon gelegentlich ein bisschen.

Bester Tipp, den ich von ihm je erhalten habe: Wenn Du wirklich müde bist, denk nie drüber nach, wie müde Du bist. Mach sofort was anderes, sing ein bescheuertes Lied, ruf jemanden an, aber stell Dir niemals vor, wie es jetzt wäre, sich ins Bett zu legen, denn das macht es nur noch schlimmer.

Tja, da hatte er Recht. Und meistens beherzige ich diesen simplen Rat sogar.

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Anja 25. Mai 2015 - 20:34

Der Tipp gefällt mir!! Merke ich mir- dankeschön:)

Liebe Grüße, Anja

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