Von Kompetenzen und Grenzen…

von Anja

Es ist Sonntagabend und ich fahre zu einer Schwangeren, die sich unsicher ist, ob die Geburt bereits begonnen hat. Den ganzen Tag über hat es hier und da gezogen bei ihr, seit zwei Stunden kommen die Wehen regelmäßig. Da der Weg zur Wunschklinik weit ist und die Organisation für das Geschwisterkind auch einen gewissen Aufwand erfordert, ist sie froh, dass ich komme, um die Lage einzuschätzen.

Ich befrage die Frau zu ihrem Befinden, taste die Kindslage, höre Herztöne, messe ihren Blutdruck und erhebe einen Untersuchungsbefund der bestätigt, dass die Wehen zur Eröffnung des Muttermundes führen. Dies geschieht „nebenbei“, während ich ihr helfe, in die Wehenatmung zu kommen und eine passende Position zu finden. Es tut der Frau gut, dass ich da bin und ihr bestätige, dass alles gut und in Ordnung ist. Die anfängliche Aufregung geht in konzentrierte Geburtsarbeit über.

Doch hier ist der Punkt, an dem ich gehen muss und den Eltern empfehle, sich beim Wunsch nach Begleitung in dieser Geburtsphase in die Klinik zu begeben. Und das, obwohl ich weiß, dass es für diese Frau besser wäre, noch einen Teil der Eröffnungsphase zu Hause zu verbringen. Doch ich darf sie nicht begleiten, denn ich bin nur für Geburtshilfe im Notfall versichert. Dies hier jedoch ist ein regulärer Geburtsverlauf, dessen Begleitung, wenn auch „nur“ in den Anfangswehen, erfordert, dass ich die über 6000 Euro teure Berufshaftpflichtversicherung abgeschlossen habe. Da ich in so einem Fall ja nicht einmal eine Geburt abrechnen könnte, wäre das für mich unbezahlbar.

Also gehe ich – wieder einmal mit Bauchschmerzen. Zu Beginn meiner Hebammentätigkeit, als Berufshaftpflichtversicherungen noch halbwegs finanzierbar waren, habe ich häufiger Frauen während der ersten Geburtsstunden zu Hause betreut. Sie fuhren dann mit einem guten Geburtsbefund in die Klinik, wo die Geburt meist weiter zügig voran ging. Fahren Mütter zu früh ins Krankenhaus, steigt das Risiko für Interventionen an. Oft stagnieren durch den Stress einer Autofahrt, die Aufnahmeprozedur und das Einlassen auf zunächst unbekannte Geburtshelfer erst einmal die Wehen, was in der Klinik eventuell weitere Maßnahmen nach sich zieht.

Eltern erwarten qualifizierte Begleitung

Trotzdem haben viele Frauen den Wunsch nach Begleitung in der frühen Eröffnungsphase. Und sie haben den Wunsch, das jemand sicher stellt, dass es dem Baby und ihnen selbst gut geht. Viele Frauen kommen heute aus einer sehr überwachten Schwangerenvorsorge und gehen dementsprechend etwas verunsichert in die Geburt. Es ist also sicher eine gute Option, einen Teil der Wehen gut begleitet im häuslichen Umfeld „abzuarbeiten“. Darum spricht das Angebot der Wehenbegleitung, über das ich ich vor ein paar Tagen im Netz las, sicher einige Frauen an. So ist da zu lesen:

„Wehenbegleitung: Einfach sicher mehr Zeit zu Hause verbringen als in der Klinik und dennoch gut betreut sein… Mit Entspannung den Wehen entgegensehen –  geborgen, gut unterstützt und angeleitet. Das ermöglicht Dir mein Angebot der Wehenbegleitung.

Sich einfach geborgen fühlen und das beruhigende Gefühl, immer jemand an deiner Seite zu haben, helfen Dir mit Ruhe und Gelassenheit durch das Ereignis der Geburt zu gehen. Ich begleite Dich von den ersten Wehen bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir gemeinsam oder Du für Dich entscheidest den Wunschort für Deine Geburt aufzusuchen.“

Zunächst nahm ich an, dass sich da eine Hebammenkollegin tatsächlich entsprechend versichert hat, um Frauen in der ersten Geburtsphase zu Hause zu begleiten. Doch die Anbieterin ist von Haus aus Krankenschwester und hat einige Fortbildungen im Bereich der Tätigkeit einer Doula absolviert. Da ich selbst Krankenschwester bin, weiß ich, dass man in dieser Ausbildung sehr wenig über Geburtshilfe lernt. Selbst die drei Jahre Hebammenausbildung sind an einigen Punkten eher zu kurz, weshalb das Ganze nun langfristig in einen vierjährigen Bachelor-Studiengang umgewandelt werden soll.

Die Arbeit der Doula habe ich bisher immer als Ergänzung zur Geburtsbegleitung verstanden und nicht als Ersatz für die Hebamme. Das alleinige Begleiten der Mütter zu Hause fällt aber eindeutig in den Bereich der Geburtshilfe, zumal werdende Eltern davon ausgehen, dass die jeweilige Begleiterin entsprechend qualifiziert ist, um auch plötzlichen Komplikationen adäquat zu begegnen. Dies implizieren zumindest Aussagen wie „Sicher und geborgen begleiten…“

Hebammen sind immer haftbar

Ich weiß, dass viele Doulas anders arbeiten und ihre Kompetenzen und Grenzen sehr gut kennen, aber es ist nicht zu übersehen, dass sich vieles an vielen Stellen vermischt. Wenn die Lage der Hebammen nicht so katastrophal wäre, würde es mich vielleicht auch weniger stören. Aber Fakt ist, dass die Begleitung durch „Laien“ zunehmen wird, während die qualifizierte Hebammenbetreuung scheinbar nicht mehr versicherbar ist. In den USA gab es eine ähnliche Entwicklung in Sachen Haftpflichversicherung, die letztlich zur Abschaffung der Hebammen führte. Mittlerweile wird dort längst wieder die Rolle rückwärts versucht und ausgebildete Hebammen werden dort dringend gesucht.

Natürlich brauchen und wünschen sich Frauen weiterhin Begleiter unter der Geburt und werden diese auch einfordern. Wenn es die Hebammen nicht mehr gibt, werden andere Wege gesucht. Doch sind diese dann wirklich besser und sicherer für die Versorgung und Unterstützung von Mutter und Kind?

„Die Hebammen, die in den USA etwa 7,5 Prozent der Geburten leiten, verloren letztes Jahr die von ihrem nationalen Berufsverband offerierte Haftpflichtversicherung. Vielen gelang es nicht, eine neue Versicherung zu finden, und sie mussten ihre Praxen schließen. Dafür haben wir jetzt in Utah eine Gesetzesvorlage, die Laienhebammen erlauben würde, Hausgeburten zu leiten, Labor- und Ultraschalluntersuchungen zu verordnen und zu interpretieren und parenterale Medikamente zu verabreichen. Das Ganze würde auch einen Paragraphen beinhalten, der erklärt, dass diese Laienhebammen nicht Medizin praktizierten und daher von der Haftpflicht dispensiert seien. Die Krise der Geburtshilfe in den USA ist beängstigend und sollte für Deutschland und andere Länder eine Warnung sein…“, schrieb Regula E. Bürki – im Jahr 2005.

Zwischen 1980 bis 2008 ist die Müttersterblichkeit in den USA enorm gewachsen. Wir sind in Deutschland längst dabei, die gemachten Fehler zu wiederholen. Es wird auch bei uns nicht ohne Auswirkungen bleiben, wenn die Versorgung von Müttern und Babys sich verschlechtert. Wir Hebammen möchten weiterhin die Frauen begleiten und unterstützen, aber dürfen es nicht. Denn wenn ich die dafür erforderliche Versicherung nicht finanzieren kann, kommt dies einem Berufsverbot gleich.

Als Hebamme bin ich immer und in jeder geburtshilflichen Situation haftbar, bei der ich anwesend bin. Um als Doula arbeiten zu können, müssten wir unsere Hebammenanerkennung zurück geben, was sicherlich keine Kollegin tun wird. Doch ohne bezahlbare Versicherungsmöglichkeit bleibt uns Hebammen zukünftig nur die Option, uns von Schwangeren, Müttern und Babys fern zu halten. Und quasi macht- und fassungslos zuzuschauen, wie andere zum Teil nicht ausreichend qualifizierte „Laienhebammen“ nach und nach unseren Job übernehmen…

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21 Kommentare

Sveva 8. Oktober 2019 - 10:50

Liebe Anja, dieses Artikel ist es nun schon ein paar Jahre alt, dennoch ich habe es jetzt gefunden und gelesen. Interessant wie manche Punkte immer noch aktuell sind. Nicht nur in Deutschland. Wie du sagst es ist leider so, dass unsere System nicht genügend da für die Werdende Eltern in einen Geburt Situation ist. Und ja Kompetente Personal ist wichtig. Nun ich erlaube mich ein Punkt zu setzen. Können wir in Zukunft mehr Achtsamer sein? In deine Artikel ist zu lesen das Doula nicht die gleiche Qualifikation als Hebamme haben. Gut so. Genau deswegen unterschieden sich auch unsere Rolle. (Ach ja ich bin Doula) aber bitte generalisiere nicht, weil jede Doula ist genau so wie eine Hebamme sehr individuell und hat ihre persönliches Angebot. Es gibt Doula die außer die Doula Ausbildung haben vorher oder nachehr die Hebamme Ausbildung abgeschlossen, oder Pflege ect. oder die als mami für andere werdende mutter da sein wollten. Bitte lass uns diese alte Konstrukt von Beurteilen weg fallen und dafür einfach die Eltern gut Informieren, sodass Sie genau das Team welche Sie brauchen Kreieren können. Im Bewusst sein, wer für was als Achtsam Unterstützung zur Seite steht und Wo Ihre persönliche Verantwortung als Eltern und Menschen auch liegt. Vielen Dank Sveva

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Anja 8. Oktober 2019 - 13:08

Liebe Sveva,

vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich musste noch mal nachlesen, da der Artikel ja schon ein paar Jahre alt ist 🙂
Hier ging es ja primär um ein bestimmtes Angebot und nicht generell gegen die Arbeit der Doulas.
So steht da ja auch „Die Arbeit der Doula habe ich bisher immer als Ergänzung zur Geburtsbegleitung verstanden und nicht als Ersatz für die Hebamme.“ und „Ich weiß, dass viele Doulas anders arbeiten und ihre Kompetenzen und Grenzen sehr gut kennen, aber es ist nicht zu übersehen, dass sich vieles an vielen Stellen vermischt.“ Diese Vermischung ist vor allem für die Eltern ein Problem, wenn sie- von Hebamme, Doula oder wem auch immer nicht gut über Zuständigkeiten, Ausbildung und Haftungsfragen aufgeklärt sind.Damit unterstelle ich uns allen nicht, dass wir unzueichend aufklären. Aber die Abgrenzung ist eben nicht immer ganz klar erkennbar für die Eltern.
Wenn Hebammen (ohne sich jährlich für knapp 10.000 Euro versichern zu können) nicht mehr Frauen im Geburtsbeginn begleiten können, während andere wiederum -es sind ja nicht nur ausgebildete Doulas, die Geburtsbegleitung anbieten- dies können, sehe ich schon einen großen Fehler im System. Nicht in den Doulas oder den jeweiligen Angeboten, sondern im System !!
Eine Hebamme, die in D als Doula tätig ist, muss sich immer voll geburtshilflich versichern oder eben ihre berufliche Anerkennung zurückgeben. Sogar, wenn ich meine hebammenbetreute Freundin bei der Geburt nur als Freundin begleite, muss ich als Hebamme geburtshilflich versichert sein. Vielleicht ist das in der Schweiz etwas unkomplizierter, aber in D ist die Haftungsfrage für Hebamme eine wirklich teure Angelegenheit.

Die Ausbildung in der Pflege ist zumindest in D auch noch mal etwas anderes,den sie bereitet eben nicht auf die Geburtshilfe (die ja auch eine vorbehaltene Tätigkeit ist),vor. Auch wenn diese Ausbildung einen Anteil Arbeit im geburtshilflichen Bereich inkludiert.

Es geht also gar nicht darum, die Entscheidung der Eltern in Frage zu stellen, sondern die jeweilige Arbeit so deutlich darzustellen, dass sie eine informierte Entscheidung für sich treffen können. Und eine wirklich Wahl besteht natürlich auch nur, wenn alle Angebote verfügbar sind. Was das angeht, hat sich in den letzten vier Jahren leider die Lage hier nicht wirklich verbessert. Die wirklich teure Haftpflicht ist einer der Punkte, weshalb dies so ist. Ich kenne einige Kolleginnen, die deshalb überlegt haben als Doula zu arbeiten. Die Versicherungen sind da ja deutlich günstiger. Aber dies ist halt nicht möglich, solange man auf dem Papier noch Hebamme ist.

Ich hoffe, meine Ergänzungen machen noch mal deutlicher, worum es mir ging:)

Liebe Grüße,

Anja

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Was macht eine Doula eigentlich? – Nathalie Guilhaus 27. Mai 2019 - 08:11

[…] Aufgrund eines anderen Blogartikels ganz wichtig ist mir an diesem Punkt zu erwähnen, was eine Doula NICHT macht: Eine Doula überprüft nicht Deinen Geburtsfortschritt. Sie kann nicht absehen, ob Komplikationen drohen und trägt auch keine Verantwortung dafür. Sie leitet Dich nicht an, stattdessen weiß sie, dass diese Geburt Deine ist und Du wissen musst, wann Du Dich zuhause nicht mehr wohl fühlst. Sie wird Dir nicht sagen, wann Du in die Klinik fahren sollst und sie wird Dir bei deser Entscheidung auch schlicht und ergreifend nicht helfen können. Sie ist keine Ersatzhebamme, damit Du länger oder sicherer zuhause bleiben kannst. Eigentlich ist sie wie eine Freundin, die ganz tolle Techniken kennt, um Dir beim Entspannen zu helfen oder durch gutes Atmen besser mit dem Wehenschmerz umzugehen, die aber medizinisch auch nicht mehr weiß wie Du. […]

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Wohin wende ich mich als Elter(n), wenn… | Geborgen Wachsen 21. April 2015 - 07:07

[…] – die in Wirklichkeit aber keine Alternativen sind. Gerade erst kürzlich schrieb Anja “Von Kompetenz und Grenzen” über Angebote zur “Wehenbegleitung”, die sie im Netz gefunden hatte. Durch die […]

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Angelika Rodler 28. März 2015 - 00:56

Liebe Anja,
die Wehenbegleitung wie du sie beschreibst, ist in Österreich nahezu unbekannt. Auch wenn wir die Haftpflichtproblematik (noch) nicht haben, so sind die wenigen freipraktizierenden Hebammen a) schwer beschäftigt b) wollen keine Wehenbegleitung anbieten, weil sie den selben Rufbereitschaftsaufwand haben, ohne eine Geburt verrechnen zu können. (Hausgeburt kostet den Eltern inzwischen mind. 1000 € private Zuzahlung, während das KH „umsonst“ ist) Das schmerzt mich sehr, denn ich wünschte jeder Frau, die im Krankenhaus gebären will, dass sie sich so lange als möglich zuhause mit einer Hebamme wohlfühlt. Wenn ich schwangere Frauen und ihre Männer frage, was sie denken, was sie bei den ersten Wehenempfindungen tun werden, sagen die meisten „losrasen ins Krankenhaus“ – wie man es eben im TV sieht. Die wenigsten können entspannt dem Tipp der Hebamme im Spital folgen, die ihnen rät, nicht mit den ersten Geburtsanzeichen zu kommen. Wären die Spitalshebammen glücklich über eine gute Freundin, die mit der Mama Muffins bäckt, noch mal einen schönen Spaziergang macht? Mit ihr bauchtanzt und die Kinder ins Bett bringt, damit die Wehen stärker werden können, wenn endlich Ruhe einkehrt? Die im Wohnzimmer auf der Couch liest, während die Mama badet, ausruht, vor sich hin weht, aber nicht mehr alleine sein mag? Bestimmt! Genau das ist die Lösung – solange sie nicht Doula heißt ;-)! Genau das ist es aber, was Frauen überall auf der Welt schon immer getan haben und was ich als Doula seit über 20 Jahren anbiete, die ersten 20 Jahre übrigens ehrenamtlich. Die Frau/das Paar entscheidet ganz ohne mich, wann wir in die Klinik fahren- daran ändert sich nichts zur Panikvariante. Ich habe keine Ahnung, wie weit sie ist und es ist mir auch nicht wichtig, denn ich bin nur eine weitere Begleitperson zum meist sehr verunsicherten Partner – aber in der Regel wird sie länger daheim Freude haben, wunderschöne Erinnerungen an die Stunden vor der Geburt, in denen sie nicht viel zu früh, vielleicht sogar noch nicht mal im Kreißsaal, sondern auf Station, im Spital aufgenommen war. Dass Doulas Hebammen ersetzen, ist nicht erlaubt, nicht gewollt und hoffentlich auch nicht möglich. Ich bin auch die Leiterin des Doulatrainings in Österreich und kann dir versichern, dass wir dafür stehen, die Grenzen genau zu definieren und den Wert der Doulabegleitung herauszuarbeiten. Der Text, den du zitiertst, wäre mir auch zu wenig abgegrenzt und ich würde es nicht so formulieren, ohne dazu zu sagen, worin meine Kompetenzen liegen und wo die Grenzen sind. Gleichzeitig lehre ich, dass alle Doulas sich mit viel Energie und unermüdlichem Einsatz für die Sache der Hebammen einsetzen sollen , in vielfältiger Weise. Warum tun wir das? Weil wir Frauen dienen. Und Frauen brauchen Hebammen. So einfach ist das und das erfordert auch Handeln. Ich habe z.B, mit einem gemeinnützigen Verein von Müttern 12 Geburtshilfekongresse organisiert, an denen jährlich über 300 Hebammen teilgenommen haben und Leute wie Michel Odent, Ina May Gaskin und viele andere erstmals in Ö zu erleben waren. Warum das? Zum Hebammenstreicheln, Visionen spinnen, kuschelige Ermutigung weben – von den Frauen, die Hebammen lieben für Hebammen, die Frauen brauchen und verdienen, die sie lieben. Wir haben vor vielen Jahren die erste (später anerkannte) Akupunkturausbildung für Hebammen organisiert, da war es in Ö noch nur unter ärztlicher Supervision möglich für Hebammen, zu akupunktieren. Warum das? Weil wir finden, dass Hebammen gestärkt werden müssen und sich ihren Raum als Frauengesundheitsexpertinnen zurückerobern sollten. Ich gebe fast täglich Hebammenkontakte an Schwangere weiter, erzähle Frauen über die Freude einer ambulanten Geburt mit Hebamme, Hebammensprechstunde im MutterKindPass, die viele sonst nicht in Anspruch nehmen würden weil sie eh ihren Gyn haben. Und als die Unterschriftenlisten für deren Neueinführung kursierten, haben Doulas seeehr fleissig mitgesammelt. Warum erzähle ich dir das alles? Anna schreibt zurecht, euer Klientel ist in der Phase eurer engen Beziehung mit anderen Dingen beschäftigt und wenn der Druck nachlässt, ist die Geburtspolitik schon kein Anliegen mehr. Das ist genau meine Erfahrung. ABER: Da gibt es eine wachsende Gemeinschaft aus Frauen- nämlich die Doulas und auch die Geburtsvorbereiterinnen- denen auch nach ihrer eigenen Mutterschaftserfahrung das HebammenThema wichtig ist, die mithelfen wollen, die Situation für alle, vor allem aber für die gebärenden Frauen nachhaltig zu verbessern. Wie kann man dauerhaft eine solche Ressource ungenutzt lassen? In meinem Umfeld funktioniert die Zusammenarbeit übrigens gut und besonders die freiberuflichen Hebammen hatten genug Gelegenheit zu lernen, was eine win-win-Situation ist, die auch noch viel Freude macht….Ich wünsche dir und allen Hebammen in D – und den Frauen, die mit euch Babys kriegen sollen das Beste für die Geburtshilfe der Zukunft und liebe Grüße!
Angelika Rodler

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GfG Bundesverband e.V. 18. März 2015 - 13:55

Der Artikel ist nun schon einige Tage alt, aber wir möchten doch noch als Verband, der GfG-Doulas ausbildet, Stellung nehmen.
„Eltern erwarten qualifizierte Begleitung“ und ich möchte hinzufügen, sie haben ein Recht darauf. Daher ist das, was sich schon lange im Bereich der Geburtshilfe abzeichnet, ein Desaster.

Die (finanzielle) Situation der Hebammen ist ein Skandal. Die GfG unterstützt – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – Aktionen wie z.B. die Erzählcafés oder auch die Neugründung eines Verbandes mehrerer Elterninitiativen im April.

Wir legen großen Wert auf eine fundierte Ausbildung der GfG-Doulas, die KEINE medizinischen Handlungen vornehmen, keine Diagnosen stellen und deshalb keine Konkurrenz zur Hebamme sind, und keinesfalls sein sollen und wollen. GfG-Doulas arbeiten nach Richtlinien (http://gfg-bv.de/geburtsvorbereitungfamilienbildungfrauengesundheitgfg-doular/kontakt-zu-doulas.html), die u.a. das Rollenverständnis ganz klar formulieren.
Trotz vieler Anfragen nach einer kürzeren Weiterbildung zur GfG-Doula, auch von Geburtsvorbereiterinnen, lehnen wir das aus Gründen der Qualitätssicherung ab.

Die im Artikel beschriebene Wehenbegleitung entspricht nicht unserer Auffassung von Doula-Arbeit.

Kerstin Vaziri-Elmoghir
GfG-Geschäftsstelle

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Melanie 5. März 2015 - 08:56

Als Mutter und Doula bin ich zutiefst überzeugt von der Notwendigkeit von Hebammenbetreuung während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit. Und ich möchte mir nicht ausmalen, wie es sein wird, wenn uns dieser Beruf verloren geht, vor allem das Wissen und das „Handwerk“ der Hebammen.
Doch ich möchte in dieser Diskussion mal gerne die Medallie wenden und sie von der anderen Seite anschauen: viele Frauen erleben schon seit Jahren keine gute Betreuung, weder in der Schwangerschaft noch während der Geburt. Sie sehen ihre Hebamme als Dienstleisterin, die jedoch über weitaus weniger Kompetenzen verfügt als der Gynäkologe. Da entstand über Jahrzehnte hinweg eine Missinformation und es fand nie eine Etablierung der Hebammenvorsorge statt. Warum eigentlich? Viele Erstgebärende gehen davon aus, dass sie von der Geburtsvorbereitungskurs-Hebamme auch zur Geburt begleitet werden, viele Hebammen klären weder darüber noch über die Möglichkeit der Hebammen-Vorsorge auf. Seit Jahrzehnten wurde da versäumt „Politik pro Hebamme“ zu betreiben – und dabei vor allem auf die „Benefits“ für Mutter und Kind hinzuweisen. In anderen Ländern (z.B. Australien) gab es über zwei Jahrzehnte richtige Kampagnen der Hebammen, nennen wir es mal Werbung zur Aufklärung und Werbung für den eigenen Beruf. Von den Folgen dieses „Marketings“ profitieren jetzt schwangere Frauen UND Hebammen, sie haben ein deutlich höheres „standing“ in der Gesellschaft und erfahren für ihre Arbeit mehr Anerkennung.

Neue Frage: Was lernen Hebammen in ihrer Ausbildung? Ich kenne einige Hebammenschülerinnen, die bestätigen, dass sie sich zu Assistentinnen der med. Obrigkeit ausgebildet fühlen und für sie ist dann die einzige Möglichkeit, etwas über das alte Handwerk der Hebammerei zu erfahren, ein Externat bei einer Hausgeburtshebamme oder die Zusatzausbildung in trad. Hebammenkunst zu absolvieren. ODER „learning by doing“…, also nichts anderes was z.B. Ina May zu ihren Anfängen in der Hebammerei gemacht hat und was wir jetzt in den USA sehen, auch Ina May ist besorgt, dass wir in Deutschland ähnliche Verhältnisse schaffen (schaut bei Interesse mal auf youtube nach „Hebammen Deutschland Ina May Gaskin).
Eine „fundierte“ Ausbildung sagt nicht immer etwas über den Inhalt und Kern des Erlernten sowie die prakt. Erfahrung in diesem Feld aus. Das ist eine typisch deutsche Sichtweise, die uns zu nichts anderem führt als Selektion, nach dem Motto: „Du hast ein Zertifikat, du kannst was – und du hast leider kein Papier, du bist leider nutzlos!“
Leidtragende sind seit vielen Jahrzehnten die Frauen!!!!!
Jedes Jahr bilde ich 16 Frauen zur Doula aus. Jede teilt in der Gruppe ihre Geburtsgeschichte/n. Wir hören selten von der gut begleiteten, selbstbestimmten, natürlichen Geburt. Im Gegenteil: oft sind wir betroffen, traurig und schockiert über die Erfahrungsberichte. DAS ist mein Ansporn, DAS möchte ich verändern! Als Frau, als Mutter, als Doula!
Jede Frau hat ein Recht auf eine individuelle, nach ihren Bedürfnissen ausgerichtete Begleitung während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, mit wem und wo sie es möchte!!!

Ich glaube, es gibt kein Zurück mehr zu „alten Zeiten“, es gibt keine Hilfe von Seiten der Politik oder der Krankenkassen. Das System „rollt“ 🙂 und lässt sich nicht von ein paar Hebammen aufhalten (Ironie off)…
Ich wünsche mir von den Hebammen, den Hebammenverbänden, dass sie bereit sind, neue Wege zu gehen, kreativ zu sein und sich darauf zu besinnen, für wen sie diesen Beruf ausüben und warum ihnen das bei der Ergreifung dieses Berufes wichtig war/ist.
Es wurde/wird gejammert und es werden Missstände angeprangert; sicherlich auch Lösungen gesucht. Keine Frage, da sind ganz tolle engagierte Frauen unterwegs. Denn schlussendlich ist es ein Frauenthema, ein Frauenberuf. Habt den Mut, zusammenzustehen – alle Hebammen, alle Verbände! Die Außendarstellung ist manchesmal etwas unglücklich und wirkt hölzern bis unprofessionell.

Wenn immer mehr Kliniken ihre Geburtsabteilung schließen eröffnet diese Lücke auch wieder neue Chancen. Da braucht es Ideen und Angebote, die sich nicht nur finanzieren sondern auch realisieren lassen.
Großartige Unterstützung gibt es bereits von Seiten der Elternprotestbewegung, da ist soviel Potential und Energie, die wir nutzen müssen – ob die 327. Demo in Buxtehude da nicht vielleicht sogar Energieverschwendung ist? Hebammen und (werdende) Mütter könnten gemeinsam neue Wege gehen! Wir müssen uns vernetzen. Diese Vernetzungsarbeit ist der Schlüssel und trotz neuer Medien mühsam und schwierig! Als Anregung: jede Initiative schickt eine Vertreterin zu einer gemeinsamen „Visions-tagung“, jedes Bundesland sendet 5 Hebammen und 5 engagierte Mütter. Diese Gesandten bilden dann zusammen einen „Frauenkreis für neue Wege in der Hebammenarbeit für Frauen in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett“ und erarbeiten die neuen Wege.

Ich glaube wir müssen radikal NEU denken und damit beginnen kann jede Frau z.B. mit dem Lesen von Lektüre, die für einen ganz anderen Berufszweig geschrieben wurde, jedoch ein Umdenken möglich macht – wenn die Führung in der Lage ist zu führen.
„Radikal führen“ von Reinhard Sprenger kann ich empfehlen. Nein, ich bin weder verwandt noch bekannt mit dem Mann, habe das Buch zufällig in die Hand bekommen und glaube, dass es auch der Hebammenführung gut täte, ihren Horizont diesbezüglich zu erweitern, um nicht nur Ziele zu formulieren sondern auch einen Plan zu haben, wie frau diese erreichen kann.

Und zum Schluss sei noch eines gesagt: in sehr vielen Kulturen kommen mehrere Frauen zusammen, um Schwangere/Gebärende zu unterstützen und zu begleiten. Das ist nicht allein Hebammenarbeit. Es gibt einiges, was für das Wohlbefinden der Frau, ihres Partners, ihrer Familie getan werden kann – und da ist die Bereitschaft zusammenzuarbeiten und die anderen für ihre Dienste anzuerkennen Grundvoraussetzung. Im Sinne eines Frauenkreises, der schon immer ein Zeichen unserer Stärke war und den wir an mannchen Orten auf der Erde erhalten und an anderen erinnern und wiederfinden müssen!!!
Seid herzlich gegrüßt

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Schmetterlingsfamilie 3. März 2015 - 18:31

Ich hatte während meiner Schwangerschaft nur mal kurz im Krankenhaus Komtakt mit einer Hebamme & konnte mir auch nicht vorstellen eine zu „brauchen“.
Bei meinem primären Kaiserschnitt, waren es die Hebammen, die mich beruhigt haben und in den Stunden vor der OP für mich da waren. So groß war meine Angst und dann gab es Frauen, die alles daran setzten mich nicht alleine zu lassen.
Eine Hebamme war es, die sofort reagierte, als unsere Tochter aufhörte zu Atmen und sie war es auch, die jeden Tag nach Dienstende noch mal bei uns vorbei schaute.
Ich war so froh, dass es die Hebammen gab und ich mich nicht mit den Kinderkrankenschwestern herum ärgern musste.

Zur Nachsorge, hatte ich die nette Hebamme aus dem ersten Krankenhaus und sie nahm uns viele Unsicherheiten und Ängste. Wochenflussstau, Kind das nichts im Magen behalten und nur geschrien hat, Depressionen und erneute Atemaussetzer – immer stand sie uns kompetent zur Seite.

Es macht mich traurig zu lesen, dass ich diese Erfahrung evtl zum ersten und letzten mal gemacht habe und bei einer weiteren Schwangerschaft keine Hebamme an meiner Seite haben soll.
Traurig ist auch zu sehen, dass Freunde den Ernst nicht sehen wollen und weiterhin der Meinunf bleiben, dass die Geburtshilfe sich nicht verändern wird.

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Isabella Ulrich 3. März 2015 - 13:57

Liebe Frauen,
ohne geburtserfahrene, vertraute Frauen die uns während der Geburt bestärken, wird Geburt zu etwas anderem werden als wir das seit Menschengedenken erleben. Das sieht man jetzt schon, nach 200 Jahren Geburtsmedizin. Kaum noch eine Frau kennt eine Geburt ohne medizinischen Eingriff, und das liegt nicht an der „gefahrvollen Geburt“. Wenn die Hebemman gehen, kommen die Doulas, soviel steht fest. Nichts und niemand wird das verhindern. Klar bleiben dabei die Kompetenzen auf der Strecke, denn Doulas sind keine Geburtshelfer. Sie sind lediglich geburtserfahrene Mütter, aber das ersetzt keine Hebamme. Ich bin selbst Doula. Dieser Artikel macht mich ein wenig unglücklich weil er die Doulas fast als „mindere unqualifizierte Hebamme“ darstellt, und unsere Doula-Kompletenzen liegen nicht im Bereich der Geburtshilfe!!!!!!! Die Frauen suchen ganz einfach nach einer emotionalen Bestärkung die sie oft durch Frauen in der Familie nicht mehr finden. ‚Gebärende gehören ins Krankenhaus’… ist im Familien- und Freundeskreis oft die Ansicht, und solche Leute will man nicht um sich wenn man zum ersten Mal versucht mit WEhen klarzukommne. Und wenn keine Hebamme zur Verfügung steht, na dann eben eine Doula. Und wenn es uns Doulas nicht mehr gibt, dann wird es die Nachbarschaftshilfe sein die einsetzt. Und dann währen wir wieder dort wo wir schon vor 5000 Jahren waren.

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Rike 2. März 2015 - 22:21

Liebe Anja,

Ich habe zwei Kinder, davon das zweite ein „Hausgeburtskind“, und bin meiner wundervollen Hebamme zutiefst für die professionelle Begleitung dankbar.

Ich kann Dir nur versichern, dass es mir alles andere als egal ist, was mit den Hebammen passiert, und genausowenig, was diese Entwicklung für alle zukünftig gebärenden Frauen in Deutschland bedeutet. Ich könnte echt heulen bei diesem Thema, was mich persönlich (hm, wahrscheinlich) nicht mehr betreffen wird – ich bin zu 90% durch mit dem Kinderkriegen. Aber betreffen wird es mit ziemlicher Sicherheit indirekt- meine Schwester, meine Tochter, vielleicht das zweite Kind meiner Schwester… Alles weibliche Wesen, die ich liebe und denen ich eine sichere und schöne Geburt aus tiefstem Herzen wünsche.

Ich habe mittlerweile eine solche Abneigung gegen die KH & den dortigen Umgang mit Geburten, dass ich nicht weiss, was tun, sollte ich tatsächlich ein drittes Kind erwarten. Was würdest Du denn machen bei einem vierten? Notgedrungen in die Charité? Alleine zu Hause?

Was mich so wütend macht und frustriert, ist auch meine persönliche Hilflosigkeit. Wie kann man den Hebammen helfen und diese katastrophale Entwicklung stoppen? Ich habe: Petitionen unterzeichnet, auf FB geteilt, Briefe an die KK und Größe geschrieben, im persönlichen Bekanntenkreis erzählt und erklärt. Demo ging nicht da hochschwanger. Auch andere um mich herum tun etwas. Unterzeichner gabs ja genug für die Petitionen.

Es kommt mir vor, als wohnte ich einer modernen Hexenverbrennung bei.

Was geht noch? Die Einsatzkapazitäten junger Familien sind ja tatsächlich begrenzt, viele Familien jonglieren ja rund um die Uhr Haushalt, Kinder und Job und selbst bei diesen Kerneinsatzgebieten fällt so vieles unter den Tisch.

Was ist Dein Eindruck, wie die Verbände arbeiten? Werden da „alle Möglichkeiten ausgeschöpft“? Prominente Unterstützer abgeklappert, Medien angerufen, gut verhandelt? Oder ist da die Finanzdecke zu dünn? Interessieren sich die Medien wirklich nicht?

Kannst Du Dir erklären, warum, wie ein anderer Mitleser schrieb, die Hebammen „politisch nicht gewollt“ sein könnten? Es kann ja gar nicht anders sein, sonst wäre ja schon längst etwas passiert.
Sind es die (privaten?) Anteilseigner der Krankenhäuser, die mehr Kaiserschnitte haben wollen? So richtig steige ich nicht dahinter, wer davon so sehr profitiert, die Hebammen untergehen zu lassen, dass es sich lohnt, die enormen Kosten auf sich zu nehmen, die das nach sich zieht.
Allen Beteiligten muss das ja wohl klar sein! Oder sind die Krankenkassen / Politiker einfach VÖLLIG betriebsblind / immun gegen Fakten& Argumente? Ich verstehe es einfach nicht.

Zu guter Letzt: Ich habe es, glaube ich, schon einmal geschrieben, falls nicht: Ich danke Dir für Deinen WUNDERBAREN Blog. Inhaltlich 10/10 und dazu noch SUPER geschrieben. Keine Ahnung wie & wann ihr das macht mit 3 Kids & zwei Jobs.

Liebe Grüße von Rike

Antworten
Katharina 2. März 2015 - 17:24

Liebe Anja,
Du hast natürlich (wiedermal…) völlig recht mit der Analyse der Situation und der Beschreibung dessen, was auf Mutter und Kind zukommen WIRD, wenn sich nicht ganz fix etwas ändert.

Nur Vorsicht beim Terminus „Laienhebamme“ – ich vermute, dass der englische Ausdrucken der Stelle CPM war, also certified professional midwife – und die sind bei weitem häufig nicht so unerfahren und umprofessionell wie der deutsche Ausdruck vermuten lässt. Einige der besten Hebammen Amerikas sind „nur“ CNMs, zB Ina May Gaskin…

Antworten
Anja 2. März 2015 - 23:22

Liebe Katharina,

habe das Wort Laienhebammen deshalb auch in “ “ gesetzt. Martina hat es in ihrem Kommentar ganz gut beschrieben, finde ich:
„Mein zweites Kind kam in den USA außerklinisch zur Welt. Im betroffenen Bundesstaat flogen die unversicherten Hausgeburtshebammen mit allen Folgen quasi “unterm Radar”. Hebamme durfte sich jeder nennen: vom “Wochenendkurs” bis hin zu intensivst, mehrjährig ausgebildeten Fachkräften war alles dabei. Ich durfte das dortige System hautnah erleben und mir das Recht auf eine selbstbestimmte Geburt durch einen Verlust an Sicherheit “erkaufen”.“

Es ist halt für die Frauen nicht mehr durchschaubar, wer was aufgrund welcher Ausbildung kann oder auch nicht 🙁

Liebe Grüße,

Anja

Antworten
Katharina 6. März 2015 - 11:09

Liebe Anja,
Das ist es hier aber auch nicht…. Welche Hebamme ist den hier in Deutschland tatsächlich für Hausgeburten ausgebildet? Die Hebammenschulen bilden klinisch aus, oft an großen Perinatalzentren, an der die normale Geburt eine große Ausnahme ist. Die außerklinische Arbeitsweise wird in wenigen Wochen dauernden Externsten „gelernt“, aber ob und wie da Geburten erlebt werden, bleib völlig undefiniert.
Die Frauen hier in Deutschland verlassen sich auf die Qualität der staatlichen Hebammenprüfung – aber de facto bereitet die Ausbildung nicht gut auf die außerklinische Arbeitsweise vor – und das betrifft nicht nur die Geburtsbegleitung, sondern oft auch die Stillbegleitung.
Da sind sich Deutschland und die USA dann wieder gleich: Frau muss genau und individuell prüfen, was die Hebamme kann und wo und wie sie was gelernt hat. Egal ob der Titel „Hebamme“ durch eine staatliche Prüfung erlangt wurde oder nicht…. vielleicht ist das amerikanische System sogar ehrlicher, weil dort wenigstens klar ist, dass jede Hebamme unterschiedliche, sehr individuelle Erfahrungen und Kompetenzen hat…..

Antworten
Katinka 2. März 2015 - 13:33

Hallo, ich habe mein zweites Kind zu Hause in Frankreich mit einer Hebamme bekommen und kann leider nur berichten, dass die Situation in Frankreich genauso schlimm aussieht. Ich kann einfach nichts dazu sagen. Es ist zu schwer. Ich selbst bin mit dem Thema durch, ich habe zwei gesunde Kinder, aber wenn ich an meine Tochter denke und dass sie eines Tages bestimmt auch ein Kind zur Welt bringen wird, dann wird mir schwindelig. Es ist doch unsere Zukunft. Und wir kämpfen doch für mehr Menschlichkeit, weg von der Konsumgesellschaft etc. Es gibt doch eigentlich immer mehr Menschen, die das begreifen, warum schaffen wir nur die Hebammen ab? Völlig unverständlich für mich. Es tut weh, wohin die Entwicklung unserer Gesellschaft geht.

Antworten
Manati von Manatis Welt 2. März 2015 - 13:02

Es ist einfach eine Katastrophe, unser Gesundheitssystem zerstört sich nach und nach selbst und die leidtragenden sind v.a. die Patienten und natürlich auch viele der „Gesundheitsberufe“, wie eben gerade Hebammen. Mir fehlen hierfür fast die Worte.

Das Beispiel mit der „Laienbetreuung“ zeigt sich leider auch noch in anderen Bereichen.
So werden mittlerweile von vielen Krankenkassen ja alternative Heilmethoden beim Heilpraktiker wie Akupunktur oder Homöopathie bis zu einem gewissen Betrag rückerstattet oder bezuschusst. An sich eine gute Sache.
Aber -das ganze jetzt bitte nicht falsch verstehen- ich bin selbst Apothekerin und Heilpraktikerin (nicht-praktizierend).
Dadurch weiß ich, dass ich als Heilpraktikerin keinerlei Wissen von alternativmedizinischen Behandlungsmethoden haben muss, das ist alles freiwillig. Sobald ich die -rein schulmedizinische- Prüfung bestanden habe, dürfte ich munter praktizieren- ohne das nötige Wissen zu haben, denn es ist nicht einmal ein Kurs dazu verpflichtend.
Wenn ich nicht privat, sondern mit der Krankenkasse (was wie gesagt teilw. geht) abrechnen will, muss ich zwar nachweisen, dass ich „qualifiziert“ bin, doch genügt hier ein Wochenendseminar (so war es zumind. noch vor 2 Jahren), in dem man faktisch kaum etwas lernt, weil das Feld einfach vieeel zu groß ist.
Hier muss man sich als Patient -der von diesem „System“ i.d.R. ja gar keine Ahnung hat- drauf verlassen, dass es wirklich ein Heilpraktiker ist, der sich eigenständig aus-und weiterbildet, weil er selbst Interesse an der Thematik hat und wirklich *helfen* will.
Und genau da gibt es leider auch viele schwarze Schafe.
Wieso wird also so etwas erstattet, anstatt zunächste eine *umfassende* Ausbildung für die jeweilige Alternativmethode zu verlangen?

Da bin ich jetzt etwas abgeschweift, aber es macht mich wütend zu hören, dass man teilweise gar keine Nachweise für sein WIssen erbringen muss, während andererseits nachgewiesenermaßen qualifizierte Fachkräfte vom System tatsächlich abgesägt werden?

LG, Manati

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Anna 2. März 2015 - 09:50

Ich kann gar nicht in Worte fassen wie wütend und entsetzt ich über die jüngsten Entwicklungen bin. Jeden Tag neue Hiobsbotschaften. Ich teile und teile, aber keine von meinen betreuten Frauen teilt mit. Klar, sie sind alle gerade in einer Phase, in der sie andere Sorgen und Prioritäten haben, aber ich gewinne wirklich den Eindruck, dass die allermeisten eine Hebammenbetreuung für verzichtbar halten. Bevor sie das erste Kind bekommen wissen die allermeisten überhaupt nicht was eine Hebamme eigentlich macht und ist die Betreuung nach dem ersten Kind abgeschlossen finden sie doch irgendein Haar in der Suppe und sind überzeugt davon, dass sie es beim nächsten Mal mit der Hilfe einer Freundin, die Kinderkrankenschwester ist schaffen…!
Und wir Hebammen: Stehen daneben, sehen hilflos zu wie uns immer mehr Kompetenzen beschnitten werden, wir mehr und mehr Bürokratie aufgebürdet bekommen, wir mehr Geld bezahlen müssen um überhaupt arbeiten zu können und machen …. Was??
Artikel zu schreiben und bei FB und im
Netz zu Solidarität aufzurufen wird leider keine Veränderung herbeiführen. Abgesehen von einigen Hausgeburtseltern( (5%aller Eltern )brauchen wir nicht auf mehr Unterstützung zu hoffen. Mehr kriegen wir so nicht mobilisiert.
Ich glaube, wir sollten alle gemeinsam 3 Tage die Arbeit niederlegen. Damit einfach alle mal checken, was den Menschen verloren gehen würde wenn es keine Hebammen mehr gibt.
Aber ich bin mittlerweile auch so was von desillusioniert, dass ich glaube, dass fast keine Hebammen mitmachen würden. Denn wir sind ja leider nur eine Anhäufung von höchst individuellen Frauen, die es leider nie geschafft haben sich vernünftig zu organisieren.
Ich gebe vielleicht bald meine Hebammenanerkennung ab und arbeite dann eben ohne Berufshaftpflicht als Laien-Hebamme. Lieber so als dieses nutzlose Gekämpfe.
Sorry, Anja, das musste nach dieser immens frustigen Woche mal raus.

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Anja 2. März 2015 - 11:00

Liebe Anna.

ich verstehe gut, was Du meinst. Mittlerweile habe ich auch eher das Gefühl, hier nur noch die traurige Chronik des Hebammenansterbens zu dokumentieren… Es sind halt am Ende doch zu wenige Menschen, die das Thema wirklich interessiert. Ich sehe die Geburtshilfe in Deutschland jedenfalls auch den Bach runtergehen. Ich glaube und hoffe, dass auch dann irgendwann wieder erkannt wird, dass durch die Abschaffung der Hebammen nichts besser, sicherer oder kostengünstiger (darum geht es ja meistens) wird- sowie die USA das gerade wieder bemerkt. Nur werden sich die meisten bis dahin längst etwas anderes gesucht haben…

Ebenso gesfrustete Grüße 🙁

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Martina 2. März 2015 - 09:37

Mein zweites Kind kam in den USA außerklinisch zur Welt. Im betroffenen Bundesstaat flogen die unversicherten Hausgeburtshebammen mit allen Folgen quasi „unterm Radar“. Hebamme durfte sich jeder nennen: vom „Wochenendkurs“ bis hin zu intensivst, mehrjährig ausgebildeten Fachkräften war alles dabei. Ich durfte das dortige System hautnah erleben und mir das Recht auf eine selbstbestimmte Geburt durch einen Verlust an Sicherheit „erkaufen“. Denn wenn wir Hebammen und Ihre dringend benötigten Angebote in die Illegalität drängen, passiert genau das: die Risiken für Mutter und Kind steigen. Wollen wir hier wirklich solche Verhältnisse?!?

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Anja 2. März 2015 - 11:03

Danke Martina, für die Schilderung einer in den USA längst realen Entwicklung, in die wir hier unaufhaltsam zusteuern. Deshalb erscheint mir dieses ganze momentane Gerangel zwischen GKV und den Hebammenverbänden um Qualitätsmanagement und Ausschlusskriterien geradezu absurd… In Zukunft wird jeder einfach irgendwas machen und das komplett unversichert…

Liebe Grüße, Anja

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Frische Brise 2. März 2015 - 09:20

Wegen Deiner guten sachlichen Artikel lese ich so gerne bei Dir mit.

Ich denke immer wieder drüber nach, wie es mir gehen würde, stünde mein Berufsstand vor dem Aus. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.

Und genauso wenig begreife ich, warum es vielen Menschen in unserem Land anscheinend nicht so wichtig ist, wie und wo ihre Kinder und Enkelkinder geboren werden.

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Steffi Jäger 2. März 2015 - 08:15

Traurig und schrecklich – aber leider wahr!
Wo wird uns das alles noch hinführen?

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