Wenn Hebammen Kinder kriegen: Alexandra

von Anja

Alexandra ist 30 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Sie ist seit 2009 Hebamme und arbeitet in einem Kreißsaal, in dem rund 1900 Kinder im Jahr geboren werden. Freiberuflich betreut sie Frauen in der Schwangerschaft und im Wochenbett, außerdem leitet sie Geburtsvorbereitungskurse. Alexandra lebt ihren Beruf mit Leidenschaft aus. Ihr ist es wichtig, Frauen rundum zu betreuen und sie dabei zu unterstützen, eine selbstbestimmte Geburt erleben zu können. Hier erzählt sie von der Geburt ihrer ersten Tochter in der Klinik im Jahr 2014. Ihre zweite Tochter kam 2015 zu Hause zur Welt.

An meinem 27. Geburtstag bekam ich auf einmal das Gefühl, Mutter werden zu wollen. Mein Freund wollte da schon lange ein Kind. Wir überlegten also, es einfach mal zu probieren. Ich wurde sehr schnell schwanger, hatte danach aber bis zur 14. Schwangerschaftswoche immer mal leichte Blutungen. Zwar nur sehr leichte, aber es belastete mich. Gleichzeitig fühlte ich mich jetzt doch mit dem Gedanken überfordert, Mutter zu werden. Ich fühlte mich zu jung und liebte meine Arbeit so sehr! Ein wirklich ganz schlimme Übelkeit machte mir auch zu schaffen. Somit war die Frühschwangerschaft kein Spaziergang für mich.

In der 12. Schwangerschaftswoche ging ich ins Beschäftigungsverbot. Dies wird bei uns vom Arbeitgeber ausgesprochen, da wir nicht mehr im Kreißsaal arbeiten dürfen. Ich vermisste meine Arbeit schon sehr. Habe mich dann aber daran gewöhnt und habe die Zeit genutzt. Die Schwangerschaft verlief super und ich habe es sehr genossen, schwanger zu sein. Ich ging zum Schwimmen, machte Yoga und Gymnastik. Habe mich und das Baby in vollen Zügen gespürt und kennengelernt. Mir war es wichtig abzuschalten. Durch meinen Beruf musste ich immer über vieles nachdenken und konnte schlecht abgeben. Ich wusste aber, dass dies sehr wichtig ist, um gut gebären zu können. Also praktizierte ich täglich Entspannungsübungen und sorgte für meine „Blase“. Ich umgab mich mit Menschen, die mir gut taten und schon früh in der Schwangerschaft habe ich eine Hebamme und Ärztin gefragt, ob diese mich in der Schwangerschaft und Geburt betreuen können. Ich musste Menschen in der Schwangerschaft und bei der Geburt um mich herum wissen, die mich so betreuen, wie ich es brauche. Nur das gab mir die Möglichkeit, mich komplett fallen zu lassen.

Weihnachten war ich dann eine runde Kugel. Unsere Tochter war reif und konnte kommen. Mein Freund und ich waren so gespannt. Am 1. Feiertag hatte ich auch kurz Wehen. Diese hörten aber wieder auf. Silvester haben wir mit Freunden gefeiert. Ich war kurz vor Termin. Es war aber absolute Ruhe in meinem Uterus eingekehrt. Außerdem hatte ich eigentlich noch keine Zeit, unsere Tochter zu gebären. Die Hebamme, die mich schon die ganze Schwangerschaft wunderbar betreut hat, war da und einsatzbereit – aber meine Wunschärztin war noch im Urlaub und erst am 3. Januar zurück. Sie schrieb mir am 3. dann gleich eine Nachricht, dass sie zurück sei. Und das war der Startschuss. Mein Körper fing an zu arbeiten. Ich hatte immer mal eine Wehe, aber nichts regelmäßiges.

Stattdessen vertönte ich die Wehen im Stehen

Der 5. Januar kam, der errechnete Termin, und es wurde abends ein CTG geschrieben. Ich war traurig und musste weinen, wollte ich doch endlich Wehen bekommen. Am 7. Januar wieder ein CTG. Auf dem CTG hatte ich – wie die Tage immer mal wieder- regelmäßig alle drei bis fünf Minuten Wehen. Diese musste ich auch veratmen. Wir waren also guter Hoffnung, dass es losgehen würde. Aber es kam anders, denn am 8. Januar war ich immer noch schwanger. Die Wehen hatten wieder aufgehört. Ich war enttäuscht und hätte nie gedacht, so ungeduldig zu sein. Also brauchte ich Ablenkung. Ich holte meine Mutter von der Arbeit ab und wir gingen durch die Stadt spazieren. Auch hier hatte ich immer mal wieder wehen und musste regelmäßig stehen bleiben. Daher konnte ich nicht lange und fuhr wieder nach Hause. Dort angekommen war wieder Ruhe.

Mein Plan war für den Abend: Spazierengehen und ein Bad nehmen. Nach einem Spaziergang bereitete mein Freund ein Abendessen zu und ich ging in die Badewanne. Ich hatte in der Schwangerschaft regelmäßig gebadet und dort eine Entspannungs-CD gehört. Als die CD zu Ende war, wollte ich noch nicht aus der Wanne raus und blieb noch etwas liegen. Dann plötzlich, ohne Vorwarnung, gegen 21 Uhr kam eine Wehe. Ich musste sie sofort veratmen, sie war deutlich stärker als die Wehen vorher. Eine halbe Stunde lang hatte ich alle fünf Minuten Wehen. Mein Freund kam hoch um zu schauen, wo ich bleibe. Es jetzt merkte er, dass ich Wehen hatte. Ich blieb noch etwas in der Wanne. Mittlerweile hatte ich alle drei Minuten Wehen. Dann ging ich ins Wohnzimmer und versuchte, etwas zu essen. Das ging jedoch nicht mehr. Stattdessen vertönte ich die Wehen im Stehen. Ich stütze mich abwechselnd auf der Arbeitsplatte, dem Tisch, einem Stuhl oder dem Klavier ab. Es war kurz vor 22 Uhr und auch mir war jetzt klar, dass die Wehen nicht mehr aufhören würden. Ich freute mich so so sehr!

Die Wehen wurden immer intensiver. Ich hatte in jeder Wehe das Gefühl, es würde mich über der Symphyse zerreißen. Deshalb probierte ich noch einmal die Wanne aus. Ich kniete in der Wanne. Die Wärme von unten tat gut. Nach einer Zeit ging ich wieder raus und vertönte die Wehen im Stehen oder auf der Toilette sitzend. Dann hatte ich einmal das Gefühl, meine Hebamme anrufen zu müssen. Ich wollte sie aber nicht zu früh anrufen. Als Hebamme will man ja nicht zu früh rufen! Und so lange Wehen hatte ich doch auch noch nicht. Außerdem kam ich noch gut zurecht. Es tat weh – ohne Frage – aber ich konnte gut damit arbeiten. Irgendwann entschloss ich mich aber doch, die Hebamme anzurufen. Ich kam aber nicht dazu, denn auf einmal bekam ich eine Wehe, die mich überrollte. Es war ein nicht auszuhaltender Schmerz und Druck. Dann, ganz plötzlich auf dem Höhepunkt der Wehe, platze meine Fruchtblase und ein wenig klares Wasser ging ab. Ich war absolut erleichtert.

Die Wehen waren intensiv

Gegen Mitternacht rief ich die Hebamme dann doch schlussendlich an und sagte ihr, dass ich nicht wüsste, ob es zu früh sei, aber meine Fruchtblase sei vor 15 Minuten geplatzt. Direkt nach dem Anruf wurden die Wehen noch heftiger und ich bat mein Hebamme, noch schneller zu kommen. Sie war auch sofort da. Ich stand im Badezimmer und stütze mich tönend ab. Die Hebamme erkannte die Situation sofort und bat mich, eine Untersuchung durchführen zu wollen. Liegend, das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. In einer Wehenpause untersuchte sie mich schnell. Der Muttermund war außerhalb der Wehe sechs Zentimeter eröffnet und ganz weich, der Kopf schon sehr tief.

Meine Hebamme bat mich sofort alles ins Auto zu packen und loszufahren. Ich kniete mich auf die Rückbank. Sitzen oder liegen konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Auf halber Strecke zur Klinik merkte ich, wie der Kopf nach unten drückte. Mein Freund blieb sehr ruhig, auch als ich ihn bat, schneller zu fahren, da ich das Gefühl hatte, unsere Tochter würde es eilig haben. Am Krankenhaus angekommen kam ich kaum voran, ein paar Schritte und schon vertönte (und ich wollte doch nie laut auf dem Flur sein) ich die nächste Wehe. So holte mein Freund einen Rollstuhl (das wollte ich nie) und fuhr mich kniend auf dem Rollstuhl zum Kreißsaal.

Die Wehen waren intensiv und der Druck unglaublich stark. Im Kreißsaal angekommen kniete ich mich hin und zwei, drei Wehen später drückte ich schon reflektorisch mit. Was für ein Gefühl – ich merkte genau, wie der Kopf durch mein Becken rutschte. Im Beckeneingang dachte ich, der Kopf passt nicht rein und in der Beckenmitte dachte ich, es zerreißt mich. Auf dem Beckenboden dann war der Druck nicht mehr auszuhalten. Ich drückte kein einziges Mal aktiv mit, mein Körper machte alles alleine. Und dann war der Kopf geboren, was für ein Gefühl, ich konnte die vielen Haare fühlen. Jetzt wollte ich nicht mehr, aber schon kam die nächste Wehe und unsere Tochter wurde geboren.

Meine Hebamme gab sie mir durch die Beine – endlich war sie da! Am 9. Januar um 1:46 Uhr. Sie lag nackt auf meinem nackten Bauch. Sie war ganz ruhig und schaute sich um. Was für ein Gefühl! Ich war sooooo stolz! Ich legte mich irgendwann hin und die Placenta wurde geboren. Ein komisches Gefühl. Ich war erschlagen und realisierte jetzt erst, dass ich im Krankenhaus war und meine Hebamme und Ärztin anwesend waren. Mein Freund, unsere wunderhübsche Tochter und ich kuschelten lange. Gegen 4:30 Uhr duschte ich, in der Zeit lag unsere Tochter bei meinem Freund auf der Brust. Als wir alle so weit waren, machten wir uns um kurz vor sechs Uhr morgens auf den Heimweg. Wir lagen den ganzen Tag zu dritt im Bett und genossen es, zu kuscheln! Ich war so stolz auf mich. Meine Freund hat mich so wunderbar unterstützt und ich war glücklich, dass ich mir eine „Wohlfühlblase“ geschaffen habe. So konnte ich mich so wunderbar fallen lassen und entspannt ohne Angst unsere Tochter gebären. Abschließend möchte ich sagen, dass die Geburt eines Kindes der Augenblick der größten Würde einer Mutter sein sollte. Für mich war dieser Moment so. Ich wünsche dies jeder anderen Frau auch. An die Geburt des eigenen Kindes erinnert frau sich ein Leben lang.

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1 Kommentar

Caro Carp 5. September 2017 - 21:19

wow, ein wunderschöner Geburtsbericht. Herrlich unkompliziert. Und es ist echt faszinierend, bei wie vielen Frauen die Geburt erst losgeht wenn bestimmte Leute da sind.

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