Angst vorm Elternwerden

von Anja

Immer wieder stolpere ich bevorzugt im Netz über diese Artikel, in denen beschrieben wird, wie aus einst ganz sympathischen Mitmenschen plötzlich Elternzombies geworden sind, mit denen der Verfasser des Textes nicht mehr allzu viel anzufangen weiß. Oft schreiben diese Texte Menschen, die noch keine Kinder haben und sich halt trotzdem so ihre Gedanken dazu machen. So schrieb eine Redakteurin der Welt ihre Sicht der Lage dazu mit folgenden Worten nieder:

„Ich lebe seit etwa vier Jahren im Berliner Prenzlauer Berg, sehe jeden Tag sehr viele Kinder, die ich oft blöd und nur manchmal süß finde. Und je länger ich viel zu langhaarige Kinder sehe und Männer in Cordhosen, die keine Männer, sondern nur noch Väter sind, und Mütter, die Biospucktücher zu kurzen Haaren um den Hals geschlungen tragen, je genauer ich mir also Eltern ansehe, desto gruseliger wird mir das alles.“

Nun, ich lebe auch hier in Prenzlauer Berg. Weder weiß ich, wann Kinderhaare zu lang sind noch sehe ich hier ständig Cordhosen. Doch beim Weiterlesen wird mir klar, wovor sie eigentlich Angst hat, wenn sie über eine mögliche Zukunft mit eigenen Kindern nachdenkt. Es geht eigentlich immer um Kontrollverlust. Denn scheinbar sind es ja die Kinder, die ehemaligen coolen Typen plötzlich ein Beinkleid aus Feincord verpassen oder Frauen das Hermès-Halstuch gegen eine Bio-Spuckwindel um den Hals eintauschen lässt. Die Autorin beobachtet, wie Eltern sich aus ihrer Sicht scheinbar zum Horst machen, um ihr Kind zum Schlafen zu bringen. Selbst das Hinhocken, um vielleicht mit dem eigenen Kind auf Augenhöhe zu gehen, macht ihr irgendwie Angst.

Kontrollverlust durch Kinder

Klar, es stimmt schon: Eltern tun viele Dinge, die sie wohl nicht tun würden, wenn sie keine Kinder hätten. Außer jene Erwachsenen vielleicht, die das als Erzieher oder Lehrer von Berufswegen tun. Und auch als Hebamme kniet und hockt man viel am Boden. Wenn ich meinen Job aber vielleicht vorwiegend am Schreibtisch verbringe, kommt mir das womöglich absurd vor. Neben vielen anderen Veränderungen, die das Leben mit Kindern so mit sich bringt.

Und auch wenn es lange her ist, kann ich mich noch vage erinnern, dass auch Christian und ich uns allerlei Dinge vornahmen, die wir nicht tun würden, nur weil wir jetzt Kinder haben. Natürlich hat das in neun von zehn Punkten nicht geklappt, aber man braucht ja einen Plan gegen die Angst vor dem Kontrollverlust. Denn ganz tief drinnen ahnen wir alle mit dem ersten positiven Schwangerschaftstest, dass da etwas ganz Großes auf uns zu kommt. Etwas, das wir an vielen Punkten letztlich nicht kontrollieren können. Unser Körper verändert sich unaufhaltsam, aber auch unser seelisches Befinden wird auf den Kopf gestellt. Wir versuchen uns bestmöglich vorzubereiten. Manche, in dem sie alles planen und anschaffen, was nur geht. Andere, in dem sie möglichst wenig planen und kaum etwas anschaffen in der vagen Hoffnung, dass sich nicht allzu viel ändern wird, wenn die Wohnung nicht der Ausstellungsfläche eines Babymarktes gleicht.

Jeder hat da seine eigene Strategie. Wir beobachten die anderen Eltern um uns herum und wissen schnell, wie wir auf keinen Fall werden wollen. Manche Eltern finden wir auch ganz gut und schöpfen Hoffnung, dass wir trotzdem noch ein bisschen die Alten bleiben können, wenn wir nur wollen.

Individuelle Grenzerfahrungen

Und dann kommt meist mit der Geburt der erste richtig große Kontrollverlust. Alle Vorstellungen und Planungen werden oft über Bord geworfen und man macht seine ganz individuelle Grenzerfahrung. Der Körper macht, was er will. Dies mag durchaus eine inspirierende Erfahrung sein, die aber auch Angst machen kann. Das sich anschließende Wochenbett ist eine körperliche und mentale Berg- und Talfahrt.

Und es ist in den allermeisten Fällen nicht leicht, jenes Bild aufrecht zu erhalten, das man sich doch vorher so gut überlegt hatte. Zumindest vor den Freunden ohne Kinder, denen man großspurig erzählt hatte, dass man auf keinen Fall so und so werden wird. Und dann sitzen wir starken Frauen da hormonüberflutet und weinen, weil das Stillen und alles andere auch nicht klappt. Die anderen Eltern, die das Ganze schon durchhaben, nicken hoffentlich wissend und versichern, dass alles okay so ist, wie es gerade ist. Und vor allem, dass es wieder besser wird.

Ja, Kinder verändern uns. Sehr sogar. Viel mehr als wir manchmal wollen. Sie sorgen für nicht gekannte Ängste, ein hohe emotionale Labilität und phasenweise auch dafür, dass wir uns selbst vernachlässigen. Aber trotzdem bleiben wir immer noch wir selbst. Doch für dieses Selbst gibt es in der ersten Zeit mit einem Baby weniger Raum. Genauso wie für die Freunde. Doch das sind Phasen, die sich auch wieder ändern. Dass wir gleichzeitig älter und damit auch ohnehin womöglich irgendwie uncooler werden, hat wohl eher etwas mit Lebensphasen zu tun. Auch bei den kinderlosen Freunden werden die Ausflüge in Clubs oder auf Konzerte weniger, wenn sie statt Mitte Zwanzig plötzlich Ende Dreißig sind. Leute, die gerne reisen, machen das auch weiterhin. Dann halt mit Baby oder zwei Kindern.

Wandelzeiten

Ja, Kinder zu haben bedeutet phasenweise Kontrollverlust, manchmal auch ziemlich großen, aber das Leben selbst ist ja auch nicht verlässlich planbar. Neue Beziehungen oder neue berufliche Wege verändern uns auch. Die Leute, die uns in Wandelzeiten erleben, können das positiv oder negativ erleben. Ich könnte jetzt seitenlang über die positiven Auswirkungen vom Loslassen und sich auf etwas einlassen schreiben, aber wahrscheinlich kann man das letztlich nur selbst erleben. Das Wohlbefinden von Eltern lässt sich jedenfalls nicht an der Cordhose, der Baumwollspuckwindel als Accessoire oder der Körperhaltung ablesen. Schade nur, dass der damit entstandene erste Eindruck scheinbar dazu führt, sich nicht weiter mit den Menschen dazu auseinander zusetzen.

Denn hinter der Frau mit den Schnodderflecken auf der Bluse oder dem Mann mit dem Tragetuch stecken meist immer noch interessante und sympathische Menschen, die gerade einfach nur in einer anderen Lebensphase stecken. Und sie könnten den noch Zweifelnden davon erzählen, dass das Leben mit Kindern und die damit verbundenen Veränderungen nicht nur „gruselig“ sind, sondern ebenso wunderschön und bereichernd. Und dann könnte man gemeinsam über die zum Teil absurden Nebenwirkungen des Elternseins lachen.

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12 Kommentare

Franzi 29. April 2017 - 21:28

Danke für den treffenden Text.

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jolanthe Wagenknecht 13. Juni 2015 - 22:58

Solche Artikel sind saudumm und wer sowas schreibt ist wirklich einfach noch zu unreif zum Kinderkriegen und sollte es wirklich besser lassen.

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Saskia 12. Juni 2015 - 01:39

Liebe Anja,

…. ich kann Dir zum Thema „Elternzombies“ Judith Luig: „Und jetzt alle noch mal aufs Klo: Wie meine beste Freundin Mutter wurde“ …. empfehlen. Das Buch ist derart witzig, ich habe Tränen gelacht. Es ist bissig, und hat es Qualität – im Gegensatz zu manch einem dumm-dreisten, sich auf polemische Klischees berufenden Artikel (wie es auch der von Dir in der „Welt“ zitierte zu sein mag). Die Autorin vermag es nämlich, die Realität haarscharf genau zu beobachten und ihren Stil höchstens mit einer Prise der Übertreibung zu würzen. Die Realität aber, und ich musste mich blamabel zu ihr bekenne, ist teilweise entlarvend peinlich und die schönste Satire 🙂

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Maria 11. Juni 2015 - 18:14

(Ganz kurze Haare habe ich auch und stets was um den Hals.)

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Anja 11. Juni 2015 - 22:05

Liebe Maria,

das seid Ihr bestimmt, denn so viele Cordhosen gibt es hier doch gar nicht;)
Ich hoffe aber, Ihr seid nicht deshalb umgezogen.

Liebe Grüße,

Anja

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Maria 13. Juni 2015 - 23:27

( :

Naja. Nicht nur deshalb.

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Maria 11. Juni 2015 - 18:12

Ich schwöre es, die Dame beschreibt uns. Wir wohnten bis vor 2 Wochen im Prenzlauer Berg. Mein Mann, der recht weibliche Züge hat, trägt senfgelbe Cordhosen mit Schlag. Meinem Sohn (2) habe ich noch nie die Haare geschnitten.

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Bettie 11. Juni 2015 - 12:10

Liebe Anja, ich finde das ist ein toller Text. Ich find es nur irgendwie blöd, dass Kack-Artikel immer so viel Resonanz kriegen. 😉 Und was ist eigentlich so schrecklich an einer Cordhose, und was ist so gut an einem Hermes-Tuch? Ich werden den Ursprungsartikel nicht klicken. Ich hoffe, ich halt mich dran. 😉 Lieben Gruß aus dem nicht-ganz-so-klischeebehafteten Berliner Norden, Bettie

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kiddo the kid 11. Juni 2015 - 10:32

Ach Mensch, der hat mich jetzt echt gefreut, der Artikel. Der spricht mir volle Kanne aus’m Herzen.

Sagt eine, die in kinderlosen Zeiten mit Urteilen über Eltern schnell bei der Hand war. Freundlich ausgedrückt. Manchmal war ich ein richtiges Arschloch im Geiste. Aber nun ja – dann kam das Kiddo und hat mich Demut gelehrt.

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Ines 14. Juni 2015 - 00:13

Jap-kenn ich! Vor allem und insbesondere das mit der Demut!

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Daniela 11. Juni 2015 - 09:29

Jaja, diese Nebenwirkungen immer……

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Kathrin 11. Juni 2015 - 09:25

Daumen hoch!!! Mir sind die Schwangeren, die behaupten sie sind lässig genug, damit alles so bleibt wie vor der Geburt, irgendwie suspekt. Denn leider sind es auch oft die, die den Kontrollverlust dann gar nicht auf die Reihe bringen… Elternwerden ist immer ein Abenteuer, das Leben bedeutet immer Veränderung… In unserem Freundeskreis sind wir alle hintereinander weg Eltern geworden, wir mittendrin. Das ist schön und nach einer gewissen Zeit tauchen hinter den Mamas und Papas auch Teile der Freunde von vorher auf, wie bei uns auch. Und man gewinnt mit der Veränderung immer neue Teile der Freunde hinzu :-)!

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