Zwei unter zwei

Zwei unter zwei

In wenigen Monaten feiert das Söhnchen seinen zweiten Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich damals bereits unsere zweite Tochter angekündigt. Während ich gerade mal wieder merke, wie Kleinkinder dieses Alters auf der einen Seite schon so selbstständig, auf der anderen Seite ebenso bedürftig sind, frage ich mich, wie man das halbwegs entspannt mit Baby im Bauch bzw. später im Tragetuch wuppen kann. Natürlich ging und geht das, aber es ist schon enorm kräftezehrend. 

So erlebe ich das auch im Hebammenalltag, wenn hier nicht wenige Frauen ihre Kinder in sehr kurzen Abständen bekommen. Manchmal liegt es daran, dass ein (Zweit-)Kinderwunsch im höheren Alter doch etwas dringlicher ist mit dem Wissen, dass die biologische Uhr über 35 doch etwas lauter tickt. Manchmal ist so ein Altersabstand aber auch ganz bewusst so gewählt, damit die Geschwister alterstechnisch und damit auch in ihren Interessen jeweils nah beieinander liegen.

Aber erst einmal liegen die Interessen und die Bedürfnisse eines Babys und eines Kleinkindes doch sehr weit auseinander. Nach den ersten anstrengenden zwei, drei Jahren spielen so dichte Geschwister häufig tatsächlich viel miteinander. Ausgeschlossen ist das natürlich auch nicht bei einem größeren Altersabstand.

Immer im Standby-Modus

Jedenfalls ist die Konstellation „Zwei unter zwei“ in den ersten Jahren nicht immer einfach. Unsere Große war knapp sieben und die Mittlere bereits vier, als dann noch das Brüderchen kam. Ein riesiger Unterschied zu den Zeiten, als ein Kleinkind und ein Baby unseren Alltag bestimmten. Da wir damals das erste Babyjahr mit dem Zweitkind zum Glück beruflich ganz entspannt angehen konnten – auch dank Elterngeld, was es bei unserer Großen ja noch gar nicht gab – wurde sicher viel an kindlicher Eifersucht und mütterlicher Überforderung von der Tatsache abgefangen, dass Christian sehr viel präsent war. Unsere Ersparnisse schmolzen zwar in dieser Zeit ganz schön ein, aber persönlich finde ich es sooo viel wertvoller, Geld in entspannte Familienzeit zu investieren als in einen Neuwagen oder die Maledivenreise.

Trotzdem gab es natürlich die Tage, an denen ich den Alltag alleine mit zwei so kleinen Kindern wuppen musste. Während eine Siebenjährige und auch eine Vierjährige sogar kurz in der mütterlichen Duschzeit das „Baby sitten“ können, lässt man die Zweijährige besser nicht mit dem Kleinsten allein. Also gilt es immer im Standby-Modus für zwei Kinder zu sein – egal ob man nur mal kurz auf das Klo möchte oder versuchen will, eine warme Mahlzeit zustande zu kochen.

Der Babyparasit

Auch die Geduld für die meisten Dinge ist mit zwei Jahren noch nicht allzu ausgeprägt. Das gemeinsame Sandkastengebuddel kann aus Kleinkindsicht nicht warten, bis das Baby auf der Spielplatzbank fertig gestillt ist. Oder das Kleinkind kippt von der Schaukel, weil Mama ihm akut nicht helfen kann, da das Minigeschwisterchen nun auch noch gewickelt werden möchte. Na klar, kann man als zweijähriges Kind gut laufen, aber halt nur dann, wenn man möchte. Und wenn man auf den Arm will, dann doch bitte sofort. Außerdem ist es schon ungerecht, dass der Babyparasit scheinbar 24/7 an Mama oder Papa hängen darf – ob auf dem Arm oder im Tragetuch versteckt. Das Tragetuch erlaubt einem aber wenigstens, noch das müde Kleinkind huckepack nach Hause zu tragen. Was der ohnehin gerade überlastete Beckenboden dazu sagt, kann in diesen Momenten meist nur ignoriert werden.

Doch auch der Kleinkindwunsch, alles alleine machen zu wollen, ist im Grunde noch viel zeitaufwendiger als die Vollzeitversorgung eines Babys. Alleine anziehen, alleine aufs Klo, alleine Essen – alles wundervolle Schritte, die man aber mit einem übermüdeten nörgeligen Baby auf dem Arm manchmal so gar nicht genießen kann. Und dann versucht man es noch mit Drängeln und prompt geht gar nichts mehr in der Hochzeit der kindlichen Autonomiephase. Denn das Tempo gibt schließlich immer noch das Kleinkind vor. Wir erleben das gerade mal wieder täglich mit dem Söhnchen. Er weiß immer ganz genau, was er will und wie er es will. Aber alle, einschließlich der großen Schwestern, können das wesentlich gelassener und mit viel mehr Humor nehmen, als ich das damals bisweilen bei unserer großen Tochter konnte. Massiver Schlafmangel macht halt auch nicht gerade lustig.

Natürlich gibt es auch die Momente, die das Elternherz dahinschmelzen lassen. Wenn das große Baby das kleine Baby herzt, sein Eis mit dem Stillkind teilen möchte oder liebevolle, kauderwelsche Worte für das Geschwisterchen findet. Doch die Momente der kleinen und großen Alltagsdramen überwiegen doch. Zumindest wenn man alleine mit diesen Doppelbelastungssituationen ist.

Das Kleinkind ist klein

Natürlich will ich hier niemand verschrecken, der gerade mittendrin in dieser Konstelllation steckt oder ein Geschwisterchen mit kurzem Abstand erwartet. Es ist ja auch nicht so, dass man die ganze Zeit nur vor sich hinleidet als Eltern, aber man funktioniert schon sehr und ist natürlich immer in Halbachtstellung, weil man weder Baby noch Kleinkind groß aus den Augen lassen kann. Das sorgt schon für einen konstant hohen Stresspegel. Außerdem fällt auch das Extraschläfchen mit Baby häufig mal weg, weil gleichzeitig ein Kleinkind zu beaufsichtigen und zu bespaßen ist. Und weil das Kleinkind so klein ist und auch noch so viel Mama braucht, hat man gleich immer noch ein paar Schuldgefühle parat, wenn man beim Eisenbahn spielen abrupt abbrechen muss, weil sich ein hungriges Baby meldet.

Und da zwei Kinder unter zwei oder auch drei Jahren so betreuungsintensiv sind, überlässt man die bedürftige kleine Meute auch weniger mal gezielt nur einem Elternteil. Früher hieß es „Einer hat das Kind, einer hat frei“. Jetzt fühlt es sich fast wie Urlaub an, wenn man mal nur ein Kind zu versorgen hat. Daher resultiert wahrscheinlich der an sich dämliche und von Ersteltern gehasste Satz „Ein Kind ist kein Kind“. Aber es fällt doch massiv auf, wenn man sich mal nicht zwei- oder dreiteilen muss.

Akzeptanz und Humor

Was also tun, damit man gut durch diese Zeit kommt? Als erstes vielleicht akzeptieren, dass es so ist, wie es ist und sich als Eltern Müdigkeit und Erschöpfung auch zugestehen. Auch in der Beziehung sind sicher eine Zeit lang erst mal ganz praktische Absprachen bezüglich der Familienlogistik an der Tagesordnung anstatt romantischer Worte oder tief schürfender Gespräche. Auch hier hilft es, das Ganze mit gewissem Humor zu betrachten.

Und dann am besten Prioritäten setzen in allen Bereichen. Lieber die Wohnung etwas verwahrlosen lassen, als mit dem Putzlappen in der Hand stehend am Fenster einzuschlafen. Vielleicht muss man auch beruflich einen Schritt zurücktreten, zumindest vorübergehend. Meist steht man sich dabei meist selbst mehr im Weg als ein Arbeitgeber oder das jeweilige Arbeitsmodell, in dem man sich gerade befindet. Außerdem gilt: Je kleiner die kleinen Kinder sind, umso mehr Hilfe sollte man organisieren – Freund, Familie oder notfalls auch gekaufte Hilfe. Das zweijährige Kind wird nicht unbedingt gleich über Nacht von zu Hause weg sein wollen, aber ein paar Stunden Tierpark mit dem Patenonkel können die Eltern nutzen, um mit dem Baby einen langen Mittagsschlaf zu halten.

Als Eltern können wir ja doch immer wieder viel Kraft aus den schönen Momenten mit unseren Kindern schöpfen. Daran muss man sich auch mantrenartig immer wieder erinnern, wenn die Fluchtgedanken aus dem familiären Chaos überhand nehmen. Auch stundenweise Flüchten kann manchmal hilfreich sein. Das geht auch mit Stillkind. Eine Stunde allein in der Badewanne kann sich plötzlich wie ein ganzes Wellnesswochenende anfühlen. Und irgendwann kommt der Tag, an dem der „Plan“ aufgeht. Ungefähr mit zwei und vier Jahren standen unsere Mädchen am Wochenende das erste Mal alleine auf, spielten zusammen und die Große machte der Kleinen sogar ein Frühstücksmüsli. Und wir konnten einfach noch etwas liegen bleiben, weil die beiden sich selbst völlig genug waren. Zumindest bis zum ersten Streit um den roten Puppenwagen…