Fragen an die Hebamme #7: Der Schnuller – nötig oder störend?

Fragen an die Hebamme #7: Der Schnuller – nötig oder störend?

Als ich vor 15 Jahren meine Hebammenausbildung machte, gab es noch wesentlich mehr geburthilfliche Kliniken in Deutschland. Und so gab es auch durchaus mal ruhige Kreißsaaldienste, in denen man sich mehr oder weniger absurden Nebenarbeiten widmete. Eine davon war das Aussortieren von Schnullern aus den Geschenkboxen, die nach der Geburt an die Mütter verteilt wurden. Meine Lehrklinik war eine der ersten babyfreundlichen Kliniken in Deutschland, die damals noch „Stillfreundliches Krankenhaus“ hießen. Punkt Neun der zehn Schritte zum „Babyfreundlichen Krankenhaus“ hieß: „Gestillten Kindern keine künstlichen Sauger geben.“ Also mussten diese raus aus den Geschenkboxen, ebenso wie sämtliche Broschüren, Karten oder Werbegeschenke, auf denen Säuglinge mit Schnuller abgebildet waren. Man kann sich also vorstellen, dass da bis auf eine paar Babyölpröbchen und Feuchttücherpäckchen nicht mehr viel übrig blieb.

Es gilt bis heute: Wenn man sich Glückwunschkarten, Babybücher oder auch Baby-Blogs anschaut, sind Schnuller oder Fläschchen DAS Symbol fürs Baby. Auch Wickelecken, ja selbst Stillräume, werden mit diesem Symbol gekennzeichnet. Aber was ist denn jetzt eigentlich das große Problem, dass die babyfreundlichen Krankenhäuser, die Stillberaterinnen und auch die Hebammen mit dem künstlichen Sauger haben?

Schließlich haben doch alle Babys ein Saugbedürfnis, oft auch eins, was über das reine Bedürfnis der Nahrungsaufnahme hinaus geht. Stillende Mütter kennen das Gefühl, dass sie von 24 Stunden mindestens 22 Stunden nur gestillt haben. Muss da jede stillende Mutter durch, weil ihr die Experten die Entlastung durch den Schnuller nicht gönnen?

Auch ich denke, dass ein gestilltes Baby in den meisten Fällen keinen künstlichen Sauger braucht. Aber manchmal brauchen die Eltern diesen, weil die Mutter eben nicht 24 Stunden am Tag dem Saugbedürfnis ihres Babys zur Verfügung stehen will, kann oder muss. Und ja, das ist okay. Nicht jedes Kind ist mit seinem Daumen, einem Seidenpüppchen oder einfach gar keinem Saugersatz zufrieden, wenn Mama nicht verfügbar ist – sei es aus gesundheitlichen, aus beruflichen oder einfach aus ganz persönlichen Gründen. Auch wenn ich selbst die Stillzeiten meiner Kinder genossen habe bzw. noch immer genieße, weiß ich doch, dass das nicht für alle Mütter gilt.

Zudem gibt es natürlich Situationen, in denen der Schnuller mehr als berechtigt ist- wie zum Beispiel in der Frühgeborenenbetreung, aber eventuell auch bei einer “unbehandelten Muttermilchüberproduktion” (Hyperlactation). Hierbei wird bei jedem Stillen viel zu viel Muttermilch bereit gestellt, so dass ein non-nutritives Saugen für das Baby eigentlich nicht möglich ist, ohne gleichzeitig “viel zu große Mengen von Muttermilch trinken zu müssen”. Und nicht gestillte Kinder haben häufig auch ein Saubedürfnis, das über die reinen Mahlzeiten hinaus geht.

Also wird dieser Artikel keine Abrechnung mit dem „bösen Schnuller“ sein, der den Anwendern mit Zahnfehlstellungen, logopädischen Problemen, erhöhter Infektanfälligkeit, späteren Risiken der Suchtgefahr oder gar der Intelligenzminderung droht. Denn die Eltern, die sich für einen Schnuller entscheiden, lassen sich auch von den harten Fakten der Stillberaterin nicht abschrecken. Es gibt aber sicherlich – wie bei allen Dingen – vor jeglicher Anwendung ein paar Dinge zu bedenken:

Warum sollte in den ersten Wochen kein Schnuller gegeben werden ?

Baby kommen bestens ausgestattet mit schon einem im Bauch am eigenen Daumen trainierten Saugreflex zur Welt. Das Saugbedürfnis und die Umstellung von der Dauerversorgung über die Plazenta auf die Ernährung über den Magen-Darm-Trakt sorgen dafür, dass Neugeborene schon kurz nach der Geburt selbst aktiv nach der Brust suchen und mit dem Stillen beginnen.

Durch den Saugimpuls wird Prolaktin ausgeschüttet und dieses Hormon sorgt wiederum für die Milchbildung. Das zweite wichtige Hormon im Stillgeschäft ist das Oxytocin, das nicht nur Wehen auslöst, sondern eben auch den Milchspendereflex, der die gebildete Milch fließen lässt. Und je mehr ein Baby saugt, desto mehr Hormone und Milch fließen. Aber das gilt natürlich nur für das Saugen an der Brust – und nicht am Schnuller. Das ist mit der Hauptgrund, weshalb in den ersten Wochen, in denen sich die Milchbildung ja erst mal auf die tatsächlich vom Baby benötigte Menge einpegeln muss, ein Schnuller kontraproduktiv ist.

Der zweite wichtige Punkt ist, dass das Baby an der Brust ja auch erst mal eine gute Stilltechnik etablieren muss. Und gut heißt, dass Mund und Zunge so positioniert sind, dass die Mütter dabei keine Schmerzen an der Brustwarze haben.

Das Saugen am Schnuller, aber auch an den künstlichen Flaschensaugern unterscheidet sich eklatant vom Saugen an der Brust. Auch wenn die oft zitierte „Saugverwirrung“ bisher nur wissenschaftlich beschrieben ist, wissen alle in der Stillberatung tätigen Personen, dass sich manche Neugeborene auch von einem nur sehr kurzen Saugergebrauch stark irritieren lassen, während andere Kinder problemlos zwischen den verschiedenen Optionen hin und her wechseln können. Da die Kinder aber leider nicht entsprechend beschriftet sind, ist es sinnvoll, wenn alle gestillten Babys in der Still-Lernphase, also den ersten vier bis sechs Wochen, nicht mit künstlichen Saugern konfrontiert werden. Deshalb auch das eingangs erwähnte Saugerverbannen in den babyfreundlichen Krankenhäusern. Sollte aus medizinischen Gründen eine Zufütterung nötig sein, gibt es auch dafür Optionen wie die Becherfütterung oder das Brusternährungsset, die nicht zu Irritationen im Saugverhalten führen.

Bei anhaltenden Stillproblemen wie wunden Brustwarzen sollte der Schnuller wirklich erst wieder zum Einsatz kommen, wenn alles reibungslos funktioniert. In der Praxis sind mir auch schon Kinder begegnet, die nach vielen Wochen erstmalig den Schnuller bekamen und sich trotzdem plötzlich daraus Stillprobleme ergaben. Dann sollte zunächst weiterhin auf Beruhigungssauger verzichtet werden. Ebenso wie bei nicht ganz optimal gedeihenden Kindern. Diese sollten möglichst jedes Saugbedürfnis an der Brust stillen dürfen, damit die Milchproduktion gut angeregt wird und sie sich nicht über die frühen Hungerzeichen “hinweg schnullern”. Doch wie bei allen Problemen in der Stillzeit kann ich an dieser Stelle nur darauf verweisen, sich kompetente Hilfe zu holen, um ein unbeabsichtigtes Abstillen zu verhindern.

Welcher Schnuller und in welcher Dosierung ?

Wenn sich nun aber alles eingespielt hat und Eltern eine Schnullergabe wünschen, stellt sich immer noch die große Frage, welches Modell es denn nun sein soll. Das Überangebot in der Drogerie gibt keine schlüssige Antwort, weil natürlich fast jeder Hersteller sein Produkt als das Beste anpreist. Der Schnuller sollte möglichst weich und flexibel sein und im Zahn- und Lippenbereich einen möglichst kleinen Durchmesser haben. So wird ein besserer Mundschluss erreicht. Bei sehr großen und „sperrigen“ Modellen führt der offenere Mund zu einer erschwerten Mundatmung und einer damit verbundenen höheren Infektanfälligkeit.

Eine flache und symetrische Form mit einem geraden Lippenschild ist den so genannten „kiefergerechten“ Modellen vorzuziehen. Ein Vorteil ist auch, dass es bei diesen Schnullern keine Ober- und Unterseite gibt. Der Schnuller sollte von den Lippen gehalten werden, damit diese Funktion nicht von der Zunge übernommen wird. Es ist keinesfalls nötig, für größere Babys auch größere Schnuller zu kaufen. Die Brustwarze vergrößert sich ja auch nicht mit dem Alter des Kindes. Damit der Halteapparat im Mund nicht überstrapaziert wird, sollte der Schnuller möglichst leicht und auch nicht mit einer schweren Schnullerkette verknüpft sein, die einen zusätzlichen Zug auf den Kiefer ausübt. Latex ist meist weicher als Silikon und auf jeden Fall sollte der Sauger als Bisphenol A-frei gekennzeichnet sein.

Den Schnuller in Honig, süße Säfte oder gar in Alkohol zu tauchen, ist absolut nicht empfehlenswert- egal, wer auch immer diesen Tipp gibt. Das Ablecken des zum Beispiel heruntergefallenen Schnullers durch die Eltern, kann wahrscheinlich im Sinne der Allergieprophylaxe sogar sinnvoll sein. Allerdings sollten Eltern sicherheitshalber vorhandene Karies beim Zahnarzt vorab behandeln lassen, da noch unklar ist, wie weit durch den Speichelkontakt und der damit gegebenenfalls übertragenen Kariesbakterien das Kariesrisiko des Kindes erhöht wird.

Bei einer Herpesinfektion im Lippenbereich muss allerdings immer penibel darauf geachtet werden, dass es keinen Kontakt damit zum Kind gibt, beispielsweise auch durchs Küssen. Säuglinge können durch Herpesviren aufgrund ihres unausgereiften Immunsystems sehr schwer erkranken. Generell wird empfohlen den Schnuller vor dem ersten Gebrauch und dann in regelmäßigen Abständen mindestens fünf Minuten lang auszukochen bzw. zu sterilisieren. Zwischendurch kann er unter fließendem Wasser gereinigt werden. Außerdem sollte regelmäßig geprüft werden, ob der Sauger irgendwo kaputt ist, was zum Bespiel beim intensiven Kontakt mit Babys Zähnen vorkommen kann. Die Nutzungsdauer für intakte Schnuller sollte aus hygienischen Gründen nicht länger als circa zwei Monate sein.

Wann und wie lange kommt der Schnuller zum Einsatz ?

Der dauerhafte Schnullergebrauch hat definitiv einige Nachteile, aber wie bei vielen Dingen, macht auch hier die Dosis das Gift bzw. die Kieferfehlstellung. An dieser Stelle werden sicher Menschen einwerfen, dass ihnen jahrelanges Dauernuckeln weder geschadet hat, noch dass sie jemals im Leben zum Kieferorthopäden oder Logopäden mussten. Aber die Gefahr ist halt doch zumindest verstärkt gegeben, wenn ein Schnuller sehr viel im Einsatz ist. Ich persönlich gebe deshalb am liebsten die Empfehlung der Ärztin und Stillberaterin IBCLC Gudrun von der Ohe weiter. Sie empfiehlt, den Schnuller so sorgsam wie ein Medikament einzusetzen. Das heißt, es muss eine Indikation vorhanden sein. Also zum Beispiel eine Situation, in der die Beruhigung an der Brust oder auf andere Art nicht möglich ist. Außerdem ist es natürlich wichtig, die Beruhigung durch den Schnuller möglichst mit Körperkontakt zu kombinieren, so wie es beim Stillen automatisch der Fall ist. Wenn dem Kind beim Saugen Nähe gegeben wird, fühlt es sich in seinem Kummer begleitet und nicht etwa „zugestöpselt“. Vorab ist natürlich sicherzustellen, dass es sich nicht um ein Bedürfnis nach Nahrung handelt. Der Blick auf die Uhr ist dabei nicht entscheidend, weil sich zum Beispiel in Wachstumsphasen der Stillrhythmus immer wieder verändert.

Dann sollte die Dosierung stimmen, also der Einsatz auf eine bestimmte Zeit begrenzt sein. Beim älteren Baby oder Kleinkind kann man sich auch gut daran orientieren, wann und wie lange in dieser Situation alternativ gestillt werden würde. So wird schnell deutlich, dass das nicht bei Aktivität des Babys auf der Krabbeldecke oder dem Erkunden des Spielplatzes der Fall ist. In diesen Situationen ist der Schnullereinsatz doch eher kontraproduktiv. Zum einem kann er die Kommunikation zwischen Eltern und Kind behindern, zum anderen ist in diesen Momenten ja nicht das körperliche Bedürfnis nach Beruhigung und Entspannung, sondern nach Aktivität vorhanden. Da die Gesichtsmuskulatur immer im Zusammenspiel mit dem ganzen Körper agiert, ist also der Schnullereinsatz beim Drehen, Krabbeln und über den Spielplatz rennen nicht sinnvoll.

So wird es auch wesentlich leichter sein, den Schnuller später abzugewöhnen, als wenn er den ganzen Tag im Dauereinsatz ist. Die Empfehlungen gehen dahin, den Schnuller spätestens im zweiten Lebensjahr abzugewöhnen. Doch auch da sieht die Realität manchmal anders aus. Entscheidend für negative Auswirkungen des Schnullergebrauchs ist in jedem Alter sicherlich die Anwendungsdauer, die je nach Einsatz zwischen wenigen Minuten am Tag bis hin zu stundenlangen Dauergebrauch reicht. Über mögliche Konsequenzen sollten Eltern also sachlich informiert werden, ohne dabei den Schnuller als Teufelszeug zu verdammen. Und manchmal ist es auch die Entscheidung des Kindes, den Schnuller gar nicht erst zu akzeptieren. Und das müssen Eltern dann auch akzeptieren, wie so manches, was man sich ganz anders vorgestellt hatte, bevor das Baby da war…

Und noch ein paar ganz persönliche Gedanken dazu…

Ich hoffe, es wird an dieser Stelle deutlich, dass ich keine militante Schnullergegnerin bin, wie sie ja in den Kreisen der „Stillmafia“ oft vermutet wird. Denn auch wenn keines meiner eigenen Kinder je einen Schnuller hatte, waren neben allen angesprochenen Fakten meine ganz persönlichen Gründe gegen den Schnullereinsatz viel banaler als das hier Geschriebene:

Grund 1: Ich mag kein Plastik im Mund. Ich trinke selbst furchtbar ungern aus Plastiktassen oder esse mit Plastikbesteck. Deshalb konnte ich mir weder Silikon, Latex oder andere Kunststoffe dauerhaft im Mund meines Babys vorstellen. Selbst Kautschuk war keine Option.

Grund 2: Ich verliere schon so ständig genug Dinge wie einzelne Handschuhe, hochwichtige kleine Spielzeuge, Kindermützen und und und. Einen Schnuller mitzuschleppen, hieße für mich noch eine Option mehr, etwas dann situativ wichtiges zu verlieren.

Grund 3: Man sieht mehr Babygesicht auf Fotos. Wobei mit Schnuller sicher das Fotografieren manchmal leichter ist…

Grund 4: Es gab für mich einfach keine Notwendigkeit, den Schnuller einzusetzen. Das heißt aber – so ehrlich muss man sein – dass ich phasenweise sehr viel und sehr häufig gestillt habe und in der frühen Babyzeit meist nur kurz von meinem Kind getrennt war. Für Autofahrten bedeutete es auch oft entsprechend häufiges Anhalten.

So. Jetzt darf sich jeder aus dem hier Geschriebenen das heraussuchen, was für die persönliche Situation passt. Ich werde nicht die ultimative Empfehlung gegen oder für den Schnuller an dieser Stelle aussprechen, denn ich bin ja weder die Schnullerpolizei noch die Schnullerfee.