Zurück im Wochenbett

Zurück im Wochenbett

Aktuell betreue ich mehrere Mütter nach der Geburt des zweiten Kindes. Auch wenn ihnen sehr vieles beim zweiten Kind zwar irgendwie vertraut scheint, ist doch dieses Wochenbett so ganz anders als beim ersten Mal.

Es ist getragen von der Sicherheit zweier Eltern, die sich mittlerweile so kompetent in ihrer Elternrolle fühlen, dass das Herz offen für die Herausforderung war, ein weiteres Kind ins Leben zu begleiten. Sie werden sich nicht mehr unsicher fragen, was das Baby hat oder braucht oder ob sie gar etwas kaputt machen könnten, mit dem, was sie da tun. Auch wenn es sich erst einmal wieder ein bisschen aufregend anfühlt, so ein winzig kleines Menschlein zu halten, wandelt sich das schnell in eine sichere und gelassene Kompetenz. Denn machen wir uns nichts vor: Beim ersten Kind sind wir alle blutige Anfänger.

Es ist ganz egal, ob wir davor vielleicht als Erzieher, Hebamme oder Babysitter bereits viel Kontakt mit Babys hatten. Das eigene Neugeborene im Arm zu halten und die so riesige, lebenslange Verantwortung zu spüren, fühlt sich komplett anders an. Auch wenn wir davor Kurse besucht, Bücher gewälzt oder andere erfahrene Eltern befragt haben, lernen wir doch erst in der Praxis, was es wirklich bedeutet, Eltern zu sein. So wird der Philosoph Konfuzius mit den Worten zitiert: „Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“

Weniger Zeit und höhere Lebenshaltungskosten

Im zweiten Wochenbett braucht man Eltern meist nicht mehr die ganze Zeit bestätigen, dass sie das, was sie tun, gut und richtig für ihr Kind ist. Denn im besten Fall bestätigt ihnen dies ihr Kind immer wieder selbst. Auch die körperlichen Veränderungen wie etwa der noch recht große, aber sehr weiche Bauch nach der Geburt oder die Brustveränderung, wenn die Laktation in Gang kommt, sind nicht neu. Auch für den Umgang mit Besuch im Wochenbett hat man wahrscheinlich einen Weg gefunden, der größeren Stress vermeidet.

Klingt so, als ob man doch das Wochenbett beim zweiten Mal einfach komplett genießen könnte. Doch da dieser neue kleine Mensch in eine schon bestehende kleine Familie hineingeboren wurde, gilt es nun als wahrscheinlich größte Herausforderung, das Familiengefüge erneut auf den Kopf zu stellen und für jeden die Rolle zu finden, in der er sich wohl fühlt. Dafür bräuchte man gemeinsame Zeit oder auch für den Einzelnen oder Zeit für lange Gespräche. Doch Zeit ist das, was knapper wird mit jedem Kind. Gleichzeitig steigt für viele Väter der Druck, die zukünftig höheren Lebenshaltungskosten zu generieren. Dieser in vielen Männern verwurzelten „Versorgerrolle“ können sie sich nur schwer entziehen. Und dann gibt es da das kleine große Geschwisterkind, dessen bisherige Welt auch erst einmal komplett Kopf steht.

Unterstützung im Wochenbett

Während man beim ersten Kind noch ständig gefragt wird, ob Familie und Freunde etwas zur Unterstützung tun können, wird beim zweiten Kind oft gedacht, dass die vier schon ganz gut zurecht kommen werden. Schließlich kennen sie sich ja bereits aus. Doch ein gekochtes Essen, ein erledigter Einkauf oder andere erwünschte Hilfe im Haushalt tut auch Zweifacheltern gut und gibt ihnen Zeit, den kleinen Neuankömmling in Ruhe kennenzulernen und auch dem Geschwisterkind gerecht zu werden. Manchmal brauchen Eltern auch einfach nur Schlaf, am besten dann, wenn das Baby schläft. Darum ist es toll, wenn eine vertraute Person in dieser Zeit etwas Schönes mit dem Geschwisterkind unternimmt. So wird es auch das Wochenbett als schöne und besondere Zeit erleben können. Halbwegs ausgeschlafene Eltern sind zudem die beste Voraussetzung, mit viel Verständnis und Geduld zu reagieren, wenn sich das große Kind noch etwas schwer mit dem neuen Mitbewohner tut.

Außerdem freuen sich frisch gebackene Eltern über gutes Essen. Und zwar welches, dass sich schnell auf den Tisch bringen lässt. Die Eltern meiner besten Freundin haben ihr zum Beispiel in der Schwangerschaft mit dem vierten Kind einen Tiefkühlschrank zu Weihnachten geschenkt. Und diesen hat die Oma dann bis zur Geburt im Februar nach und nach mit leckerem, vorgekochten Essen bestückt. So waren die Familienmahlzeiten viele Wochen lang gesichert. Meine Freundin erinnert sich noch heute daran, als das beste Wochenbettgeschenk, dass sie je bekommen hatte. Und auch wenn der Papa jetzt viel mit dem Geschwisterkind unterwegs ist, ist es toll, wenn er vor Verlassen des Hauses seiner Frau noch einen Teller mit geschnittenem Obst, kleinen Snacks und frisch gekochtem Tee hinstellt.

Zeit zu dritt

Schnell teilt sich die kleine Familie gerne in Mama und Baby sowie Papa und Geschwisterkind auf. Während man beim ersten Kind oft zu dritt im Bett lag und gemeinsam in aller Ruhe das kleine Wunder bestaunte und kennenlernte, liegt man als Mutter beim zweiten Kind häufig alleine im Bett und denkt ein bisschen wehmütig an diese Zeit. Darum sind auch exklusive Mama-Papa-Baby-Momente genauso wichtig wie Kuschelphasen im Bett zu viert.

Ebenso wichtig ist auch Zeit für sich selbst. Wenn mehr als ein Kind im Haus ist, neigen viele Eltern dazu, dass jeder sich jeweils um ein Kind kümmert. Damit bleibt aber meist kaum noch Zeit für sich selbst. So schaffen es viele Wöchnerinnen beim zweiten Kind nicht einmal das zehnminütige Sitzbad zu machen, dass die Hebamme empfohlen hat. Dabei kann das Baby gerade in der ersten Zeit wunderbar einfach bei Papa im Tragetuch schlafen, während dieser sich mit dem größeren Kind beschäftigt. Oder die Mutter liest dem großen Kind etwas vor, während das Baby neben ihr im Wochenbett schläft. Denn auch Väter müssen im Wochenbettchaos ab und zu mal durchatmen.

Raum für die Geburtserfahrung

Gerade mehrfache Mütter vergessen häufig, dass sie auch diesmal wieder mit Schwangerschaft und der Geburt eine körperliche Höchstleistung vollbracht haben. Und dies gilt auch, wenn die zweite Geburt vielleicht schneller und gefühlt einfacher verlaufen ist. Auch nun braucht es Zeit, das Erlebte zu reflektieren, zu begreifen und zu integrieren. Manchmal ist in den ersten Wochenbetttagen dafür der Familienalltag noch zu unruhig. Aber es ist ganz wichtig, dies nicht zu vergessen und den Müttern einfach Zeit und Raum zu geben, darüber zu sprechen.

Ebenso wichtig ist es auch, erfahrenen Eltern immer wieder die „Erlaubnis“ zu geben, sich Unterstützung zu holen. Bereits erfahrene Mütter wissen viel und können viel. Doch genau dies steht ihnen manchmal im Weg, sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Vielleicht haben sie schon ein Kind erfolgreich viele Monate oder sogar Jahre gestillt. Doch trotzdem ist es jetzt vielleicht mit dem Neugeborenen alles andere als unkompliziert und einfach. Das kann und darf so sein, da es ja ein ganz anderes Kind ist und Mutter und Kind eine andere, ganz eigene Stillgeschichte miteinander haben werden. Aber natürlich darf und soll sich die Wöchnerin früh genug Hilfe holen, ohne dabei ihre trotzdem immer noch vorhandene Kompetenz in Frage zu stellen. Sie darf auch einfach vergessen haben, wie das mit der Nabelpflege war und jederzeit alle Fragen an die Hebamme oder andere Unterstützer loswerden und damit einfach nur Wöchnerin sein.

Perfektionsansprüche senken

Die Gelassenheit, sich möglichst lächelnd von zu hohen Idealen zu verabschieden, ist nicht immer leicht zu finden, aber wohl unabdingbar, je mehr Kinder einen fordern.
Als Mutter lernt man recht schnell, wie sehr sich Theorie und Praxis doch unterscheiden. Und trotzdem hat man wohl bei keinem weiteren Kind wieder einen so hohen Anspruch an sich selbst, es möglichst perfekt zu machen wie beim ersten. Und das versucht man natürlich auch irgendwie beim zweiten Kind und merkt, dass man noch schneller an seine Grenzen kommt. Doch man merkt auch noch schneller, dass es den Kindern nicht sofort schadet, wenn man vielleicht auch mal kurzfristig eine DVD zur Bespaßung einsetzt, weil man selbst viel zu gerädert ist, um auch nur noch eine einzige Runde „Obstgarten“ mit dem großen Kind zu spielen. Vielleicht stellt man auch fest, dass das Baby trotzdem noch wunderbar riecht, auch wenn man den Babybadeeimer seit drei Wochen nicht mehr benutzt hat.

Elternsein wird mit jedem Kind einfacher, wenn man sich traut, die Messlatte etwas runterzuschrauben. Liebe für viele Kinder ist immer genug da, aber manchmal nicht genug Kraft für selbst gebastelte Oster- oder Weihnachtsdeko oder aufwendig gebackenen Kuchen. Eine entspannte Badewanne für Mama und eine Tiefkühltorte für den Besuch statt aufwendiger Hausarbeit kann manchmal sinnvoller sein. Denn unseren kleinen und großen Kindern kann es immer nur so gut gehen, wie es uns selbst geht. Und wenn einen aber Backen, Basteln oder was auch immer entspannt, dann darf dafür der Wäscheberg einen Tag länger liegen bleiben und der Einkauf wird einfach mal online bestellt. Denn im Prioritäten setzen wird man meist mit jedem weiteren Kind besser.

Diesen Text hatte ich in Auszügen auch bei “Nestling” als Gastartikel veröffentlicht, als Wochenbettunterstützung nach der Geburt ihres zweiten Kindes.