Zurück im Wochenbett

von Anja

Aktuell betreue ich mehrere Mütter nach der Geburt des zweiten Kindes. Auch wenn ihnen sehr vieles beim zweiten Kind zwar irgendwie vertraut scheint, ist doch dieses Wochenbett so ganz anders als beim ersten Mal.

Es ist getragen von der Sicherheit zweier Eltern, die sich mittlerweile so kompetent in ihrer Elternrolle fühlen, dass das Herz offen für die Herausforderung war, ein weiteres Kind ins Leben zu begleiten. Sie werden sich nicht mehr unsicher fragen, was das Baby hat oder braucht oder ob sie gar etwas kaputt machen könnten, mit dem, was sie da tun. Auch wenn es sich erst einmal wieder ein bisschen aufregend anfühlt, so ein winzig kleines Menschlein zu halten, wandelt sich das schnell in eine sichere und gelassene Kompetenz. Denn machen wir uns nichts vor: Beim ersten Kind sind wir alle blutige Anfänger.

Es ist ganz egal, ob wir davor vielleicht als Erzieher, Hebamme oder Babysitter bereits viel Kontakt mit Babys hatten. Das eigene Neugeborene im Arm zu halten und die so riesige, lebenslange Verantwortung zu spüren, fühlt sich komplett anders an. Auch wenn wir davor Kurse besucht, Bücher gewälzt oder andere erfahrene Eltern befragt haben, lernen wir doch erst in der Praxis, was es wirklich bedeutet, Eltern zu sein. So wird der Philosoph Konfuzius mit den Worten zitiert: „Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“

Weniger Zeit und höhere Lebenshaltungskosten

Im zweiten Wochenbett braucht man Eltern meist nicht mehr die ganze Zeit bestätigen, dass sie das, was sie tun, gut und richtig für ihr Kind ist. Denn im besten Fall bestätigt ihnen dies ihr Kind immer wieder selbst. Auch die körperlichen Veränderungen wie etwa der noch recht große, aber sehr weiche Bauch nach der Geburt oder die Brustveränderung, wenn die Laktation in Gang kommt, sind nicht neu. Auch für den Umgang mit Besuch im Wochenbett hat man wahrscheinlich einen Weg gefunden, der größeren Stress vermeidet.

Klingt so, als ob man doch das Wochenbett beim zweiten Mal einfach komplett genießen könnte. Doch da dieser neue kleine Mensch in eine schon bestehende kleine Familie hineingeboren wurde, gilt es nun als wahrscheinlich größte Herausforderung, das Familiengefüge erneut auf den Kopf zu stellen und für jeden die Rolle zu finden, in der er sich wohl fühlt. Dafür bräuchte man gemeinsame Zeit oder auch für den Einzelnen oder Zeit für lange Gespräche. Doch Zeit ist das, was knapper wird mit jedem Kind. Gleichzeitig steigt für viele Väter der Druck, die zukünftig höheren Lebenshaltungskosten zu generieren. Dieser in vielen Männern verwurzelten „Versorgerrolle“ können sie sich nur schwer entziehen. Und dann gibt es da das kleine große Geschwisterkind, dessen bisherige Welt auch erst einmal komplett Kopf steht.

Unterstützung im Wochenbett

Während man beim ersten Kind noch ständig gefragt wird, ob Familie und Freunde etwas zur Unterstützung tun können, wird beim zweiten Kind oft gedacht, dass die vier schon ganz gut zurecht kommen werden. Schließlich kennen sie sich ja bereits aus. Doch ein gekochtes Essen, ein erledigter Einkauf oder andere erwünschte Hilfe im Haushalt tut auch Zweifacheltern gut und gibt ihnen Zeit, den kleinen Neuankömmling in Ruhe kennenzulernen und auch dem Geschwisterkind gerecht zu werden. Manchmal brauchen Eltern auch einfach nur Schlaf, am besten dann, wenn das Baby schläft. Darum ist es toll, wenn eine vertraute Person in dieser Zeit etwas Schönes mit dem Geschwisterkind unternimmt. So wird es auch das Wochenbett als schöne und besondere Zeit erleben können. Halbwegs ausgeschlafene Eltern sind zudem die beste Voraussetzung, mit viel Verständnis und Geduld zu reagieren, wenn sich das große Kind noch etwas schwer mit dem neuen Mitbewohner tut.

Außerdem freuen sich frisch gebackene Eltern über gutes Essen. Und zwar welches, dass sich schnell auf den Tisch bringen lässt. Die Eltern meiner besten Freundin haben ihr zum Beispiel in der Schwangerschaft mit dem vierten Kind einen Tiefkühlschrank zu Weihnachten geschenkt. Und diesen hat die Oma dann bis zur Geburt im Februar nach und nach mit leckerem, vorgekochten Essen bestückt. So waren die Familienmahlzeiten viele Wochen lang gesichert. Meine Freundin erinnert sich noch heute daran, als das beste Wochenbettgeschenk, dass sie je bekommen hatte. Und auch wenn der Papa jetzt viel mit dem Geschwisterkind unterwegs ist, ist es toll, wenn er vor Verlassen des Hauses seiner Frau noch einen Teller mit geschnittenem Obst, kleinen Snacks und frisch gekochtem Tee hinstellt.

Zeit zu dritt

Schnell teilt sich die kleine Familie gerne in Mama und Baby sowie Papa und Geschwisterkind auf. Während man beim ersten Kind oft zu dritt im Bett lag und gemeinsam in aller Ruhe das kleine Wunder bestaunte und kennenlernte, liegt man als Mutter beim zweiten Kind häufig alleine im Bett und denkt ein bisschen wehmütig an diese Zeit. Darum sind auch exklusive Mama-Papa-Baby-Momente genauso wichtig wie Kuschelphasen im Bett zu viert.

Ebenso wichtig ist auch Zeit für sich selbst. Wenn mehr als ein Kind im Haus ist, neigen viele Eltern dazu, dass jeder sich jeweils um ein Kind kümmert. Damit bleibt aber meist kaum noch Zeit für sich selbst. So schaffen es viele Wöchnerinnen beim zweiten Kind nicht einmal das zehnminütige Sitzbad zu machen, dass die Hebamme empfohlen hat. Dabei kann das Baby gerade in der ersten Zeit wunderbar einfach bei Papa im Tragetuch schlafen, während dieser sich mit dem größeren Kind beschäftigt. Oder die Mutter liest dem großen Kind etwas vor, während das Baby neben ihr im Wochenbett schläft. Denn auch Väter müssen im Wochenbettchaos ab und zu mal durchatmen.

Raum für die Geburtserfahrung

Gerade mehrfache Mütter vergessen häufig, dass sie auch diesmal wieder mit Schwangerschaft und der Geburt eine körperliche Höchstleistung vollbracht haben. Und dies gilt auch, wenn die zweite Geburt vielleicht schneller und gefühlt einfacher verlaufen ist. Auch nun braucht es Zeit, das Erlebte zu reflektieren, zu begreifen und zu integrieren. Manchmal ist in den ersten Wochenbetttagen dafür der Familienalltag noch zu unruhig. Aber es ist ganz wichtig, dies nicht zu vergessen und den Müttern einfach Zeit und Raum zu geben, darüber zu sprechen.

Ebenso wichtig ist es auch, erfahrenen Eltern immer wieder die „Erlaubnis“ zu geben, sich Unterstützung zu holen. Bereits erfahrene Mütter wissen viel und können viel. Doch genau dies steht ihnen manchmal im Weg, sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Vielleicht haben sie schon ein Kind erfolgreich viele Monate oder sogar Jahre gestillt. Doch trotzdem ist es jetzt vielleicht mit dem Neugeborenen alles andere als unkompliziert und einfach. Das kann und darf so sein, da es ja ein ganz anderes Kind ist und Mutter und Kind eine andere, ganz eigene Stillgeschichte miteinander haben werden. Aber natürlich darf und soll sich die Wöchnerin früh genug Hilfe holen, ohne dabei ihre trotzdem immer noch vorhandene Kompetenz in Frage zu stellen. Sie darf auch einfach vergessen haben, wie das mit der Nabelpflege war und jederzeit alle Fragen an die Hebamme oder andere Unterstützer loswerden und damit einfach nur Wöchnerin sein.

Perfektionsansprüche senken

Die Gelassenheit, sich möglichst lächelnd von zu hohen Idealen zu verabschieden, ist nicht immer leicht zu finden, aber wohl unabdingbar, je mehr Kinder einen fordern.
Als Mutter lernt man recht schnell, wie sehr sich Theorie und Praxis doch unterscheiden. Und trotzdem hat man wohl bei keinem weiteren Kind wieder einen so hohen Anspruch an sich selbst, es möglichst perfekt zu machen wie beim ersten. Und das versucht man natürlich auch irgendwie beim zweiten Kind und merkt, dass man noch schneller an seine Grenzen kommt. Doch man merkt auch noch schneller, dass es den Kindern nicht sofort schadet, wenn man vielleicht auch mal kurzfristig eine DVD zur Bespaßung einsetzt, weil man selbst viel zu gerädert ist, um auch nur noch eine einzige Runde „Obstgarten“ mit dem großen Kind zu spielen. Vielleicht stellt man auch fest, dass das Baby trotzdem noch wunderbar riecht, auch wenn man den Babybadeeimer seit drei Wochen nicht mehr benutzt hat.

Elternsein wird mit jedem Kind einfacher, wenn man sich traut, die Messlatte etwas runterzuschrauben. Liebe für viele Kinder ist immer genug da, aber manchmal nicht genug Kraft für selbst gebastelte Oster- oder Weihnachtsdeko oder aufwendig gebackenen Kuchen. Eine entspannte Badewanne für Mama und eine Tiefkühltorte für den Besuch statt aufwendiger Hausarbeit kann manchmal sinnvoller sein. Denn unseren kleinen und großen Kindern kann es immer nur so gut gehen, wie es uns selbst geht. Und wenn einen aber Backen, Basteln oder was auch immer entspannt, dann darf dafür der Wäscheberg einen Tag länger liegen bleiben und der Einkauf wird einfach mal online bestellt. Denn im Prioritäten setzen wird man meist mit jedem weiteren Kind besser.

Diesen Text hatte ich in Auszügen auch bei „Nestling“ als Gastartikel veröffentlicht, als Wochenbettunterstützung nach der Geburt ihres zweiten Kindes.

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8 Kommentare

Caroline 19. Juni 2015 - 12:17

Ich erinnere mich mit Schrecken an die Zeit nach der Geburt unseres zweiten Kindes. Dank einer sehr aufmerksamen Hebamme, die eben nicht nur das Neugeborene im Blick hatte sondern die ganze Familie, wurde am siebten Lebenstag unserer Tochter bei unserem 2,5jährigen Sohn ein Diabetes mellitus Typ 1 festgestellt. In den darauf folgenden 14 Tagen pendelte ich zweimal täglich mit meinem Neugeborenen zwischen Bett und Uniklinik hin und her, dort befanden sich mein Sohn und mein Mann um ihn auf eine Insulinpumpe einzustellen. Ich konnte vor Schock und Trauer tagelang nichts essen, dass ich trotzdem Milch hatte bleibt für mich ein Wunder.
Ich fühle mich dieser so wichtigen Zeit beraubt und möchte deshalb unbedingt beim dritten Kind außerklinisch entbinden und ein Wochenbett erleben, das seinen Namen auch verdient. Ich möchte vom ersten Moment an, dass wir als Familie zusammenwachsen. Diese Zerrissenheit in dieser Zeit, in der ich als Frau so schwach und verwundbar war, hat eine tiefe Wunde hinterlassen.
Ich bete darum, dass uns diese guten, umsichtigen Hebammen erhalten bleiben!

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Jette 19. Juni 2015 - 12:17

Oh wie schade: Diesen Beitrag hätte ich vor 10 Monaten sooo gut gebrauchen können. Nr. 2 kam auf den Tag genau 2 Wochen vor dem vierten Geburtstag von Nr. 1, die Geburt war super schnell und ich körperlich echt fit – aber durch ein echtes Unglück mit der Hebamme (die hielt leider von selbstbestimmten Frauen nicht so viel und war – rückblickend gesagt – vermutlich auch einfach total erstaunt, wie schnell die Kleine auf die Welt wollte) emotional für mich schwierig: Trotzdem hatte ich eher einen Wochen-Stand als ein Wochenbett. Weil ich es eben noch besser machen wollte, damit die Große auch ja nicht zu kurz kommt. Im Endeffekt kam ich dadurch etwas zu kurz. Daher wünsche ich allen Bald-Zweifach-Mamis mehr Ruhe und Gelassenheit und ganz viel Freude zu viert (die hatten und haben wir nämlich trotz allem). Ihr kriegt das hin! Und wenn die beiden Geschwister sich so anstrahlen wie unsere beiden das gerade tun (schaun wir mal wie lange noch -Nr. 2 wird grad mobil) – dann weiß man: So viel kann man gar nicht falsch gemacht haben.
Trotzdem Danke für den Artikel – ic hwerde ihn Bookmarken und an alle Bald-Zweifach-Mamas geben, die mir unterkommen. 😉

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Theresa 25. März 2015 - 09:39

Auch für mich kommt dieser Artikel zur richtigen Zeit, in gut 5 Wochen bekomme ich mein zweites Kind. Im ersten Wochenbett wollte ich allen zeigen, wie gut ich das alles wegstecke, aber habe mir insgeheim gewünscht, dass mein Umfeld etwas mehr Rücksicht auf mich nimmt. Ich habe noch nie so viel Kaffee gekocht, Saftschorlen gereicht und Spülmaschinen ein- und ausgeräumt wie in den 4-5 Wochen nach der ersten Geburt. Der liebste Besuch war mir immer der, der sich selbst in der Küche was zu trinken geholt hat und nicht gefragt hat, ob ich vielleicht auch braunen Zucker statt weißem für den Kaffee hätte.

Dieses Mal werde ich in der Hinsicht schlauer sein. Hoffe ich. Aber, liebe Anja, darf ich dich kurz um Rat fragen? Meine „Große“ wird knapp 15 Monate alt sein, wenn der neue Nachwuchs kommt. Ist es aus deiner Sicht einfacher für Kinder in dem jungen Alter, wenn sie einfach weiter in die Kita gehen, oder wäre eine Zeit (ein, zwei Wochen?) zu Hause mit den Eltern und dem neuen Geschwisterchen besser? Ich möchte ihr zeigen, dass sie noch genau so wichtig ist wie vorher! Die Erzieherinnen in der Kita geben mir so unterschiedliche Ratschläge, dass ich jetzt ganz unsicher bin, was ich machen soll…

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Anja 25. März 2015 - 23:09

Liebe Theresa,

die Frage bekomme ich so häufig gestellt (und habe sie mir ja selbst auch gestellt), dass ich das mal als Anlass genommen habe, in einem Blogpost darauf zu antworten:)
Geht morgen online.
Ich wünsche Euch ein wunderbares Wochenbett, in dem Du hoffentlich diesmal verwöhnt und bewirtest wirst! Liebe Grüße, Anja

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Franzi 24. März 2015 - 20:04

In etwa vier Wochen ist es so weit und das zweite Baby ist „gelandet“, nachdem Nr. 1 gerade eben erst das Baby-Alter verlassen hat (18 Monate alt). Wenn ich darüber nachdenke, wie sich mein Leben in vier Wochen verändern wird, schwanke ich zwischen Sorge und dem Gedanken „Wie soll ich das nur alles schaffen“ und Hoffnung, wobei die Sorge oft überwiegt. Nach diesem tollen Artikel, sieht es schon wieder ein wenig rosiger aus- vielen Dank dafür 🙂

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Anja 24. März 2015 - 20:28

Liebe Franzi,

ich wünsche Euch eine schöne Geburt, einen guten Start und viele lieber Helfer an Eurer Seite. Falls das nicht Familie und Freunde sein können, ist es auch eine Option, sich Hilfe in Form von Geld oder Gutschein für Mütterpflegerin, Babysitter, Putzfrau o.ä. schenken zu lassen. Das ist so viel mehr wert als die dritte Spieluhr oder der zehnte Strampler;)

Liebe Grüße,

Anja

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Ramona 24. März 2015 - 12:47

Jetzt sitze ich hier mit feuchten Augen… Mein zweites Kind ist gerade 7 Monate alt, der „Große“ fast drei Jahre. Es ist sooo anstrengend – um ein Vielfaches mehr als beim ersten Kind! Es tut gut zu lesen, dass es anderen Müttern auch so geht und der Anspruch an die perfekte Mutter, die man ja jetzt beim zweiten Kind sein will, nicht nur mein persönliches Problem ist. Dankeschön!

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Anja 24. März 2015 - 20:33

Liebe Ramona,

jede Mutter mit mehr als einem Kind kann Dich verstehen:) Also immer schön an Jesper Juuls Worte denken: „„Seid nicht so perfektionistisch. Bis man wirklich gut ist im Erziehen, muss man mindestens vier Kinder haben. Aber glücklicherweise brauchen und wollen Kinder keine fix und fertigen Eltern. Kinder haben viel Verständnis für Fehler – sie machen ja selbst den ganzen Tag welche und lernen daraus. Eltern fragen mich ständig: Ist es erlaubt, Kindern gegenüber laut zu werden? Natürlich ist es das, man darf heulen, schreien, alles Mögliche. Kinder brauchen lebende Eltern. Sie brauchen keine Schaufensterpuppen.“ In diesem Sinne, alles Liebe und Gute für Euch:) Anja

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