Fragen an die Hebamme #24: Was ist ein Notkaiserschnitt?

Fragen an die Hebamme #24: Was ist ein Notkaiserschnitt?

Ich lese und höre relativ häufig, dass eine Geburt in einem Notkaiserschnitt endete. Die Häufigkeit, in der davon berichtet wird, passt jedoch so gar nicht zur Realität im Kreißsaal, wo die notfallmäßige Sectio caesarea, sprich der Notkaiserschnitt, doch eher selten vorkommt. Es gibt dort geplante und ungeplante Kaiserschnitte. Geplant werden diese zum Beispiel beim Vorliegen einer nicht geburtsmöglichen Lage wie der Querlage des Kindes im Bauch oder wenn der Mutterkuchen vor dem Muttermund liegt. Auch Geburten aus Beckenendlage oder Geburten von Mehrlingen werden häufig als geplante Kaiserschnitte durchgeführt, obwohl diese auch als vaginale Geburten möglich wären. Es wird also vorab ein Termin vereinbart, an dem der Kaiserschnitt stattfinden soll. Nur wenn vorher schon Wehen oder ein Blasensprung auftreten, wird der geplante Termin entsprechend vorverlegt.

Ein Notkaiserschnitt ist immer ein ungeplanter Kaiserschnitt, auch sekundäre Sectio genannt. Dennoch ist nicht jede sekundäre Sectio immer auch gleich ein Notkaiserschnitt. Natürlich ist ein vorher nicht absehbarer Kaiserschnitt immer ein sehr intensives und meist auch beängstigendes Ereignis für eine Frau, die sich auf eine “normale” Geburt eingestellt hatte. Doch der Notkaiserschnitt ist noch mal eine besonders dramatische Situation, weil hier wirklich die Gesundheit und das Leben von Mutter oder Kind akut gefährdet sind. Dementsprechend muss zügig und unmittelbar gehandelt werden. Die meisten sekundären Kaiserschnitte kündigen sich im Geburtsverlauf an, wenn dieser zum Beispiel über Stunden stagniert. Solange es Mutter und Kind gut geht, bleibt auch genug Zeit für eine entsprechend ausführliche OP- und Anäthesieaufklärung. Die üblichen OP-Vorbereitungen wie zum Beispiel das Legen eines Blasenkatheters oder gegebenenfalls eine Rasur im Operationsbereich findet ohne übergroße Eile statt. Zur Betäubung des Operationsgebietes wird eine Peridual- (PDA) oder Spinalanästhesie (SPA) gemacht oder manchmal auch eine Kombination (CSE) beider Verfahren. Auch die Desinfektion des OP-Gebietes, also des Bauches mit dem Baby darin, findet “in Ruhe” statt.

Bei der eiligen oder auch dringlichen Sectio finden auch noch all diese Maßsnahmen statt, aber entsprechend zügiger und auch die OP-Aufklärung fällt etwas knapper aus. Das Baby sollte spätestens innerhalb von 20 bis 30 Minuten geboren sein, ausgehend von dem Zeitpunkt, ab dem die Entscheidung zum Kaiserschnitt gefallen ist. Eventuell wird zur Überbrückung dieses Zeitraumes der Mutter ein wehenhemmendes Medikament (Fenoterol) gespritzt. Außerdem wird immer der Kinderarzt hinzugerufen.

Entschluss-Entwicklungszeit

Bei einer Notsectio ist die schnellstmögliche Geburt erforderlich und die sollte in weniger als zehn (bis maximal zwanzig) Minuten stattfinden. In entsprechend ausgestatteten Krankenhäusern beträgt die EE-Zeit sogar nur fünf bis zehn Minuten. EE-Zeit ist der Zeitraum zwischen dem Entschluss zum Kaiserschnitt bis zur Entwicklung des Kindes aus dem Bauch der Mutter. Damit diese kurze Zeit machbar ist, gibt es in den meisten Klniken einen “Alarmknopf”, mit dem im Notfall alle für die OP erforderlichen Fachleute zusammengerufen werden können. Außerdem gibt es einen festgelegten Ablauf, damit jeder genau weiß, was zu tun ist und Chaos vermieden wird.

Die Frau wird nur minimal darüber aufgeklärt, was nun passiert und erhält immer umgehend eine Vollnarkose, da so viel schneller mit der OP begonnen werden kann als bei einer regionalen Betäubung. Der Anäesthesist beginnt ohne vorherige Anamneseerhebung und ohne extra Einwilligung der Patientin mit der Intuabtion. Auch die Desinfektion von Operateur und Operationsgebiet findet nur notfallmäßig statt, weil keine Zeit für lange Einwirkzeiten ist.
Der Notkaiserschnitt ist eine hochdramatische und für die Eltern in der Regel sehr traumatische Situation. Zum Glück kommt der Kaiserschnitt in dieser Dramatik selten vor und auch wesentlich seltener als berichtet wird.

Dennoch sind auch ungeplante Kaiserschnitte, die per Definition keine Notkaiserschnitte sind, oft belastend und schwer zu verarbeiten für die betroffenen Mütter. Aber auch oft für die Väter, die sich in dieser Situation meist entsetzlich hilflos und eine große Angst um Frau und Kind fühlen. Trotzdem kann man meist sagen, dass bei es den “in Ruhe” ausgeführten Kaiserschnitten in der Regel nicht in der Dimension um Leben und Tod geht, wie es bei einer Notsectio etwa wegen einer vorzeitigen Plazentaablösung der Fall ist. Dass trotzdem so viele Frauen ihren ungeplanten Kaiserschnitt als “Notkaiserschnitt” erleben, zeigt vielleicht auch ein bisschen, dass diese Geburt emotional nicht gut genug nachbereitet wurde. Es ist gerade bei schweren Geburtsverläufen so wichtig, dass die Eltern alle Entscheidungen unter der Geburt auch nachvollziehen können. Und wenn das während der Geburt selbst nicht möglich ist, müssen zumindest hinterher noch alle offenen Fragen geklärt und erklärt werden. Bei einer Notsectio ist die psychische Belastung wirklich extrem hoch und ein Nachgespräch muss auf jeden Fall als erster kleiner Schritt zur Verarbeitung des Erlebten erfolgen.

Weiterführende Links
Kaiserschnitt Netzwerk | Nach dem Kaiserschnitt

Weiterführende Literatur
Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht | Meine Wunschgeburt – Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt | Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter: Frauen erzählen, was sie erlebten und wie sie ihren Kaiserschnitt verarbeitet haben | Es ist vorbei – ich weiß es nur noch nicht: Bewältigung traumatischer Geburtserfahrungen