Fragen an die Hebamme: Was ist ein Notkaiserschnitt?

von Anja

Ich lese und höre relativ häufig, dass eine Geburt in einem Notkaiserschnitt endete. Die Häufigkeit der Schilderungen passt jedoch so gar nicht zur Realität im Kreißsaal. Dort kommt die notfallmäßige Sectio caesarea, sprich der Notkaiserschnitt, doch eher selten vor.

Es gibt dort geplante und ungeplante Kaiserschnitte. Geplant sind diese zum Beispiel beim Vorliegen einer nicht geburtsmöglichen Lage wie der Querlage des Kindes im Bauch. Ein Grund ist auch, wenn der Mutterkuchen vor dem Muttermund liegt. Ebenso werden Geburten aus Beckenendlage oder Geburten von Mehrlingen häufig als geplante Kaiserschnitte durchgeführt. Und das, obwohl sie auch als vaginale Geburten möglich wären. Es wird also vorab ein Termin vereinbart, an dem der Kaiserschnitt stattfinden soll. Nur wenn vorher schon Wehen oder ein Blasensprung auftreten, wird der geplante Termin entsprechend vorverlegt.

Ein Notkaiserschnitt ist immer ein ungeplanter Kaiserschnitt, auch sekundäre Sectio genannt. Dennoch ist nicht jede sekundäre Sectio immer auch gleich ein Notkaiserschnitt. Natürlich ist ein vorher nicht absehbarer Kaiserschnitt immer ein sehr intensives und meist auch beängstigendes Ereignis für eine Frau, die sich auf eine „normale“ Geburt eingestellt hatte. Doch der Notkaiserschnitt ist noch mal eine besonders dramatische Situation. Hier sind wirklich die Gesundheit und das Leben von Mutter oder Kind akut gefährdet. Dementsprechend muss zügig und unmittelbar gehandelt werden.

Die meisten sekundären Kaiserschnitte kündigen sich im Geburtsverlauf an, wenn dieser zum Beispiel über Stunden stagniert. Solange es Mutter und Kind gut geht, bleibt auch genug Zeit für eine entsprechend ausführliche OP- und Anäthesieaufklärung. Die üblichen OP-Vorbereitungen wie zum Beispiel das Legen eines Blasenkatheters oder gegebenenfalls eine Rasur im Operationsbereich finden ohne übergroße Eile statt. Zur Betäubung des Operationsgebietes wird eine Peridual- (PDA) oder Spinalanästhesie (SPA) gemacht. Manchmal wird auch eine Kombination (CSE) beider Verfahren gemacht. Die Desinfektion des OP-Gebietes, also des Bauches mit dem Baby darin, findet dabei „in Ruhe“ statt.

Eilige Sectio ist noch keine Notsectio

Bei der eiligen oder auch dringlichen Sectio finden auch noch all diese Maßnahmen statt. Aber alles läuft entsprechend zügiger ab. Auch die OP-Aufklärung fällt etwas knapper aus. Das Baby sollte spätestens innerhalb von 20 bis 30 Minuten geboren sein, ausgehend von dem Zeitpunkt, ab dem die Entscheidung zum Kaiserschnitt gefallen ist. Eventuell wird der Mutter zur Überbrückung dieses Zeitraumes ein wehenhemmendes Medikament (Fenoterol) gespritzt. Außerdem wird immer der Kinderarzt hinzugerufen.

Bei einer Notsectio ist die schnellstmögliche Geburt erforderlich und die sollte in weniger als zehn (bis maximal zwanzig) Minuten stattfinden. In entsprechend ausgestatteten Krankenhäusern beträgt die EE-Zeit sogar nur fünf bis zehn Minuten. Die EE-Zeit ist der Zeitraum zwischen dem Entschluss zum Kaiserschnitt bis zur Entwicklung des Kindes aus dem Bauch der Mutter. Damit diese kurze Zeit machbar ist, gibt es in den meisten Kliniken einen „Alarmknopf“, mit dem im Notfall alle für die OP erforderlichen Fachleute zusammengerufen werden können. Außerdem gibt es einen festgelegten Ablauf. So weiß jeder genau, was zu tun ist und Chaos wird vermieden.

Die Frau bekommt nur eine minimale Aufklärung darüber, was nun passiert. Sie erhält immer umgehend eine Vollnarkose. So ist der Beginn der OP viel schneller möglich als bei einer regionalen Betäubung. Der Anästhesist beginnt ohne vorherige Anamneseerhebung und ohne extra Einwilligung der Patientin mit der Intubation. Auch die Desinfektion von Operateur und Operationsgebiet findet nur notfallmäßig statt. Es bleibt keine Zeit für lange Einwirkzeiten. Der Notkaiserschnitt ist eine hochdramatische und für die Eltern in der Regel sehr traumatische Situation. Zum Glück kommt ein Kaiserschnitt in dieser Dramatik selten vor. Und übrigens auch wesentlich seltener, als davon berichtet wird.

Ungeplante Kaiserschnitte oft sehr belastend

Dennoch sind auch ungeplante Kaiserschnitte, die per Definition keine Notkaiserschnitte sind, oft belastend und schwer zu verarbeiten für die betroffenen Mütter. Nicht selten übrigens auch für die Väter. Die fühlen sich in dieser Situation meist entsetzlich hilflos. Sie haben eine große Angst um Frau und Kind. Trotzdem kann man meist sagen, dass bei es den „in Ruhe“ ausgeführten Kaiserschnitten in der Regel nicht in der Dimension um Leben und Tod geht. Das ist bei einer Notsectio etwa wegen einer vorzeitigen Plazentaablösung ganz anders.

Dass trotzdem so viele Frauen ihren ungeplanten Kaiserschnitt als „Notkaiserschnitt“ erleben, zeigt vielleicht auch ein bisschen, dass diese Geburt emotional nicht gut genug nachbereitet wurde. Es ist gerade bei schweren Geburtsverläufen so wichtig, dass die Eltern alle Entscheidungen unter der Geburt auch nachvollziehen können. Und wenn das während der Geburt selbst nicht möglich ist, müssen zumindest hinterher noch alle offenen Fragen geklärt und erklärt werden. Bei einer Notsectio ist die psychische Belastung wirklich extrem hoch. Ein Nachgespräch muss auf jeden Fall als erster kleiner Schritt zur Verarbeitung des Erlebten erfolgen.

Weiterführende Links:
Kaiserschnitt Netzwerk | Nach dem Kaiserschnitt

Weiterführende Literatur:
Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht | Meine Wunschgeburt – Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt | Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter: Frauen erzählen, was sie erlebten und wie sie ihren Kaiserschnitt verarbeitet haben | Es ist vorbei – ich weiß es nur noch nicht: Bewältigung traumatischer Geburtserfahrungen

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10 Kommentare

Birgit (61) 12. April 2020 - 23:59

Hallo ihr lieben Mit-Mütter,
ich bin sehr froh für euch, dass es heute für euch diese Foren und Gesprächsmöglichkeiten über einen plötzlichen Kaiserschnitt gibt.
Im Jahr 1989 (ja, neunzehnhundertneunundachtzig) hatte ich im Zuge einer vorzeitigen Plazentaablösung, nach 4 Wochen mit vorzeitigen Wehen im Krankenhausbet, und den damals üblichen Medikamenten, einen Not-Kaiserschnitt in dessen Nachsorge ich sehr unschöne Dinge erlebt habe. Ungefähr eine Woche später habe ich dann einen kleinen psychischen Absacker erlebt, für den es, genauso wie für den Not-Kaiserschnitt, in keinster Weise psychologische Betreuung gab. Diese „sehr scheußliche Operation“ habe ich mir erst nach 10 Jahren verzeihen können und dann mittels Meditationen endlich in eine Geburt umarbeiten können. Die Reste von diesen Erlebnissen kommen immer noch zeitweise hoch, sodass ich mir mit Erzählungen und Filmen zu Frühgeburten samt Känguruhing Hilfe neben muss.
Ich weiß von euren Befindlichkeiten und beneide euch schon fast um eure Möglichkeiten.
Mein Sohn ist trotz der misslichen Geburtssituafion erwachsen geworden und ich bin stolz auf ihn. Die Anstrengungen haben sich „gelohnt“. Dies versöhnliche Gefühl genieße ich sehr und wünsche euch allen dasselbe.

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Gwä 15. März 2019 - 21:47

Leider leider bei meiner dritten Geburt einen traumatischen Not-Kaiserschnitt mit Vollnarkose erlebt. Nachdem die Oberärzte hektisch entscheiden haben das sofort gehandelt werden soll, und bis der erste Schrei meines Kindes zu hören war vergingen sage und schreibe nur 4 Minuten. Ich hatte eine vorzeitige Plazentaablösung und bereits längere Zeit Blut verloren. Laut der Ärzte kann man das anhand des Ultraschalls nur schwer feststellen. Gott sei Dank geht es uns beiden gut und letztendlich bin ich natürlich sehr froh über diese Entscheidung. Allerdings war es das schlimmste und wortwörtlich einschneidendste Erlebnis das ich je hatte. Auch wenn es bereits 16 Monate her ist begleitet es mich noch sehr. Die ersten Stunden meines Kindes war ich einfach nicht da…neben vielen weiteren unschönen Dingen.

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Andrea 17. Mai 2018 - 21:47

Dieser Text weckt traurige Erinnerungen an die Geburt meines ersten Kindes vor 5,5 Jähen. Wir hatten einen „echten“ Notkaiserschnitt, da der Sauerstoffgehalt im Blut meines Sohnes dramatisch abgenommen hatte. Eine Op-Aufklärung erfolgte gar nicht, mein Mann wurde einfach im Kreissaal stehen gelassen. Noch heute kommen mir die Tränen, wenn ich an die Stunden zurück denke, die ersten Stunden im Leben meines Sohnes verpasst zu haben. Das schlimmste wären allerdings die Sprüche aus meinem Umfeld anschließend, ich solle mich doch nicht so anstellen, ist ja schließlich alles gut gegangen. Wie es mir ging, hat kaum jemanden interessiert 🙁

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Anna 18. März 2018 - 21:02

Ein sehr schöner Text!ich hatte eine „echte“ notsectio. Meine Tochter wurde innerhalb von 10 Minuten gegen meinen ausdrücklichen Willen geholt, weil die Herztöne teilweise schlecht waren und die Oberärztin meinte es wäre nötig. Leider hatte ich weder dabei noch danach eine gute Begleitung oder Erklärung und leide noch heute fast 15 Monate nach der Geburt sehr darunter und fühle mich als Versagerin weil ich mein Kind nicht selber zur Welt gebracht habe,sondern es mir entrissen wurde.

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Kristina 17. Januar 2018 - 14:22

Das ist ein SUPER Text! Magst du unter den Links noch meine Bauchgeburt.de Seite verlinken?

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Amanda 1. März 2017 - 11:32

Wir hatten im Geburtsvorbereitungskurs eine ganz tolle Hebamme, die uns von Anfang bis Ende erklärte was passiert wenn eine spontane Geburt (leider und unerwartet) in einem Kaiserschnitt endet.
Es fing nämlich genau mit der Frage an ob man denn vom Geburtshaus aus noch genügend Zeit hätte, um einen Notkaiserschnitt im Krankenhaus zu machen. Sie räumte erst einmal mit dem Begriff auf und erklärte dann sehr aufschlussreich, dass ein OP ein OP ist und eben nicht der schöne Kreißsaal, in dem man vorher kuschelig in Ruhe die Zeit alleine bzw. nur mit der Hebamme verbringen durfte. Dass alles recht technisch vor sich geht, OP-Zeit viel Geld kostet und dementsprechend rational und schnell gehandelt wird. Dass man sich darauf einstellen muss ca. 10 Leute im OP anzutreffen und man zwar aufgeklärt wird, aber die Situation einen meistens überfordert.
Mir hat diese Aufklärung im Vorfeld wirklich ein etwas beruhigendes Gefühl gegeben für den Fall der Fälle. Natürlich weiss man nie wie eine Geburt verläuft, aber wenn man auf den „Ernstfall“ so halbwegs vorbereitet ist, hat man (hoffentlich) im Nachhinein nicht das Gefühl, von der ganzen Situation so überfahren worden zu sein wie es bei vielen der Fall ist.
Es ist vielleicht auch immer Einstellungssache, wenn man daran verzweifelt festhält dass man das Kind so gerne auf natürlichem Weg auf die Welt bringen möchte und eine Sectio einfach nicht in die Wunschvorstellung passt, kann man halt auch einfach weniger gut loslassen und empfindet den Kaiserschnitt umso dramatischer und schlimmer.

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Janne 27. Februar 2016 - 19:02

Hallo, danke für den interessanten Artikel. Ich stand bei meiner Geburt, kurz vor einem Kaiserschnitt, da die Herztöne in den Wehen über lange Zeit immer so herunter gingen. Es wurde dann Blut aus dem Kopf des Kindes genommen und ein Glück war die Sauerstoffsättigung gut. Wenn die Sauerstoffsättigung nicht ok gewesen wäre, wäre der Kaiserschnitt dann ein Notkaiserschnitt gewesen?

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Anja 27. Februar 2016 - 21:08

Liebe Janne,

das kommt darauf an, wie die Werte ausfallen. Manchmal kann man trotz auffälligem CTG dann die Geburt im eigenen Tempo weiterlaufen lassen- meist mit erneuter MBUnahc einiger Zeit, um die Werte zu kontrollieren. Manchmal beschleunigt man die Geburt oder hilft zum Beispiel in der Endphase mit einer Saugglocke nach. Manchmal ist auch ein Kaiserschnitt die Folge, der je nach Blutwert mehr oder weniger eilig ausgeführt wird.
Wie gut, dass es Deinem Baby gut ging und Euch das erspart blieb.

Liebe Grüße,

Anja

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Daniela 25. Februar 2016 - 20:20

Hallo, ich habe leider einen tatsächlichen Notkaiserschnitt. Unsere EE-ZEIT war 5 Minuten. Nie wieder will ich sodass erleben müssen. Wir hatten eine vorzeitige Plazentalösung und Gebärmutterruptur. Meinem Sohn ging es sehr sehr sehr schlecht. Ich wurde 4 Stunden notoperiert. Gott sei Dank sind wir alle wohlauf. Ich hatte bei der Geburt eines Beleghebamme an meiner Seite und bin so dankbar. Sie war nach der Operation noch immer da und wir haben ganz ganz viel darüber gesprochen. Das tat wirklich gut. Man muss es nicht erleben. Aber gut, das das Notfall-System so gut funktioniert…

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endorphenium 25. Februar 2016 - 08:57

danke für diese schöne differenzierung und den hinweis darauf, dass viele sekundäre sectios keine notkaiserschnitte sind.

unser sohn kam per sekundärer sectio auf die welt und wir fühlten uns sehr gut betreut, um auch mal etwas positives dazu zu berichten. wir hatten in der schwangerschaft schon einige dramatische momente und insgesamt drei krankenhausaufenthalte meiner frau, da sie blutungen hatte und in diesen auch fruchtwasser festgestellt wurde.

nach einer gut begleiteten einleitung der geburt, die auch gut anschlug, waren nach ca. 14 stunden kurz keine herztöne mehr da und im rahmen der geburtsbetreuung stellte sich die frage danach, welche kontrollmaßnahmen wir durchführen wollen und wie die geburt gestaltet werden sollte (z.b. blutentnahme bei unserem kind, da dieses noch sehr weit oben lag).

gemeinsam mit zwei hebammen im kreißsaal, dem oberarzt und einer assistenzärztin (wir hatten glück, im kreißsaal war es zu der zeit unglaublich ruhig) haben wir uns dann auf eine sekundäre sectio in aller ruhe geeinigt. so konnte ich als vater dabei sein, wir wurden aufgeklärt und unser sohn kam sicher und gesund zur welt (was für uns das zentrale war, deutlich wirchtiger als das erleben einer „natürlichen“ geburt. dies hängt sicher mit einem nicht einfachen weg zur schwangerschaft und einer nicht einfachen schwangerschaft zusammen. )

wir waren sowohl mit allen beteiligten im kreißsaal, mit den hebammen im kreißsaal (keine beleghebamme), den ärzten und den schwestern auf der station sehr zufrieden und fühlten uns gerade in unserer sorge immer gut betreut und beraten.

der kommentar ist nun zwar etwas länger geworden, aber ich wollte einmal eine positive kaiserschnitterfahrung mitteilen. für uns war dies der richtige weg in dieser situation. zumindest eine sekundäre section kann auch ruhig und mit einer guten betreuung verlaufen. das war unsere erfahrung.

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