Wo sind die Hebammen?

Wo sind die Hebammen?

Heute mal was in eigener beruflicher Sache. Momentan habe ich das Gefühl, dass überall die Geburtsvorbereiterinnen, Doulas, Stillberaterinnen, Trageberaterinnen, Wochenbettpflegerinnen oder Familienbegleiterinnen wie Pilze aus dem Boden schießen.
Und ich frage mich, warum der Bedarf in diesen Bereichen scheinbar so groß geworden ist? Denn viele dieser Arbeitsfelder entsprechen der originären Hebammentätigkeit wie zum Beispiel Geburtsvorbereitung, Stillberatung oder schlicht und einfach die Begleitung der gesamten Schwangerschaft, der Geburt sowie dem Wochenbett und der Stillzeit.

Scheinbar gibt es aber nicht mehr genug Hebammen, die dieses Angebot abdecken und auch ich sage jede Woche wesentlich mehr Frauen die Betreuung ab als zu. Und ja, das auch in Zeiten, in denen ich nicht aufgrund sehr kleiner Kinder nur eingeschränkt arbeiten kann. Ich versuche trotzdem immer, eine Kollegin weiter zu empfehlen, aber für 2013 fällt mir schon jetzt niemand mehr ein. Ich frage mich schon manchmal, ob die Frauen dann noch eine Hebamme finden oder sich am Ende alleine durchwurschteln. Natürlich ist es gerade dann sinnvoll, dass es zum Beispiel freiberuflich arbeitende Stillberaterinnen gibt – allerdings müssen diese von den Frauen selbst finanziert werden, was häufig dazu führt, dass sich erst Hilfe geholt wird, wenn das Kind sozusagen schon in den Brunnen gefallen ist.

Auch die Idee der Doula finde ich in den unterbesetzten Kreißsäälen tatsächlich sinnvoll, denn leider gibt es viel zu wenige Beleghebammen, die den Frauen eine durchgehende 1:1-Betreuung unter der Geburt anbieten können. Und die selbst aufgeregte Freundin ist nun mal nicht immer die ideale Geburtsbegleitung neben dem Partner…

Hebammenparadies?

Dabei leben wir in Deutschland ja eigentlich in einem Hebammenparadies, denn die gesetzlichen und meist auch privaten Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine ausführliche Betreuung durch Hebammen. Jede Frau hat Anspruch auf folgende Leistungen, (wenn sie denn eine Hebamme dafür findet):

  • Feststellung der Schwangerschaft und Durchführung der Schwangerenvorsorge sowie Blutentnahmen und CTG-Überwachung bei Bedarf
  • Beratung in der Schwangerschaft zu allen relevanten Fragen
  • Hilfeleistung bei Beschwerden in der Schwangerschaft sowie bei Wehen
  • Geburtsvorbereitungskurse, bei dem manche Krankenkassen auch mittlerweile die Partnergebühr erstatten
  • Geburtshilfe in der Klinik, im Geburtshaus oder bei einer Hausgeburt
  • zunehmend mehr Krankenkassen übernehmen auch dafür die Rufbereitschaftskosten
  • Betreuung im Wochenbett: bis zu 20 Hausbesuche in den ersten zehn Tagen und 16 weitere Besuche in den ersten acht Wochen
  • bis zu acht Beratungen bei Still-und Ernährungsfragen bis zum Ende der Stillzeit bzw. bei nicht gestillten Kindern bis zum Ende des neunten Lebensmonats
  • Rückbildungsgymnastikkurse

Dieser Anspruch auf Versorgung mit Hebammenhilfe ist sogar im Sozialgesetzbuch festgeschrieben. Aber was nützt das am Ende, wenn keine Hebammen da sind?
Deshalb braucht es wahrscheinlich immer mehr andere Hilfsangebote in dieser besonderen aber auch sensiblen Zeit für junge Eltern. Um Eltern wirklich umfassend begleiten zu können, kann man als Hebamme nicht 20 Familien im Monat begleiten, zumal die errechneten Geburtstermine ja auch alles andere als präzise sind. Eben so wenig kann man den Verlauf der Geburt sowie das Befinden der Mutter danach vorhersehen. Auch Stillprobleme haben eine ganz eigene Dynamik und erfordern meist schnelle Hilfe…

Und so empfehle auch ich der gerade anfragenden verzweifelten Familie, die seit drei Tagen mit dem Baby ohne Hebamme (weil aus Unwissenheit zu spät gekümmert) zu Hause ist, sich an die Stillberaterin zu wenden, mit der ich viel zusammenarbeite. Lange kann ich diese aber auch nicht mehr weiter empfehlen, weil sie ab Herbst für vier Jahre wegfällt-aber immerhin , um ein Hebammenkundestudium zu absolvieren…Ich habe jedoch leider selbst keine Kapazitäten mehr und weiß keine Kollegin im Umkreis, die in den nächsten Tagen noch akut hinfahren könnte. Und ich hoffe, die Familie wendet sich an diese Stillberaterin mit ihren dringenden  Problemen – auch wenn das Ganze selbst finanziert werden muss. Denn alle Eltern und Babys haben einen gut unterstützten Anfang verdient…