Wo sind die Hebammen?

Wo sind die Hebammen?

Schon seit einigen Jahren habe ich das Gefühl, dass überall die Geburtsvorbereiterinnen, Doulas, Stillberaterinnen, Trageberaterinnen oder Wochenbettbegleiterinnen wie Pilze aus dem Boden schießen. Und eigentlich müsste man sich fragen, warum das Angebot und sicherlich auch der Bedarf in diesen Bereichen scheinbar so groß geworden ist. Denn viele dieser Arbeitsfelder entsprechen auch der originären Hebammentätigkeit wie zum Beispiel Geburtsvorbereitung, Stillberatung oder schlicht und einfach die Begleitung der gesamten Schwangerschaft, der Geburt sowie dem Wochenbett und der Stillzeit.

Doch schon längst gibt es nicht mehr genug Hebammen, die dieses Angebot abdecken – und auch ich sage jede Woche wesentlich mehr Frauen die Betreuung ab als zu. Ich versuche trotzdem immer, eine Kollegin zu empfehlen, aber für 2016 fällt mir schon jetzt niemand mehr ein, der noch Kapazitäten hätte. Und nicht wenige sind bereits für die ersten Monate des kommenden Jahres ausgebucht. Ich frage mich dann schon oft, ob die Frauen doch noch eine Hebamme finden oder sich am Ende alleine durchwurschteln. Natürlich ist es gerade darum sinnvoll, dass es andere Optionen wie zum Beispiel freiberuflich arbeitende Stillberaterinnen gibt – allerdings müssen diese von den Frauen selbst finanziert werden, was häufig dazu führt, dass sich erst Hilfe geholt wird, wenn das Kind sozusagen schon in den Brunnen gefallen ist.

Auch die Idee der Doula finde ich in unterbesetzten Kreißsäälen tatsächlich sinnvoll, denn leider gibt es viel zu wenige Beleghebammen, die den Frauen eine durchgehende 1:1-Betreuung unter der Geburt anbieten können. Und die selbst aufgeregte Freundin ist nun mal nicht immer die ideale Geburtsbegleitung neben dem Partner. Aber die Doula ersetzt nicht die Hebamme, die im Sinne der Frau die nicht selten in der Klinik stattfindende Interventionskaskade zu verhindern weiß. Denn dafür braucht es auch das medizinische Fachwisssen, um den Eltern zu eigenen und informierten Entscheidungen im Geburtsverlauf zu verhelfen.

Hebammenparadies Deutschland?

Dabei leben wir in Deutschland ja eigentlich in einem Hebammenparadies, denn die gesetzlichen und meist auch privaten Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine ausführliche Betreuung durch Hebammen. Jede Frau hat Anspruch auf folgende Leistungen, (wenn sie denn eine Hebamme dafür findet):

  • Feststellung der Schwangerschaft und Durchführung der Schwangerenvorsorge sowie Blutentnahmen und CTG-Überwachung bei Bedarf
  • Beratung in der Schwangerschaft zu allen relevanten Fragen
  • Hilfeleistung bei Beschwerden in der Schwangerschaft sowie bei Wehen
  • Geburtsvorbereitungskurse, bei dem manche Krankenkassen auch mittlerweile die Partnergebühr erstatten
  • Geburtshilfe in der Klinik, im Geburtshaus oder bei einer Hausgeburt
  • zunehmend mehr Krankenkassen übernehmen auch dafür die Rufbereitschaftskosten
  • Betreuung im Wochenbett: bis zu 20 Hausbesuche in den ersten zehn Tagen und 16 weitere Besuche in den ersten zwölf Wochen
  • bis zu acht Beratungen bei Still-und Ernährungsfragen bis zum Ende der Stillzeit bzw. bei nicht gestillten Kindern bis zum Ende des neunten Lebensmonats
  • Rückbildungsgymnastikkurse

Dieser Anspruch auf Versorgung mit Hebammenhilfe ist sogar im Sozialgesetzbuch festgeschrieben. Aber was nützt das am Ende, wenn keine Hebammen da sind? Deshalb braucht es wahrscheinlich immer mehr andere Hilfsangebote in dieser besonderen aber auch sensiblen Zeit für junge Eltern. Aber um Eltern wirklich umfassend begleiten zu können, kann man als Hebamme nicht 20 Familien im Monat begleiten, zumal die errechneten Geburtstermine ja auch alles andere als präzise sund und damit das Arbeitspensum nicht planbar ist. Ebensowenig kann man den Verlauf der Geburt sowie das Befinden der Mutter danach vorhersehen. Auch Stillprobleme haben eine ganz eigene Dynamik und erfordern meist schnelle Hilfe. Also kann man nur so viele Frauen annehmen, wie man auch wirklich betreuen kann vor, nach oder auch bei der Geburt.

Und so empfehle auch ich der anfragenden, nicht selten verzweifelten Familie, die seit drei Tagen mit dem Baby ohne Hebamme und vielen Stillschwierigkeiten zu Hause sitzt, sich an die Stillberaterin zu wenden, mit der ich zusammenarbeite – in der Hoffnung, dass diese noch Zeit hat. Denn ich habe leider selbst keine Kapazitäten mehr und kenne keine Kollegin im Umkreis, die in den nächsten Tagen noch akut irgendwo schnell mal hinfahren könnte. Und ich hoffe, die Familie wendet sich an diese Stillberaterin mit ihren dringenden Problemen – auch wenn das Ganze selbst finanziert werden muss. Denn alle Eltern und Babys haben einen gut unterstützten Anfang verdient.

Doch gleichzeitig sollen sie zumindest die Privatrechnung bei der Krankenkasse einreichen, um den Bedarf aufzuzeigen. Genau wie man dort auch mal nachfragen sollte, wenn die Hebammensuche erfolglos verläuft. Denn die Eltern sind die zahlenden Mitglieder, um deren Versorgung es hier geht. Und es kann doch nicht sein, dass sie ein Leistungsangebot ihrer Krankenkasse ausgerechnet dann nicht nutzen können, wenn der Bedarf besteht. Es kommt mir darum fast ein bisschen ironisch vor, wenn ich immer wieder lese, wie Krankenkassen damit werben, dass sie Familien eine umfassende Betreuung ermöglichen. Die Themen Familiengründung und Babyzeit sind ja auch recht werbewirksam, weil sie allgemein doch eher positiv behaftet sind. Doch fairerweise müsste nicht nur im Kleingedruckten immer dabei stehen: „Diese Leistungen werden übernommen, wenn sie denn das Glück haben, noch eine Hebamme dafür zu finden.“ Genauso wie Zeitarbeitsfirmen mittlerweile bei uns Hebammen anrufen, damit man mal schnell in irgendwelchen unterbesetzen Kreißsäalen einspringt, melden sich auch immer öfter mal Mitarbeiter der Krankenkasse, die für ihre Mitglieder nach Hebammenbetreuung fragen. Natürlich ist das in der Regel auch hoffnungslos, aber immerhin kommt das Problem damit mal an die Stelle, an die sie auch mit hingehört. Darum kann ich allen erfolglos suchenden Eltern nur raten, das Problem auch an entsprechende Stelle weiterzugeben und sich nicht nur einfach irgendwie „durchzuwurschteln“.

Dieser Artikel wurde im Juli 2016 aktualisiert.