Attachment Parenting für alle Kinder

von Anja

Immer wieder kommt mal die Frage auf, ob Attachment Parenting auch mit mehreren Kindern funktioniert. Denn mit einem Kind hat man ja vielleicht genug Zeit, auf dessen Bedürfnisse adäquat einzugehen – aber wenn zwei oder drei Kinder gleichzeitig etwas von mir möchten, wird es doch schon komplizierter, oder?

Doch bei all diesen Bedenken, habe ich mich gefragt, wie es gehen soll, dass man das Ganze beim zweiten, dritten, vierten Kind NICHT bedürfnisorientiert macht. Zumindest, wenn man es beim ersten Kind so gehandhabt hat und für sich den Schluss gezogen hat, dass es dem Baby und auch den Eltern, also der ganzen Familie gut tut.

Trotzdem wird vieles anders sein

Ich habe unser erstes Kind so gerne gestillt und getragen. Wir haben immer nah beieinander geschlafen und sind nach unseren Möglichkeiten auf seine Bedürfnisse eingegangen. Wie könnte ich es da jetzt mit meinem zweiten oder dritten Kind anders machen?

Das erste Kind ist ja immer so ein bisschen der Testballon für Eltern. Man wurschtelt sich so durch, um den Weg zu finden, sein Kind beim Aufwachsen zu begleiten, mit dem man sich wohl fühlt. Wäre ich schwer genervt von diesem Weg mit unserem Erstkind gewesen, hätte ich mir sicher vorgenommen, es anders zu machen. Aber wenn es sich gut anfühlt, gibt es keine wirkliche Option, es plötzlich mit Kind Nummer zwei oder drei anders zu machen.

Trotzdem wird vieles anders sein, schon allein, weil man nicht mehr die Mutter ist, die man noch beim ersten Kind war. Meist ist das aber ein Vorteil, denn die gewonnene Sicherheit spüren natürlich auch die Kinder. Aber das Gefühl, dass mein neues kleines Baby ebenso viel Nähe und Geborgenheit braucht, hat sich definitiv weder bei Kind zwei oder drei verändert. Und gerade die Bedürfnisse eines noch sehr kleinen Babys und die seiner größeren Geschwister lassen sich mit viel Tragen und Stillen doch eigentlich auch ganz gut vereinbaren, denn so ist das Baby einfach zeitlich ungebunden mit dabei, während der Alltag für die restliche Familie mehr oder weniger normal weiter geht.

Bei Attachment Parenting dürfen Eltern Fehler machen

Was definitiv schwieriger wird, ist die eigenen Bedürfnisse noch wahrzunehmen und irgendwie mit dem Familienleben unter einen Hut zu bekommen. Oder es zu akzeptieren, dass es eine Zeit lang schwierig ist und sich das aber auch absehbar wieder ändern wird. Denn Zeit, ob zum Ausruhen oder für Aktivitäten außerhalb des Familienlebens wird definitiv mit jedem weiteren Kind ein knapperes Gut.

Aber ob jetzt Tragen oder Kinderwagen, Familienbett oder Kinderbettchen, Windelfrei oder Wegwerfwindel – für mich ist das Konzept von Attachment Parenting ein bisschen mehr als all dies. Der Kernpunkt ist und bleibt, die Kinder wahrzunehmen und anzunehmen, wo und wie sie gerade sind. Und auch sich selbst.

Denn ich komme immer wieder an Punkte, an denen mir das nicht gelingt. An denen ich die Kinder anmeckere oder Dinge verlange, die eigentlich gerade nicht angebracht sind. Natürlich passiert das immer dann, wenn mein persönlicher Stress und Druck hier besonders groß sind. Ich glaube aber daran, dass wir als Eltern natürlich Fehler machen dürfen. Fehler, für die ich geradestehe und mich gegebenenfalls auch bei meinen Kindern entschuldige. Und dann muss ich schauen, wo und wie ich meine Akkus wieder auffülle, damit es allen in der Familie gut geht.

AP ist mehr als Stillen und Tragen

Dieses immer wieder Hinterfragen von all dem, was ich tue und von dem, was mein Kind mir durch sein Tun sagen will – das ist für mich noch mal viel mehr Attachment Parenting als nur Stillen und Tragen. Deshalb ist es auch manchmal viel schwieriger, dieses Konzept mit älteren Kindern zu leben. Denn es kommen ganz neue und viel komplexere Bedürfnisse und Fragen auf einen zu. Und die lassen sich nun mal nicht mehr mit dem Tragetuch oder dem Familienbett beantworten. Aber auch wenn es schwierig ist, hat diese intensive und nahe Babyzeit sicherlich eine gute Grundlage geschaffen, um mit Schwierigkeiten gemeinsam umzugehen.

Ehrlich gesagt hätte ich meinen nach der Geburt des dritten Kindes ja schon etwas älteren Kindern auch gar nicht erklären können, warum unser Baby irgendwo alleine schreien oder von mir festgelegte Stillzeiten einhalten muss. Es gibt andere Wege als AP und ich maße mir nicht an zu sagen, dass mein Weg der Masterplan ist. Aber bei allem, was man als Eltern so veranstaltet, sollte man immer mal hinterfragen, wie sich das jetzt aus der Perspektive des Kindes anfühlt. Oder ganz banal gesagt: „Was würde ich mir in so einer Situation von den mir wichtigsten Menschen wünschen?“ Da kommt man eigentlich ganz schnell auf die passende Antwort. Und nein, mit Wünschen ist nicht das dritte Eis oder das neue Spielzeug gemeint…

Ein lebenslanger Lernprozess

Was definitiv mit jedem Kind wichtiger wird, ist die Hilfe von außen. Ob das der Partner, die Großeltern, eine gute Kita, der Essenlieferdienst oder die Putzfee ist. Ohne Hilfe geht es nicht. Denn die elterlichen Energiereserven sind zwar groß, aber nicht unerschöpflich. Deshalb ist es auch legitim, in Stresssituationen das Geschwisterkind mal vor dem Fernseher zu parken, anstatt gemeinsam etwas pädagogisch Wertvolles zu basteln. Wenn man dadurch etwas Zeit zum Ausruhen und Runterkommen kriegt, weil das Baby vielleicht gerade ohnehin schläft, ist das am Ende für alle mehr wert als ein neues Kastanienmännchen.

Elternsein ist ein lebenslanger Lernprozess, bei dem es wahrscheinlich am allerwichtigsten ist, immer wieder sein Tun zu hinterfragen. Besonders dann, wenn man sich gerade fragt, warum das eigene Kind momentan so extrem anstrengend ist. Auch ohne Bücher und ohne Experten findet man so meist schnell heraus, was das Kind wirklich braucht. Oder man selbst.

Ein bedürfnisorientierter und liebevoller Umgang in der Familie wird also sicher nicht von der Anzahl der Kinder bestimmt. In größeren Familien wird es vielleicht lauter, chaotischer und unordentlicher sein. Wahrscheinlich gibt es auch weniger Zeit und Geld für jeden Einzelnen. Aber sicherlich nicht weniger Nähe, Liebe und Geborgenheit für kleine und große Familienmitglieder.

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12 Kommentare

Nicole 26. Dezember 2019 - 19:06

Danke! Ein toller Artikel! Vor allem den Gedanken: „wie sollte ich den Großen erklären, dass ich das Baby schreien lasse“, habe ich so noch nie gedacht. Und wie schön ist es deshalb, dass meine beiden Großen Sätze sagen wie: „Mama, das Baby weint, kommst du bitte“ oder „Mama, pass auf, dass das Baby heute Nacht nicht weint“. Wir sind als Eltern unseren Weg gegangen und so ist für unsere Kinder und für uns Eltern Bedürfnisorientierung glücklicherweise selbstverständlich!
Und Danke für die entspannte Haltung, dass ein gemütlicher Fernsehnachmittag durchaus einmal dem x-ten Kastanienmännchen vorzuziehen ist. Das tut gut!

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Vanessa Grimm 12. Juni 2019 - 22:15

Ein toller Artikel! Wir gehen mit unseren beiden Töchtern auch diesen Weg. Auch im Rahmen meiner psychologischen Tätigkeit unterstütze ich Eltern dabei, die Bedürfnisse ALLER Familienmitglieder zu beachten!

Lg

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Natascha 15. Januar 2017 - 09:31

Schöner Artikel, leider muss man heute Dinge die eigentlich Normal sein sollten, als neue Konzepte mühselig wieder langsam den Menschen als neu verkaufen. Umso schöner finde ich es, wenn sich jemand mit dem Thema beschäftigt, auch wenn es viele verschiedene Ansätze gibt. Auch wir beschäftigen uns mit dem Thema und zeigen neben unseren eigenen Erfahrungen auch die anderer Mütter auf und begleiten sie. Die höchste Herausforderung ist dabei die heutige Zeit und Angewohnheiten der Menschen.

LG Muttergans.de

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Sylvie Karen 25. März 2016 - 20:47

Der Vorstellung, man könne nur mit einem Kind auf Augenhöhe umgehen, geht oft die Idee voraus, dass ein Zusammenleben dieser Art schwieriger und anstrengender sei als der klassische erziehende Weg. Dabei nimmt es unendlich viel Druck, viel Leid und viel Konflikte von der Familie weg, wenn sich alle gesehen, wahrgenommen und beachtet fühlen.

Als unerzogene Mutter von zwei Kindern kann ich nur berichten, dass ich kaum mit den „gängigen“ Baustellen der klassischen Erziehung Schwierigkeiten habe, da diese schlichtweh nicht existieren. Was nicht heißen soll, dass es keine Konflikte gibt oder stellenweise schwierig ist, aber wir sind nicht damit beschäftigt unseren Machtkämpfen und Erziehungsstrategien nachzugehen, sondern beschäftigen uns vor allem damit, gemeinsam glücklich zu sein.

Viele Grüße von den Sylvie von
http://www.diephysikvonbeziehungen.wordpress.com

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Nina 15. Mai 2014 - 14:46

Ich freue mich immer wieder über solche Meinungen, da mich das in meinem Tun bestärkt. Gerade beim ersten Kind habe ich z.B. oft gehört, dass ich selbst schuld bin, wenn er schlecht schläft, da er immer in meinem Bett schläft…. Es war eine sehr schwierige Zeit mit ihm, dennoch war ich innerlich vom Gefühl her überzeugt, es für uns richtig zu machen. Beim zweiten Kind mache ich es nun genauso – und er schläft sehr gut. Schlafen ist natürlich nur ein kleiner Aspekt, aber auch in allen anderen Dingen bin ich total froh, mich nicht nach irgendwelchen Regeln wie z.B. alle x Stunden stillen o.ä. zu richten. Kommentare wie „er muss sich aber bald an einen Kinderwagen gewöhnen“ etc. kann ich nun beim Zweiten ein Glück meist nur mit einem Lächeln begegnen „ja, bestimmt irgendwann….“. Ich habe aufgehört mich zu rechtfertigen und das ist ein wunderbar entspanntes Gefühl.

Danke für den schönen Beitrag!

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gesa 15. Mai 2014 - 09:58

Danke für die Gedanken, die mir komischerweise auch zur Zeit im Kopf rumgingen.

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Perlenmama 14. Mai 2014 - 23:46

Wunderbar.
Du hast so vollkommen recht. AP ist nicht einfach nur eine klare Linie in den gängigen Mommy-Wars. Es ist ganz individuell sein Kind als Mensch sehen und seine oder ihre Bedürfnisse erkennen und ernst zu nehmen. Das ist auch schon der einzige Unterschied. Alles andere ist in eben diesem Fakt begründet.
Ich find AP wundervoll, weil es einfach die einzige Art wiederspiegelt, in der ich mit meinem Kind umgehen möchte. Aber wie es ganz individuell dann am Ende aussieht, das ist so vielfältig wie die Kinder selber, denn genau das ist ja die „bottom line“ quasi.

Und ja, das was am Anfang (beim ersten Kind) eine Position und Einstellung ist, das wird eine Realität und ganz normal. Warum sollte man das dann beim nächsten Kind was anders machen? Um etwas anderes auszuprobieren? Dann hat man AP nicht richtig verstanden…

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helen 12. Mai 2014 - 22:09

Wie machst du das, immer wieder genau die Themen anzusprechen, die mich gerade bewegen? DANKE!!!

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Anna 12. Mai 2014 - 22:03

So ein schöner Beitrag!
Und ist es nicht schön, dass AP eigentlich von ganz alleine kommt, wenn man sein Baby nach der Geburt gleich halten, riechen und spüren darf? Wieviele Eltern würden es natürlicherweise von alleine praktizieren wenn sie ihrem tiefsten Instinkten folgen würden?
Schön fand ich auch Deinen Satz mit dem „sich ins Kind hineinzufühlen“ und sich vorzustellen, was man selber wollen würde, wenn man so klein ist.
Denn dann müsste die Antwort doch klar sein!!

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Sabine 12. Mai 2014 - 12:54

@AnnaMama: AP ist halt die Klammer um eine bestimmte Einstellung herum. Nicht alle Eltern gehen mit ihren Kindern bedürfnis-orientiert um. Das ist schlicht Fakt. Solche Schlagworte helfen mir persönlich an Infos zu kommen, die in die Richtung meiner Einstellung gehen. Denn ich mag einfach keine Beiträge lesen, in denen es z.B. um die Rechtfertigung fürs „Ferbern“ oder einen „Klaps“ geht. Dafür habe ich schlicht nicht immer den Nerv.

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AnnaMama 12. Mai 2014 - 12:02

Hallo,

nicht falsch verstehen, ich finde es gut, was im Artikel steht.

Ich frage mich zur Zeit nur ganz oft, warum alles, was wir als Eltern oder auch als Nicht-Eltern – oft ganz selbstverständlich, aus dem Bauch heraus – tun, einen Namen wie „Attachement Parenting“ bekommen muss.

Wird es damit besser oder wichtiger, spare ich mir damit Rechtfertigungen, warum ich etwas mache oder nicht mache oder klingt es wissenschaftlich erprobter?

Ich gehe auf die Bedürfnisse meines Kindes ein. Ich gehe auf meine Bedürfnisse ein – soweit es mit Kind geht, oder ich gehe auf die Bedürfnisse von Freunden, Partner oder Familie ein.

Liebe Grüße

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josali 12. Mai 2014 - 09:56

Danke!

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