Braucht das Baby einen Rhythmus?

von Anja

In der Musik bezeichnet der Rhythmus die zeitliche Gliederung des melodischen Flusses, die sich aus der Abstufung der Tonstärke, der Tondauer und des Tempos ergibt. Auch in anderen Kontexten steht dieser Begriff für Gleichmaß oder eine regelmäßige Wiederkehr bestimmter Umstände. Im Zusammenhang mit Babys hören Eltern nicht selten das Wort Rhythmus – meist dann, wenn es um die Schlaf- oder Essgewohnheiten des Kindes geht.

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde das Stillen in einem genau getakteten Rhythmus empfohlen. Es wurde nicht nur eine bestimmte Anzahl von Stunden festgelegt, in der das Kind zwischen zwei Stillmahlzeiten pausieren musste. Auch die Zeit, in der das Kind mindestens oder maximal an einer Brust stillen durfte, war durch konkrete Minutenangaben definiert. Die Folge dieses streng vorgegebenen Stillrhythmus war nicht selten, dass die Milchbildung nur unzureichend angeregt wurde und durch zusätzliches Zufüttern ein vorzeitiges Abstillen eingeleitet wurde.

Immer ein bisschen flexibel bleiben

Mittlerweile hat sich hoffentlich überall herumgesprochen, dass Babys nach Bedarf gestillt und nach Bedarf mit Pre-Nahrung gefüttert werden sollen. Und dieser Bedarf ist höchst individuell. Manche Kinder sind mit acht Mahlzeiten in 24 Stunden glücklich, andere möchten mindestens zwölf mal in dieser Zeit gestillt werden. Einige Kinder trinken schnell und zügig, andere nehmen sich wesentlich mehr Zeit dafür. Babys haben also durchaus einen Rhythmus, aber diesen bringen sie mit und er wird nicht durch die Eltern oder gar irgendwen sonst festgelegt.

Auch in ihrem Schlafbedürfnis unterscheiden sich Kinder sehr. Die Schlaflänge variiert ebenso wie die Bedingungen, die jedes Kind für das Schlafen braucht. Elterliche Nähe ist für die meisten Kinder eine Grundbedingung, aber manche Babys schlafen am liebsten beim Stillen ein, andere schaukelt eine sanfte Bewegung besonders gut in den Schlaf.

Die ersten Wochen und das Wochenbett sind nicht nur für die Rückbildung und das Heilen möglicher Geburtsverletzungen gedacht. Es geht vor allem auch darum, sein Kind kennenzulernen und als Familie den eigenen, ganz individuellen Rhythmus zu finden. Viele Abläufe im Babyalltag wiederholen sich immer wieder – das erleichtert dem Kind das Ankommen und gibt Eltern einen gewisse Sicherheit.

Vertraute und geborgene Abläufe

Damit ist aber nicht ein streng nach der Uhr durchgetakteter Tag gemeint. Es geht vielmehr um die Verlässlichkeit, wie Eltern auf das Weinen ihres Kindes reagieren. Oder wie Abläufe beim Stillen oder Füttern passieren, die sich schon bald sehr vertraut und geborgen für das Kind anfühlen. Die beruhigende Nähe etwa, wenn es mit den immer gleichen Handgriffen von Mama oder Papa ins Tragetuch gebunden wird.

Gerade wenn schon Kinder in einer Familie sind, wird der Rhythmus oft auch von ihnen mit vorgegeben. Für die meisten Babys ist es völlig in Ordnung, das Mittagsschläfchen auf dem Weg in den Kindergarten zu machen und nicht zu Hause am immer gleichen Schlafplatz. Auch beim Baden bestimmt oft der Familienalltag, wann ein Baderitual gut passt. Das kann mal am Abend, mal am Morgen sein. Es muss auch dafür keinen festen Rhythmus im Wochenplan geben. Und trotzdem wird vieles im Alltag einem dem Kind bekannten Rhythmus folgen, der Ablauf oder die anschließenden Babymassagegriffe auf dem Wickeltisch.

Es tut also durchaus gut, wenn Kinder aber auch Eltern in ihrem Alltag die verlässliche Wiederkehr bestimmter Umstände erleben. Aber Rituale und Rhythmen im Familienalltag können sehr individuell aussehen. Und es hilft, immer ein bisschen flexibel zu bleiben, weil sich das Leben mit Kindern immer wieder verändert. Es gibt auch hier wie bei vielen Fragen im Babyalltag kein „falsch“ und „richtig“ – und deshalb darf man ganz entspannt auf die Frage antworten, ob das Baby denn schon einen Rhythmus hat: „Wir haben unseren persönlichen Rhythmus gefunden.“

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10 Kommentare

Dresden Mutti 16. Januar 2019 - 10:03

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Babys damals Rythmen hatten, vielleicht habe ich es vergessen? Aber so nach und nach spielten sich auf jeden Fall bestimmte Rituale ein, die aber immer auch flexibel waren. Das Babyalter war wirklich eine schöne und zugleich so anstrengende Zeit (insbesonde dann mit Baby und Kleinkind) – ein sehr guter Artikel.

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Patricia 23. Oktober 2017 - 11:28

Mal wieder ein wunderbar bestärkender Artikel!!! Ich habe besonders in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht und gesprochen… Ich persönlich merke diesen gesellschaftlichen Druck grad ganz besonders (ich kann nicht sagen wieso). Wenn man erzählt, dass man eben seinen eigenen Rhythmus gefunden hat und wie der aussieht, werde ich schon oft komisch angeguckt oder belächelt. Finde ich immer sehr schade, da es nichts besseres gibt, meine Meinung nach!! Wenn ich dann Artikel wie diesen hier lese, bin ich mir wieder ganz sicher, auf dem richtigen Weg für uns zu sein 🙂

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Windeln Tester 6. November 2016 - 19:35

Super Beitrag, wir halten auch nicht viel von strickten Zeitplänen. Grob kann man sich mal an eine bestimmt Uhrzeit richten aber so haargenau sollte es doch nicht sein. Lieber nach Bedarf, dann sind auch die Babys glücklich 🙂

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Heheheundfrfr 21. Oktober 2016 - 20:54

Wir haben unser glückliches Drittkind am 7. Oktober bekommen! Er hat seinen eigenen Rhythmus, den wir und seine große Schwester und sein großer Bruder gut mitgemitgehen können. Manchmal muss er sich dem Familienrhythmus anpassen und es geht ihm trotdem gut. Dieses Kind und wir als Eltern sind jetzt angekommen- tiefenenspannt in allen Lebenslagen Wie können nur jede Erstmama bestärken, lasst euch nicht reinreden, diskutiert nicht, im Notfall einfach freundlich lächeln und zustimmen

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Imogen 6. Oktober 2016 - 16:36

Da muss ich mich meiner Vorrednerin anschließen – Stillen nach Bedarf bzw. die bedürfnisorientierte Babypflege haben sich vlt herumgesprochen, allerdings nehme ich momentan eher eine Gegenbewegung dazu wahr. Zumindest in meinem Rückbildungskurs gehört es zum guten Ton über die „verzogenen“ Babies und deren verrückte Eltern zu lästern. Da werden die „Flaschenkinder“ gelobt (alternativ möglich ist das Alle-4-Stunden-10-Minuten-an-jeder-Seite-Stillen), die mit drei Monaten schon im eigenen Zimmer schlafen und nichts weiter als die Nähe zum Babyfon brauchen. Auch ich musste mir schon einiges anhören. Manchmal lasse ich das zu nah an mich herankommen und fühle mich in meiner Rolle als Mutter persönlich angegriffen. Daher freut mich ein Beitrag wie dieser umso mehr. Vielen Dank!

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Krüml 22. September 2016 - 21:15

Ich glaub unser Sohn hätte mir bereits kurz nach der Geburt einen Vogel gezeigt, wenn ich versucht hätte ihn in einen starren Rythmus zu drängen. Der kam am Anfang nichtmal mit dem „Aber mindestens 20 Minuten pro Brust müssen Sie den schon anlegen“ klar. Inzwischen haben er und ich nach einem halben Jahr unseren gemeinsamen Rythmus irgendwie gefunden, aber sich was diktieren hat er dabei nie lassen. Der junge Herr weiß selbst, was er will

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Melanie 21. September 2016 - 19:20

Mein großer hielt nichts von Rhythmus stillen nach Bedarf, schlafen nach Bedarf, essen nach Bedarf. Und immer nur kleine Mahlzeiten zu jeder Uhrzeit und wenig Schlaf. Erst jetzt mit 2 1/2 schläft er um halb acht. Die kleine Dame , 8 Monate, hat von Anfang an gezeigt welchen Rhythmus sie braucht. Ab 17 h arlarm bis sie im Bett liegt und auch ein mittagsschlaf hat sich bei ihr schnell heraus gestellt. Es liegt auch immer am Kind.

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Eva 20. September 2016 - 20:16

Danke, liebe Anja, für deine Worte. Als Neu-Mama habe ich mich sehr oft verunsichern lassen, besonders in meinem Pikler-Kurs.. die Kursleiterin hat Mantra-artig wiederholt, dass unsere Kinder einen klaren festen Ablauf bräuchten, um sich zu orientieren. Also, natürlich wann geschlafen und gegessen wird (mit einem halben Jahr natürlich nichts mehr nachts und in den Schlaf stillen? Auf keinen Fall!!), aber auch wann Zeit zum Spielen ist. Mir ging es damit gar nicht gut, ich habe mich eingeengt gefühlt und mich dann entschieden, dass das für meine Kleinen schlimmer ist als wenn ich gemeinsam mit ihr einfach schaue, was der Tag so bringt… Habe mich dann auch von Pikler verabschieden (wobei ich die Grundhaltung teile, nur bei vielem kann ich den Weg nicht mitgehen) und mich wieder im Fluss gefühlt und auf meine Intention vertraut. Deinw Worte bestärken mich darin, also noch einmal danke 🙂

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Ann-Christin 20. September 2016 - 10:10

Leider hat sich das mit dem „Stillen nach Bedarf“ noch nicht überall rumgesprochen. Meine Tocher ist 18Monate alt und nach ihrer Geburt wurde mir in Krankenhaus gesagt, ich müsse alle 3 Stunden stillen. Als unerfahrene Erst-Mutti habe ich natürlich erstmal drauf gehört und brav den Wecker gestellt. Und auch meine Hebamme hat mir eingebläut, dass ich alle 3 Stunden stillen muss. Dann „durfte“ ich nach 2 Tagen alle 4 Stunden stillen, aber als meine Tochter nicht zunahm, sollte ich wieder auf alle 3 Stunden zurück. Ich war physisch und psychisch völlig fertig. Da habe ich beschlossen, brav „Ok“ zu sagen und einfach nach Bedarf zu stillen. Da ging es mir sofort besser (und meine Tochter ist -o wunder ;)- auch nicht verhungert). Leider hatte sich meine Tochter wohl schon an den Turnus gewöhnt, aber es war ok, denn so wurde ich nicht mehr durch den Wecker geweckt, sondern durch sie. Ich finde es echt traurig, dass ich nicht vorher auf mein Bauchgefühl gehört habe, sondern auf meine Hebamme (die auch meinte „Kind füttern, wickeln und dann ablegen zum Schlafen!“, was ich noch schlimmer fand, da ich das Gefühl habe, dass wir dadurch am Anfang viel zu wenig gekuschelt haben, aber das ist ein anderes Thema). Beim nächsten Kind wird alles anders 🙂

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Elisabeth 20. September 2016 - 09:40

Danke für diesen Beitrag!
Ich halte nichts davon, sich an starre Zeitpläne zu halten. Das funktioniert für uns prima (allerdings gibt’s hier auch erst ein Kind…)

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