Darf es eins mehr sein?

von Anja

Wir Eltern hier in Prenzlauer Berg machen uns ja nichts aus Durchschnittsquoten. Wir basteln uns folglich auch unsere ganz eigenen Geburtenrate. Seit einigen Jahren geht der Trend ganz klar zum zweiten, dritten oder vierten Kind auf der nach oben offenen Kinderskala.

Die Wiederholungstäter sind erfahrene Eltern. Schlaflose Nächte, vollgespuckte Klamotten und wenig Zeit für sich selbst halten sie nicht davon ab, noch ein Kind zu bekommen. Okay, meist entsteht der Wunsch genau in jener Phase, in der die Nächte wieder ruhiger sind. Wenn die Klamotten sauberer und die ersten Auszeiten vom Elterndasein ganz gut funktionieren. Es ist schon clever, wie uns die Natur da austrickst.

Irgendwie vergisst man den anstrengenden Teil der Babyzeit dann doch. Selbst als tagtäglich damit konfrontierte Hebamme blende ich das aus. Mit der Geburt verhält es sich ähnlich. Kaum eine Frau kann wirklich noch nachvollziehen, wie sich die heftigen Wehen in der Übergangsphase eben gerade anfühlten, wenn das Baby kurze Zeit später geboren ist.

Den Thron teilen…

Trotzdem ist gerade das zweite Kind noch mal eine ordentliche Herausforderung. Denn statt sich darüber zu sorgen, wie man das winzig kleine Baby anfasst oder ob es genug trinkt, muss man nun die Familienkonstellation ganz neu sortieren. Das „heilige Erstgeborene“, dass doch gerade selbst noch ein Baby war, muss den Thron nun teilen. Bei den recht kurzen Geburtenabständen hier bei uns kollidiert das meist noch mit dem Höhepunkt der kindlichen Autonomie-Entwicklung. Und so findet man sich plötzlich zwischen zwei Kindern mit großen, aber ganz verschiedenen Bedürfnissen wieder. Dazu der erneute Schlafmangel und noch weniger Auszeiten für die Eltern.

Zudem verfolgt einen permanent das schlechte Gewissen. Gegenüber dem Baby, das niemals soviel Exklusivzeit wie Nummer Eins haben wird. Gegenüber dem großen (und doch noch kleinen) Kind, das aus der eigenen Überforderung heraus sicher manchmal zu viel angemeckert wird. Natürlich weiß man, dass es auch nur aus Verunsicherung in dieser neuen Situation um die elterliche Aufmerksamkeit buhlt. Aber mit Schlafmangel und Co. gelingt es selbst den gelassensten Eltern nicht immer, entsprechend einfühlsam zu reagieren. Und dann liest man auch noch in einem Elternratgeber, dass sich die Ankunft des neuen Babys für das Erstgeborene in etwa so anfühlt, wie wenn der Partner eines Tages nach Hause kommt und sagt: „Schatz, das ist meine neue Freundin. Die wird jetzt auch bei uns wohnen. Ich hab’ dich aber trotzdem ganz lieb.“

Natürlich braucht man da viel Verständnis für das Kind. Aber Eltern sind am Ende auch nur Menschen. Und so motzt man lieber statt Mitgefühl zu zeigen, wenn der kleine Neuankömmling vom älteren Kind gehauen statt geherzt wird. In der Gesamtbilanz gehen aber die meisten Eltern doch recht einfühlsam mit dieser Situation um. Deshalb ist meist so viel schlechtes Gewissen gar nicht nötig. Aber als gerade extrem weichgespülte Mutter fühlt sich das gelegentlich alles einfach nur schrecklich an.

Geburtsbegleitung oder Kinderbetreuung?

Von außen betrachtet geht es also meistens allen Kindern gut, aber die Eltern vergessen allzu oft sich selbst dabei. Vorher hatte ein Elternteil auch mal „frei“. Nach der Geburt des zweiten Kindes sind gerade die Väter doppelt gefordert. Denn während die Wöchnerin stillt, wird das große Kind den Vater vermehrt fordern mit seinen Bedürfnissen. Dazu kommen die üblichen Wochenbettaufgaben wie Essensversorgung, Behördengänge und Haushalt, während die Mutter sich idealerweise von der Geburt erholt.

Deshalb ist die beste Empfehlung, sein Helfernetzwerk schon in der Schwangerschaft entsprechend zu erweitern. Das können die Großeltern, befreundete Kitaeltern oder auch ein bezahlter Babysitter sein. Es geht nicht darum, das große Kind „abzuschieben“. Aber es tut den Großen gut, wenn ab und zu mal jemand da ist, der sich entspannt kümmert, während zu Hause doch primär das Baby den Ton angibt. Außerdem gibt es den Eltern auch mal etwas Zeit, die sie nur mit dem neuen Familienmitglied verbringen können. Selbst wenn das in Form eines gemeinsamen Mittagsschlafes passiert. Aber auch Entlastung im Bereich Haushalt, Einkaufen und Kochen ist Gold wert.

Auch sollte schon vor der Ankunft des Babys organisiert sein, was die Rolle des Vaters während der Geburt ist. Denn gleichzeitig die großen Kinder hüten und aufmerksamer Geburtsbegleiter sein, das funktioniert nicht. Deshalb empfehle ich allen Eltern, gut zu planen, wie das Geschwisterkind unter der Geburt betreut ist. Das heißt nicht, dass es dafür ausquartiert werden muss. Aber es sollte unter der Geburt einen verlässlichen, ihm gut bekannten Ansprechpartner haben. Auch ist die Geburt des Geschwisterchens nicht die ideale Situation, in der das große Kind das allererste Mal irgendwo ohne seine Eltern übernachtet. Es ist jedenfalls gar nicht so leicht, eine verlässliche Bezugsperson zu finden, die im Geburtszeitraum auf Abruf bereit steht.

Auf die Geburt des „neuen“ Kindes einlassen

Auch sollte man sicherheitshalber einkalkulieren, dass die Geburt vielleicht länger dauert. Oder dass sie sich aufgrund von Komplikationen anders gestaltet als geplant bzw. eine Verlegung erfordert. Vielleicht ist auch manchmal der Vater die beste Betreuung für das große Kind und eine liebe Freundin übernimmt die Geburtsbegleitung. Das Idealszenario ist immer individuell und muss jede Familie für sich finden. Aber vor allem die werdende Mutter muss sich wohl damit fühlen, um sich entspannt auf die Geburt des „neuen“ Kindes einzulassen. Wenn sich Frauen unter der Geburt um die Großen sorgen, kann das wie eine „Wehenbremse“ wirken. Natürlich kann das Geschwisterkind auch bei der Geburt anwesend sein, wenn es für die jeweilige Familie passt.

Gerade im Geburtshaus oder zu Hause ist das meist gar kein Problem. Ich habe aber auch schon Geburten im Kreißsaal mit anwesenden Geschwister erlebt. Da es aber dort oft keinen zweiten Rückzugsraum für das Kind und dessen Begleiter gibt, ist es sicher etwas schwieriger zu organisieren. Die Kinder dürfen und sollen selbst entscheiden, inwieweit sie bei der Geburt dabei sein möchten, entsprechend vorbereitet und in Absprache mit den Wünschen der Mutter. Gerade kleine Kinder gehen mit der Geburtssituation viel natürlicher und unbefangener um als wir Erwachsene das oft tun.

Unsere eigenen Töchter haben 90 Prozent der Wehen verschlafen und dann im Arm einer lieben Freundin auf dem Sofa die Geburt des Brüderchens miterlebt. Sie haben den kleinen Bruder gleich umarmt, geküsst und staunend mit unserer Hebamme seine pulsierende Nabelschnur getastet. Er wurde also im wahrsten Sinne des Wortes gleich in unsere Familie hineingeboren. Für uns hat das alles so gepasst. Vor allem war ich aber die Geburt über entspannt und mit den Gedanken ganz bei unserem Baby. Einfach weil ich meine beiden Großen gut versorgt wusste. Genauso ging es meinem Mann. Und das ist das Wichtigste. Egal ob nun liebevolle Großeltern oder Freunde die Geschwister mehr oder weniger weit weg vom Geburtsort betreuen.

Kein Kind „läuft einfach nur mit“

Die Umstellung von zwei auf drei Kindern ist meist nicht mehr so groß, wie wenn sich die Familie von einem auf zwei Kinder erweitert. Geschwister spielen auf einmal erstaunlich viel miteinander, wenn die Eltern mit der ganzen Organisation rund um den kleinsten Familienzuwachs beschäftigt sind. Trotzdem ist der Spruch „Die dritten, vierten… Kinder laufen einfach so mit“ natürlich Blödsinn, denn kein Kind läuft einfach nur so mit. Immer ist da erst mal ein kleiner Mensch mit ganz vielen Bedürfnissen. Die wollen genauso prompt wahrgenommen werden wie beim ersten und zweiten Kind.

Ein drittes oder viertes Kind wartet auch nicht mit seinem Hunger. Oder schläft länger am Stück. Es ist genauso Baby wie alle anderen. Natürlich wächst der Erfahrungsschatz der Eltern mit jedem Kind. Die anfänglichen Sorgen, die einen als Ersteltern so verunsichern, sind sicher wesentlich weniger. So lassen sich die tollen Aspekte der Babyzeit bestimmt etwas mehr genießen. Allerdings muss man sich parallel den Herausforderungen mit den größer werdenden Geschwistern stellt. Aber letztendlich ist jedes Kind auch wieder anders und die Babyzeit wird entsprechend mehr oder weniger anstrengend sein.

Ich hatte beim dritten Kind nicht mehr ganz so verklärte Vorstellungen vom Leben mit mehreren Kindern wie in meiner zweiten Schwangerschaft. Damals sah ich während unseres Bornholm-Urlaubs zwei kleine Mädchen mit geflochtenen Blumenkränzen im Haar Hand in Hand über eine Wiese laufen. Jaaa, exakt so stellte ich mir das vor. Die zwei Töchter sind es geworden, aber der Rest, nun ja. Geschwister haben bestimmt eine besondere Beziehung zueinander, aber sie buhlen auch immer um die exklusive elterliche Aufmerksamkeit. Sie können stundenlang miteinander spielen, sich aber auch genauso gut von morgens bis abends streiten.

Kinder einfach mal machen lassen

Natürlich wächst man auch da langsam rein. Am Anfang ist das Geschwisterchen ja noch ein süßes kleines Baby. Aber wie sagte eine zweifache Mutter aus unserem Kinderladen so passend: „Der Große fand seine kleine Babyschwester ganz entzückend, bis das Baby eines Tages aufstand und seine Legobauten zerstörte…“ Aber jeder, der selbst Geschwister hat, kennt diese Geschichten. Die Schulter meiner Freundin Inka ziert immer noch eine Bisswunde ihres Bruders, mit dem sie sich trotzdem mittlerweile gut versteht.

Anfangs haben auch wir die schwesterlichen Konflikte auch immer noch eifrig „moderiert“. Ich habe doch schließlich nicht umsonst eine Weiterbildung in „Gewaltfreier Kommunikation“ gemacht. Das hatte aber nur den Effekt, dass sich immer mindestens einer ungerecht behandelt fühlte. Weil sich meist überhaupt nicht mehr herleiten ließ, wer nun mit was angefangen hat. Also schreiten wir nun nur noch ein, wenn wir merken, dass es wirklich unfair wird. Oder wenn sie uns um Hilfe bitten. Tatsächlich bekommen Geschwister ab einem gewissen Alter relativ viele Konflikte gut alleine geregelt. Kindern tut es ja generell oft gut, wenn man sie einfach mal machen lässt.

Hand in Hand über eine Blumenwiese

Aber auch das ist ein Lernprozess, den man als Eltern mit steigender Kinderzahl scheinbar besser hinkriegt. Wahrscheinlich auch nur daraus resultierend, dass weniger Zeit da ist und sich Kinder von Kindern erstaunlich viel abschauen. Mit der Großen haben wir noch verzweifelt das Schleifebinden geübt (und das wahrscheinlich auch manchmal mit zu viel elterlichen Übereifer). Bei der Vierjährigen fiel uns eines Tages auf, dass sie sich das ganz alleine beigebracht hatte.

Aber nahezu alle Eltern erzählen, dass die nachfolgenden Kinder meist etwas schneller mit allem sind. Und oft auch etwas mutiger und selbstbewusster in vielen Bereichen, dadurch aber auch gerne mal etwas „frühreifer“. Mein Patenkind wünschte sich zum zweiten Geburtstag ausschließlich „Star Wars“-Sachen. Er konnte es zwar kaum aussprechen, aber als viertes Kind lässt man sich in dem Alter nicht mehr mit Holzsteckspielen abfertigen, während der große Bruder Raumschiffe baut.

Die bewusste Entscheidung für weitere Kinder ist manchmal gar nicht so leicht, denn die Arbeit wird bestimmt nicht weniger. Die Zeit und das Geld werden auch nicht mehr. Es wird lauter und chaotischer. Aber das Glück verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht sich tatsächlich mit jedem Kind, dass wir als Eltern durchs Leben begleiten dürfen. Und manchmal laufen sie auch „Hand in Hand über eine Blumenwiese“, wenn sie kichernd am Esstisch sitzen, mit großem Eifer füreinander Geburtstagsgeschenke basteln, aneinander gekuschelt einschlafen oder gemeinsam das neugeborene Geschwisterchen begrüßen…

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9 Kommentare

Sascha 1. November 2019 - 21:11

Mit Zwillingen als nr 2&3 ist es trotzdem nochmal eine andre nummer… da kommen gefühlt alle Bedürfnisse etwas zu kurz! Und zu Weihnachten wünsche ich mir Zeitmanagement und Geduld

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Hanna 9. November 2016 - 17:14

Ja, so ist es – schön gesagt! Wir haben jetzt Kind Nummer 4 bekommen. Auf eine Art ist alles wieder neu und doch wächst man etwas schneller “mit den Aufgaben”. Und danke, dass es mal jemand auf den Punkt bringt: Kein Kind läuft nebenher! Vielleicht sind damit die “etwas weniger anspruchsvollen Babies” in der verklärten Erinnerung einiger Großmütter gemeint. 😉

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helen 27. Dezember 2014 - 22:00

Du hast so recht 🙂 wir haben lange überlegt, wer die 2jährige betreut wenn der kleine Bruder geboren wird. Dann stand fest: wenn es nachts los geht soll mein Mann bei ihr bleiben, weil sie noch 2-3 mal wach wurde zu der Zeit und wir wußten, wenn dann plötzlich Mama und Papa weg sind wäre das ja echt nicht schön für sie. Es ging nachts los, um 23.30 wurde ich wach. Um 6.00 sollten meine Eltern kommen und meinen Mann ablösen. Ich dachte er schafft es zur Geburt 😉 aber der kleine wurde um 3.23 im Geburtshaus geboren, begleitet wurde ich nur von meinen zwei Hebammen und es war einfach nur schön. Und das lag wirklich auch daran, dass ich wußte zu hause ist alles okay.

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Ulrike 27. Dezember 2014 - 21:30

Ich wünsche mir auch so sehr ein zweites, drittes, viertes,… Kind. Leider liegt es nicht in meiner Natur einfach schwanger zu werden. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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Anja 27. Dezember 2014 - 21:41

Liebe Ulrike,

und deshalb bitte auf keinen Fall die Hoffnung aufgeben!! Ich begleite gerade einige Familien, denen selbst von ärztlicher Seite wenig Hoffnung gemacht wurde auf ein weiteres Kind. Und die Kinder kamen trotzdem. Vieles können wir trotz aller Technik und Prognosen eben doch nicht vorhersehen… Ich wünsche Dir von Herzen, dass alles so kommt, wie Du es Dir wünscht. Alles Liebe, Anja

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Saskia 1. Juli 2013 - 19:54

Wow,was für ein schöner Text.
wie zerbrach ich mir noch den Kopf als ich mit dem 2. Kind schwanger war .wie soll das gehen, werde ich beiden gerecht6 ,sie sind ja so nah aufeinander(20mo.)hab ich die grosse genug genossen alleine??? tja und jetzt sinds drei und ich könnte mir ganz unvernünftig vorstellen noch ein viertes:-),wenn da mein Mann mitmachen würde…
Als meine zweite Tochter 8 Monate alt war, hab ich das Stillen aufgegeben und dann kam der Wunsch für ein drittes. ich hatte dauernd das Gefühl, es fehlt jemand ,wir sind noch nicht komplett… und jetzt, wo mein dritter jährig ist und ich ihn vor kurzem abgestillt habe… kommt das Gefühl wieder….
Kann mir mal jemand sagen, wie und wann und warum habt ihr denn babybekommschlussstrich machen können?

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gesa 11. Juni 2013 - 23:02

Mit noch acht Wochen bis zur Geburt unseres zweiten Kindes sind es genau die Gedanken, die dieser Artikel aufgreift, die mich umtreiben – wie werde ich allen gerecht, wie wird die Reaktion des gerade mal zweijährigen Thronprinzen ausfallen…? Vielen Dank, dass hier Mut gemacht wird, dass an der Situation keiner dauerhaft Schaden nimmt (wie hätte die Menschheit sonst überleben können). Es wird schon alles gut werden. Und mein Mantra in den Zeiten der Unsicherheit beim “Großen” muss sich ja auch bewahrheiten: Nie wieder ein erstes Kind!

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sonja 29. Mai 2013 - 21:59

… ja, das “durch das leben begleiten” macht es aus. wobei ich da nun als erstkind-mutter zunächst ein anfänger bin… aber auch das wird sich mal ändern, so der liebe gott und mutter natur wollen.

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Khata 28. Mai 2013 - 19:58

Ein schöner Text.
Nr.2 ist noch zu klein, aber ich bin mir schon sicher: ja, irgendwann darf es eins mehr sein.
Nach dieser Lektüre freue ich mich erst recht drauf.
Danke.

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