Die ganz Alten und die ganz Jungen

von Anja

Diese Alten. Sie stehen manchmal mitten im Weg mit ihren Rollatoren. Beim Bäcker können sie sich nicht entscheiden. An der Kasse friemeln sie stundenlang das Geld heraus. Sie sind langsam und halten das Einsteigen in den Bus oder in die Bahn unnötig auf. Sie laufen immer noch auf der Straße, wenn die Ampel längst auf Rot umgesprungen ist. Manchmal reden sie auch wirre Dinge, die keiner versteht. Wenn sie essen, kleckern sie vielleicht, weil die Koordination eingeschränkt ist. Die Angehörigen, die sich um sie kümmern, fehlen dem Arbeitsmarkt…

Manchmal kommen mir solche Gedanken, wenn ich das tagtägliche Rumgehacke mancher Menschen auf Kindern erlebe oder darüber lese. Es entsteht der Eindruck, dass es in unserer Gesellschaft nur ein akzeptables Lebensalter gibt. In dem dann auch jeder bitte schnell, gesund und voll funktionsfähig ist. Das Alter davor und danach ist in all seinen Facetten nervig und störend. Ganz egal, ob es dabei um Kinder geht, die manche Dinge noch nicht können oder um ältere Menschen, denen bestimmte Dinge zunehmend wieder schwerer fallen.

Doch was ist das für ein arroganter und ungesunder Blick auf das Leben. Denn die Kindheit ist genauso eine Phase unseres Lebens wie hoffentlich später ein hohes Alter. Und selbst, wenn ich gerade in meiner Zwanzigern, Dreißigern oder Vierzigern auf dem Höhepunkt meiner beruflichen oder sonstigen Leistungsfähigkeit bin, kann es mich ganz schnell wieder aus der Bahn werfen. Ich spürte das deutlich vor einigen Jahren, als ich mir erst einen Arm und wenige Monate später ein Bein brach.

Entschleunigung durch Spazierenstehen

So was entschleunigt das Leben von heute auf morgen sofort. Und während Knochenbrüche meist heilen, kann uns jederzeit auch etwas langfristig so beeinträchtigen, dass wir nicht mehr den Erwartungen entsprechen, die ein ein Großteil der Gesellschaft hat. Wie arrogant ist es also zu denken, dass wir immer die gleiche Kraft und das gleiche Können im Leben haben werden?!

Ja, auch Kinder bremsen uns aus. Wenn sie überall stehen bleiben, mit ihrem Laufrad quer auf dem Gehweg parken oder sich an der Eisdiele nicht schnell genug entscheiden können. Sie tun dies, weil sie noch ganz im Hier und Jetzt leben oder weil sie einfach noch nicht schneller können. Und ist es nicht manchmal genau diese Entschleunigung, die das Leben mit Kindern so bereichert? Diese kostbaren Momente, wenn man es schafft, sich auch einfach mal auf das Hier und jetzt einzulassen. Einfach anzuhalten im Alltagstrott oder den Blick mal wieder auf die kleinen unscheinbaren Dinge zu lenken, die oft so besonders sind.

Und nein, ich habe auch nicht immer die Geduld, dass ich es mir schön reden kann, wenn die ältere Dame vor mir an der Kasse in Zeitlupe die Münzen aus der Geldbörse kramt. Und auch das Spazierenstehen der Kinder kann ganz schön nerven. Aber ich muss weder den kleinen noch den großen Menschen, die gerade einfach nicht anders können, ein schlechtes Gefühl dabei geben. Denn einst war ich das kleine Mädchen, das jeden Kieselstein umdrehen musste. Und irgendwann werde ich meine Zeit brauchen, um mit runzeligen Händen die richtige Summe aus meiner Geldbörse zu friemeln. Und dann freue ich mich sicherlich auch, wenn die Menschen hinter mir freundlich lächeln, anstatt mich auch noch auf meine Unzulänglichkeiten aufmerksam zu machen.

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7 Kommentare

Bettina 22. Juni 2015 - 01:21

Hmm. Schön. Danke 🙂

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Melanie 17. Juni 2015 - 13:40

Ich möchte mal vorsichtig eine These in den Raum schmeißen. Darüber habe ich mir schon öfters Gedanken gemacht: Im Krieg und lange danach wurden die Babys nicht gestillt weil das ja nur die „Wilden“ tun. Babys ließ man schreien damit sich die Lunge weitet. Und die gute Hausfrau darf sich nicht mit dem Kind beschäftigen damit es nicht verwöhnt wird. Auch heutzutage gibt es immer noch so viele Ratschläge die aus der Zeit resultiert. Oft frage ich mich ob unsere Gesellschaft nun die Nebenwirkungen davon spürt.

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Farja 17. Juni 2015 - 19:16

Unendlichen Dank für diesen wunderbaren Kommentar! Genau das denke ich nämlich auch! Und deswegen gehen wir auch einen ganz anderen Weg, was die Erziehung anbelangt, damit unsere Kinder keine Monster werden…

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Sara 28. Juni 2015 - 19:27

>>Oft frage ich mich ob unsere Gesellschaft nun die Nebenwirkungen davon spürt.<< – Aber nein, wie kann man das nur denken… "Das hat uns doch auch nicht geschadet!" Nur, weil diese Meckermenschen Schläge, Schreien, Strafen usw. "überlebt" haben. *ironieaus* Jemand der einen kleinen Klaps für unschädlich hält, hat offensichtlich schon Schaden davon getragen. Nur verstehen werden diese Menschen es leider nie. Hoffentlich werden unsere Kinder mal liebevolle im Umgang mit ihren (kalten) Mitmenschen!

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martje 17. Juni 2015 - 13:04

so wahr und schön geschrieben.

Finde es immer toll, die verschiedenen Generationen im Umgang miteinander zu erleben. Meine Oma (über 90) die gerade ziemlich rasant abbaut an Fitness und Köpfchen und das Tochterkind (4einhalb)voller Energie und Quatsch im Kopf, wie sie sich unterhalten und gegenseitig die kleinsten Dinge beibringen, zeigen, bestaunen…
Kinder sind dabei so befreiend unbefangen, während der Generation dazwischen oft so vieles zu langsam, zu unangenehm, zu was auch immer ist.

Lieben Gruß, Martje

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Mama notes 17. Juni 2015 - 08:53

Danke, wunderbar. Habe ich mich auch schon so oft gedacht. Alles, was den reibungslosen, hocheffizienten Ablauf stört, darf nicht sein. Rumgehackt und etwas gesagt wird aber besonders gerne bei Kindern und ihren Müttern gegenüber. „Jetzt gehen Sie doch endlich weiter“, obwohl ich meinem Kind im Kinderwagen den Schnuller geben und es beruhigen mußte. Ist aber natürlich meine Schuld, wenn der Gehweg so eng ist. Das ist so unfassbar respektlos den Bedürfnissen von Kindern, meiner Person gegenüber – dass mir außer Sprachlosikeit oder Rumpöbeln in den Momenten spontan nichts mehr eingefallen ist…

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Dana Schmich 17. Juni 2015 - 08:35

Wunderbar, einfühlsam und an unser Verständnis für einander appelliert!

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