Fehlgeburt, Abort, Abbruch

Fehlgeburt aus Vätersicht

von Christian

Wenn ein Kind gehen muss, bevor es so richtig im Leben angekommen ist – es ist für die ganze Familie ein großer Schock. Doch nach dem Schock wartet ein Leben, dass es zu meistern gilt. Wenn der Schwangerschaftstest ein positives Ergebnis anzeigt, verändert sich für uns Väter rein körperlich erst mal gar nichts. Und doch verändert sich alles. Denn selbst wenn das Baby im Bauch der Partnerin anfangs weder irgendwie sichtbar noch spürbar ist, dreht das Gedankenkarussell sofort los. Die Fahrt bietet von großen Sorgen bis zu enormer Vorfreude alles. Zumindest ging es mir bei allen Kindern so.

Vor allem bei den Schwangerschaften nach dem ersten Kind waren Vorstellungen und Freude auf das neue Baby sofort schon sehr konkret. Ich habe immer darauf vertraut, dass alles gut ist und wird. Es liegt in meiner Natur, positiv gepolt durchs Leben zu gehen. In der allerersten Schwangerschaft hatte Anja Blutungen. Wir haben uns große Sorgen gemacht und dann trotzdem ans Gute geglaubt. Und es ist alles gut gegangen. Als Anja dann vor ein paar Jahren mit einem weiteren Kind schwanger war, hatte ich keine Zweifel, dass auch dieses Mal alles gut wird. Es sollte anders kommen. Vielleicht habe ich Anjas Gefühl etwas überhört, ich jedenfalls wollte optimistisch sein, trotz erneuter Blutungen mitten im Sommerurlaub. Als das Kind dann in der zwölften Woche doch plötzlich und sehr abrupt ging, da war ich noch unvorbereiteter als sie.

Jeder fünfte Vater erlebte eine Fehlgeburt

Für die Frau kommt in diesem Moment und der Zeit danach natürlich eine hohe körperliche und hormonelle Belastung hinzu. Das ist bei Vätern nicht der Fall, weshalb sie wohl schneller die Tendenz zeigen, das Thema „abzuhaken“. Doch so einfach ist das nicht. Eine Fehlgeburt hat Auswirkungen auf die gesamte Familie und vielleicht auch auf noch folgende Babyzeiten. In einer Studie las ich neulich: „Es stellte sich heraus, dass 17 Väter (8,2%) der 205 Teilnehmer an einer postpartalen Depression litten… Jeder 5. Vater hatte zuvor schon einmal ein Baby infolge von Fehlgeburt bei der Partnerin verloren.“

Jeder fünfte Vater?! Diese Zahl ließ mich nachdenklich werden. Wie ging es mir eigentlich nach der Fehlgeburt? Die Zukunft, die ich mir ausgemalt hatte, sie war weg. „Einfach“ so. Und über eine Fehlgeburt redet man nicht. Männer noch weniger als Frauen. Mir war zum Heulen zumute, aber ich „musste“ den Zusammenbruch von Anja irgendwie auffangen und abfedern. Außerdem waren da die anderen Kinder. Die hatten zwar im Urlaub zwangsläufig durch den Krankenhausbesuch im Ausland die frühe Schwangerschaft und die Probleme mitbekommen, aber noch weniger ernst genommen als wir. Ich weiß noch wie heute, wie fassungslos ihre Gesichter aussahen, als wir die beiden Mädchen am gemeinsamen Flohmarktstand stehen ließen. Eine Freundin blieb bei ihnen, während ich mit Anja ins naheliegende Klinikum fuhr. Ihr war das Blut an den Beinen heruntergelaufen.

Verlust anerkennen und thematisieren

Im Krankenhaus wurde uns bestätigt, was uns ohnehin klar war. Wir waren beide geschockt. Und es dauerte ein paar Tage, bis aus Schock die Wut und aus der die Trauer wurde. Und es hilft nichts. Man muss da durch. Muss anfangen, darüber zu reden. Mit sich und auch mit anderen. Wir haben schnell mit den Kindern gesprochen und ein Ritual für uns gefunden, so dass sich alle verabschieden konnten bei diesem Menschen, der nur einige Wochen in unseren Herzen und Gedanken bei uns war. Und ihn dorthin gehen lassen konnten, wo er jetzt ist. Wo immer das auch ist.

Ich habe als Kind in der Familie früh den Tod kennengelernt als meine Mutter ganz plötzlich starb. Das hat mich hart getroffen damals. Bis heute habe ich Probleme mit diesem Thema. Mir persönlich hat nach der Fehlgeburt unseres Babys geholfen, den Verlust anzuerkennen und ihn zu thematisieren. Erst gemeinsam mit Anja, dann mit anderen. Und als ich darüber redete, stellte ich fest, dass tatsächlich auch in meinem Freundeskreis andere Väter betroffen sind. Aber auch sie nie so wirklich darüber geredet hatten.

Der offensive und offene Umgang hat mir geholfen. Er hat uns geholfen. Diese große persönliche Krise zerstörte am Ende nicht meine Beziehung, sondern hat sie intensiviert. Das klingt manchmal in meinen Ohren fast gemein, aber es ist so. Diese Erfahrung hat uns gelehrt, das Leben deutlicher zu sehen und noch dankbarer zu sein. Für dieses eine Leben, das wir alle haben. Wir waren zusätzlich bei einer Trauerbegleiterin, die auch Raum für meine Gedanken als Vater hatte. Das war wichtig, aber gerettet hat mich, dass meine Partnerin mit mir geredet hat und ich mit ihr. Das war der Anfang vom Leben nach dem Tag, an dem mein Baby noch im Bauch starb.

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10 Kommentare

Mischa 2. Oktober 2020 - 20:47

Gehe in Liebe mein Sternenkind.
Auch ich bin betroffen Grüße Mischa

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Laura 26. April 2018 - 11:16

Hallo Christian, kannst du mir sagen, welches Ritual ihr mit den Kindern hattet? Und wo ich Anregungen dazu finde? Wir wollen beerdigen und vielleicht einen Obstbaum darauf pflanzen, haben aber noch keinen eigenen Garten und deshalb kann sich das auf ein langes Stück in die Zukunft verzögern – für Kinder zu lange.
Danke!

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Anja 26. April 2018 - 14:12

Liebe Laura,

ich (Anja) antworte an der Stelle mal 🙂 Vielleicht könntet Ihr an einem Ort der Euch etwas bedeutet, einen Luftballon in den Himmel steigen lassen und so symbolisch Abschied von Eurem Sternenkind nehmen. Je nach Alter der Kinder, kannst Du sie auch selbst fragen, ob sie eine schöne Idee haben. Vielleicht möchten sie einen Stein bemalen oder ein kleines Boot mit Wünschen für Euer Sternenkind auf einem Fluß auf die Reise schicken. Manche Familien gestalten auch im eigenen Haus gemeinsam einen kleinen Erinnerungsplatz für das Baby. Es gibt auch ein sehr schönes Buch zu dem Thema, dass man gemeinsam lesen kann „Vergebliches Warten“: https://amzn.to/2HtuKUF
Vielleicht passt davon ja die eine oder andere Idee.

Alles Gute für Euch und liebe Grüße, Anja

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Kulleraugen 8. Januar 2018 - 15:27

Ja es ist schwer zu verstehen wir haben gesagt wir wollen ein Kind, Sie hatten aber nicht bemerkt das Sie Schwanger war. Wir hatten uns vorher Zerstritten. Eine Woche Später hatte ich erfahren das Sie ins Krankenhaus kam und es Wurde entfernt. Ich durfte einmal ins Krankenhaus kommen Weihnachten hatten wir uns nochmal gesehen. Sylvester wusste Sie nicht ob Sie mich sehen will heute hat Sie Geburtstag wir stehen Kurz vor der Trennung und jetzt will Sie Reden 9 Wochen war ich mit meiner Situation alleine Wusste nichts von Ihr . Ich habe dass Gespräch auf unbestimmte Zeit in die Zukunft verschoben ich weiß nicht ob ich noch Reden will ich habe kaum Kraft kann aber den Abstand von Ihr verstehen ich habe Sie aus Liebe gehen lassen wollen jetzt Frage ich mich was kann ich Richtig machen und was falsch. Ich habe momentan nicht das Bedürfnis Sie zu sehen eigentlich habe ich Angst vor dem Gespräch.

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Christian 8. Januar 2018 - 21:52

Tut mir leid, das zu hören, klingt wirklich schlimm. Ich kann euch nur raten, gemeinsam professionelle Hilfe zu suchen, vielleicht als Anfang bei einer Familienberatungsstelle in eurer Nähe. Ich hoffe, ihr schafft es, wieder zueinander zu kommen, wenn ihr das beide wollt. Alles Gute, Christian.

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Kulleraugen 9. Januar 2018 - 16:55

Danke Christian für diese Worte aber Sie hat jetzt mit Ihren Freundienen und Familie die Sache in Angriff genommen aber auch hier ohne mich Sie sagt Sie sucht die Schuld nicht nur bei mir. Ich will Sie nicht verlieren Sie möchte das auch nicht aber Sie will auch alleine Sein.
Ich habe gesagt ich Akzeptire das auch erst mal aber Ehrlich gesagt bin ich verzweifelt Sie sagt das es noch lange dauern kann bis wir ein Gespräch führen können was macht man da außer Warten wird mir nichts Übrig bleiben. Das ist eine neue Lebenserfahrung die ganz schön Schmerzt und im März werden es Sieben Jahre pder auch nicht.

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Jana 3. Januar 2018 - 01:24

Danke, Christian, für diesen wichtigen Beitrag. Ich habe auch gemerkt wie sehr dieses Thema tabuisiert wird. Und der Part des Vaters hat meist gar keinen Raum

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Kulleraugen 9. Januar 2018 - 16:56

Danke Christian für diese Worte aber Sie hat jetzt mit Ihren Freundienen und Familie die Sache in Angriff genommen aber auch hier ohne mich Sie sagt Sie sucht die Schuld nicht nur bei mir. Ich will Sie nicht verlieren Sie möchte das auch nicht aber Sie will auch alleine Sein.
Ich habe gesagt ich Akzeptire das auch erst mal aber Ehrlich gesagt bin ich verzweifelt Sie sagt das es noch lange dauern kann bis wir ein Gespräch führen können was macht man da außer Warten wird mir nichts Übrig bleiben. Das ist eine neue Lebenserfahrung die ganz schön Schmerzt und im März werden es Sieben Jahre oder auch nicht.

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Julia 16. September 2017 - 07:41

Lieber Christian, danke für diesen tollen Beitrag. Und wie wichtig er ist. Es ist wirklich enorm wie wenig über Verluste bei uns gesprochen wird.
Julia

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JmH 16. September 2017 - 07:40

Lieber Christian, danke für diesen tollen Beitrag. Und wie wichtig er ist. Es ist wirklich enorm wie wenig über Verluste bei uns gesprochen wird.
Julia

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