Schweiz, Stillen, ohne Elternzeit

Keine Elternzeit und trotzdem Stillen

von Christian

Dies ist der 26. Beitrag in unserer Reihe „Stillen ist bunt“ (alle weiteren findet ihr gesammelt hier), in dem Nina aus Rombach im Kanton Aargau in der Schweiz ihre Stillgeschichte erzählt.

Die 41-jährige Tiermedizinerin hat zunächst im Bereich Pferdemedizin in Deutschland gearbeitet. Seit 2012 ist sie im Außendienst in Beratung und Verkauf für eine Schweizer Firma tätig, die Praxisbedarf für Veterinäre liefert. Mit ihrem Mann Ilja und ihren beiden Kindern Zachari (geb. 2015) und der kleinen Iva (geb. im Juli 2018) genießt sie die wenige Freizeit gemeinsam mit ihrem dritten vierbeinigen „Kind“ Kitscho in der Natur. Und sie geht gerne zum Yoga, wenn sie es schafft.

Nina hat bei uns auch ihre Geschichte darüber geteilt, wie es ist, Mutter zu werden und zu diesem Zeitpunkt bereits über 40 Jahre alt zu sein.

Stillen war allgegenwärtig in der Familie

Was hast du vor deiner Schwangerschaft über das Stillen gedacht bzw. welche Erfahrungen mit dem Thema gemacht?
Stillen war für mich von klein auf etwas Selbstverständliches. Obwohl ich selbst wohl nur kurz gestillt wurde und meine Mutter mit mir nur wenig über das Thema gesprochen hat, wurden doch alle meine zahlreichen Cousins und Cousinen gestillt, ebenso wie die fünf Kinder meines Bruders. Stillen war also allgegenwärtig in der Familie. Es erschien mir daher immer vollkommen normal. Von meiner Schwägerin hatte ich auch schon mal über das ein oder andere „Stillproblem“ gehört. Sie hatte beim ersten Kind wahnsinnige Probleme mit wunden Brustwarzen und hat auch erst nur mit Stillhütchen gestillt. Es war für sie dann ein Riesenkampf, von diesen wieder weg zu kommen.

Wie hast du dich vor der Geburt über das Thema informiert? Gab es Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf die vor euch liegende Stillzeit?
Vor der Geburt meines Sohn hatte ich noch ein, zwei Bücher zum Thema Stillen (z.B. Ina May’s Guide to Breastfeeding) gelesen. Vor allem aber hatte ich schon einige Jahre zuvor begonnen, mich sehr intensiv in das Thema Geburt und Geburtshilfe einzulesen. So war für mich vor allem klar, dass ich mir für mich und meine Kinder eine Hausgeburt wünsche. Das hat auch beide Mal super geklappt. Ich hatte zwei wunderschöne Geburtserlebnisse begleitet von wunderbaren Hebammen. Einziger Wermutstropfen bei der zweiten Geburt war, dass ich wegen einer Teilretention der Plazenta dann doch noch notfallmäßig ins Krankenhaus musste.

Wie verlief der Stillstart und wie ging es dir und Deinem Baby dabei? Welchen Einfluss hatte die Geburt auf eure ersten Stillmomente?
Für mich hatten beide Kinder mit den Hausgeburten die optimalen Bedingungen für einen guten Stillstart. Und doch ist es sehr interessant, wie unterschiedlich dieser bei beiden dann doch war.

Brustwarzen innerhalb der ersten Stunden wund genuckelt

Bei meinem Sohn verlief der Start doch deutlich anstrengender für alle Beteiligten. Denn das Stillen war, abgesehen davon, dass natürlich die Brustwarzen innerhalb der ersten Stunden wund genuckelt waren, in der ersten Woche vor allem Teamarbeit. Er hatte überhaupt keine Geduld richtig anzudocken und so lange zu saugen, bis der Milchspendereflex einsetzte. Er drehte sich nach zwei, drei Zügen immer wutentbrannt von der Brust und es dauerte ewig, bis man ihn wieder soweit hatte, neu anzusetzen.

Durch Zufall – unsere Hebamme hatte uns Bachblüten-SOS-Tropfen gegeben – haben wir dann festgestellt, dass wir ihn motivieren können, wenn Ilja ihm von oben mit der Pipette abgekochtes Wasser in den Mund träufelt, wenn er denn mal wieder frustriert war. Ich glaube, wir haben damals ein unglaublich komisches Bild abgegeben.

Iva wiederum hatte zum Glück nichts Besseres zu tun, als direkt nach der Geburt ordentlich an beiden Brüsten anzudocken, als hätte sie nie etwas anderes getan. Das war in sofern super, als dass sie dann die Zeit, bis ich wieder aus dem OP war, gut überstanden hat und ich danach gleich weiter stillen konnte. Wunde Brustwarzen hatte ich mit ihr auch nie.

In meiner Wochenbetthöhle verwöhnt

Wie lief das Stillen im Wochenbett? Hattest du in dieser Zeit Unterstützung?
Die größte Unterstützung, neben meiner Hebamme natürlich, war mein Mann, der mich wirklich beide Male in meiner Wochenbetthöhle verwöhnt hat. Nach der Geburt von Iva war das auch einfach zwingend nötig, da ich nach dem doch recht hohen Blutverlust einfach kreislauf-mäßig gar nicht in der Lage war, viel ausserhalb des Bettes zu tun. In der ersten Woche musste ich mich allein zum Zähne-Putzen schon hinsetzen, um nicht umzukippen.

Bei Zachari hatten wir zwar ein wunderbar langes „Wochenbett“ zu dritt, da Ilja gerade Jobs gewechselt hatte und sich sogar zwei Monate frei nehmen konnte (hier in der Schweiz ist man ja leider von Elternzeit noch weit entfernt). Aber es war doch geprägt von mehr Problemen und Sorgen als bei Iva.

Zunächst verlor er nach anfänglicher Zunahme nochmals an Gewicht, also stand immer die Frage nach genügend Milch im Raum. Und dann bekam ich noch ein Raynaud-Syndrom in den Brustwarzen, was super schmerzhaft beim Anlegen war. Bei Iva habe ich dem Raynaud-Syndrom gleich vorbeugen können, indem ich schon in der Schwangerschaft Magnesium genommen habe. Und bei ihr hatte ich auch nie Probleme mit der Milchmenge. Sie ist jetzt mit drei Monaten ein richtig speckiges Baby, so wie man sich das immer vorstellt.

Stillen, pumpen und Brei

Wer war bei Fragen oder Problemen in der Stillzeit für Dich da? Wer oder was hat Dir besonders gut bei etwaigen Schwierigkeiten geholfen?
Bei allen Probleme mit den Kleinen oder was das Stillen anging, war das ganz klar meine Hebamme, die wirklich rund um die Uhr für mich erreichbar war. An dieser Stelle nochmal ein Dankeschön von Herzen an sie und an alle Hebammen dieser Welt. Ich bewundere echt, was ihr da leistet.

Wie verlief der Beikostbeginn? Welche Erwartungen gab es? Und wie hat sich das Stillen in dieser Zeit verändert?
Der Beikostbeginn verlief leider gezwungenermaßen klassisch mit Breifütterung ab dem 6. Monat. Ich hätte eigentlich sehr gerne Baby-led weaning mit Zachari gemacht, aber da ich schon nach 14. Wochen wieder arbeiten musste und das Problem hatte, dass ich mit Abpumpen nicht ausreichend Muttermilch zusammen bekam, wie er in der Zeit trank. Er wollte leider alternativ auch keinerlei Pre-Nahrung nehmen. Also war ich heilfroh, als er mir zumindest mit Breimahlzeiten ein wenig vom „Leistungsdruck“ an der Pumpe nahm. Bis dahin war ich gezwungen, auch an meinen freien Tagen an der einen Brust zu stillen und zeitgleich an der anderen zu pumpen, um irgendwie auf die entsprechende Menge Milch zu kommen. Leider ist unser Sohn bisher kein besonders experimentierfreudiger Esser geworden. Ob das jetzt am klassischen Beikostbeginn lag, sei mal dahin gestellt.

Sehr zum Entsetzen unseres Kinderarztes

Wie verlief der Abstillprozess bzw. welche Wünsche oder Vorstellungen hast du in Bezug auf diese Zeit?
Das Abstillen erfolgte bei uns schlagartig wirklich von einem Tag auf den anderen. Nachdem er mich mit elf Monaten drei Tage in Folge so dermaßen fest in die Brust gebissen hatte, habe ich mich schlicht nicht mehr getraut, weiter zu stillen. Da er ja aber keine Kunstmilch egal welcher Sorte nehmen wollte, habe ich es dann einfach mit etwas verdünnter Vollmilch probiert. Sehr zum Entsetzen unseres Kinderarztes. Aber die hat er wenigstens sofort akzeptiert und meine Brüste haben das plötzliche Abstillen auch besser vertragen als erwartet.

Für mich war es aber trotz des abrupten Endes eine sehr schöne Stillbeziehung und ich war am Ende stolz auf mich, dass ich tatsächlich elf Monate durchgehalten habe. Sechs Monate hatte ich mir als Minimum gewünscht, stillen zu können.

Was war oder ist das Schönste für dich am Stillen?
Die innige Verbundenheit, die ich dabei mit meinem Kind empfinde. Jetzt mit Iva habe ich sogar manchmal das Gefühl, ganz high vom Oxytocin dabei zu werden.

Was war am schwersten oder belastendsten für dich in der Stillzeit?
In der Zeit mit Zachari sicherlich der „Leistungsdruck“ und die ewige Frage, ob ich mein Kind tatsächlich ausreichend ernähren kann. Mit Iva fühle ich mich dagegen bis jetzt gänzlich unbelastet.

Mit Kind arbeiten

Was würdest du in einer weiteren Stillzeit anders machen? Was ist deine wichtigste Erkenntnis in Bezug auf das Stillen, die du anderen Müttern weitergeben würdest?
Das erste, was ich in dieser Stillzeit geändert habe: Ich habe mit meinem – neuen- Arbeitgeber vereinbart, dass ich erst nach sechs Monaten voll in den Außendienst zurück kehre und Iva damit „erst“ mit fünfeinhalb statt wie Zachari mit dreieinhalb Monaten in die Kita geben muss. Und vielleicht klappt es ja dann diesmal auch mit dem Baby-led weaning. Auf jeden Fall bin ich jetzt schon dabei, mir ein Muttermilchdepot im Tiefkühler anzulegen. Das hatte ich bei Zachari nämlich versäumt.

Wenn ich mir die Stillgeschichten im Kollegen- und Bekanntenkreis hier in der Schweiz anhöre, ist die Quintessenz bei sicherlich jeder zweiten, dass sie nicht lange gestillt haben, weil sie zu wenig Milch hatten. Wenn man sich eben die Bedingungen ansieht, unter denen man hier die Möglichkeit hat, mit Kind zu arbeiten, mag das auch nicht sehr verwundern, dass da viele unter Druck kommen. Aber selbst bei vielen, die sich entscheiden, aus dem Job auszusteigen und zu Hause zu bleiben, klappt es oftmals nicht. Da frage ich mich immer, wieso habt ihr euch nicht Hilfe geholt?

Jeder Mutter, sei es nun hier oder aber auch in Deutschland, kann ich daher nur raten, sich zum einen über alle möglichen Optionen für ein gutes Geburtserlebnis zu informieren. Und sich im Zweifel eine gute Hebamme und/oder Stillberaterin zu suchen, die einen bei Problemen unterstützt. Letzteres wird ja in Deutschland leider immer schwieriger, aber es lohnt sich auf jeden Fall durchzuhalten und auch mal „Durststrecken“ zu überstehen.

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