Lauf, Mama, lauf!

von Anja

Morgens bei meiner kleinen Laufrunde im Park beobachte ich allerlei absurde Alltagssituationen. Da gibt es Hundebesitzer, die mit ihren Vierbeinern längere Diskussionen führen als ich mit unserer Sechsjährigen – und deren Hunde am Ende auch nicht darauf hören. Es gibt die Sportler, die von ihrem Personal Coach bei eher kläglich aussehenden Liegestütze begeistert angefeuert werden. Und es gibt auch die Eltern, die versuchen, wie auch wir einst Baby und Sport zu kombinieren, in dem sie mit dem Kinderwagen durch den Park rennen.

Gestern morgen sah ich eine Mutter, die ihre Laufrunde unterbrach, um ihr weinendes Baby aus dem Wagen zu nehmen und es im Stehen zu stillen. Als ob das nicht schon Herausforderung genug wäre, begann sie dabei auch noch auf der Stelle zu traben, so wie das viele Jogger machen, wenn sie an der Ampel warten müssen. Es war schon ein merkwürdiges Bild – diese im auf der Stelle im Dauerlauf stillende Mutter. Mein erster Gedanke war: „Wie bekloppt ist das denn…“ – allerdings ist das Ganze wahrscheinlich wesentlich weniger lustig als es aussah. Denn irgendwie steht diese Situation doch exemplarisch für den Dauerdruck, unter dem viele Eltern heute stehen. Es ist diese Idee, alles mit dem Babyalltag vereinbaren zu müssen und zu können – und dabei am Ende doch immer wieder kläglich zu scheitern.

Auf alles vorbereitet – nur nicht auf die Realität

Eltern heute sind auf vieles vorbereitet, nur nicht auf die Realität, wie ich immer wieder in meinem Arbeitsleben feststelle. Momentan beschäftigt mich dieses Thema aber auch etwas intensiver, da ich dazu am Samstag einen Vortrag auf einer Stillfachtagung halten werde. Auch für Fachpersonal ist es immer wieder ein Balanceakt, Eltern gut vorzubereiten, ohne gleichzeitig Ängste zu schüren. Doch wie sinnvoll ist eine Geburtsvorbereitung noch, die den Schwerpunkt auf die Stärkung der eigenen Kraft zum Gebären legt – wenn doch gerade mal noch acht Prozent aller Geburten interventionsfrei ablaufen oder fast ein Drittel in einem Kaiserschnitt endet?

Kann man den Frauen überhaupt noch die Wichtigkeit des Wochenbettes vermitteln, wenn der Partner nach zwei Wochen spätestens wieder arbeiten geht, die Großeltern ewig weit weg wohnen und somit die Mutter recht schnell wieder alleine im Babyalltag da steht? Müssten werdende Mütter nicht eigentlich auch viel mehr auf wahrscheinliche Stillprobleme vorbereitet werden, weil in der Klinik nicht genug Personal da ist, um ausreichend bei kleinen und meist leicht zu behebenden Anfangsschwierigkeiten zu unterstützen? Und die Väter? Soll man weiter so deutlich betonen, wie wichtig ihre „Nestbeschützerrolle“ gerade in der sensiblen ersten Anfangszeit ist? Wahrscheinlich wird es das schlechte Gewissen vergrößern, wenn sie recht bald wieder für den Brotjob das Nest verlassen. Eltern sollen natürlich guter Hoffnung sein und das nicht nur in Bezug auf die Schwangerschaft, sondern auch auf die Geburt und vor allem die Zeit danach.

Dafür muss man ihnen wahrscheinlich noch viel ehrlicher sagen, was für Auswirkungen ganz banale Alltagsdinge haben können. Sei es zu viel Besuch im Wochenbett, der den schmerzhaften Milchstau nach sich zieht, oder sei es die Tatsache, dass zum Beispiel ein Umzug in ein anderes Lebensumfeld in dieser Zeit das Risiko für eine postpartale Depression verstärken kann.

Beziehungsstatus: es ist kompliziert

Die Phase, in der wir heute Eltern werden, wird nicht umsonst als „Rushhour des Lebens“ bezeichnet. Deshalb hoffen nicht wenige Eltern auf ein „pflegeleichtes“ Baby, das sich in diesen vollgepackten Alltag einfügt. Aber ich bin weder als Mutter noch als Hebamme diesem vermeintlichen Idealmodell jemals begegnet.

Jedes Baby hat doch recht ähnliche Bedürfnisse und die erfordern immer Aufmerksamkeit und Zeit von den Eltern. Zeit, die nicht mehr für Beruf, Freizeit, Hausbau oder auch für Sport zur Verfügung steht. Dazu kommt die Tatsache, dass der Nachtschlaf erst mal für eine gewisse Zeit qualitativ und quantitativ schlechter sein wird. Aus einer Zweierbeziehung wird mindestens eine Dreierbeziehung und das ist nicht unbedingt einfach. Oder wie es so schön bei Facebook heißt „Beziehungsstatus: Es ist kompliziert“. Und das ist es nicht nur gefühlt. 40 Prozent der Trennungen von Paaren mit minderjährigen Kindern finden bereits im ersten Jahr nach der Geburt statt.

Was also tun? Werdenden Eltern die Wahrheit ungefiltert vor den Kopf knallen? Die Schwangerschaft wirkt allerdings oft wie ein Filter, der wenig vermeintlich Negatives durchlässt. Ich behaupte mal, die Eltern in meinen Geburtsvorbereitungskursen schon recht realistisch auf den Babyalltag vorzubereiten. Trotzdem sind 75 Prozent des Gesagten bereits im Wochenbett wieder vergessen. Deshalb ist es dann so wichtig, die Eltern auch weiter zu begleiten und ihnen immer wieder klar zu machen, dass dies alles normal ist und alle zumindest temporär Abstriche in anderen Lebensbereichen machen müssen. Ansonsten steuert man schnell in eine Spirale aus Erschöpfung und Frustration mit allen Konsequenzen hinein.

Alltagsentschleunigung

Doch gerade heute, wo wir scheinbar alles auf einmal machen können, fällt es uns zunehmend schwerer, uns mal wirklich und ganz auf andere Menschen oder Situationen einzulassen. Schon im Kreißsaal kommt das erste Smartphone-Foto in die Facebook-Timeline, noch vor dem ersten Stillen. Vereinbarkeit ist ja das neue Trendwort in Elternkreisen, meist bezogen auf Kind und Karriere, aber ebenso exemplarisch für alle anderen Lebensbereiche, in die Kinder möglichst gut integriert werden sollen. Nur, dass Kinder das nicht immer unbedingt so mitmachen. Und das ist letztendlich gut so, weil sie uns dadurch immer wieder daran erinnern, was wirklich wichtig ist. Sie können unseren vollgepackten Alltag einfach mal ein bisschen entschleunigen. Den meisten Menschen tut das gut – egal ob sie Kinder haben oder nicht….

Jedes Ding im Leben hat seine Zeit – die Herausforderung ist, sich darauf einzulassen. So gibt es halt Zeiten zum Stillen und irgendwann auch wieder Zeiten zum Joggen. Bei unserer mittlerweile doch recht hohen Lebenserwartung in Deutschland können wir es uns eigentlich auch gut leisten, für die kurze Zeitspanne, in der wir so kleine und bedürftige Kinder haben, manch andere Dinge mal etwas mehr zu vernachlässigen.

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10 Kommentare

Glueckskeks 25. April 2016 - 22:05

Ach, wie wahr. Ich stelle mittlerweile fest, dass wir sehr unvorbereitet waren was den Alltag mit Baby betrifft. Seitdem wir gemerkt haben, wieviel Zeit uns all die DINGE um uns herum kosten, misten wir die Wohnung rigoros aus! So haben wir viel mehr Zeit für unsere Beziehungen und die Familie. Uns hilft das jetzt schon sehr.

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Kerstin 18. September 2015 - 19:40

Hallo,
der Artikel hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich selbst versuche auch, alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, mein Kind im Stehen zu stillen. Andererseits spiegelt dieses Bild tatsächlich den Dauerdruck wider, dem man als Eltern von Anfang an ausgesetzt ist.

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Tine 3. August 2014 - 15:53

Ich bin zufällig auf deinen Blog gestoßen, der mir gut gefällt. Ein schöner Artikel, der aber auch nachdenklich stimmt.

Ich selbst biete Laufmamalauf-Kurse in Zehlendorf an, und würde eine Mutter während des Stillens weitertraben, wäre es mir ein dringendes Bedürfnis, sie zu entschleunigen, denn alles hat seine Zeit und das Stillen ist etwas, was besonders aufmerksame Zeit erhalten darf.

Liebe Grüße
Tine

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Ulrike 2. Juli 2014 - 05:23

Ich hab trotz Schreibaby viel schaffen müssen – muss es im Grunde heute immer noch. Wie du schreibst: Mann arbeitet, Großeltern sind nicht verfügbar, Freunde arbeiten oder man ist nicht soooo „dicke“ dass man um sowas intimes wie Hilfe bitten würde. Das verdiente Geld hilft das Groebste „outsourcen“ zu können (so musste ich beim kürzlich quasi allein organisierten Umzug zumindest nicht die Kisten selber schleppen) und ich kenne tausend Tricks zur Vereinbarkeit von Baby/Kind und was-weiß-ich-nicht-alles aber manchmal beneide ich Menschen die einfach nur Mutter sein dürfen. Vielleicht klappt es beim zweiten Kind…

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Tanja 28. Juni 2014 - 14:18

Ich bin gerade im Wochenbett mit meiner 6 Tage jungen Tochter. Sie ist unser 2. Kind. Ich bin unglaublich froh, dass ich bereits eine Ahnung davon hatte, wie die ersten Tage mit einem Neugeborenen sind (wunderschön und extrem anstrengend).

Obwohl wir eine unkomplizierte Hausgeburt hatten (wie schon mit Kind 1), bin ich total erschöpft, Baby-bluesig und brauche sehr viel Ruhe.

Gelernt aus dem ersten Wochenbett habe ich, dass ich erst dann Besuch möchte, wenn’s mir wirklich besser geht. Trotz aller Freude am Kind, dass man ja am liebsten gleich der ganzen Welt zeigen möchte.

Die grosse Herausforderung liegt bei uns in der Betreuung des grossen Kindes, das natürlich sehr viel mehr Aufmerksamkeit einfordert als sonst. Der Mann ist oft überfordert und gereizt, kennt er doch sonst viele Auszeiten im Alltag, die nun einfach ausfallen.

Was ich mir vornehme für die kommende Zeit, ist, alles mit viel Ruhe anzugehen. Gut zu mir selbst zu schauen, so weit das eben möglich ist.

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jungeMama 28. Juni 2014 - 08:17

Liebe Anja, nichts, was meine Hebamme oder irgendjemand sonst mir vor oder in der Schwangerschaft erzählt hatte, hat auch nur den kleinsten Eindruck auf mich gemacht. Die rosa Brille war einfach da. Und ist es bei vielen (nicht bei allen!). Mein Problem lag genau bei FrauB.’s Satz “Man kann mit Baby/Kind nicht mehr dasselbe Leben wie vorher haben!“ Doch dahin versuchen einen viele zu drängen. Auch die Medien mit ihren “Plänen“, wie man das Kind möglichst schnell in das alte Leben integriert, statt sich ein neues zu schaffen, in das die neue Familie sich gemeinsam integriert. Schnell durchschlafen, Beikost (am besten kann das Kind mit 6 Monaten allein sitzen und essen), mit 1 allein auf’s Klo gehen und die Manieren sitzen mit 2 spätestens!
“Du musst doch mal wieder…“ Nein! Wenn ich MÖCHTE, dann überlege ich mir, wie es wieder möglich sein kann. Aber was für xy gut ist, ist für mich inzwischen unwichtig geworden. Oder andersrum. Es fehlt so sehr an Toleranz für MEHRERE gute Möglichkeiten, dass ich immer wieder schreien möchte! Warum beharren so viele Leute und Eltern auf ihrem einen “richtigen“ Weg?
Einer Freundin, die bald entbindet, habe ich keine schlauen Supertipps mehr mit auf den Weg gegeben, nachdem sie mich danach fragte, außer: “egal, was kommt, versuch immer auf dein Bauchgefühl zu hören! Nur DAS sagt dir, was für EUCH das richtige ist.“ Vllt erinnert sie sich dran, wenn sie mal unsicher ist oder verzweifelt. Mir hat dieser Satz gefehlt. Und als er dann kam, hat er sooo viel erleichtert!…

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Saskia 28. Juni 2014 - 03:00

Ich denke, (auch) der mediale Druck ist groß, perfekt zu funktionieren. Die „Jacobs-Krönung-Mentalität“ (wer erinnert sich an den Werbespot aus den frühen 90ern,in dem eine Blondine 24 Stunden frisch frisiert und ausgeruht durch den Tag sprang?) wird als Ideal propagiert, wer „nur“ Hausfrau und Mutter sein möchte, macht „nichts“ aus seinem Leben, am besten gründet man noch im Wochenbett ein Start-up und/oder reist mit dem Tragling per Fahrrad durch den Sudan … ach ja und auszusehen „wie Mutti“ geht natürlich auch nicht. Es gibt ja Drei-Wetter-Taft und lustige Mama-Websites mit Tipps, welcher Style zu welchem Tragetuch ein „Must-have“ ist.

Ich habe lange Monate gebraucht zu verstehen, dass mit einem Baby vieles nicht mehr möglich ist, bin auch in High-Heels und mit Säugling im Gepäck ins Fitnessstudio gefahren, „Outdoor-Power“ mit Kinderwagen (… mein Baby wolle an jeder Sit-up Station aussteigen und sich Steine in die Nase stopfen) …. nein, ich habe mich nicht hängen gelassen und sehe aus wie bei „Frauentausch“ , aber ich habe gewisse Anforderungen und Ansprüche doch reduziert …. und ja, es erleichtert und wie eine Kommentatorin schon so schön bemerkte: Alles hat seine Zeit.

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Maria 27. Juni 2014 - 17:37

Ein Umzug am Ende der Schwangerschaft von Hamburg zurück nach Berlin führte für mich zu einer großen…Erleichterung! Wenn es dazu führt, dass alle zufriedener sind, ist das sicher nicht verkehrt. Verkehrt fand ich vor allem, dass uns in Vorbereitungskursen etc. immer Respekt vor dem Wochenbett und der allerersten Zeit mit Baby „eingetrichtert“ wurde. Dass Mann und Frau in diesen ersten Wochen jedoch hormongeladen viele Anpassungen doch gut wegstecken und sich ein Schlafmangel bzw die damit verbundenen Schwierigkeiten/Symptome/Sorgen/Depressionen mitunter erst nach Wochen einstellen, davon waren wir letztlich schon sehr überrascht und ich finde, dass dies viel zu wenig beleuchtet wird. Du hattest ja schon erwähnt, dass postpartale Depressionen im gesamten ersten Jahr ihren Anfang nehmen können – und ich in meinem Fall glaube, dass die große Fokussierung aufs Wochenbett (und das Schweigen über blank liegende Nerven nach wochenlangem Schreien und Schlafmangel) nicht ganz unbeteiligt waren. Alles Gute für deinen Vortrag!

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Magda 27. Juni 2014 - 10:13

Du hast so Recht, diese besondere Zeit braucht und verdient Schutz. Das sollte noch viel selbstverständlicher sein und im Zweifel ganz wehement eingefordert und verteidigt werden.
Mit kleinem Baby oder Kind will ich nicht müssen müssen! ABER ich muss wollen dürfen 😉

Ich habe zu Uni-Zeiten Referate gehalten mit mini Baby im Arm, nur von einem Babykopf verdeckter raushängender Brust (das muss die aufgeklärte Welt mal aushalten) und der Fernbedienung für die Powerpoint-Präsentation in der anderen Hand.
Weil das genau das ist was ich sein will (und sein muss, damit es mir mit meiner Mama-Rolle gut geht). Die Art von Mama, die ihr kleines Baby 24/7 am Körper kleben hat – dauerstillend. Andererseits brauche geistige Bewegung, Input und Austausch genauso wie die Luft zum Atmen. Das hat mein Wochenbett und Babyjahr erst perfekt gemacht. (Theoretisch )jederzeit abbrechen zu können, Baby einpacken und nach Hause gehen. Aber so lange ich wollte 100% Mama sein und trotzdem was ganz ganz Anderes zu machen. Ohne Baby hätte ich nicht in die Uni gewollt – aber ohne in die Uni gehen zu können,wäre auch die Babyzeit nicht so erfüllend gewesen.

Vielleicht braucht die stillende Joggerin auch einfach beides um sich als Person ganz zu fühlen: Ihr Baby ganz nah UND die sportliche Leistung.
Macht sie ihren Sport um einem Ideal nach zu rennen oder weil sie sich genötigt fühlt, ist das fatal und ein trauriges Ergebnis von schneller-höher-weiter.
Passiert das gleiche aus ihrem Bedürfnis heraus und ihrer Weigerung mit dem Eintritt ins Muttersein ihr bisheriges Selbst zu opfern – ist das Bild der stillenden Joggerin eine schöne Entgegnung dauf das Vorurteil Babys zu haben sei so kompliziert, aufwändig und aufreibend.
Ja oft! Aber manchmal ist Baby-Haben auch ganz einfach nur bereichernd ohne einen von seinen anderen Träumen, Zielen und Wünschen abzuhalten.

Mein Referat war übrigens „sehr gut“ – die Prüfung einige Zeit später hab ich dann sausen lassen – zu Gunsten eines Frühstücks im Bett!

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Frau B. 27. Juni 2014 - 10:09

In der Bibel steht: „Ein jegliches hat seine Zeit.“ Damit ist alles erklärt. Als Mutter eines Neugeborenen kann man nicht das selbe! Leben wie vorher haben. Leider fehlt vielen diese banale Erkenntnis. DAS ist das heutige gesellschaftliche Problem. Übrigens durfte ich diese Lektion beim ersten Kind auch lernen. Beim zweiten half diese Erfahrung.

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