Wochenbettdepression, traurige Mama

Wochenbettdepression – traurig mitten im Glück

von Anja

Es ist meist erst mal das Gefühl, hier stimmt etwas nicht, was einen als Hebamme überkommt. Die Wöchnerin ist über das normale Maß hinaus müde und erschöpft. Der Umgang mit dem Kind wirkt leicht statisch, latent aggressiv oder einfach extrem unsicher. Vielleicht nimmt man diese Mutter auch als sehr anstrengende Patientin wahr. Einfach weil sie neben den engmaschigen Hausbesuchen noch mehrmals täglich anruft und für alles die Bestätigung der Hebamme braucht. Manchmal äußern auch die Väter, dass „etwas mit ihrer Frau nicht stimmt“.

Und dann muss man den richtigen Moment erwischen, um die Mutter mit dem Verdacht zu konfrontieren, dass sich bei ihr eine postpartale Depression entwickelt hat. Obwohl mittlerweile längst bekannt ist, dass mit zehn bis 15 Prozent nicht wenige Mütter von dieser Erkrankung betroffen sind, ist es für die meisten Frauen schwer, diese Diagnose anzuerkennen und sich auf weiterführende Hilfe einzulassen. Denn die meisten Mütter erwarten von sich, dass alles läuft. Und vor allem, dass sie glücklich sind. Schließlich haben sie doch gerade ihr lang ersehntes Baby geboren. In diese an sich so glückliche Situation passt eine depressive Erkrankung einfach nicht hinein.

Wochenbettdepression ist ein Tabuthema für viele Mütter

In England füllen alle Frauen einige Zeit nach der Geburt die Edinburgh-Skala aus – einen Fragebogen, der die Stimmungslage der letzten sieben Tage erfasst. Dieser Bogen ist ein sinnvolles und einfaches Instrument, mit dem man einer Wochenbettdepression schneller auf die Spur kommt. Somit kann eine betroffene Mutter zeitnah weitere Diagnostik und Hilfe bekommen. Ich benutze diesen Bogen auch. Aber da dieser Selbsttest in Deutschland nicht routinemäßig eingesetzt wird, muss man immer erst einmal abwägen und überlegen, ob und wann man eine Mutter damit konfrontiert. Wann gehen die Heultage wirklich in Richtung Depression? Welches herabgesetzte Wohlbefinden resultiert einfach aus zu großer Erschöpfung. Was kann durch entsprechende Entlastung schnell verbessert werden?

Es ist immer ein kleiner Balanceakt, rechtzeitig zu erkennen, welche Frau akut Hilfe braucht, ohne aber gleichzeitig die Pferde scheu zu machen. Das liegt mit daran, dass die Wochenbettdepression auch heute noch für viele Mütter ein Tabuthema ist. Denn wer wird Verständnis dafür haben, dass man so traurig und antriebslos ist, obwohl man eigentlich mitten im glücklichsten Abschnitt seines Lebens steht? Darf eine Mutter überhaupt so erschöpft sein, dass sie sich nicht mehr adäquat um ihr Kind kümmern kann?

Die äußeren Umstände sagen wenig aus

Während bei einem Beinbruch jeder dafür Verständnis hat, dass man damit nicht laufen kann, sieht es bei der postpartalen Depression ein bisschen anders aus. Schließlich sieht man von außen nichts. Außer vielleicht eine Mutter, die nicht permanent glücklich aussieht und auch nicht die ganze Zeit begeistert von ihrem Baby und ihrer Mutterschaft redet, so wie es doch alle erwarten…

Ja, man darf durchaus als Mutter mal über Schlafmangel, Augenringe und Rückenschmerzen stöhnen, aber zu sagen, dass man am liebsten nicht mehr aufstehen mag oder keine richtigen Muttergefühle, ja vielleicht sogar Aggressionen dem Kind gegenüber spürt. Da sieht das mit dem Verständnis der anderen, ja sogar dem des eigenen Partners ganz anders aus. Es gibt sicher einige Faktoren, die die Entwicklung einer Wochenbettdepression begünstigen. Aber ereilen kann es jede Frau. Auch dann, wenn die Schwangerschaft und die Geburt scheinbar bilderbuchmäßig verlaufen sind. Genauso muss eine traumatische Geburt, eine psychische Vorerkrankung, eine instabile Partnerschaft oder ein Baby mit sehr hohen Bedürfnissen nicht zwingend zur postpartalen Depression führen. Deshalb müssen wir als Hebammen immer ganz genau hinschauen, weil die äußeren Umstände allein noch wenig aussagen.

Auch Väter leiden an Wochenbettdepression

Im Übrigen kommt die Wochenbettdepression auch bei bis zu acht Prozent der Väter vor. Dort ist diese meist noch schwieriger zu erkennen. Ich werde mittlerweile immer hellhörig, wenn sich Frauen im Wochenbett bei mir zu sehr über ihre Partner „beklagen“. Bei den Frauen spielen zwar auch noch die hormonellen Veränderungen eine Rolle bei der Entwicklung einer Depression. Aber die gravierende Umstellung auf ein Leben als Eltern und alle damit verbundenen Erfahrungen und zeitweiligen Überforderungen erleben Mutter und Vater gleichermaßen.

Auch wenn es im allgemeinen Wochenbettdepression heißt, sind damit depressive Erkrankungen im gesamten ersten Jahr nach der Geburt gemeint. Der Babyblues, auch Heultage genannt, tritt in den ersten Tagen nach der Geburt als kurzzeitiges postpartales Stimmungstief auf. 25 bis 50 Prozent aller Wöchnerinnen sind betroffen. Der Übergang in die Wochenbettdepression kann allerdings fließend sein.

Die Mutter-Kind-Bindung stärken und festigen

Beim Verdacht auf eine depressive Erkrankung sollte immer auch die Schilddrüsenfunktion überprüft werden. Eine Dysfunktion sorgt für ähnliche Symptome, die aber mittels einer medikamentösen Therapie gut gelindert werden können. Wenn nun aber aus dem Verdacht eine Bestätigung der Wochenbettdepression wird, ist damit der erste wichtige Schritt zur Heilung gegangen. Viele Frauen sind froh, diese Mischung aus Traurigkeit, Gereiztheit, Angst oder auch Überforderung endlich einordnen zu können. Die Depression kann auch akute körperliche Beschwerden wie Kopfweh, Magenschmerzen, Schwindel oder Schlafstörungen mit sich bringen.

Wie die Depression jetzt behandelt wird, mit psychotherapeutischen Verfahren oder auch ergänzend medikamentös, liegt im Ermessen des behandelnden Arztes in Absprache mit der erkrankten Frau. Da aber die Wochenbettdepression in einer besonders sensiblen Lebensphase stattfindet, sollte das Therapeutenteam auch darauf spezialisiert sein. Denn gleichzeitig muss die Mutter-Kind-Bindung gestärkt und gefestigt werden. Auch das unterstützt den Heilungsprozess, wenn sich die betroffene Frau als kompetente Mutter für ihr Kind erleben kann. Ein abruptes Abstillen oder gar die Trennung von Mutter und Kind sind sicher nicht der richtige Weg. Eine Ausnahme bildet die akute Selbst- und Fremdgefährdung, wie sie in den sehr seltenen Fällen einer Psychose auftreten kann.

Entlastung und Verständnis

Hier in Berlin gibt es mittlerweile viele gute Behandlungskonzepte, die zeitgleich die sichere Bindung zwischen Mutter und Kind fördern. Auch eventuell notwendige medikamentöse Therapien werden möglichst stillverträglich ausgewählt. Die Versorgungslage ist allerdings nicht überall so umfassend. Und so heißt es oft genug noch, dass sich die Mutter zeitweise von ihrem Baby trennen muss, wenn ein Klinikaufenthalt unumgänglich ist. Ein absolutes Dilemma, das nicht dazu beiträgt, dass sich die Mütter auf den Heilungsprozess konzentrieren können.

Natürlich sind auch viele Wochenbettdepressionen ambulant behandelbar. Dafür ist es aber dringend erforderlich, dass die Mütter zu Hause wirklich entlastet sind. Die Frau mit dem Beinbruch hat es da leichter in der Argumentation, warum sie zeitweilig nicht auch noch den Haushalt versorgen kann. Oft übernehmen ja die Väter in der Akutphase die primäre Versorgung des Babys. Es ist enorm wichtig, dass Dinge wie Kochen und Hausarbeit durch andere übernommen werden. Denn sonst ist auch der engagierteste Vater schnell am persönlichen Limit angekommen.

Entlastung und Verständnis sind für beide Eltern wohl das Wichtigste. Depressive Mütter sind meist ohnehin von Versagens- und Schuldgefühlen geplagt, weshalb es wichtig ist, sich mit Menschen zu umgeben, die einem gut tun. Die einem sagen, dass man eine gute Mutter ist – trotz der Depression.

„Lächelnde Depression“

Der Austausch zu anderen betroffenen Müttern ist eine wichtige Unterstützung auf dem Weg zur Heilung. Die meisten Frauen denken gerne, dass es alle anderen „besser hinkriegen“. Aber genauso unfreiwillig wie man sich ein Bein bricht, so bricht die Wochenbettdepression über eine Mutter hinein – und das manchmal auch unter scheinbar idealen äußeren Bedingungen. Die Heilung eines gebrochenen Beines dauert und ebenso ist es mit einer psychischen Erkrankung nach der Geburt.

Die ersten Schritte sind vielleicht noch wackelig und es ist oft Wut und Trauer da, warum es gerade einen selbst erwischt hat. Doch die Prognose für die Ausheilung einer Wochenbettdepression ist gut, sogar günstiger als bei anderen depressiven Erkrankungen. Ich erlebe die Frauen mit Wochenbettdepressionen als sehr motiviert, wenn es um die Umsetzung der Therapieangebote geht. Sie wollen schnell gesund werden – für sich, für ihr Kind, für ihre Familie. Deshalb ist es so wichtig, dass betroffene Frauen schnelle und passende Hilfe bekommen.

Wer sich also nach der Geburt Sorgen über seinen Gemütszustand macht, kann seine Hebamme oder eine andere vertraute Person gerne darauf ansprechen. Die postpartale Depression wird auch als „lächelnde Depression“ bezeichnet, weil die Mütter so sehr die Fassade bewahren, dass weder Partner noch Freunde oder Familie und auch manchmal die Hebamme nicht mitbekommen, wie groß das seelische Leid der Mutter tatsächlich ist. Doch je rascher eine Mutter und ihre Familie in dieser Situation Hilfe und Unterstützung erfahren, desto schneller wird sie diese Krise überwinden können und wieder gesund werden.

Hilfreiche Adressen:
Schatten und Licht | Psychische Störungen nach der Entbindung | Kaiserschnitt-Netzwerk | Berliner Krisendienst

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22 Kommentare

Nadine 8. November 2017 - 09:18

Danke für diesen Beitrag.

Es gibt wirklich so viel bei einer Schwangerschaft zu beachten.
Es ist wirklich sich während der Schwangerschaft zu informieren und beraten. Eine Mutter Kind Untersuchung ist ebenso sehr wichtig.

Habt ihr dies gemacht?

Grüße
Nadine

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Bettina 28. Juni 2016 - 12:02

Guter Artikel. Besonders weil Du schon mal die Schilddrüsenlage ansprichst. Und weil es wirklich wichtig ist Wissen darüber zu verbreiten.

Leider ist Depression schon in der Schwangerschaft ein Thema für mich, weil ich schon Depressionen hatte und ich dementsprechen vorsorgen möchte. Von meinem Psychiater kann ich nur die übliche Unterstützung erhalten: Gespräch und Tabletten. Was mich aber ziemlich traurig stimmt, denn ich weiß es geht auch anders und vor allem effektiver was Gesundung anbelangt. Wobei es anderen auch wirklich helfen kann. Aber ich bin immer dafür das Übel an der Wurzel zu packen und nicht Symptome zu übertünchen.

Diese Hilfe habe ich woanders gefunden. Vitamine und Ferritin anschauen. PLUS die Hormone (Schilddrüse, Stereoidhormone). Der Abfall der Hormone nach der Geburt verändert viel. Aber wenn die Hormone in einen Mangel abrutschen kann man Hormone zuführen!! Einer gesunden Frau rät man ja auch nicht sie soll den Östrogenspielge drücken, denn es könnte beim Stillen schaden? Ich verstehe den Arzt aus Judiths Erfarung nicht. In England wird die postnatale Depression u.a. mit Progestreron behandelt.

Nur so lange es auch Ärzte gibt, die behaupten die Depression hängt nicht mit Hormonen zusammen (O-Ton Leiter einer Tagesklinik) und das Wissen darüber nicht verbreitet wird, werden Frauen und Männer unnötig leiden.

Ich verstehe aber auch Hebammen nicht die sich mit einem guten Hb-Wert zufrieden geben auch wenn der Ferritin-Wert im Keller ist. “Wir Frauen sind dafür gemacht Kinder zu bekommen. Also klappt auch da alles.” Und nach der Geburt? Wenn der Blutverlust doch hoch war? Oder die Mutter in den ersten Lebensmonaten nicht aus den Puschen kommt?
Niemand würde einer Schwangeren sagen sie soll die SD-Hormone weglassen oder kein Insulin spritzen wenn sie es braucht und im Mangel ist.

Man sieht ich bin ziemlich gefrustet was das Thema angeht weil es so mühsam ist. Nicht nur weil die anderen es nicht verstehen oder nicht in die Seele blicken können.
Ich hoffe auf eine gute Geburt, um so wenigsten einen guten Start zu haben. Und hoffe dass es mir anschließend gut geht.

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Judith 13. April 2016 - 11:58

Danke für den Beitrag. Ein Tabuthema, leider, immer noch. Wir haben zwei Töchter. Die erste Geburt war schwierig. Die zweite ein Traum. Men Mann hat sich die ersten drei Monate Elternzeit genommen und sich um die Große gekümmert. Und ich hatte und habe das friedlichste und liebste Baby der Welt in meinen Armen. Dann haben klaustrophobe Attacken angefangen und ich fühlte mich in meiner Haut überhaupt nicht wohl. Die Postnatale Depression wurde aber erst festgestellt, als die Lütte schon 12 Wochen alt war und hier alles eskaliert ist. Zu bemerken: es war einfach “nur” ein Östrogenmangel, den ich nicht beheben könnte, weil ich nicht Abstillen wollte. Meine Gyn hat mich angeschaut, als ich verzweifelt und panisch vor ihr saß und mich als schlechte Mutter meiner GROSSEN gegenüber gefühlt habe (das gibt es nämlich auch!) und hat mich gefragt, ob ich mich ein bisschen traurig fühle. Alle Dämme sind gebrochen, sie hat mir Sicherheit geschenkt und ich habe das erste Mal seit Wochen das Gefühl gehabt, dass es Hoffnung gibt. Aber jeder, mit dem ich darüber gesprochen habe, hat gefragt, wieso ausgerechnet ich, mir müsste es doch gut gehen die Geburt war doch toll und der Mann zuhause und die Große nicht eifersüchtig…. Bei fast allen musste ich rechtfertigen, wieso ich “krank” bin…
Sehr wichtig sind deshalb Artikel wie dieser, vielen Dank dafür!
Und allen Mamas, die sich denken “mit mir stimmt was nicht”. Nehmt euren Mut zusammen und sprecht mit eurem Gyn oder sucht euch die nächste psychosoziale Ambulanz raus und ruft an. Es wird besser. Versprochen. Und es kann euch geholfen werden. Ich spreche da aus Erfahrung

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Gardiners-Seychellenfrosch 5. Mai 2015 - 22:38

Ja, genau der Spruch heul nicht, das ist undankbar, du hast doch Unterstützung hilft nicht…

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muddi 21. März 2015 - 22:00

vielen dank für deinen tollen bericht!

super, dass du das schilddrüsenthema auch beschreibst.
meine schilddrüsenunterfunktion wurde tatsächlich erst sehr, sehr spät entdeckt. erst als meine tochter 1 jahr alt und ich schon in therapeutischer behandlung war (und eine haushaltshilfe von der krankenkasse hatte und unterstützung von wellcome…). es war die hölle! ich dachte immer, es läge an mir, ich müsste mich zusammenreißen.
als die diagnose kam war ich sehr erleichtert. und ehrlich gesagt auch ein wenig geschockt, dass das keiner früher bemerkt hat.

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Memimäuse 21. März 2015 - 20:14

Vielen Dank für die Worte über ein so wichtiges Thema.
Mich hat es nach der Geburt meines zweiten Kindes ereilt und ich habe nach 4 Monaten meinen Gynäkologen um Rat gebeten, der mich aber nur milde belächelte und mir sagte, dass zwei Kinder zu haben halt anstrengend ist. Ebenso habe ich mich dann an meine Hebamme gewendet, weil ich das nicht so stehen lassen wollte. Auch diese meinte, dass ja meine Wohnung aufgeräumt sei und die Kinder versorgt sein und ich ergo nichts hätte. JA VERDAMMTE AXT WEIL ICH ES MACHEN MUSS! Das ich allerdings am liebsten einfach die beiden verlassen hätte und nichts mehr mit meiner Familie zu tun haben wollte, dass ich aggressiv wurde, hat niemand für voll genommen. Bis ich nach 8 Monaten zusammen gebrochen bin und mir eine Psychiaterin gesucht habe, die mir seitdem zur Seite steht und mich endlich für voll nimmt.
Mehr Aufmerksamkeit, mehr Aufklärung das würde ich mir für andere betroffene Mütter wünschen.

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HerbstGefühle 21. März 2015 - 18:58

Ich habe auch eine (Wochenbett)Depression. Habe Sie lange vor mir hergeschleppt. Bin aber jetzt seit August 2014 in Behandlung (Mein Kind war da 21 Monate alt)

Es tut gut mit jemanden drüber zu sprechen und ich habe mir Hilfe von allen Seiten geholt, Psychiater, Psychologe und Jugendamt/Erziehungshilfe. Und inzwischen komme ich mit meinem Kind viel besser klar und inzwischen möchte er auch viel öfter kuscheln 🙂

Ich kann jedem empfehlen Hilfe zu suchen. Auch eine Selbstreflexion ist manchmal sehr wichtig.

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Maggi 21. März 2015 - 14:46

Danke für den interessanten Artikel!
Ich erinnere mich noch, dass in unserem Geburtsvorbereitungskurs ausführlich darüber gesprochen wurde und die Hebamme immer betonte, dass es völlig ok sei Hilfe zu brauchen und auch einzufordern (neben all den anderen oben genannten Schritten auch).
Ich bin am Ende “verschont geblieben”.

Liebe Grüße aus Wiesbaden

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Doris Lenhard 8. Juli 2014 - 22:00

Ich bin froh über diese wunderbare Aufklärung und dass die Depression nach der Geburt immer mehr aus der Tabu-Ecke herauskommt. Als ich vor ein paar Monaten auf ARTE beim Themenabend Postpartale Depression die Zahl 20 % hörte, war ich schockiert.

Aber so viele Frauen sind davon betroffen.

Auf dem Kongress der Internationalen Gesellschaft für Prä-und perinatale Depression habe ich einen Vortrag über diese Erkrankung von Gerhard Schroth aus Gleisweiler gehört. Mich hat beeindruckt, dass die ersten Anzeichen schon bei Beginn der Schwangerschaft zu erkennen sind. Und die Krankheit gar nicht aus zu brechen braucht, wenn die Frauen dann sofort emotional begleitet werden. Aber leider Frauenärzte die drei Fragen nicht stellen, mit denen sie erkennen könnten, dass die Frauen schon jetzt Aufs und Abs in ihren Gefühlen haben. Es scheint eine schweigend getroffene Vereinbarung zwischen Frauen und Ihren Ärzten zu geben: Keine Fragen über Gefühle.

Leider ist es noch viel zu wenig bekannt, dass es eine Schwangerschaftsbegleitung gibt, die die Postpartale Depression verhindert. Von 4.400 begleiteten Frauen hat keine Einzige eine Depression entwickelt, es gab nur 0,2 % Frühgeburten und die Geburten waren einfacher. Ursprünglich wurde die Methode entwickelt, um die natürliche Bindung, die Mutter und Kind miteinander haben, zu vertiefen.

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Maiki 2. Juli 2020 - 20:10

Und wie hätte das verhindert werden können?

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clara 1. Juni 2014 - 07:41

Hallo, vielen vielen Dank für diesen Beitrag. Das Thema Depression wird immer noch viel zu wenig kommuniziert! Ich war quasi bei beiden Kindern betroffen, einmal war es mein Mann, der eine väterliche Depression entwickelt hat, beim zweiten Kind hat es mich erwischt. Und da war ich sehr froh, dass ich aufgrund der einschlägigen Erfahrungen früh gemerkt habe, dass etwas nicht stimmt. Weder Hebamme noch Frauenärztin und die beiden zuerst konsultierten Psychiater waren dann aber sehr hilfreich bei der Suche nach einer stillfreundlichen Behandlungsmöglichkeit. Auch da gibt es noch ein riesiges Informationsdefizit. Ich würde mir für alle Betroffenen sehr wünschen, dass sich das ändert!

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Sarah 10. Mai 2014 - 20:06

Danke für diesen Artikel!
Ich habe nach der Geburt meines Sohnes auch an PPD gelitten und war davon völlig überfahren. Ich hatte eine Traumschwangerschaft und eine “einfach” Geburt ohne Komplikationen. Dann hielt ich mein perfektes und gesundes Baby in den Armen und habe mich gefragt wann denn jetzt die überwältigende Liebe kommt. Aber sie kam einfach nicht und ich habe mir Vorwürfe gemacht eine schlechte Mutter zu sein, undankbar und blöd.
Ich hatte dieses wunderbare Baby und wieso dreh ich nicht durch vor Glück? Ich hatte zum Glück eine tolle Nachsorgehebamme und ich habe einen wunderbaren Mann an meiner Seite die mir geholfen und mich unterstützt haben.
Aber leider wird dieses Thema noch immer gerne unter den Tisch gekehrt und man wird schief angeguckt wenn man nicht dem entspricht, was allgemein von einer frischgebackenen Mutter erwartet wird.

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Maria 6. Mai 2014 - 14:09

Danke für den Hinweis, dass ppd im gesamten ersten Jahr auftreten kann – das glaubt einem nämlich keiner. Bei mir ging es um den 10. Lebensmonat los, und noch immer habe ich damit zu tun (der Lütte ist jetzt 14 Monate). Danke dass du beim Augenöffnen hilfst.

Antworten
Anna 5. Mai 2014 - 21:21

Danke für diesen wichtigen Beitrag
Ich hatte weder eine PpD, noch habe ich mich auf den ersten Blick in meine Babys verliebt. Nicht jede, die nicht sofort eine unglaubliche, nie da gewesene Liebe zum Baby spürt steuert direkt in eine Wochenbettsdepression. Es ist m.E. völlig normal, dass man sein Kind erstmal kennenlernen muss, man viel Körperkontakt zum Baby hat und häufig stillt( wenn möglich) damit sich die Liebe entfalten kann. Ich erwähne das in meinen Kursen und sehe sehr häufig in erleichterte Gesichter. Der Druck dem gesellschaftlichen Mutterbild zu 100% entsprechen zu müssen ist irrsinnig hoch!!! Fatal hoch!
Ich betreue die Frauen gerne 3 Monate kontinuierlich und länger, damit sie sich mit ihren Selbstzweifeln und Ängsten nicht so alleine fühlen.
Ich würde mich übrigens sehr über die Edinburgh Checkliste freuen.
Könntest Du mir den Link verraten?

Antworten
Anja 5. Mai 2014 - 21:55

Liebe Anna,

der Link ist direkt im Text- “Edinburgh Skala” anklicken.
Liebe Grüße, Anja

Antworten
Baby-Bonding 5. Mai 2014 - 17:14

Gut, dass endlich etwas mehr geschrieben wird. Ich habe aus genau diesem Grund meine kleine Eltern-Kind-Praxis gegründet und arbeite ehrenamtlich mit Schatten und Licht zusammen. Ich weiß aus erste Hand was es heißt, eine lächelnde Depression zu haben und hoffe nun möglichst vielen Eltern zu helfen.

Antworten
Micha 5. Mai 2014 - 16:30

Sehr spannendes Thema, von dem ich jetzt beim vierten Kind auch ansatzweise betroffen war. Der Begriff “lächelnde Depression“ trifft es wirklich gut.
LG, Micha

Antworten
Ulrike Schrimpf 5. Mai 2014 - 11:37

Danke für diesen differenzierten, sensiblen und kompetenten Text zur postpartalen Depression! Den Begriff “lächelnde Depression” kannte ich noch nicht und finde ihn, aus eigener Erfahrung, äußerst treffend. Ich bin selbst 2010 an einer ppD erkrankt und habe darüber ein Buch geschrieben, das 2013 im Südwest-Verlag (Randomhouse) erschienen ist: Ulrike Schrimpf, “Wie kann ich dich halten, wenn ich selbst zerbreche?” Wer mehr über die Krankheit erfahren möchte, kann auch dort nachlesen.

Antworten
Anja 5. Mai 2014 - 21:58

Liebe Ulrike,

ich schätze Dein sehr persönliches, ehrliches und informatives Buch zum Thema sehr und empfehle es auch immer gerne weiter.
Vielen Dank dafür.

Liebe Grüße, Anja

Antworten
Hamburchmuddi 5. Mai 2014 - 09:36

ich habe gerade meine zweite tochter
bekommen – und da die erste geburt in einer
sectio endete, dachte ich mir in der schwangerschaft “och, ein zweiter geburtsvorbereitungskurs kann ja nicht schaden.” leider hatte ich keinen platz in einem
der “refresher”kurse bekommen – und war daher
von 9 erstmamis umgeben. als dann die kursleitende hebamme an einem termin ueber den hormoncocktail sprach, der uns da erwartet, war ich ein bisschen erschuettert: “… und hormon xy sorgt dann dafuer, dass ihr euch auf der stelle in euer baby verliebt!!!” – wtf???!!! ich sah nur die erleichterten gesichter und es gab kommentare à la “ach wie gut, ich hab mir immer schon gedanken gemacht, wie das wird, schließlich kenne ich das menschlein nicht. aber wenn dann so ein hormon im spiel ist, ist ja alles gut!” … ja aber … wenn das nicht so einfachundgarantiert passiert? bei mir persoenlich war es tatsaechlich so, hormone hin oder her. aber ich habe eben auch schon mamis kennengelernt, bei denen es ganz und gar nicht so lief, sondern auf eine postpartale depression hinaus.
ich hatte unsere kursleiterin dann angesprochen, ob sie dieses thema nicht vielleicht nochmal anschneiden koenne, einfach, um es mal auf den schirm
zu bringen.. denn was soll eine mama denken, die vergeblich auf die wirkung der hormone hofft und merkt, die bleibt aus bei ihr? da kann doch was nicht stimmen! aber darf sie das dann zugeben? und dann isser da, der salat und die verzweiflung 🙁
tatsaechlich haben wir dann nochmal am thema gekratzt, hoffentlich ausreichend, um auch ein “moment mal, ich bin gar nicht soo verliebt in mein baby” einordnen zu koennen…
sorry fuer den roman, eigtl wollte ich sagen: selbst hebammen gehen mit diesem thema scheinbar nicht so selbstverstaendlich um wie du in deinem tollen post.
und: ich mag es hier!
lieben gruß aus hamburch!

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JemandausdemÖsiland 5. Mai 2014 - 10:32

Dem kann ich nur zustimmen. Bei uns im Geburtsvorbereitungskurs wurde das Thema Wochenbettdepression nicht mal erwähnt

Antworten
Liz. 5. Mai 2014 - 16:05

…und in meinem Kurs starrten mich die anderen Paare an wie Autos, als ich das Thema ansprach. Die Kursleiterin hatte nämlich ihrerseits kein Wort darüber verloren. Habe dann das Buch von Ulrike (siehe ihr Kommentar unten) empfohlen, weil ich es so super fand. Selbst gelesen habe ich es in der Schwangerschaft, weil ich Angst vor einer PPD hatte aufgrund vorheriger depressiver Erkrankung.

Aber unwahrscheinlicherweise habe ich mich tatsächlich direkt in mein Baby verknallt und fühle mich heute, 3 Monate nach der Geburt, meist ziemlich gut und normal.

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