Hausgeburt, Geburt, Wehen, wehende Frau

Warum die Wahl des Geburtsortes wichtiger ist als die Farbe des Kinderwagens…

von Anja

Beim ersten Kind nimmt man ja meistens erst mal alles ganz genau und bereitet sich akribisch vor. Trotzdem bin ich immer wieder erstaunt, wie wenig das am Ende auf die Wahl des Geburtsortes zutrifft. Tatsächlich wird oft mehr Energie in die Auswahl des Kinderwagens gesteckt (selbst wenn das Baby dann später hauptsächlich im Tragetuch sitzt). Na klar, viele Eltern schauen sich ein, zwei Kliniken oder Geburtshäuser an, aber ganz oft höre ich von Eltern, dass sie einfach dahin gehen, wo die Kollegin oder die Nachbarin „ganz zufrieden“ war. Manchmal ist auch die Nähe das Entscheidungskriterium.

Beim zweiten Kind sieht die Sache oft ganz anders aus – als Resultat aus vorherigen Erfahrungen. Aber es ist ja auch schwer vorstellbar, was einen unter der Geburt erwartet und was Frau nun wirklich braucht. Und sooooo groß werden die Unterschiede doch nicht sein? Doch, sind sie! Und das liegt nicht daran, dass in einer Klinik vielleicht böse Drachen und woanders liebe Feen arbeiten. Aber der Personalschlüssel passt oft nicht zur Geburtenzahl, die Fortbildungsbereitschaft ist auch unterschiedlich und manchmal wird an alten Konzepten (zu) lange festgehalten. Somit gibt es große Unterschiede – allein in der Berliner Geburtslandschaft.

Ich will hier kein Plädoyer für „Auf jeden Fall Hausgeburt“ oder „Auf jeden Fall diese und jede Klinik“ schreiben. Aber ich möchte auffordern, gut für sich selbst zu sorgen. Ich habe je ein Kind in der Klinik, im Geburtshaus und zu Hause geboren. Rückblickend habe ich alle Geburten als sehr schön und vor allem selbstbestimmt erlebt. Selbst die etwas chaotische Geburt meiner ersten Tochter, die aufgrund einer überraschenden Beckenendlage viel länger als gedacht dauerte. Ich habe aber vorher genau geschaut, von wem ich mich in dieser besonderen Situation begleiten lassen möchte.

Allerbeste Begleitung am Geburtsort verdient

Es wird jeder Frau im Nachhinein egal sein, ob die Klinik einen Flatscreen im Kreißsaal, ein Luxusbuffett oder tolle Kunstdrucke an den Wänden hatte. Man wird sich aber immer daran erinnern, ob und wie jemand unter der Geburt für einen selbst da war. Am „Geburts-Tag“ hat jede Frau die allerbeste Begleitung verdient. Egal, wo und wie das Kind zu Welt kommt. Eine Frau unter der Geburt braucht Zeit, Zutrauen, Respekt und eine liebevolle Umsorgung. Also genau hinschauen und nachfragen. Um außerklinisch arbeitende Hebammen oder eine Beleghebamme sollte man sich übrigens früh in der Schwangerschaft kümmern. Es gibt immer weniger davon und diese wenigen sind alle sehr schnell ausgebucht.

Aber auch viele Kliniken nehmen nur noch eine bestimmte Anzahl von Anmeldungen pro Geburtenmonat entgegen. Dadurch müssen sich Schwangere oft schon in den ersten drei bis vier Monaten auf eine Klinik festlegen. Und dann gibt es natürlich auch Landkreise, in denen Frauen kaum noch eine Wahl haben- außer sie fahren dann unter Wehen etliche Kilometer weit. Auch Beleg-und Hausgeburtshebammen stehen in machen Regionen gar nicht mehr zur Verfügung. Trotzdem ist es sinnvoll schon relativ früh in der Schwangerschaft zu schauen, was man sich vorstellt und welche Optionen verfügbar sind.

Ein paar Denkenanstöße dazu, die zusammen mit dem Partner besprochen werden sollten:

  • Was wünsche ich mir für die Geburt? Was will ich auf keinen Fall? Eine Wunschliste kann helfen, sich zu sortieren und eventuelle Ängste zu erkennen. Zusammen mit der Hebamme können diese Punkte besprochen werden. Auch mögliche medizinische Maßnahmen bei Komplikationen sollten zumindest besprochen werden.
  • Wo habe ich das Gefühl wirklich loslassen zu können? Das ist eine Grundvoraussetzung zum Gebären. Wenn die Infoabendatmosphäre also schon beklemmend ist: weitersuchen! Angst, Lärm, Kälte, Licht, Unruhe und Alleingelassensein unter der Geburt hemmen die Geburtshormone. Zu Hause sind diese Faktoren meist ausgeschlossen. Wichtig ist aber auch, dass beide Eltern sich mit einer Hausgeburt wohlfühlen.
  • Wie viele Hebammen sind für wie viele Geburten zuständig? Ist mit diesem Personalschlüssel eine 1:1- Betreuung zumindest in der fortgeschrittenen Geburtsphase möglich?
  • Wie wird das Bonding unterstützt? Kann ich mein Kind ungestört im direkten Hautkontakt kennenlernen, bevor Routinemaßnahmen geschehen? Ein mütter- und babyfreundliche Betreuung gibt es in entsprechend nach der WHO/UNICEF-Empfehlung arbeitenden Babyfreundlichen Krankenhäuser. Allerdings ist eine Umsetzung immer nur mit einem ausreichenden Personalschlüssel möglich. Wie viele Hebammen, Ärzte und Krankenschwestern begleiten wie viele Geburten und frühe Wochenbettverläufe?
  • Möchte ich bei einer Klinikgeburt ein paar Tage bleiben oder ambulant nach Hause gehen? Wie sieht die Wochenbettbetreuung in der Klinik aus? Welche Hebamme unterstützt mich zuhause? Wie lange kann mich die Hebamme im häuslichen Wochenbett (acht Wochen) unterstützen?
  • Wie wird das Stillen unterstützt? Gerade hier gibt es qualitativ große Unterschiede.
  • Auch bei einem geplanten oder ungeplanten Kaiserschnitt sollen Mütter bestmöglich begleitet werden und beim Bonding und Stillen unterstützt werden.
  • Schwangere haben oft eine gute Intuition für ihre eigentlichen Bedürfnisse. Dieses Bauchgefühl sollte ernst genommen werden, damit der Tag der Geburt ein positives und selbstbestimmtes Ereignis wird.

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12 Kommentare

Katha 20. Juli 2016 - 17:45

Ich habe meine erste Geburt noch vor mir – und befinde mich leider in einer kleinen Großstadt (100.000 EW) mit nur zwei Krankenhäusern mit Kreißsaal und einer einzigen Hausgeburtshebamme, von der mir Leute, die sie gut kennen, allerdings wärmstens abgeraten haben.

Das nächste Geburtshaus ist (im besten Falle) 45 min Autobahn entfernt – auf einer Strecke, in der ich aber auch schon mal 90 min in einem 18 km-Stau steckte – wenn ich mich darauf verlassen wollte, würde ich mich die ganze Zeit vorher verrückt machen, dass das Kind auf dem Standstreifen kommt, bzw. ich wenigstens eine sehr sehr unangenehme Autofahrt durchleide…

Also habe ich mich für das aus meiner Sicht „geringste Übel“ KH-Geburt entschieden, und ich versuche mich bestmöglich vorzubereiten, indem ich ein „Self Study“ Hypnobirthing-Programm mache und mir viele Szenarien vorher schon mal versuche durchzudenken. Ob das dann hinterher beim Loslassen unter der Geburt helfen wird – ich kann es nur hoffen…

Deshalb fände ich einen Artikel hilfreich, wie man aus einem evtl. nicht so idealen Geburtsort noch das beste macht: Welche Themen kann/sollte man im Geburtsanmeldungsgespräch anschneiden; wie kann man selbst (oder der Partner) unter der Geburt am besten für sich eintreten – und inwieweit muss man sich keine Vorwürfe machen, wenn man sich doch überrumpeln lässt…
Gibt es so einen Artikel schon?

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Anja 3. August 2016 - 18:22

Liebe Katha,

anbei der Link zum Artikel: http://www.vonguteneltern.de/?p=9854
Danke für die Inspiration und vor allem alles erdenklich Gute für Eure Geburt.

Liebe Grüße, Anja

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Alysha L. 22. Januar 2017 - 16:08

Das hört sich ja an, als kämst du aus KL? 🙂 ich bin erst in der 14.SSW suche aber jetzt schon verzweifelt nach einer Alternative zur Klinik. Zur Not nehme ich auch in Kauf 45 min zum nächsten Geburtstags zu fahren.

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Franziska 1. Juni 2016 - 19:36

Und bitte schaut euch auch die Hausgeburtshebammen genau an! Denn leider sind auch Hausgeburten nicht immer so selbstbestimmt… Ich hatte da auch schon pech, aber einfach vertraut, weil „ist ja ne Hausgeburtshebamme“.

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anna 1. Juni 2016 - 15:56

Hallo,
Also wie das so ist mit der Wahl des Geburtsortes. Ich lebe in einer Stadt mit 600.000 EW und hier gibt es nur ein Geburtshaus, so dass meine Wahl, ohne Kliniken zu besichtigen, ganz intuitiv dadrauf fiel. Und ich war rundum zufrieden, diese tolle Entbindung, Empathie statt PDA hat mich im Frau-, Mensch- und Muttersein auf eine so zu mit mir selbst zufriedene Pisition gebracht hat, dass ich es immerwieder so schade finde für all die gedemütigten, entmündigten, ausgelachten und alleingelassenen Frauen. Natürlich hat ein nicht zu vernachlässigender Teil der in Klinik Gebärenden schöne Geburten, aber die waren mehr oder weniger zufällig.
Es ist so schade und perfide, dass die Schulmedizin Frauen immer weniger vertraut, am liebsten hätten es einige Ärzte, dass man sagen soll: sie und nicht die Frau haben das Kind zur Welt gebracht…

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Sabrina 21. Februar 2015 - 17:06

Ich bin sehr froh, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe.
Ich war schwanger mit meinem ersten Kind und mir beim Infoabend die nahegelegene Klinik genau angeguckt. Dort fühlte ich mich sofort unwohl und irgendwie auch schlecht beraten. Dennoch waren wir noch zu einem zweiten Infoabend hingefahren, bei dem es nur um die Wassergeburt ging. Ein schönes Video wurde gezeigt, wo alle möglichen Arten von Geburten im Wasser dabei waren – Zwillingsgeburten, BEL, alles wunderbar. Auf Nachfrage wäre aber bei BEL und bei Zwillingen in dem KH gar keine Wassergeburt gegangen. Insofern also ein bisschen blöd, dass das im Video so schön gezeigt wurde. Da ich mich aber schon längst für eine Wassergeburt entschieden hatte, fragte ich also mal nach, ob es bei der Geburtswanne im KH überhaupt eine Gewichtsgrenze gäbe. Wie soll ich sagen, ich bin nun mal nicht die Schlankeste.
„Das geht bei uns bis 100kg“, sagte die Hebamme dort. „Sonst kriegen wir die Frau da nicht raus, wenn was ist. Und überhaupt muss Frau ja immer mal wieder aus dem Wasser, da kann sie ja nicht ewig drinbleiben.“
Ich wiege mehr als 100kg, von daher war ab dieser Information spätestens für mich klar, dass ich in dieser Klinik nicht entbinden würde. Zumal ich weder PDA, noch Dammschnitt, noch sonst irgendwelche dusseligen Interventionen wie CTG wollte. Und schon gar keinen venösen Zugang. Fand ich alles unnötig.
Glück im Unglück: Ich hatte schon eine Weile eine liebe Hebamme zur Schwangerschaftsvorsorge, die auch eine Hausgeburtshebamme ist. Sie hatte mir auch schon mal ein bisschen was berichtet. Und je mehr ich über die Geburt nachdachte, je mehr Geburtsberichte ich mir im Internet durchlas – desto weniger wollte ich in die Klinik. Stattdessen wollte ich auf einmal immer mehr ne Hausgeburt. Und mein Bauchgefühl in dieser Richtung fühlte sich genau richtig an!
Meine Hebamme fand meinen Wunsch, auf einmal doch eine Hausgeburt zu wollen, prima und sicherte mir sofort ihre Unterstützung zu.
Am Tag der Geburt hatte ich also diesen wundervollen Geburtspool in unserem Haus stehen und mein Sohn kam nach gut 13 1/2 Stunden normal im Wasser zur Welt. Ganz ohne große Schmerzmittel und vor allem ganz ohne dass mir jemand ständig reingeredet hätte, was ich zu tun hab und was ich machen soll.
Und als ich diesen kleinen, entzückenden Wurm in meinem Arm hatte, wusste ich, dass die Hausgeburt die beste Entscheidung meines Lebens gewesen war. Es war alles so verlaufen, wie ich es mir gewünscht habe – und das beim ersten Kind!
Nun bin ich mit Kind Nr. 2 schwanger und weiß jetzt schon ganz genau, dass ich garantiert nicht in die Klinik gehen werde. Stattdessen freue ich mich auf die zweite, unkomplizierte und vor allem interventionsfreie Hausgeburt.
So viel zum Thema Bauchgefühl. 😉

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Sylvia 7. Dezember 2014 - 08:44

Uns war sehr wichtig, dass eine Kinderintensivstation dabei ist, die zu den besten gehört, da lange Zeit zur Debatte stand, dass mein Großer eine Frühgeburt werden könnte und ich wollte sofort die bestmögliche medizinische Versorgung für ihn gewährleistet haben. Haben wir nicht gebraucht, dennoch habe ich mich dort sehr wohl gefühlt und auch meine anderen beiden dort bekommen.

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Marie 31. August 2013 - 04:24

Ich bin tatsächlich in das Nächstliegende Krankenhaus gegangen, meine Hebamme arbeitete dort einige Jahre zuvor. Mein Sohn war ein geplanter KS wegen BEL, das Krankenhaus eines der besten mit Kinderstation. Die ersten 10 Minuten wurde er aufgrund der Atmung von der sehr lieben Hebamme mitgenommen, danach aber direkt noch im OP mir auf die Brust gelegt. Mein Sohn hat keine Nacht in seinem Krankenhaudbettchen verbracht und die Hebammen und Schwestern haben alles dafür getan, das der Milcheinschuss schnell kam und gestillt werden konnte. Ich habe bisher nur diesen einen kleinen Menschen und diesen in einem Krankenhaus zur Welt gebracht, also keine Vergleichsmöglichkeit. Dennoch möchte ich sagen, das Krankenhäuser vielleicht doch besser sind als ihr Ruf. Alles Güte!

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Patricia 24. August 2013 - 18:33

Oh ja, das kenne ich auch, die tollen Werbeabende und dann wird nix von den großen Versprechen am Infoabend eingelöst. Frei wählbare Geburtsposition? O-Ton der Hebamme: „ICH MÖCHTE jetzt, dass SIE LIEGEN!“ Equipment (Bälle, Seile etc.) O-Ton Hebamme: „Einen Ball? Wozu brauchen Sie einen Ball?“ (muss ich ihr jetzt noch als Gebärende erklären, warum ich gerne einen Pezziball hätte?). Wahlweise hat sie mich ausgelacht, lächerlich gemacht, nicht ernst genommen oder einfach übergangen, obwohl ich/wir unsere Wünsche klar und deutlich geäußert haben. Eine Geburt hat nach dem 0815-Schema abzulaufen, dass im KH verinnerlicht ist. Am besten möglichst schnell. Schichtwechsel, Personalnot usw. tun das übrige. Da wird mal eben die Fruchtblase gesprengt, die Frau zum Liegen gezwungen, weils für die Geburtshelfer so bequem ist (obwohl das ach so tolle Bett sich ja x-fach verstellen lässt) und Dammverletzungen in Kauf genommen. Mein Fazit: Nur noch daheim, mit einer Hebamme, die mich von Anbeginn der Schwangerschaft an betreut!

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laura 28. April 2013 - 09:13

ich bin von anfang an nach meinem gefühl gegange und wollte nich einfach in das krankenhaus was 10 min von uns entfert ist. ich hatte letztendlich ne 26 h entbindung und war froh in der richtigen klinik zu sein. die hebammen waren ein traum und trotzdem hab ich mein kind nur einige sekunden halten können als sie es raustragen mussten, weil es nicht gut luft bekommen hat.
Ich kann euch schwangeren nur ans herz legen, hört nicht auf andrer was die toll finden, sondern geht nach eurem gefühl, und wenn die klinik eben ne stunde weit weg ist, das ist kein drama!!! ich wünsch euch viel glück =)

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Lola 19. April 2013 - 22:54

•Wie wird das Bonding unterstützt? Kann ich mein Kind ungestört im direkten Hautkontakt kennenlernen, bevor Routinemaßnahmen geschehen? das war bei mir leider nicht der fall, obwohl es vorher groß angepriesen wurde. mein kind war gerade geboren, da zerrte erst die hebamme und anschliessend die ärztin an meiner nachgeburt herum. ich habe gefleht das sie aufhören sollten, hatte starke schmerzen. unter der geburt, die ich in 4 1/2 std hinter mich gebracht hatte, ohne eine träne zu vergiessen….das ende vom lied war dann, das ich ne halbe std nach der geburt meiner tochter notoperiert wurde und anschliessend auf der intensivstation lag. durch den blutverlust hatte ich erst nach 10 tagen einen milcheinschuss. eigentlich wurden mir alle schönen ersten momente mit meinem kind genommen. ich träume und denke heute 1 jahr danach immer noch sehr oft an diese geschichte. ich bin traurig darüber, das ich die ersten momente nicht geniessen konnte und meine tochter gleich zugefüttert werden musste und uns der anfang so schwer gemacht wurde. und das alles nur weil mir keine zeit gegeben wurde um die nachgeburt in ruhe auszutreiben….

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